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Artikel 37 / 119

»Kanonen sprechen eine gute Sprache«

aus DER SPIEGEL 31/1992

13. Februar 1938

. . . Unterdeß spricht der Führer auf dem Obersalzberg mit (dem österreichischen Bundeskanzler Kurt) Schuschnigg und (dem Staatssekretär im Wiener Außenministerium Guido) Schmidt zur Bereinigung der Österreichfrage . . . Erst am Abend spät Unterredung Schuschnigg zu Ende. Ganz kurzes, nichtssagendes Communique. Soll ohne Kommentar gebracht werden*.

Dazu geheimes Zusatz-Protokoll etwa des Inhalts: gleichlautende Außenpolitik, stets vorherige Fühlungnahme, Einheitlichkeit der Militärpolitik, Pressefrieden . . . Der (österreichische) Nazi (Arthur) Seyß-Inquart als Sicherheitsminister ins Kabinett, die Nazis dürfen sich im Rahmen der Verfassung legal betätigen, eine allgemeine Amnestie für nationalsozialistische Betätigung, dafür keine Einmischung reichsdeutscher Stellen mehr in innerösterreichische Verhältnisse.

Schuschnigg ist dann gleich abgefahren. Er hat sich bis Dienstag (15. Februar) Bedenkzeit erbeten. Hoffentlich wird er nun in Wien nicht wieder umgestimmt. Es wäre zu wünschen, daß diese Frage ehrlich bereinigt würde. Wir werden uns schon durchsetzen. Denn wir sind doch die Stärkeren, weil wir eine Idee haben . . .

14. Februar 1938

Gestern: draußen Schnee und Nebel. Ein unfreundlicher Wintersonntag. Die ganze Auslandspresse wiehert vor Sensation über den Schuschniggbesuch . . . Über die wahren Hintergründe unserer »Krise« hat die Weltpresse gottlob noch nichts gebracht . . .

16. Februar 1938

Der Führer ist auch wieder da. Ich werde gleich zu ihm bestellt. Er macht mir Mitteilung vom Stand der Dinge. Er ist ziemlich rigoros mit Schuschnigg verfahren. Hat die Bereinigung der schlimmsten Streitpunkte verlangt. Er will sich das nicht mehr gefallen lassen, evtl. mit Gewalt vorgehen. Das hat seinen Eindruck nicht verfehlt. Kanonen sprechen _(* In eckigen Klammern Erläuterungen der ) _(Redaktion. y Für Originalzitate 1992 by ) _(Francois Genoud, Schweiz. ) immer eine gute Sprache. Bis Dienstag hat der Führer Antwort verlangt. Schuschnigg hat seine vaterländische Front zusammengerufen . . .

Über die Greuelhetze ist der Führer sehr zufrieden. Alles das ist noch besser als die Wahrheit. Sie sollen sich austoben . . .

Großes Rätselraten um Österreich. Wir erwarten die Beschlüsse bis abends. Stalin proklamiert in einem offenen Brief aufs Neue die Weltrevolution, wenn nötig mit Waffengewalt. Darob großes Entsetzen in der Weltpresse, vor allem Warschau, Paris, London. Wir brauchten nicht überrascht zu sein. Wir haben nie etwas anderes erwartet . . .

Österreichfrage nun geregelt. Schuschnigg hat die Forderungen des Führers angenommen. Abends spät kommt das Communique. Der Führer ist sehr froh. Er hatte Schuschnigg sehr unter Druck gesetzt. Mit Kanonen gedroht. Und kein Paris oder London würde ihm helfen. Da ist Schuschnigg ganz zusammengeknickt. Kleines Format . . . So was hält das Rad der Geschichte auf. Nun müssen unsere Nazis in Österreich sehr klug sein . . .

17. Februar 1938

Gestern . . . Österreich ist die große Sensation. Regierungsumbildung vollzogen. Seiß-Inquart Innen- und Sicherheit. Unser Mann. Dazu noch ein paar halbe Nazis. Eine allgemeine und umfassende Amnestie, von der 2-3000 Menschen betroffen werden. Die Weltpresse tobt. Spricht von Vergewaltigung. Ganz unrecht hat sie nicht. Aber keine Hand rührt sich . . .

(Bis zum 10. März 1938 befaßte sich Goebbels in seinem Tagebuch nur am Rande mit der schwelenden Österreich-Krise.)

10. März 1938

Schuschnigg will am Sonntag eine Abstimmung machen. Frage: wollt Ihr ein autoritäres, christliches Österreich. Seiß-Inquart bei dem Beschluß übergangen . . .

Abends großes Essen und Empfang aller maßgeblichen deutschen Chefredakteure im Ministerium. Was da Namen und Rang hat, ist da. Ich halte eine kurze Ansprache über Aufgaben und Ziele der Presse. Große Zustimmung. Mittendrin zum Führer gerufen. Er ist mit (Generalfeldmarschall Hermann) Göring zusammen. Schuschnigg plant einen ganz gemeinen Bubenstreich. Will uns übertölpeln. Ein dummes und albernes Volksbegehren machen. Dazu eine gemeine Rede. Wir überlegen: entweder Wahlenthaltung oder 1000 Flugzeuge mit Flugblättern über Österreich und dann aktiv eingreifen . . .

Spät wieder zum Führer gerufen. (Der österreichische Minister Edmund) Glaise-Horstenau ist da. Er weiß auch nichts Genaues. Der Führer entwickelt ihm sehr drastisch seine Pläne. Glaise erschreckt vor den Konsequenzen. Aber so ist das einmal . . .

Noch bis 5h nachts mit dem Führer allein beraten. Er glaubt, die Stunde ist gekommen. Will nur noch die Nacht darüber schlafen. Italien und England werden nichts machen. Vielleicht Frankreich, aber wahrscheinlich nicht. Risiko nicht so groß wie bei der Rheinlandbesetzung (1936) . . . Der Führer ist in großer Fahrt. Eine wunderbare Kampfstimmung . . .

11. März 1938

Gestern: . . . Schuschniggs Rede ist wirklich gemein. So mit »Grüß Gott, Landsleute!« und so. Zum Speien . . . Gleich zum Führer gerufen. Er sitzt über Karten gebeugt. In angestrengtester Arbeit. Er brütet . . . Seiß-Inquart wird das tuen, was der Führer . . . befiehlt. Er hat von Schuschniggs Schurkenstreich nichts gewußt . . . (SA-Obergruppenführer Hermann) Reschny erklärt, daß er 4000 Mann von der (in Bayern stationierten Österreichischen) Legion sofort marschbereit hat. Dazu noch 7000 Mann Reserve. Wir zeichnen sie auf Karten ein und entwerfen Transportpläne. Reschny brechen die Tränen aus den Augen.

Ich berede noch ausführlich mit dem Führer allein die Lage, zwei Möglichkeiten: entweder Wahlbeteiligung und Ja . . . Oder Forderung nach einem Wahlstatut dem der Saarabstimmung (1935) angepaßt . . . Wenn nicht von Schuschnigg erfüllt, dann Demission von Glaise und Seiß-Inquart . . . Dann Samstag 6-800 deutsche Flugzeuge über Österreich mit Flugblättern. Aufforderung zum Widerstand. Das Volk steht auf. Und Sonntag Einmarsch. Zuerst Wehrmacht und dann Legion . . .

Reschny meint, das österreichische Heer wird schießen, wenn Schuschnigg es befiehlt. Muß also auch in Rechnung gezogen werden. (Der italienische Duce Benito) Mussolini kann nichts machen. London wird nichts machen. Paris - unsicher, aber durch Regierungskrise stark gehandicapt. Also muß es gewagt werden. Jedenfalls alles vorbereiten. Der Führer arbeitet die militärischen Pläne aus . . . Jedenfalls werden wir erzbereit sein. An der Vorbereitung soll es nicht fehlen. Der März hat es in sich. Aber es war immer noch der Glücksmonat des Führers . . .

Die ersehnte Krise ist da. Wir machen die Rede Schuschniggs in der Presse ganz klein auf. Mit kurzem, ganz kühlem Kommentar. Die Weltpresse birst vor Sensation . . . Film angeschaut. »Es leuchten die Sterne« . . . Eine großzügige Revue mit schönen Frauen, Tänzen, Chansons. Keine Kunst, aber gute Unterhaltung.

Um Mitternacht noch zum Führer gerufen. Die Würfel sind gefallen: am Samstag Einmarsch. Gleich bis Wien vorstoßen. Große Flugzeugaktion. Der Führer geht selbst nach Österreich. Göring und ich sollen in Berlin bleiben. In 8 Tagen wird Österreich unser sein . . . Ich bespreche mit dem Führer die ganze propagandistische Aktion. Flugblätter, Plakate, Rundfunk. Dann große Arbeit bis 4h nachts im Ministerium . . .

12. März 1938

Gestern: ein heißer, toller Tag. Morgens um 8h schon zum Führer gerufen. Mit ihm zusammen Flugblätter für Abwurf diktiert. Tolle, aufwiegelnde Sprache . . . Meine Aktion läuft wie am Schnürchen. Es macht Spaß. Der Führer ist ganz glücklich . . . (Der Präsident der Reichspressekammer Max) Amann pfeffert 130 (?) Millionen Flugblätter heraus . . .

Jetzt geht ein Ultimatum an Schuschnigg heraus: Rücktritt, Seiß-Inquart Bundeskanzler, Freiheit für die Nazis. Befristet bis nachmittags 5h. Tolle Gerüchte gehen im Lande um . . . Die Presse bringt groß, daß der Führer nach Hamburg fährt. Zu Tarnungszwecken . . . In Paris kriselt man. Bravo! Kommt uns sehr gelegen . . .

Wir greifen nun in der Presse Schuschnigg sehr scharf an. Er wird allmählich zermürbt . . . Mit dem Führer Flugblätter durchgesprochen . . . Dann kommt Göring und bringt eine neue Lage: Schuschnigg wolle zurücktreten, Seiß-Inquart werde Bundeskanzler, die Partei sei frei und alle unsere Bedingungen erfüllt.

Jetzt wird dahinter noch ein Ultimatum gesetzt: bis 1/2 6h Seiß-Inquart ernannt, bis 1/2 8h unsere Forderungen bewilligt. Der Aufmarsch geht weiter und ist garnicht mehr aufzuhalten. Aber Einmarsch noch ungewiß . . .

Es kommt die Nachricht, daß das Ultimatum ad 1 und dann auch das ad 2 angenommen sei. Große Begeisterung . . .

Dann neue Nachricht: Ultimatum ist nicht angenommen. (Der österreichische Bundespräsident Wilhelm) Miklas weigert sich, Seiß-Inquart zu ernennen. Darauf erneutes, scharfes Ultimatum bis 1/2 8h . . . Schuschnigg redet im Rundfunk: er weiche vor der Gewalt. Miklas bleibt weiter hartnäckig. Aber dann machen wir Seiß-Inquart stark. Er proklamiert sich selbst zur Regierung. Mussolini zeigt sich uninteressiert. Will nichts mit der Geschichte zu tun haben.

Wir diktieren Seiß-Inquart ein Telegramm durch, in dem er die deutsche Regierung um Hilfe bittet. Das kommt dann auch bald an. Damit haben wir eine Legitimation . . .

Heute um 12h beginnt der Einmarsch der deutschen Wehrmacht. Von der österreichischen Regierung gerufen. Der Führer selbst fliegt nach Österreich. Göring und ich bleiben in Berlin. Die Stunde der Freiheit hat nun auch für dieses Land geschlagen.

13. März 1938

Gestern: in der Nacht noch die ergreifenden Kundgebungen aus Wien über den Rundfunk gehört. Die Tränen steigen in die Augen. Der 30. Januar 1933 für Österreich. Seiß-Inquart zum Bundeskanzler ernannt. Miklas hat sich doch der Macht der Ereignisse gebeugt. Ein ganz nationalsozialistisches Kabinett. Unendlicher Jubel der Bevölkerung. Dazwischen Reden und ewig das Horst Wessellied. Ich höre bis 3h nachts zu und finde dann auch keine Ruhe vor Freude.

Die neue Regierung hat das Amt schon übernommen. Alle Beschränkungen sind gefallen. Das ist die Revolution für Österreich. London und Paris legen scharfe Proteste ein. Aber was soll das alles. Sie müssen sich doch den Tatsachen beugen. Die italienische Presse ist gänzlich umgeschwenkt. Sie begrüßt die Entwicklung. Mussolini beteiligt sich nicht an dem Protest. Italien will zeigen, daß es auch treu sein kann . . .

Ich gebe Erlaß auf 3 tägiges Flaggen heraus. Im Nu ist Berlin in ein Fahnenmeer verwandelt. (Reichsinnenminister Wilhelm) Frick hat die Gesetze für Österreich schon ausgearbeitet. Wahl für 10. April ausgeschrieben. Österreich unter dem Schutz Deutschlands. _(* Mit (v. r.) dem preußischen ) _(Finanzminister Johannes Popitz (der sich ) _(später dem Widerstand anschloß) und ) _(Reichsverkehrsminister Julius Dorpmüller ) _(bei Hitlers Rückkehr aus Österreich. ) Führer Bundespräsident. Er setzt Verfassung. Das wird ohne weiteres angenommen werden. Und wir können dann die Entwicklung weitertreiben wie wir wollen . . .

Die ersten Meldungen laufen ein. Um 1/2 6h morgens hat der Einmarsch begonnen. Unsere Truppen sind mit einer unbeschreiblichen Begeisterung begrüßt worden. Österreich ist in einem einzigen Freudentaumel versunken . . .

Die Wiener Presse ist in einem Tohuwabohu. Die Judenblätter sind verboten . . . Die Juden sind größtenteils geflüchtet. Wohin? Als ewige Juden ins Nichts.

Der Führer ist in Österreich eingetroffen. Mit unbeschreiblichem Jubel in (seinem Geburtsort) Braunau begrüßt. Er ist auf der Fahrt nach Linz und will noch weiter bis Wien. Das wird ein Einzug werden. Ich bin so glücklich. (Goebbels-Mitarbeiter Alfred-Ingemar) Berndt will noch Fahnen haben. Ich lasse sie abends noch nach Wien schicken . . .

14. März 1938

Gestern: ein herrlicher Frühlingssonntag! 5 Jahre Minister. Welch eine Zeit! . . . Es steht alles gut. Der Einzug des Führers in Österreich kann nicht beschrieben werden. Der Anschluß ist praktisch da. Der Führer bleibt Sonntag in Linz. Montag wird er in Wien einziehen . . .

15. März 1938

Gestern: . . . Das Neueste: Miklas zurückgetreten. Anschluß vollzogen. Am 10. April Wahl . . . Die österreichische Wehrmacht dem Führer unterstellt und schon auf ihn vereidigt. Damit praktisch die Revolution beendet . . . In 8 Tagen wurde Geschichte gemacht . . .

Fahre nicht nach Wien, um das Heer der Eckensteher nicht noch zu vermehren . . . Cardinal Initzer (Theodor Innitzer) betet für Österreich und empfiehlt Gehorsam. Das Beste, was er tuen kann . . .

(Der britische Premierminister Neville) Chamberlain hat eine Erklärung im Unterhaus abgegeben. Ganz tendenziös und abwegig. Mit Berufung auf den Völkerbund. Daß ich nicht lache. Im Übrigen gibt er zu, daß man auch mit Waffengewalt nichts habe machen können. Na, also . . .

Der Führer zieht in Wien ein. Wie ein Triumphator. Unbeschreiblich! Das ist die beste Antwort auf das Geseire von London. Und nun ist der Sieg vollständig . . . (Hitler-Stellvertreter Rudolf) Heß ruft an: es reisen zuviel Leute von uns nach Wien. Und alle suchen möglichst viel einzustecken. Ein ekelhafter Etappenbetrieb . . .

Mit ihm (Hitler) in die (Reichs-) Kanzlei zurück. Wir sitzen oben auf seinem Arbeitszimmer allein und sprechen uns aus . . . Dann Studium der Landkarte: zuerst kommt nun Tschechei dran . . . Und zwar rigoros bei nächster Gelegenheit . . . Wir sind jetzt eine boa constrictor, die verdaut . . . Der Führer ist wunderbar: großzügig und konstruktiv. Ein wirkliches Genie. Nun sitzt er stundenlang über der Landkarte und brütet. Ergreifend, wenn er sagt, er möchte das große deutsche Reich der Germanen noch einmal selbst erleben . . .

* In eckigen Klammern Erläuterungen der Redaktion. y FürOriginalzitate 1992 by Francois Genoud, Schweiz.* Mit (v. r.) dem preußischen Finanzminister Johannes Popitz (dersich später dem Widerstand anschloß) und ReichsverkehrsministerJulius Dorpmüller bei Hitlers Rückkehr aus Österreich.

Joseph Goebbels
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