Zur Ausgabe
Artikel 28 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Kannste kaum noch treten«

aus DER SPIEGEL 32/1990

Wenn Berlin-Werber in den letzten Jahren Sommergäste in die Stadt locken wollten, priesen sie das schrille und schräge, aber auch das betuliche Berlin in höchsten Tönen. Für das Tourismus-Programm »Berliner Sommernachtstraum« boten die Veranstalter allerhand Attraktionen.

Philharmoniker, Pop-Idole und Folklore-Ensembles füllten die Freiluft-Arena der Waldbühne, Fassungsvermögen: 20 000 Besucher. Laser-Shows und Wasserspiele am Strandbad Wannsee (Titel: »Inferno und Paradies"), ein Gauklerfest in der City oder indischer Jazz im Innenhof der Kreuzberger Schultheiss-Brauereigaststätte zogen massenhaft Publikum von auswärts an.

Der Reklamefeldzug fand Jahr um Jahr größere Resonanz, immer mehr Besucher folgten dem Kampagnen-Motto: »Berlin tut gut«.

In diesem Jahr strömen die Besucher auch ohne Zutun der PR-Profis. Seit dem Fall der Mauer ist die Stadt voll wie nie zuvor. Berlin tut das nicht gut.

Einheimische wie Fremde stöhnen über das Gewusel auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße, über das Gedränge in Bussen und Bahnen, über Staus auf City-Straßen und Zufahrtswegen.

Nicht jeder, der eben mal nach Berlin jetten will oder muß, kriegt auf Anhieb eine Maschine. Kurzfristige Buchungen im Berlin-Flugverkehr geraten immer mehr zur Lotterie. Eilige Geschäftsreisende stehen oft stundenlang auf den Wartelisten. Und die Suche nach einem Nachtquartier verlangt, weil die Hotels ständig am Rande ihrer Aufnahmekapazität sind, Geduld und starke Nerven.

Selbst Hans-Jürgen Binek, der Leiter des Verkehrsamts, zeigt Verständnis für die gestreßten Gäste: »Die Leute sind sauer, wenn sie schließlich nach Berlin kommen, und alles ist voll.«

Große Bettenburgen wie kleine Pensionen sind bis unters Dach belegt. An dem Engpaß wäre beinahe der Vereinigungsparteitag der SPD gescheitert, der Ende September, symbolträchtig, in Berlin stattfinden soll.

Elke Hass von der Reisestelle der Bonner SPD-Baracke hatte »fast alle West-Berliner Hotels abgeklappert, doch nur ein minimales Kontingent reservieren können«. Grund: Die Organisatoren des zeitgleich startenden Marathonlaufs, wo rund 25 000 Langstreckenfreaks vor gesamtstädtischer Kulisse dem New Yorker Pendant Paroli bieten wollen, waren schneller gewesen.

Daß sich die Sozialdemokraten von hüben und drüben dennoch auf historischem Boden, in Ost-Berlin, vereinen können, verdanken sie letztlich Helmut Kohls schneller Währungsunion. Weil DDR-Kundschaft bislang nicht zahlungskräftig und daher in den Ost-Hotels noch rar ist, konnte das Gros der 1500 Delegierten und Gäste schließlich im Ostteil der Stadt untergebracht werden.

Die »boomartig wachsenden Besucherzahlen« machen es nach Ansicht des Wirtschaftssenators Peter Mitzscherling »dringend notwendig, die Bettenkapazitäten in der Stadt zu erweitern«. Bis zum Jahr 2000 seien mindestens 35 000 zusätzliche Betten erforderlich - mehr als derzeit in West (27 000) und Ost (6000) existieren.

Einige Hotels sind schon bis in den Sommer des nächsten Jahres hinein weitgehend ausgebucht. Stammgäste der Pension »Savoy« in der Meinekestraße lassen schon bis 1994 reservieren. »Das Verkehrsamt«, sagt die Inhaberin Sieglinde Haupt, »fragt schon nach Zimmern für 1995 - wer weiß, ob ich da noch lebe.«

Im ersten Halbjahr 1990 kamen 3,2 Millionen Besucher per Flugzeug nach Berlin, eine Zunahme um 13,6 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten 1989. Die Auslastungsquote lag beispielsweise im Spitzenmonat Mai bei 75 Prozent, im gleichen Monat des Vorjahrs nur bei 54 Prozent. Die bloße Durchschnittszahl wirkt wenig dramatisch, doch in Stoßzeiten sind die Maschinen bis auf den letzten Platz belegt.

Die alliierten Fluggesellschaften, bislang noch Monopolisten im Berlin-Verkehr, verkaufen zuweilen mehr Tickets, als ihr Fluggerät Sitze hat. Da kommt es schon mal vor, daß entnervte Passagiere, wenn sie ein ums andere Mal auf der Warteliste nicht zum Zug gekommen sind, auf dem Landweg - per Mietwagen oder Taxi - nach Berlin reisen.

Der West-Berliner Flughafen Tegel entsprach der bisherigen Insellage der Stadt: Der Airport war Endstation vor allem für die kurzen Luftsprünge aus der Bundesrepublik. Umsteigen zum Weiterflug war nicht vorgesehen.

Nun herrscht in dem Terminal drangvolle Enge. Rund sieben Millionen Passagiere, rechnet die Berliner Flughafen Gesellschaft (BFG) das bisherige Fluggast-Aufkommen hoch, werden dieses Jahr dort starten und landen, gut eine Million mehr als 1989.

»Der zweistellige Zuwachs im Linienverkehr«, analysierte die BFG, »ist vornehmlich auf eine erhöhte Geschäftsreisetätigkeit und verstärkte Aktivitäten für Kongresse, Seminare und sonstige Veranstaltungen zurückzuführen.«

In Berlin herrscht Goldgräberstimmung. Viele Besucher kommen aber auch, um vor Ort mitzuerleben, wie ein seit 40 Jahren geteiltes Land zusammenwächst. Nirgends ist der Vereinigungsprozeß schließlich so unmittelbar zu erleben wie in der ehemaligen Frontstadt.

Nicht nur für Manager und Geschichtsbewußte erweist sich die Stadt als Magnet. Auch unter jungen Interrail-Globetrottern, die, wie einige an ihrem Nachtlager im Bahnhof Zoo erläutern, »das neue Feeling« und die »Vibrations« selber verspüren wollen, gilt Berlin als »city, where the action is«. Kein Zweifel: Berlin ist in.

Daß es in Berlin wieder wimmelt wie in den Metropolis-Szenen alter Fritz-Lang-Filme, wird von den Urbewohnern indes nicht nur »als eine Vitalitätsspritze empfunden«, die, so Senatskanzlei-Chef Dieter Schröder, »keiner von uns erträumt hat«.

Manchen Einheimischen sind die offenen Grenzen schon wieder ein Graus. 47 Prozent der West-Berliner, ergab eine Meinungsumfrage des Bielefelder Emnid-Instituts, sehen in dem Zustrom von Menschen sowie in der Überfüllung der Stadt und der Läden eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität.

Wie schnell die Freudentränen des Wiedersehens versiegt sind, belegt auch eine andere Demoskopen-Zahl. Der von den Interviewern vorgehaltenen Aussage »Allmählich wird uns alles zuviel« stimmten 58 Prozent der West- und immerhin 51 Prozent der Ost-Berliner zu.

Viele Ex-Insulaner, die ihre neue Reisefreiheit ins märkische Umland in vollen Zügen genießen, empfinden Unbehagen über den Zulauf der DDR-Deutschen und der Osteuropäer in ihrer Halbstadt. »Kannste kaum noch treten rings um die Gedächtniskirche«, mosern Alteingesessene.

Zufrieden über das Gedränge ist die Geschäftswelt; als Kunden in den Konsumtempeln sind die Ossis wohlgelitten. Beim Ramschen im Sommerschlußverkauf, der vorige Woche begann, kam jeder dritte Käufer aus der DDR. Selbst das feinere KaDeWe wurde von östlichen Schnäppchen-Jägern gestürmt. Ein solches Geschäft, jubelte KaDeWe-Direktor Wilhelm Stratmann, sei »in den letzten Jahrzehnten nicht mehr vorstellbar« gewesen.

Das unterschwellige Unbehagen vieler Bürger hat handfeste Gründe. Den West-Berlinern dämmert, daß jede soziale Verwerfung im Ostteil der Stadt womöglich direkte Auswirkungen auch auf die eigenen Besitzstände hat.

Seit Bonn immer drängender den Abbau bisheriger Berlin-Subventionen ventiliert, befürchten die West-Berliner wohl nicht zu Unrecht, daß sie durch den Einheitsprozeß überproportional belastet werden könnten: Vorrang werde künftig das Ziel haben, die einstige DDR-Hauptstadt zu sanieren.

Genervt reagieren Einheimische, seit die armen Vettern eine der unliebsamsten DDR-Errungenschaften mit herübergebracht haben: Vor Supermärkten stehen sie geduldig Schlange, vormals »sozialistische Wartegemeinschaft« geheißen.

Das früher ausgeprägte Solidargefühl der Durchhalte-Berliner zu Insulaner-Zeiten scheint abhanden zu kommen, der nörglerische Grundton - »Hätten Se's nich ooch 'ne Nummer kleener« - verstärkt sich. »Das gemeinsame Schlangestehen nach billigen Lebensmitteln«, stellte der Tagesspiegel fest, »hat uns auf Tuchfühlung, doch einander nicht näher gebracht.«

Verbindend, andererseits, wirkt sich die traditionelle Kleinbürger-Mentalität vieler West- wie Ost-Berliner aus. Denn weithin einig sind sich die Hauptstädter im Wartestand in ihrer Abneigung gegen Fremde, die sich durch Sprache und Gebräuche isolieren.

Seit asylsuchende rumänische Sinti und Roma in Scharen als Bettler auftreten und polnische Käufer-Heere die Billigläden stürmen, steigt die Ausländerfeindlichkeit. Noch harmlos sind Wortschöpfungen wie »Polen-Rikscha«, womit der Berliner Volksmund die Aldi-Einkaufswagen bezeichnet.

Ex-Bürgermeister Eberhard Diepgen schürte die Stimmung: »Zunehmend unerträglich« würden »die großen Trupps bettelnder Zigeuner aus Rumänien, die trotz sozialer Grundabsicherung in unserer Stadt das Betteln zum Hauptberuf gemacht haben«. Als »Krawattenrassismus« geißelte die linke Tageszeitung die Worte des Christdemokraten.

Schnittpunkt der so verschiedenartigen Berlin-Trecks von Touristen, Trampern und Tippelbrüdern ist der Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche. Dort häufen sich die Abfälle der west-östlichen Besucherströme zu Müllkippen, über die sich ordnungsliebende Preußen ganz schön aufregen können. »So dreckig«, klagt eine 81jährige Rentnerin, »hat Berlin seit 45 Jahren nicht mehr ausgesehen.«

Thomas Rogalla von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz beschwichtigt die aufgebrachten Gemüter. Natürlich solle die Polizei »ausschwärmen und in flagranti erwischte Umweltsünder gleich zur Kasse bitten«. Andererseits, meint Rogalla, müsse »das alles bei soviel Auftrieb in der Stadt mit einer gewissen Gelassenheit« gesehen werden: »Damit begeben wir uns jetzt auf den Weltstadt-Level von Paris und New York.«

Auf den Straßen von Gesamt-Berlin ist weltstädtisches Chaos-Niveau schon erreicht: Die Stadt ist eine vereinigte Stauzone, stop and go die vorherrschende Fortbewegungsart.

Allenfalls noch Reminiszenz ist, was der polnische Exil-Schriftsteller Witold Gombrowicz 1963, kurz nach dem Mauerbau, notierte. Für ihn war West-Berlin »die bequemste von allen Städten, wo die Autos gleichmäßig dahingleiten, ohne Stockungen, und die Menschen gleichmäßig ohne Eile gehen, wo beinahe unbekannt ist, was Gedränge und Stickluft ist«.

Nun ist es nur noch stickig. Für die sieben Kilometer zwischen den west-östlichen Zentren Ku'damm und Alex brauchen die Fahrer zur Rush-hour eine Dreiviertelstunde. Sogar die Boulevards mit sechs und die Ausfallstraßen mit acht Fahrbahnen, einst von Kaiser Wilhelm I. angelegt, sind zu Stoßzeiten verstopft.

Polizeiführer in Ost und West beklagen unisono die Lage. »Tagsüber und bis in die Nacht hinein«, so Gerhard Ihme, der Chef der Verkehrspolizei im östlichen Stadtbezirk Mitte, gebe es »praktisch keine Zeiträume mehr, in denen der Verkehr in Mitte flüssig rollt«. Die Folge seien »immer mehr Hektik und Aggressivität«.

Nicht nur die Bewohner des Bezirks Mitte und die einpendelnden Arbeitnehmer sorgen für Verkehrschaos. Auch die Touristen reisen, trotz wieder verknüpfter S- und U-Bahn-Linien, vorzugsweise mit eigenem Auto an, West-Berliner durchqueren, um Wege abzukürzen, das entgrenzte Zentrum im Osten.

Durch »verkehrsorganisatorische Hilfestellungen«, etwa durch »operative Grünphasenverlängerungen«, weiß Volkspolizist Ihme, sei »kaum noch ein Effekt zu erreichen": »Wenn die Straßen zu sind, geht halt nichts mehr.«

Auch der West-Berliner Polizeidirektor Klaus Krüger, Dezernatsleiter Straßenverkehr, klagt über die rapide zunehmende Motorisierung: »Die Nadelöhre im Zentrum werden immer enger.« Experten schätzen, daß sich jeden Tag 17 bis 18 Prozent aller Autos auf den Straßen bewegen. Bei mehr als 20 Prozent, so Krüger, sei »ein kollapsähnlicher Zustand zu erwarten«.

Der Verkehrsinfarkt ist in der Tat abzusehen. Vor der Maueröffnung gab es in ganz Berlin 719 000 Personenwagen, zum Ende des Jahres wird mit mehr als 1,2 Millionen Pkw in beiden Teilen der Stadt gerechnet, davon 420 000 in Ost-Berlin. Die Zahl der Zulassungen wird sich dort in diesem Jahr voraussichtlich vervierfachen, von bisher 18 000 auf rund 75 000.

Die mit der Blechlawine entstehende Parkplatznot ist nach Ansicht von Polizeidirektor Krüger nur durch »härteres Durchgreifen« zu bewältigen: Falschparker sollen rigoros abgeschleppt und mit einer Bargeld-Strafe belegt werden. Denn Strafzettel verfehlen die beabsichtigte Wirkung: Bußgelder sind im jeweils anderen Teil der Stadt einstweilen nicht einzutreiben.

Der »tägliche Nahkampf auf den Straßen«, so die Tageszeitung, wäre, zumal in Berlin, vermeidbar. Ein dichtgeknüpftes Bahn- und Busnetz, dem der rot-grüne Senat Priorität vor dem Individualverkehr einräumt, könnte die Autofahrer zum Umsteigen animieren.

Doch Vernunft ist derzeit wenig gefragt. Die Ost-Berliner, die bislang für teures Geld nur stinkende Plaste-Zweitakter erwerben konnten, wünschen sich nichts sehnlicher als endlich ein richtiges West-Auto - der Nachholbedarf ist nicht zu bremsen.

Und auch die West-Berliner, die, gemessen am Bundesdurchschnitt, eher untermotorisiert sind, drängt es zum eigenen fahrbaren Untersatz, wenn nicht zum Zweitwagen, seit die Halbstadt keine Insel mehr und das bisher verschlossene Umland problemlos zugänglich ist.

Dieser Trend zu noch mehr Autos, erkannte der Berliner Stadtökonom Eberhard von Einem, sei zwar »unangenehm und schmerzlich«, aber kaum zu wenden. Der Welle, die »Berlin zu überrollen droht«, resigniert der Wachstumsforscher, könnten sich auch jene Sonderlinge nicht entgegenstemmen, die »die Idylle im Windschatten der Mauer liebgewonnen haben oder die gar dem provinziellen Halbschlaf den Vorzug vor dem rauhen Wind einer Metropole« geben.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 28 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel