Zur Ausgabe
Artikel 21 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kanzler auf Abbruch

RUDOLF AUGSTEIN
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 43/1997

Wer den Bundeskanzler Helmut Kohl für überständig hält, muß kein Dummkopf sein, aber auch der, der ihm wohlwill, muß sich angesichts der Nachgeburt des Leipziger Parteitags der CDU schon fragen, ob dieser Kanzler noch bei Sinnen ist.

Ohne jede erkennbare Not, ohne irgendeine Vorbereitung gab er den Fernsehleuten zum besten, was er lieber gar nicht, wenn aber doch, dann vor den Delegierten seiner CDU hätte ausbreiten sollen.

Man hat Kohl immer zugute gehalten, daß er von Sachproblemen wenig versteht. Aber immer galt er doch als äußerst talentierter Taktiker, der sich aus schwierigen Lagen herausziehen würde. Wie im Vorübergehen aber machte er vor den Fernsehkameras einen absurden Fehler, der einem solch gestandenen Berufspolitiker nie hätte unterlaufen dürfen.

Er ließ die Frage nach seinem Ausscheiden aus der Regierung nicht offen, wie er es doch mit Hinweis auf die Ratschlüsse des Himmels hätte tun können, sondern benannte den Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU zu seinem Wunschkandidaten. Damit waren die Schleusen geöffnet.

Niemand in der deutschen Öffentlichkeit hätte gewagt, das Handicap des zwar nicht unumstrittenen, aber doch lauteren und anerkannten Politikers Schäuble ins Bewußtsein der Leute zu bringen. Kohl, wissend oder unwissend wie Parsifal, tat ebendieses. Schon konnte die »taz« melden: »CSU will keinen Kanzler im Rollstuhl.«

In wenigen Sekunden hatte der Bundeskanzler niedergetrampelt, was aus seiner Partei jetzt oder später hätte sprießen können. Diktatoren haben keinen Berater. Kohl ist zwar kein Diktator, aber in all seiner Großmächtigkeit braucht er auch keinen Ratgeber.

Es ist ganz gut und schön, an der Macht bleiben oder an die Macht kommen zu wollen. Dafür brauchen wir die Parteien, aber der absolut unberatene Kohl hat nun die seine Wahl gefährdende Frage so, als wäre er ein Blö- dian, mitten in den Raum gestellt.

Viele der Delegierten hatten die Veranstaltung schon verlassen, Schäuble saß im Flugzeug, als der Kanzler unvermutet mit der Mitteilung überkam. Das Entsetzen war allgemein. Wie noch ein Land regieren, in dem ein Kindskaiser das Sagen hat?

Es ist ja nicht so tragisch zu nehmen, daß ein derart fleißiger und erfolgreicher Staatsmann allmählich die Zügel schleifen läßt. Das ist der Lauf der Welt. Aber eine wichtige Frage in diesem nicht unbedeutenden Leben kann doch jetzt nur sein, wie er es politisch zu einem gelungenen Ende bringen könnte.

Es nützt nun nichts, daß er versichert, mit ihm werde es keinen Kanzler auf Abruf (freudianisch sagte der Kanzler: auf Abbruch) geben.

Es sind die Sprüche, die den Kanzler kaputtmachen, das ewige Geschwafel. Ein funktionierendes Kohl-Kabinett dürfen wir während der nächsten Monate bis zur Wahl nicht mehr erwarten.

Schäuble muß lesen, was er ja eigentlich weiß, daß er ein Kanzler im Rollstuhl sein würde. Von Theo Waigels (58) Forderung nach Verjüngung des Kabinetts sah sich Bundesinnenminister Manfred Kanther (58) direkt betroffen.

Die CSU und Schäuble mögen einander nicht. Die Animositäten zwischen ihm, Stoiber und Waigel sind bekannt. Bundesverteidigungsminister Rühe weiß nun, daß er den Wünschen des Kanzlers nicht genügen würde. Bundesbauminister Töpfer verläßt, um nicht gegangen zu werden, das schier unsinkbare Schiff.

Am meisten beschädigt allerdings wurde der sogenannte Kronprinz dieser Kohl-Monarchie, Dr. Wolfgang Schäuble. Er hat nichts getan, um die Blicke auf sich zu lenken. Er hat den Delegierten eine eindrucksvolle Rede gehalten. Kaum einer im Saal hat sich darüber so gefreut wie Kohl selber. Schäubles Thema: »Die Kraft zur Veränderung«.

Natürlich wäre er neben anderen ministrabel. Nur hat Meister Kohl ihm jetzt, ohne ihm Bescheid zu sagen, eine höchst undankbare Rolle zugespielt: die des Zweitkanzlers. Wer ihn, Kohl, nicht wolle, der könne doch Schäuble wählen.

Da ist wenig Verstand und wenig Politik drin. Aber vielleicht kann man ja auch hierzulande derart Wahlen gewinnen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 21 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.