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GROSSBRITANNIEN Kannibalen im Bürgerkrieg

Aufstand gegen Tony Blair: Mit giftigen Briefen zwangen Labour-Abgeordnete den Premier, seinen Rücktritt binnen Jahresfrist anzukündigen. Sie könnten die Revolte schnell bereuen.
aus DER SPIEGEL 37/2006

Es sollte der Abschied eines Superstars sein. Für das kommende Jahr hatten Berater des Premierministers Tony Blair eine »Farewell Tour« entworfen, um noch einmal Weihrauch auf seine Legende zu blasen. Von Ansprachen vor wichtigen Gebäuden war die Rede, von Auftritten in Kinderprogrammen namens »Blue Peter« oder Kirchensendungen wie »Songs of Praise«. Der Grundton des Unternehmens: erhabenes Moll in einem langen Crescendo.

»Er muss gehen, während die Masse nach einer Zugabe schreit«, phantasierten die Architekten der Farewell Tour noch Anfang vergangener Woche. »Er muss der Star sein, der diese Zugabe nicht mehr spielt.«

Die Wirklichkeit zwang den Premier am darauffolgenden Donnerstag zu einer Abschiedsvorstellung ganz anderer Art. Als er aus seinem grauen Daimler im Londoner Nobelstadtteil St. John's Wood stieg, um der Nation zu erklären, dass er binnen eines Jahres zurücktreten werde, war die Straße gefüllt mit protestierenden Schülern. Sie riefen »Out, out, out« und hielten Plakate in den Himmel, Aufschrift »Time to Go«. Die Uniform der Kleinen war veilchenfarben. Der »Blaue Peter« als Horrorausgabe.

Blair wirkte bleich unter seiner Urlaubsbräune, als er mit drei großen Gramfalten, aufsteigend von der Nasenwurzel, erklärte: »Der nächste Parteitag wird der letzte sein, an dem ich als Parteiführer teilnehmen werde.« Zuvor hatte er sich für das chaotische Erscheinungsbild entschuldigt, das seine Partei in den vergangenen Tagen abgegeben hatte. »Es waren nicht unsere besten Stunden, um ganz ehrlich zu sein.«

Mit solchem Understatement versuchte Blair noch einmal jene Wogen zu glätten, die im Laufe der Woche höher wurden und ihn gezwungen hatten, jenen Schritt zu tun, vor dem er wieder und wieder zurückgeschreckt war. Von einem »kollektiven Nervenzusammenbruch einer Partei« sprachen politische Beobachter, von »Bürgerkrieg« und »Selbstmordattentätern« erfahrene Labour-Abgeordnete.

Auslöser des Aufstands gegen den, gemessen an Wahlergebnissen, erfolgreichsten Premier in der Labour-Geschichte, war ein Interview, das Blair der »Times« gegeben hatte und in dem er sich abermals um einen Rücktrittstermin drückte. Die Umfragewerte der Labour Party fielen weiter bis auf einen Acht-Punkte-Rückstand gegenüber den Konservativen. Schließlich sahen sich 17 Labour-Abgeordnete genötigt, einen Brief an den Premier zu verfassen: »Wir glauben«, endete das vertrauliche Schreiben, »dass eine Erneuerung der Partei und der Regierung unmöglich ist, ohne die Führung zu erneuern. Als Labour-Loyalisten und Modernisierer müssen wir Dich deshalb bitten zurückzutreten.«

Das Schreiben sowie weitere ähnliche gelangten an die Presse, es folgte der Rücktritt eines Staatssekretärs im Verteidigungsministerium, dazu legten sechs Abgeordnete, die als unbezahlte Berater für Regierungsmitglieder arbeiten, ihr Amt nieder - eine anmaßende Mitteilung drohte in offene Meuterei überzugehen. Kurz sah es so aus, als wollte keiner der Letzte an Bord eines leckgeschlagenen Dampfers namens Blair sein.

Die meisten der Rebellen stehen Gordon Brown nahe, dem Schatzkanzler und schon seit Jahren designierten Nachfolger. Ein Indiz, das umgehend Gerüchte entstehen ließ, der von Warten und Ungewissheit genervte Brown habe ein Komplott orchestriert, um den Konkurrenten aus dem Amt zu treiben. »Wir haben es hier mit einem Gewerkschaftsputsch im Stil der siebziger Jahre zu tun«, sagte ein Blair-naher Abgeordneter. »Das ist ein abscheulicher Versuch, den Premierminister zu erpressen.«

Der ehemalige Innenminister Charles Clarke warf Brown vor, den Aufstand nicht frühzeitig gestoppt zu haben. »Er hätte dies mit einem Fingerschnippen tun können. Das Ganze war kompletter Irrsinn.« Allein - Brown tat nichts dergleichen, er lieferte sich zusätzlich in Number 10 Downing Street zwei lautstarke Streitereien mit Blair, in denen er die Übergabe angemahnt haben soll, so schnell wie möglich. Als Brown den Regierungssitz verließ, konnte

der Mann, dessen Markenzeichen sonst ein skeptischer Blick ist, ein triumphierendes Grinsen nicht unterdrücken: »Eine Menge Leute sind deswegen sauer«, schimpfte Clarke über jene offene Zurschaustellung von Euphorie. »Eine wirklich idiotische Sache.«

Der Noch-Schatzkanzler scheint da ganz anderer Meinung zu sein. So wie es aussieht, wird der gebürtige Schotte spätestens im Juli 2007 Number 11 Downing Street verlassen und ein Haus weiterziehen. Blair müsste dann, wie aus Browns Umgebung angedeutet wurde, bereits am 4. Mai seinen Rücktritt verkünden, genau einen Tag nach den Wahlen zum schottischen und zum walisischen Parlament. Sollte das Ergebnis schlecht ausfallen, was derzeit zu erwarten ist, würde Blair dann zwar zehn Jahre im Amt gewesen sein, aber als Sünder in den Ruhestand geschickt. Aus einer lahmen Ente würde schließlich eine gerupfte.

Ob der Premier sich das wirklich antun will, ist ungewiss. Er könnte die Zeit des Hinhaltens jederzeit abkürzen, aber dieser Schritt wird erschwert durch sein Ego und die Sorge um seinen Platz in der Geschichte. Im langen Schatten des Irak-Kriegs drohen Leistungen zu verschwinden, die Blair durchaus vorzeigen kann: Er hat die Umwälzungen der Thatcher-Revolution um ein modernes Sozialsystem bereichert, vor allem im Bildungswesen.

Dazu ist es ihm gelungen, nicht bloß Labour von seinem verstaubten Image zu befreien, mit immer höheren Steuern immer mehr soziale Wohltaten zu verteilen. Blair hat die gesamte politische Landschaft in Großbritannien verwandelt. Um in der politischen Mitte Fuß fassen zu können, musste der neue Vorsitzende der Konservativen, David Cameron, viele Positionen übernehmen, die seiner als »Nasty Party«, als gemeine Partei, geächteten Vereinigung vormals undenkbar waren. Sorge um ein ordentliches Sozialwesen und um Umweltschutz werden dort neuerdings als echte Anliegen erkannt. Den Spitznamen »Tory Blair« trägt Cameron wie eine Auszeichnung.

Der Blairismus hat also in Großbritannien fürs Erste gewonnen. Allein der Name ist kontaminiert durch den Träger, von dem er stammt. 51 Prozent der Briten hielten ihn schon vor der letzten Wahl für unehrlich. Er war der unpopulärste Premier, der jemals wiedergewählt wurde.

Eine dichte Serie von Skandalen beschädigte ihn weiter. Mit dem Versprechen, stets sauber, »weißer als weiß«, regieren zu wollen, war er 1997 angetreten. Davon kann keine Rede mehr sein.

Trotz Blairs Glaubwürdigkeitszerfall haben viele Labour-Sympathisanten wenig übrig für die schmähliche Art, mit der er nun aus dem Amt gedrängt wird. Schon deshalb gibt sich der erbitterte Rivale Brown auf einmal äußerst leutselig. Am Donnerstag stand er gut gelaunt bei der Eröffnung der Schul-Olympiade des Vereinigten Königreichs auf einem Sportplatz in Glasgow und sagte, er werde den Regierungschef unterstützen, solange es um das gehe, »was im besten Interesse unserer Partei und vor allem unseres Landes ist«. So klingt jemand, der im Geiste bereits die Möbel seines erledigten Chefs auf den Sperrmüllwagen stellt.

Einziehen wird er wohl dürfen, womöglich aber wird es ein kurzer Aufenthalt. Sollte er Labour wieder, wie es sich Gewerkschaften und Unreformierte wünschen, nach links rücken, wäre der »kleine Bürgerkrieg« der vergangenen Woche möglicherweise nur die Ouvertüre gewesen für größere Metzeleien.

Brown kann sich bei den Konservativen erkundigen. Die stürzten vor fast 16 Jahren ihr erfolgreiches Oberhaupt Thatcher und haben sich bis heute nicht davon erholt. Fröhlich registrierte der konservative Abgeordnete Boris Johnson den Beginn ähnlicher Verhaltensweisen in der Labour-Spitze. »Wir von der Tory Party haben uns inzwischen an Kannibalismus und Häuptlingsmorde im Stil Papua-Neuguineas gewöhnt«, bemerkte Johnson. »Deshalb beobachten wir jetzt voll glücklicher Verwunderung, wie der Irrsinn die Labour Party ergreift.« THOMAS HÜETLIN

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