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Kappler is here

Von Helmut Sorge
aus DER SPIEGEL 36/1977

Wer kannte -- außer den Italienern -- diesen Namen, bevor der siechende SS-Obersturmbannführer im Schrankkoffer seiner Frau das Kriegsende erlebte?

Nun kennen sie ihn alle. »37 Jahre nach 20 Millionen Toten und den Lagern«, so klärt der Pariser »Express« auf seinem Titelblatt die Franzosen auf, ist »Hitler Superstar«. Ist die Bundesrepublik zum »sichersten Platz für Naziverbrecher geworden«, wie das kommunistische Parteiblatt »L'Humanité« schreibt.

Kappler als Symbol, als Katalysator unterschwelliger Emotionen, Furcht, Ressentiments und Unbehagen, wen überrascht und empört das, wenn der »Stern« Goebbels' Tagebücher veröffentlicht, Fest den Hitler auferstehen läßt, »Bild am Sonntag« »Des Teufels Statthalter«, nämlich Heydrich, zum Abdruck ankündigt, »Quick« eine nahezu wohlmeinende Hitler-Biographie· veröffentlicht, der SPIEGEL mit einem Hitler-Titel erscheint und die Kapplers mit Glückwunschtelegramm und Blumen für die Flucht vor italienischer Justiz belohnt werden -- das alles in einer Woche dieses August 1977? Wer merkt auf, wenn selbst Willy Brandt vor wiederaufblühendem Faschismus warnt?

Muß es im Ausland nicht tatsächlich so scheinen, als werde der Führer bei uns zu einer Diva, wie Italiens »L'Europeo« fürchtet? Die Kriegsgeneration, Kapplers Generation, lebt, die Amputierten, Blinden, Auschwitzüberlebenden, Widerstandskämpfer und Zwangsarbeiter können und werden nicht vergessen, selbst wenn die Bundesrepublik sich unter »einer Decke teutonischer Sentimentalität«, so Londons »Guardian«, zu verbergen sucht.

Wiedergutmachungszahlungen schaffen kein Leben, bringen keine Vergebung, sie helfen allenfalls bei der Überwindung der Tragödie. Springers Bibliothek in Jerusalem mindert nicht die reaktionären Tendenzen seiner Blätter, die auch heute noch Mitarbeiter schreiben lassen, deren rechte Gesinnung bereits Adolf Hitler zu schätzen wußte. Willy Brandts polnischer Kniefall war eine bewegende Geste, mehr nicht.

Es nutzt wenig, wenn deutsche Zeitungen die Italiener an ihre eigene Kriegsgeschichte erinnern. Die Franzosen wissen ohne germanische Belehrungen, daß nur eben zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung sich während der Besetzung vom Joch der Deutschen mit »Schwert und Feuer« zu befreien suchten, wie der Amerikaner Robert Paxton in seinem Werk »Vichy France« schreibt. Wir müssen die Israelis nicht mit erhobenem Zeigefinger darob warnen, daß die Juden heute die Palästinenser knechten und einkerkern. Nicht Amerikas Vietnam, Frankreichs Algerien, Britanniens Mau-Mau-Krieg können und dürfen den Deutschen als Feigenblatt dienen für ihre historische Verantwortung -- Trost in der Schwäche des anderen suchen, retten ins Karlchen-klautauch-Syndrom, deutet nicht auf Lernfähigkeit und auf Einsicht, daß deutsche Verbrechen auch deutsche Haftung bedeuten. Vietnam hin, Dresden her.

Auschwitz, Dachau waren deutsche Gaskammern, deutsche Bomben zerschmetterten Coventry, deutsche Soldaten marschierten im Stechschritt über die Champs-Elysées, die SS war deutsch, die Verantwortung ist deutsch, die Erinnerung, der Schrecken bedeuten Deutschland -- auch 32 Jahre nach der Kapitulation.

Kein Dorf in Frankreich ohne Kriegerdenkmal, das heute symbolisch mehr an die Opfer des Zweiten als des Ersten Weltkrieges mahnt. An der Ewigen Flamme unter dem Triumphbogen von Paris erinnern Abordnungen der Veteranenverbände wöchentlich an den Feind. 90 Frontkämpferverbände existieren, weil Hitler existierte. Ihre Zeitungen tragen Titel wie »L'Amputé«, »L'Evadé« und »Le Blessé crânien«. Wer ist überrascht -- außer den Deutschen -, wenn diese Veteranen »beunruhigt sind über die Wiederauferstehung des Nazismus und des Rassismus«, wie der Staatssekretär für ehemalige Frontkämpfer Andre Bord erklärte?

Das Trauma sitzt tief. Sozialistenführer Francois Mitterrand trägt heute noch einen Granatsplitter in seinem Körper. Einen deutschen. Er war Kriegsgefangener und kämpfte im Widerstand gegen die Besatzer.

KP-Chef Georges Marchais prozessiert in diesen Tagen gegen Behauptungen, wonach er in Kriegstagen freiwillig bei Messerschmitt Motoren für die Luftwaffe montierte. Er sei zwangsverpflichtet worden, argumentiert der Kommunist, dessen Partei den Chef lieber als »Deportierten« in die Geschichte einreiht. Im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt von Paris mußte sich eine Ex-Staatssekretärin für einen von ihr angeblich zu Unrecht getragenen Widerstandsorden verteidigen -- stets sind die düsteren Tage in der Diskussion. Ob Kappler in Soltau sterben will oder palästinensische Terroristen im Olympischen Dorf zu München jüdische Sportler morden -- Deutschland bleibt gleichwohl Tatort und Wurzel der historischen Tragödie.

Sicher: Die Franzosen würden einen in Algerien inhaftierten Ex-Offizier, dessen Mutter ihn im Kanu nach Marseille paddelte, auch nicht ausliefern. Da mag das nationale Herz wohl schmerzen, Unrecht rufen und »nun ist genug damit«, wir zahlen doch für die EG und bankrotte Italiener, nach alliierten Kriegsverbrechern spähen, da könnte die Bundeswehr selbst in Turnschuhen, mit Holzgewehren und Papp-Panzern aufmarschieren, Präsident Walter Scheel »Hoch auf dem gelben Wagen« französisch oder russisch singen und noch mit einem Alaaf im Kölner Karneval feinen deutschen Humor demonstrieren -- das Ausland wird das Massenmorden und die Geschichte nicht vergessen, nur weil wir es waren, die mordeten.

Wer vergißt schon Grauen, auch nur

einen Autounfall? Welche Erinnerungen würde wohl die »Bild«-Zeitung wecken mit einer Schlagzeile wie »Russischer Soldat vergewaltigt Flüchtling«? Haben die deutschen Kriegsgefangenen Rußlands Gruben vergessen, die Landser ihre Fallschirmlandung und Partisanen auf Kreta? Wie viele Ex-Soldaten rollen heute in Touristenbussen durch Frankreichs Hauptstadt und sagen zu ihren Ehefrauen: »Hier, Mutti, hier ist es gewesen, da war ich Chef.«

Aber: Ist das Image der Deutschen trotz der Schlagzeilen denn tatsächlich so kläglich, sind wir so unsicher ob unserer Demokratie, daß ein Ausbruch von Emotionen unsere Selbstzufriedenheit stören und unser Selbstverständnis erschüttern kann, und wir glauben uns wehren zu müssen gegen die Attacken aus dem Ausland? Meinungsumfragen in Britannien, Frankreich, in den USA besagen: Die Deutschen sind, trotz Krieg, anerkannt als -- wenn auch autoritäre -- Demokraten und zuverlässige Partner. Humor, Toleranz und Fröhlichkeit bescheinigt man uns nicht, Häschen- und Ostfriesenwitze bringen da nicht weiter.

Was wollen wir mehr? Liebe, Anerkennung, Ehrfurcht, differenziertes Denken, Vergebung? In Amerika glitzern »Hogan's Heroes« über die TV-Schirme, unermüdlich verfolgen die Amerikaner, wie trottelige Deutsche in einem Gefangenenlager von den klugen Alliierten als Dummköpfe enttarnt werden. In Comic-Strips peitschen SS-Offiziere die Blondinen dieser Welt. Hollywood: Deutsche Truppen über alles. Die Verkörperung des Bösen, symbolisiert durch eine SS-Uniform. und die stete Wiederholung des germanischen Hauptwortes »Achtung«. Ist das Volksverhetzung, eine Konspiration gegen das Gute im Deutschen? Keinesfalls. 650 000 Franzosen, 760 000 Briten machten im letzten Jahr Urlaub in der Bundesrepublik. In Houston, Texas, Fort Lauderdale, Florida, werden keine anti-deutschen Ausschreitungen gemeldet, in Montana und Milwaukee wird ein Deutscher auch ohne SS-Uniform als Deutscher respektiert. Und die stete Wiederholung hat auch positive Folgen: Der Zuschauer ermüdet.

Wo denn entladen sich die Gefühle? In New York, Zufluchtsort jüdischer Emigranten. Im von deutschen Truppen verwüsteten Osten. In London, dem Ziel der V 2-Raketen. In Frankreich, wo allein die Kommunisten Tausende Naziopfer zählten. In Rom, dem Tatort Kapplers.

Wir wollen eine objektive Bewertung der Bundesrepublik. Wir fordern von den Fremden Erkenntnisse über unser Staatsverständnis, das uns selbst zuweilen unheimlich und unverständlich ist. Helmut Schmidt steht es frei, der Welt zu sagen, wie es nach Bonner Vorstellungen in ihr aussehen müßte. Willy Brandt kritisiert die Volksfrontpolitik des Francois Mitterrand. Wer aber unter den Politikern der Bundesrepublik suchte, ohne politisches Kalkül, sogleich Verständnis für die Empörung im Ausland, wer hat erklärt: »Wir verstehen auch euch?« Keine Geste. Der Kanzler bastelte statt dessen einen neuen Bootssteg am Brahmsee. Soltaus Polizei schützte die Residenz des Kriegskriminellen.

Wir nehmen befremdet zur Kenntnis, daß die französische Polizei gleichgültig nach den Mördern des in Frankreich getöteten SS-Offiziers Peiper fahndet. Bonn läßt sich von den Amerikanern nicht das Atomgeschäft mit Brasilien verderben. Wir sagen, was wir über die Bürokraten der EG in Brüssel denken und wie die Briten ihre Wirtschaft managen sollten. Wir sind schließlich wieder wer, aufgepaßt, Anerkennung bitte. Sollen da Reaktionen ausbleiben?

Für alles und jeden bedeutet die Bundesrepublik eine Herausforderung. Der Erzfeind der Geschichte ist nunmehr Konkurrent der Gegenwart geworden. Frankreichs Intellektuelle entdecken den germano-amerikanischen Imperialismus. Das Unbehagen, das sie nie verlassen hat, bricht wieder auf. Deutschland erinnert an die eigene Geschichte, an eigene Schwächen, an den Zusammenbruch der eigenen Truppen, die Hitlers Generalstabschef Ludwig Beck 1938 noch als die stärksten Europas qualifizierte.

Die Wirtschaftsleistungen der Deutschen werden an den eigenen gemessen. Britanniens Gewerkschafter hören, wieviel vernünftiger die Arbeiterführer in der Bundesrepublik sind. Französische Generäle können ihre Truppen in Frankreich nicht ins Manöver befehlen, weil Mittel für Treibstoff fehlen. Die Offiziere der Bundeswehr hingegen schicken ihre Soldaten mit modernstem Gerät ins Gelände. Die Deutschen dominieren beim Europacup der Leichtathleten, meldet »L'Equipe«. Die Deutschen schwimmen bei den Europameisterschaften am schnellsten, berichtet die BBC -- die Deutschen, die Deutschen, verdammt, Deutschland über alles.

Aber: Was ist das für eine Gesellschaft, müssen sich Frankreichs fünf Millionen Bürger fragen, die bei den Wahlen für Kommunisten stimmen, in der eine Lehrerin nicht Beamtin werden kann, nur weil sie sich zum Kommunismus bekennt? Welch ein Staat, in dem Nazi-Verbrecher, die in Frankreich in Abwesenheit verurteilt wurden, nicht verfolgt, statt dessen aber linke Terroristen gequält werden?

Unheilvoll vereint und vereinfacht das Deutschlandbild Geschichte und Gegenwart. Die Distanzierung von den Deutschen hilft innenpolitische Kontroversen zu übertünchen und macht selbst Kollaborateure im nachhinein zu Patrioten. Eichmann, Mengele und Schlagzeilen wie »SS-Henker geflüchtet« verkaufen sich auch in New York, London und Paris. Die 62 in Bonn ackreditierten französischen, britischen und amerikanischen Korrespondenten werden das Klischee nicht korrigieren können, selbst wenn sie wollten -- solange ihre Chefredakteure nicht allein Tatsachen, sondern nicht selten auch eine Bestätigung der heimatlichen Vorurteile fordern, Aus braunem Mosaik -- ein Hakenkreuz in Hamburg, ein »Reichstag« in Regensburg, eine Gedenkfeier für Hitler in Düsseldorf -- entsteht im Handumdrehen ein neofaschistisches Deutschland.

Und verraten denn die Hitler-Titel, SS-Dokumentationen im Fernsehen, die Schallplatten mit Hitler-Reden in der Bundesrepublik wirklich Sehnsucht nach historischer Aufklärung oder nicht eher ein bißchen Sehnsucht nach dem Führer und großdeutschen Idealen? Betreiben die Verleger und Filmverleiher nur Geschäfte mit jenen, die noch einmal nachlesen wollen, welchen Wahnsinn sie damals unterstützten, oder sind sie der Spähtrupp eines neuen Reiches?

Warum sollen ausländische Korrespondenten dies nicht fragen, selbst wenn sie wissen, daß die Wirklichkeit derzeit noch anders aussieht? Zuletzt vor zwei Jahren war beispielsweise der französische Kommentator Richard Liscia, Jahrgang 1935, vom »Quotidien de Paris« in der Bundesrepublik. Er versteht kein Deutsch, glaubt aber Deutschland zu verstehen: »Alles kann wieder von vorn beginnen«, hat er nach Kapplers Flucht geschrieben, »alles ist noch möglich im Deutschland 1977«.

Dieser Kommentator empfindet sich nicht als antideutsch, doch er will vor einer »latenten Gefahr warnen«. Im linken »Nauvel Observateur« formulierte ein Reporter: »Offensichtlich gilt die nationale Solidarität in diesem Land nur den alten Henkern und nicht ihren Opfern.« Der Schreiber ist polnischer Emigrant. Deutschland bleibt, woran er sich erinnert. Eine nordamerikanische TV-Gesellschaft kommandierte soeben einen Berichterstatter in die Bundesrepublik ab, um dem Neo-Faschismus nachzuspüren. Die Familie des Korrespondenten ist in einem Konzentrationslager umgebracht worden. Kann er objektiv kommentieren? Wer kennt sie nicht, die Deutschen, mußte nicht unter ihren Gewehren leiden? Will ein Sportberichterstatter das

Spiel der bundesdeutschen Fußballmannschaft korrekt verstanden wissen, schreibt er eben von Kraft und Ausdauer, Kampfgeist. Kondition und Disziplin. Damit ist alles gesagt.

Die Entfernung verwischt die Konturen. Korrekturen an der Geschichte decken allenfalls eigene Schwächen auf, »L'Humanité«, das kommunistische Parteiblatt etwa, mag heute von jenen Exemplaren nichts mehr wissen, in denen der Stalin-Hitler-Pakt positiv bewertet wurde.

Mit Vorurteilen läßt sich auch in Deutschland angenehmer leben, warum dann reagieren wir so wehleidig auf die Kommentare? Sind für viele Deutsche der Kriegsgeneration die Russen nicht noch immer jene, die uri uri brüllten und mit Gabeln in der Nase bohrten, Herbert Wehner nicht doch ein Spion Moskaus? Sind wir objektiver über das Ausland informiert, weil wir Deutsche sind?

Die Kapplers leben, und so wird unsere Geschichte leben, selbst wenn die Schwachsinnigen damit aufhören würden, Hakenkreuze an jüdische Gräber zu malen und darüber nachzudenken, ob wir nun sechs oder 4,2 Millionen Juden umgebracht haben.

Eine objektive Diskussion um Kappler und seine Kameraden wird es in dieser Welt nicht geben, solange allein Opfer und Täter debattieren und nicht nach Wahrheiten suchen, sondern nach Entschuldigungen.

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