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USA Kandidat der Herzen

Ein schauspielernder Politiker will für die Bush-Partei ins Rennen gehen: Fred Thompson erinnert die Republikaner an einen ihrer Heroen - an Ronald Reagan.
Von Georg Mascolo
aus DER SPIEGEL 19/2007

Eigentlich kann das Leben einem Mann wie Fred Thompson, 64, nicht mehr viel Neues bieten. Er war schon alles, Admiral und CIA-Chef, Stabschef im Weißen Haus und sogar Präsident. Momentan ist der Schauspieler mit dem Charakterkopf als Staatsanwalt in New York, der für Recht und Ordnung sorgt, ziemlich glücklich.

Thompson ist ein amerikanischer Star. Er spielte in Thrillern wie »Kap der Angst« mit Robert De Niro, in »Jagd auf Roter Oktober« an der Seite Sean Connerys und kam »In the Line of Fire«, in dem ein Psychopath ein Attentat auf den US-Präsidenten ausübt, neben Clint Eastwood zur Geltung. Seinen Auftritt als ebenso konservativer wie entschlossener Ordnungshüter Arthur Branch in »Law & Order«, der erfolgreichen Serie auf NBC, verfolgen wöchentlich fast zehn Millionen Zuschauer.

Kein Zweifel, in der Welt der Fiktionen hat es Thompson weit gebracht. Jetzt aber will er auch in der Wirklichkeit werden, was er im Film schon war: Präsident.

Er überlege, ob er für die Republikaner in den Präsidentschaftswahlkampf ziehen solle, ließ Thompson vorsichtig wissen. Das Echo fiel günstig aus. Seine Freunde daheim in Tennessee sagen nun, er wolle natürlich ins Rennen gehen.

Auch in der Welt der Politik ist Thompson eine bekannte Größe. Einst verdiente er als Anwalt ordentlich Geld. Danach war er, von 1996 bis 2002, Senator des Staats Tennessee und damit eine Macht im Kongress. Wäre seine 38-jährige Tochter nicht plötzlich gestorben, hätte er sich wiederwählen lassen, anstatt zu schauspielern. Allein seine Ankündigung, er »denke darüber nach«, ob er ins Rennen eintreten solle, katapultierte ihn in Umfragen auf den dritten Platz unter den möglichen Kandidaten.

Das sagt viel aus - vor allem über die Misere der Präsidentenpartei. Zehn Herren wollen George W. Bush beerben, aber 60 Prozent der Republikaner sind mit ihnen kreuzunglücklich. Von einigen - wie den ehemaligen Gouverneuren Jim Gilmore und Mike Huckabee - wissen die Wähler fast nichts. Aber auch die drei Spitzenreiter gefallen ihrer konservativen Basis nicht: Rudolph Giuliani, Ex-Bürgermeister von New York und Held des 11. September 2001, ist zum dritten Mal verheiratet und führte einst eine Schwulenparade an.

Mitt Romney häufte als Fondsmanager so viel Reichtum an, dass er den Wahlkampf aus der eigenen Tasche finanzieren könnte. Er war danach Gouverneur von Massachusetts, eigentlich eine demokratische Hochburg; damit empfiehlt er sich für höhere Aufgaben. Was ihn jedoch vielen Amerikanern verdächtig macht, ist der Umstand, dass er Mormone ist, Angehöriger einer religiösen Sekte mit Hang zur Geheimbündelei.

John McCain wiederum ist wegen seiner unbeirrbaren Unterstützung des Irak-Krieges ins Abseits getrudelt. Beim gemeinsamen Auftritt der zehn am vorigen Donnerstag setzte sich der Senator aus Arizona zwar gezielt vom amtierenden Präsidenten ab, aber das hilft ihm nur sehr wenig. Die Veranstaltung in der Ronald-Reagan-Bibliothek in Südkalifornien war im Übrigen ein Armutszeugnis für die zehn Kandidaten. Nach George W. Bush mag es für jeden Republikaner äußerst schwer werden, die Wahl im November 2008 zu

gewinnen - für jeden der zehn scheint es so gut wie ausgeschlossen.

Die Republikaner haben nicht, was die Demokraten haben: einen charismatischen Schwarzen wie Barack Obama oder eine Kraftmaschine wie Hillary Clinton. Es fehlt ihnen ein Star, der das Gemüt des Publikums bewegt. Nun hoffen sie auf Fred Thompson.

Der Sohn eines Gebrauchtwagenhändlers weckt bei den Republikanern Erinnerungen an glücklichere Tage, als mit Ronald Reagan schon einmal ein Schauspieler im Oval Office residierte. Wie Reagan gilt Thompson als verlässlich konservativ. Auch Thompson wird nachgesagt, er sei nicht besonders fleißig. Wie Reagan ist Thompson mit 64 ein älterer Herr.

Was er von Amerikas Rolle und Ruf in der Welt hält, erklärt der Aspirant bislang noch nicht. Nur so viel ließ er durchblicken: In Sachen Irak - Thompson stimmte 2002 für die Invasion - würde er es »im Kern so machen wie der Präsident«. Gegenüber Iran schlägt er scharfe Töne an: »Kriegshandlungen« wirft er den Mullahs wegen ihrer Hilfe für die Milizen im Irak vor.

Thompson steckt noch im Prolog für seine Kandidatur. Dazu zählt das Eingeständnis, er habe vor zwei Jahren an einem Tumor der Lymphknoten gelitten. Außerdem sickerte durch, dass der Serienheld seine vertraglichen Verpflichtungen bei »Law & Order« überprüfen lässt. Das Wahlgesetz verlangt, dass alle Bewerber auf den TV-Kanälen gleichberechtigt zu Wort kommen müssen, wobei Spielfilme und Serien mitgezählt werden. Rund hundert Folgen von »Law & Order« müssten folglich vom Bildschirm verschwinden.

An solche Einschränkungen sind die Amerikaner allerdings gewöhnt: Auch als Ronald Reagan Präsident werden wollte, blieben seine Filme im Archiv.

GEORG MASCOLO

* Elisabeth Röhm, Sam Waterston in »Law & Order«.

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