Zur Ausgabe
Artikel 25 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

GESUNDHEIT Kampfgas aus Übersee

Weltweit werden Millionen Container mit gefährlichen Giften behandelt - ein Risiko für Beschäftigte und womöglich auch Verbraucher. Politik und Betriebe ignorieren das Problem.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Der Container aus Shanghai trug die Kennzahl Tolu-498 244-3. Ein Lkw brachte die rote Box am Morgen des 25. Juli vergangenen Jahres vom Hamburger Hafen in die Lagerhalle der Maschinenfabrik Beumer im westfälischen Beckum. Die Belegschaft wartete schon: Blechteile des Tochterunternehmens aus China sollten zu Verkleidungen für Aufzugsschächte verarbeitet werden.

Vier Lagerarbeiter machten sich ans Auspacken: Einer bediente den Kran, die drei anderen legten im Innern Tragegurte um die sperrigen Metallteile; dann packte auch der Kranführer mit an.

Der spürte als Erster ein merkwürdiges Brennen auf der Haut. »Ich habe Kopfschmerzen«, klagte bald darauf ein Kollege. Doch weil der Job in einer Maschinenfabrik nichts für Mimosen ist, arbeiteten die Männer weiter - bis die Kopfschmerzen bei allen unerträglich wurden. Der Kranführer, ein robuster, stämmiger Mann, rang bald nach Luft, ihm wurde speiübel. Seine Arme schmerzten so sehr, dass er sie nicht mehr heben konnte. Kollegen brachten die vier ins Krankenhaus.

Geschäftsführer Christoph Beumer rief einen Krisenstab zusammen. Und Betriebsarzt Andreas Poppe wunderte sich: »Solche Vergiftungen kenne ich nur von Kampfgasen.«

Heute weiß Poppe, dass er mit seiner Vermutung der Wahrheit erschreckend nahe gekommen ist: Der Arbeitsmediziner ist davon überzeugt, dass tückische Schädlingsmittelrückstände seine Männer in Beckum umgeworfen haben. Diese Gase, die Insekten in Containern töten sollen, können bei Menschen zu schwersten Nervenschäden führen. Zwei der Beumer-Mitarbeiter litten monatelang unter den Beschwerden. Einer von ihnen kann inzwischen wieder arbeiten, wenn auch nur wenige Stunden am Tag, der andere ist noch immer schwerkrank und arbeitsunfähig.

Der Unfall in Westfalen wirft ein Schlaglicht auf ein globales Problem. Der Welthandel boomt, und abgewickelt wird er vor allem mit den genormten Stahlkisten: Rund 400 Millionen Standardcontainer, 6 Meter lang, 2,4 Meter breit, 2,4 Meter hoch, wurden 2006 weltweit umgeschlagen. Das sind doppelt so viele wie noch 2000. Und mehr als 30 Prozent der Metallkisten, so schätzen Experten, werden inzwischen mit gefährlichen Gasen behandelt.

Denn die geschlossenen Metallboxen sind auf ihren Reisen über die Ozeane die reinsten Biotope: Schädlinge wie der Asiatische Laubholz-Bockkäfer gelangen im Palettenholz an Bord. Die Insekten können während der Fahrt die wertvolle Ware beschädigen oder, was genauso unerwünscht ist, in fremde Regionen einwandern.

Um das zu vermeiden, setzen Firmen weltweit Schädlingsbekämpfungsgase ein, bisweilen gar chemische Kampfstoffe, die im Ersten Weltkrieg ganze Kompanien dahinrafften. Die Rückstände gefährden aber nicht nur Hafenarbeiter und alle, die mit den Containern zu tun haben. Auch Verbraucher können den Gasresten ausgesetzt sein, wenn sie daheim Schuhe aus China, Matratzen aus Vietnam oder Spielzeug aus Indien auspacken.

Nach einer noch unveröffentlichten Studie am Institut für Messtechnik der Technischen Universität Hamburg-Harburg unter Mitwirkung des Zolls waren im Hamburger Hafen fünf Prozent der untersuchten Blechboxen so stark begast, dass die Luft im Innern Grenz- oder Richtwerte überschritt. In einem Behälter war die Konzentration derart hoch, dass das Gift Menschen hätte töten können. In manchen Kisten fanden die Forscher sogar Chlorpikrin, auch Grünkreuz genannt - eines der mörderischsten Kampfgase aus dem Ersten Weltkrieg, durch das Tausende Soldaten qualvoll starben.

Jede Woche konsultieren Betroffene und Ärzte Xaver Baur, den Direktor des Hamburger Zentralinstituts für Arbeitsmedizin, weil sie oder ihre Patienten unter Beschwerden leiden, die wahrscheinlich Containergase verursacht haben. Meist klagen die Kranken über schwere Kopf- und Gliederschmerzen, Schlafstörungen und unsicheren Gang. Symptome, die nach mehreren Tagen verschwinden können - und genau deshalb so tückisch sind.

»Das Risiko ist nicht, dass die Leute umfallen«, sagt Wim Veldman, Inspektor des niederländischen Umweltministeriums in Rotterdam, der wie Baur einen der weltgrößten Containerhäfen direkt vor der Nase hat. »Das Risiko sind die Langzeitschäden.« Wenn Menschen den Gasen immer wieder ausgesetzt seien, »geht jedes Mal ein bisschen mehr Hirn kaputt«, warnt Baur.

Der Hamburger Arbeitsmediziner versucht unablässig, Ministerien, Betriebe und

Genossenschaften zu warnen. Aber weder in Berlin noch in Brüssel gebe es ernsthafte Initiativen, das Problem anzugehen. »Man macht die Augen zu«, klagt der Professor, »weil die Wirtschaft schreit.«

Die Firma Beumer sei untypisch, sagt Baur, weil sie so akribisch versucht habe, den Ursachen des Gasunfalls auf den Grund zu gehen. Der Betriebsarzt gab nicht auf, als die Berufsgenossenschaft, die für Gesundheitsschäden zahlen müsste, keine Giftrückstände finden konnte. Stattdessen wies er mit Hilfe von Baurs Labor in Packholz und einem Stückchen Seil aus dem Container Tolu-498 244-3 das Gift 1,2-Dichlorethan nach. Der Stoff ist krebserregend, verursacht Leber- sowie Nervenschäden wie den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses und war bislang kaum als Begasungsmittel bekannt.

Christoph Beumer hat Konsequenzen gezogen. Seine chinesische Tochterfirma verwendet kein Gift, sondern setzt auf hitzebehandeltes und damit schädlingsfreies Holz. Außerdem lässt er die Container von einer Spezialfirma entladen, deren Mitarbeiter Gasmaske und Schutzanzug tragen. »Natürlich kostet das ein Heidengeld und viel Zeit«, sagt Beumer. Und deshalb fragt er sich, wie Firmen mit den Gasen umgehen, die nicht wie sein Unternehmen nur rund 20 Überseecontainer pro Jahr empfangen, sondern 100 pro Tag. »Wir sind doch sicher nicht die Einzigen, die dieses Problem haben.«

Rechnet man die Ergebnisse der Harburger Forscher hoch, kommen im Hamburger Hafen jährlich mehr als 250 000 Container an, deren Gaskonzentrationen über den unbedenklichen Werten liegen. Über 60 000 enthalten sogar Grünkreuz. Dass es sich dabei nicht allein um ein Phänomen der Hansestadt handelt, bestätigen auch Studien aus Großbritannien und Australien. Der niederländische Umweltexperte Veldman sagt nach seinen Erfahrungen im Rotterdamer Hafen: »Der Anteil der begasten Container hat sich in den letzten Jahren verfünffacht, und wir messen immer höhere Konzentrationen.«

Veldman hält eine international einheitliche Lösung für dringend notwendig. So dürfen zwar Firmen in der EU das Mittel Brommethan offiziell nicht benutzen, aber es gibt in manchen Ländern Ausnahmegenehmigungen, und weil es weltweit das meisteingesetzte Gas ist, landet es zwangsläufig doch in EU-Häfen. Im Hamburger Hafen etwa wird das Gift sogar trotz Verbots weiter benutzt. Die dortige Wirtschaftsbehörde beruft sich auf eine »unklare Rechslage« - für Christian Maaß, den Vizefraktionsvorsitzenden der Hamburger Grünen, ist das hingegen »ein klarer Rechtsbruch«. Die Begasungsmittel gefährdeten Beschäftigte und Verbraucher, »aber die Landesregierung wischt das Problem weg«, kritisiert der Umweltexperte.

Theoretisch müsste jeder begaste Container gekennzeichnet sein. Tatsächlich aber ist das nach Angaben des Niederländers Veldman bei 90 Prozent der Kisten nicht der Fall. Die Folge: Arbeiter wissen nicht, wo Gefahren lauern. Auch die Nase hilft nicht weiter - viele Giftgase sind geruchlos.

Die Großhandels- und Lagerei-Berufsgenossenschaft weiß zwar inzwischen, dass die Betriebe durch Krankheitskosten pro Jahr »Millionen Euro verlieren«, so Gefahrstoffexpertin Inge Schmidt, doch Abhilfe kann sie auch nicht schaffen. Fachleute berichten, dass manche Unternehmen inzwischen für den gefährlichen Job des Auspackens Subunternehmer anheuern - die hauptsächlich Leiharbeiter aus Osteuropa in die Container schicken.

In der neuseeländischen Hafenstadt Nelson streiten mehrere Witwen, deren Männer an einer seltenen Nervenkrankheit starben, für den Bann von Brommethan. Sie verdächtigen den Stoff, diese Krankheit auszulösen. Alle betroffenen Männer arbeiteten im Hafen in der Nähe der Begasungsanlage.

Doch selbst wer niemals in die Nähe eines Containers gekommen ist, ist vor den Giften nicht sicher. Der Rotterdamer Umweltinspektor Veldman hat Lebensmittel wie Reis oder Chips untersucht, die in Containern übers Meer transportiert worden waren. Bei 17 Prozent wies er Mengen von Brommethan nach, die über dem Grenzwert lagen. Denn das Gas durchdringt problemlos auch Folienverpackungen.

Das staatliche niederländische Institut für Gesundheit fand heraus, dass auch Spielzeug aus Kunststoff oder Matratzen »erhebliche Gasmengen absorbiert hatten - wodurch diese Güter manchmal erst nach einigen Monaten gasfrei waren«. Wer auf einer solchen Matratze schläft, at-met womöglich monatelang Brommethan ein. CORDULA MEYER

Zur Ausgabe
Artikel 25 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.