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Kanonen aus Schweden für die Welt

Gern betätigt sich Schweden als Hüter von Moral und Frieden in der Politik. Aber in Afrika wie in Asien, in Südamerika und in den Nato-Staaten feuern Soldaten mit schwedischen Geschützen, werden immer mehr schwedische Präzisionswaffen eingesetzt. Schwedische Rüstungsmanager melden Exporterfolge an allen Fronten.
aus DER SPIEGEL 27/1979

Urplötzlich tauchen Flugzeuge am Horizont auf, huschen im Tiefflug über das Zielgebiet, jagen dann wieder aus dem Gesichtsfeld. Für die Beobachter, schwedische Verteidigungspolitiker und ausländische Militärattachés, sind die Kampfmaschinen kaum zu erkennen, dafür ist ihre Wirkung im Ziel um so eindrucksvoller:

Ein schwaches Aufblitzen unter den Tragflächen, Wolken aus Staub, Rauch und Feuer trüben den Himmel. Die Bomben, Raketen und Artilleriegeschosse lassen im Zielgebiet ein wahres Inferno entstehen.

Angelegt war das Militär-Spektakel auf dem hermetisch abgeriegelten Luftwaffenstützpunkt Satenäs als Gefechtsübung der schwedischen Streitkräfte, insgeheim aber verfolgte es einen anderen Zweck: internationale Werbung für schwedische Rüstungserzeugnisse, darunter vor allem für den Abfangjäger »Viggen« JA 37, neuestes Produkt der schwedischen Flugzeugfirma Saab-Scania.

Bei den westeuropäischen Nato-Staaten und in Österreich, bei der indischen Luftwaffe und in China versuchten die Schweden ihren neuen Fighter unterzubringen -- nur eines von vielen Rüstungsgütern aus dem umfangreichen Arsenal der »Waffenschmiede Schweden« ("Expressen"), die auf den Weltmarkt drängt.

Schweden, stets als Moralapostel in der Politik tätig, der führend war in der Kampagne gegen den Vietnam-Krieg der USA, Sitz des berühmten Friedensforschungsinstituts Sipri, legt sich ein neues Image zu: das eines internationalen Waffenlieferanten.

Inzwischen ist das Land nämlich in die Gruppe der Großen im internationalen Rüstungsgeschäft vorgestoßen. Der neutrale Staat hält heute den siebten Platz in der Weitrangliste -- nach den USA, der Sowjet-Union, Frankreich, der Bundesrepublik, Italien und Großbritannien.

Zwar haben die schwedischen Politiker, egal ob Sozialdemokraten oder Konservative, wegen (ler Praxis ihrer Rüstungskonzerne angeblich ein schlechtes Gewissen, aber sie unternehmen kaum etwas gegen das Waffengeschaft.

Die waffenproduzierenden Firmen werben in Anzeigen inzwischen weltweit für die »vernichtende Wirkung« ihrer Produkte: Lenkraketen und Bordkanonen, Munition wie Elektronikausrüstung. Waffen »Made in Sweden« haben wegen ihrer Qualität nicht nur einen guten Ruf, die Nachfrage nach ihnen nimmt auch ständig zu.

Von südamerikanischen Militärdiktaturen bis hin zu den Ölstaaten am Persischen Golf reicht das Interesse an den hochmodernen Produkten der schwedischen Rüstungsindustrie bisher nur leidlich gebremst durch staatliche Exportrestriktionen. »Wenn wir dürften«, so prahlt der Manager einer Kanonenfabrik, »könnten wir unsere Exporte innerhalb eines Jahres um das Sechsfache steigern.«

Schon jetzt beziehen nach Auskunft des Stockholmer Instituts für Friedensforschung über 30 Staaten Waffen aus dem neutralen Schweden, und die Liste der potentiellen Käufer ist noch weit länger.

Dabei hatte die sozialdemokratische Regierung Erlander schon 1971 festgelegt, daß der Export von Rüstungsgütern unerwünscht sei. Sie engte den Abnehmerkreis für schwedisch Waffen auf die Nato-Staaten und neutrale Länder ein.

Auf die Verbotsliste gesetzt wurden Exporte an kriegführende länder, in Krisengebiete, an Befreiungsbewegungen und an Länder, in denen die Waffen zur Unterdrückung der Menschenrechte eingesetzt werden könnten. Theoretisch, so schrieb die liberale Malmöer Zeitung »Kvällsposten«, können danach nur noch solche Länder mit schwedischen Waffen rechnen, die versprechen, »ihre Waffen nicht zu benutzen«.

Praktisch scherte sich die Industrie nicht allzuviel um die politischen Beschränkungen. »Wenn sie die Ausfuhren überhaupt beeinflußt haben«, urteilt Bofors-Direktor Per Odelberg über die Erlander-Restriktionen, »so eher in positiver Richtung.«

In der Tat stiegen Schwedens Rüstungsexporte von 129 Millionen Mark im Jahre 1971 auf 473 Millionen Mark im vergangenen Jahr. Die lukrative Waffenausfuhr wuchs damit stärker als die Ausfuhr ziviler Güter, allein 1978 nahm sie um 35 Prozent zu.

Durchschnittlich nur 0,7 Prozent der Industrieproduktion, so verkündet das schwedische Handelsministerium, mache in Schweden die Rüstungsproduktion aus, in Wirklichkeit aber, so glauben Wirtschaftsfachleute, reicht die Bedeutung des Rüstungskomplexes viel weiter.

Bei der Elektronikindustrie etwa, dem wichtigsten Maßstab für fortgeschrittene Militärtechnologie, macht der Rüstungsanteil bereits heute bis zu 15 Prozent aus, und sogar beim Umsatz der gesamten schwedischen Fertigungsindustrie liegt der Anteil bei immerhin sechs Prozent.

Über 40 000 Personen sind inzwischen in der Rüstungsindustrie beschäftigt, 20 000 Zulieferfirmen versorgen die Großkonzerne mit Bauteilen, 4500 Wissenschaftler, mehr als in jeder anderen Branche, brüten über Blaupausen für neue Flugzeuge und Waffen.

In der Bedeutung von den Politikern noch immer heruntergespielt, hat die Rüstungsindustrie in Schweden längst eine Schlüsselfunktion inne: Sechs Jahre nach dem Erlaß der Exportbeschränkungen schießen schwedische Geschütze in Indonesien und am Rio de la Plata, feuern schwedische Schnellboote in Malaysia und Tobago, fliegen schwedische Erdkampfflugzeuge Einsätze gegen Aufständische in Pakistan.

Von der angesehenen Waffenfirma Bofors bis zum Sprengstoffhersteller Nitro Nobel, vom Autokonzern Saab bis zur staatseigenen Panzerfabrik FFV (Förenade Fabriksverken) -- die schwedischen Industriekonzerne fabrizieren Spitzenprodukte für den internationalen Waffenmarkt.

Die besten Geschäfte macht dabei Bofors: Für rund 258 Millionen Mark verkaufte die Firma im Vorjahr Waffen ins Ausland, mehr als an die schwedischen Streitkräfte. Anfang der 80er Jahre sollen 80 bis 90 Prozent aller Rüstungsaufträge aus dem Ausland kommen: »Wenn der Inlandsmarkt weiter stagniert«, bemerkt Bofors-Manager Lennart Palsson, »werden wir dies durch verstärkte Exportaktivitäten kompensieren.«

Die Exportpolitik dürfte seitens der Regierenden nicht auf allzu große Schwierigkeiten stoßen, das hat die Rüstungs-Lobby schon in der Vergangenheit ausgelotet. Mit Wissen der Politiker nutzte sie eine Lücke aus, die in den Export-Richtlinien bewußt offengehalten worden war: den Verkauf sogenannter Defensivwaffen, wie der Flugabwehr-Rakete »Robot«.

Vor allem Bofors liegt mit seinen Produkten genau auf dieser Linie, denn, so meint Bofors-Manager Claes-Ulrik Winberg, »eine Flugabwehrkanone oder eine Flugabwehrrakete ist eben nicht offensiv«.

Ohne Schwierigkeiten erhielt deshalb die Waffenfirma die Genehmigung der sozialdemokratischen Regierung Palme, 40-Millimeter-Flugabwehrkanonen, Raketen und Munition an Brasilien zu liefern, und von der bürgerlichen Koalitionsregierung Fälldin die Genehmigung, drahtgelenkte Panzerabwehrraketen vom Typ »Bantam« an Argentinien zu verkaufen.

Trotz nachgewiesener Menschenrechtsverletzungen beider Regierungen, die damit nach den schwedischen Ausfuhrbestimmungen keine Waffen erhalten dürften, rechtfertigte Regierungschef Fälldin die Rüstungsexporte: »Abwehrraketen sind keine Waffen, die man gegen Menschen einsetzen kann.«

Noch dubioser verhielten sich Schwedens Regierende in einem anderen Fall. Während sie offiziell die Befreiungsbewegung von Ost-Timor »Fretelin« bei den Vereinten Nationen unterstützen, genehmigten sie gleichzeitig die Lieferung von Bofors-Flugabwehrkanonen an die Fretelin-Feinde in Djakarta.

Im Parlament zur Rede gestellt, verteidigte Außenminister Blix die Entscheidung: »Die Waffen lassen sich nicht in einem Bürgerkrieg anwenden.«

Der Minister »rede Quatsch«, befand daraufhin die Sipri-Forscherin Signe Landgren-Bäckström. Sie berief sich auf einen unverdächtigen Zeugen, den schwedischen Uno-Abriistungsexperten Kapitän Ulf Reinius: »Die Kanonen eignen sich vortrefflich auch gegen Ziele an Land.«

Mit der Bofors-Kanone, von der insgesamt über 5000 Stück produziert wurden, sind inzwischen die Streitkräfte von mindestens 34 Staaten ausgerüstet, darunter auch Chile und Südafrika. »In vielen Sprachen"' so stellten die Autoren des anerkannten Waffenhandbuches »Jane's Weapons Systems« fest, »ist der Name Bofors gleichbedeutend mit der 40-Millimeter-Kanone.«

Bofors, außerhalb der Luftfahrtindustrie der größte Rüstungskonzern Schwedens, fertigt außerdem 155-Zentimeter-Geschütze, Munition und Spezialsprengstoffe. Sogar im Iran des Menschenrechts-Verletzers Resa Pahlewi ließen die exportorientierten Bofors-Manager produzieren und umgingen so die lästigen Ausfuhrbestimmungen.

An internationalen Krisenherden waren schwedische Rüstungsexporteure mit ihren Produkten ohnehin präsent: In Libyen und im Sudan, in Ägypten und in Israel, in Indien und in Malaysia wurde mit schwedischen Waffen gekämpft.

So erbeuteten etwa die Israelis in den beiden letzten Kriegen von den Ägyptern große Mengen Schnellfeuergewehre vom Typ »Hakim« und Maschinenpistolen vom Typ »Port Said«. Beide Waffen sind schwedische Entwicklungen und Lizenzprodukte der FFV.

Das alles ficht die schwedische Rüstungsindustrie jedoch nicht an, im Gegenteil: »Unsere Rüstungsexporte fördern Frieden und Stabilität«, schrieb der schwedische Industrieverein 1971 an die Regierung. Kurze Zeit später verschiffte Saab Militärflugzeuge vom Typ »Supporter« nach Pakistan.

Dort wurden die als Schulungsflugzeuge deklarierten Saab-Produkte dann umgerüstet. Mit aus Frankreich und wahrscheinlich auch von Bofors gelieferten Bord kanonen bestückt, dienten die »Supporter« der pakistanischen Luftwaffe als leichte Erdkampfflugzeuge gegen aufständische Belutschen. Über angeblich nur 45 der wendigen Flugzeuge hatte Saab mit den Pakistanis einen Liefer- und Lizenzvertrag abgeschlossen. 1976 wurde bekannt, daß die pakistanische Luftwaffe in großen Mengen »Ersatzteile« aus Schweden ausflog, die dann aber in den Kamra-Werken in der pakistanischen Provinz Punjab zu kompletten Flugzeugen montiert wurden. Allein mit Hilfe dieses Tricks verkaufte Saab den Pakistanis mindestens 30 zusätzliche Flugzeuge.

Unverblümt werben die Saab-Leute in einschlägigen Fachzeitschriften wie dem englischsprachigen Magazin »Africa« bei den Militärs der Entwick* 40-Millimeter-Geschütz von Bofors.

lungsländer für die »Vielseitigkeit« ihres robusten Buschflugzeuges »Safari«, einer zivilen Ausführung der »Supporter«.

Mit nur wenigen Zusatzeinrichtungen, so lassen sie Interessenten wissen, könne die Zivilmaschine in ein äußerst leistungsfähiges leichtes Erdkampfflugzeug umgebaut werden -- geradezu ideal zur Bekämpfung einer Guerilla.

Den potentiellen Käufern wird der Umbau leichtgemacht. Schon das Werk nämlich liefert die Safari mit verstärkten Tragflächen und mit sechs Aufhängepunkten für sogenannte Traglasten. Der Zweck dieser für Sportflugzeuge unüblichen Ausrüstung ist eindeutig: An den Tragflächen können Bomben bis zu 300 Kilogramm, Luft-Boden-Raketen oder zwei doppelläufige Maschinengewehre befestigt werden.

Sofern Schwedens Regierungskontrolleure nicht beide Augen zudrücken. umgehen die Firmen die Vorschriften mit einem Trick: Statt Waffen zu verkaufen, liefern sie den ausländischen Interessenten die Konstruktionsunterlagen und das technische Know-how, von der Regierung bisher unbeanstandet.

Die ist in solchen Fällen fast immer hilflos. Unumwunden gesteht etwa Generalmajor Bengt Rosenius. der »Inspeketeur für den Handel mit Kriegsmaterial, seine eingeschränkte Kompetenz ein. Rosenius: »Wir haben keinerlei Kontrolle über die Lizenzen, die schwedische Waffenfabriken ins Ausland verkaufen.« Und: »Die Fabriken sind nicht verpflichtet, der Regierung den Verkauf einer Reißbrettskizze zu meilen.

Diese Politik zahlt sich für die schwedischen Firmen aus: Die deutsche Werft Lürssen rüstete »Jaguar«-Schnellboote für die Türkei und Thailand mit in Lizenz gefertigten Bofors-Geschützen aus, die Briten stellen die schwedische Panzerabwehrwaffe »Carl Gustaf« und die dazugehörige Munition her, Saab-Scania verhandelt nit Wien über eine österreichische Lizenz zur Fertigung des Abfangjägers Viggen.

Ein schon vor dem Abschluß stehender Vertrag über eine Viggen-Kopro-Auktion mit Indien scheiterte einzig am Einspruch der USA: Da das Triebwerk ler Viggen amerikanischen Ursprungs ist verweigerte Washington den schweden die Exportlizenz für das Indien-Geschäft.

Gegenüber schwedischen Kritikern des Rüstungsdeals mit den Indern beriefen sich die Rüstungsmanager auf den volkswirtschaftlichen Nutzen derartiger Exporte: Nur Firmen, die ihre Waffen auch im Ausland absetzen, könnten die Preise für den schwedischen Eigenbedarf niedrig halten.

Auch die Gewerkschaftsvertreter der Branche haben die Regierung aufgefordert, sie solle durch erweiterten Export helfen, die Arbeitsplätze in ihren Firmen zu sichern.

Gefahr droht den Genossen jetzt von unerwarteter Seite: 17 sozialdemokratische Abgeordnete, angeführt von Ex-Regierungschef Olof Palme, haben einen Gesetzesentwurf eingebracht, der das Ziel hat, »die Zahl der Käuferländer noch enger zu begrenzen«. Außerdem soll künftig eine parlamentarische Kommission über die Einhaltung der neuformulierten Richtlinien zum Rüstungsexport wachen.

Kritiker des schwedischen Rüstungsexports, wie die Sipri-Forscherin Signe Landgren-Bäckström, halten die geplante Gesetzesänderung zwar durchaus für einen »Fortschritt«, nicht jedoch für das Ende der bisherigen Praxis.

Sie schlagen statt dessen einen sehr viel radikaleren, aber auch illusorischen Weg vor. Signe Landgren-Bäckström: »Will man den Waffenhandel ganz unterbinden, darf Schweden keine eigenen Waffen mehr produzieren.«

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