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Personalien Karl Lütgendorf, Karl Herold, Franz Heubl, Joseph Luns, Franz Lingnau, Shirley MacLaine, Henry Kissinger, Rudi Arndt, Rainer Barzel, Horst Ehmke

aus DER SPIEGEL 30/1972

Karl ("Lü") Lütgendorf, 57, österreichischer Verteidigungsminister, haut gern auf die Pauke. Für Wiens Fernsehen mischte sich der Brigadier unter die Mitglieder seiner Gardekapelle und schlug den Takt beim Radetzky-Marsch derart versiert, daß die Mitspieler um eine Erklärung baten. Der Nachkomme eines k. u. k. Offiziers: Er habe das Trommeln regelrecht gelernt und traue sich sogar den Drummer-Einsatz in einer Jazzband zu. Weil immer im Dienst, nahm der Bundesheer-Führer alsdann die Haartracht eines jüngeren Gardemusikers aufs Korn: »Sagen S', g'fallen Ihrer Freundin die langen Haar?« Der Jüngling: »Ja.« Lutgendorf milde: »Dann lassen S' sie so.«

Karl Herold, 50, Parlamentarischer Staatssekretär im innerdeutschen Mi nisterium« trank sich durch Bonner Kneipen. Grund: Nach Schließung der Prominenten-Schänke »Haus Rheinlust« in der Adenauerallee sind Bonns Kanalarheiter, die Hinterbänkler der SPD-Bundestagsfraktion, auf der Suche nach einem neuen Stammquartier. Herold. Adjutant des Ministers und Kanalarbeiter-Vormanns Egon Franke, prüfte bereits drei Schänken in der Nachbarschaft. aber noch hielt keine den strammen Anforderungen des Test-Trinkers voll stand. Herold: »Nennen Sie mir ein anderes Lokal in Deutschland, in dem soviel Politik gemacht worden ist und in das man abends reinfallen kann, wenn man den Kopf voll hat.«

Franz Heubl, 48, Bayerns Statthalter in Bonn, trat pikiert den Rückzug an. Der Bevollmächtigte der CSU-Landesregierung für Bundesangelegenheiten war zur Premiere eines Buches (Titel: »Die Amtskette") von Münchens Ex-OB Hans-Jochen Vogel in den Bahnhof »Rolandseck« geladen worden und mußte dort die Klage des Autors vernehmen, er hätte als »staatstreuer Bayer« die Feier lieber in der Bonner Landesvertretung (Hausherr: Franz Heubl) abgehalten. Doch dieses -- mutmaßte Vogel -- sei wohl nur Politikern mit bundesweiter Bedeutung vorbehalten: »Eine Voraussetzung, die ich nicht erfülle.« Heubl reagierte auf die Attacke »so erstaunt, daß ich sofort gegangen bin«. Der CSU-Mann: Schließlich habe er dem Sozialdemokraten zuvor erklärt, daß das Personal im Urlaub sei, und er »nicht jedem, der ein Buch schreibt«, seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen könne. Rügte Vogel vor Publikum: »Normalerweise haben Bayern Humor.«

Joseph Luns, 60, Nato-Generalsekretär, urteilte undiplomatisch und mußte sich korrigieren lassen. In einem Interview für das griechische Programm der BBC fabulierte der Ex-Außenminister Hollands, der zyprische Präsident und Erzbischof Makarios habe »mit Moskau geflirtet«, betreibe »eine gefährliche Politik« und möge sich tunlichst auf seine kirchlichen Aufgaben beschränken. Daraufhin zog der Gescholtene vom Leder: Luns habe »milde gesagt ... den Geist der Verantwortungslosigkeit« gezeigt, und »wir hoffen ... daß die Nato-Mitgliedsländer ihren entgleisten und leichtsinnig redenden Generalsekretär zur Ordnung rufen. Das geschah. Während die BRD und Großbritannien sich vornehm distanzierten, wurde die US-Botschaft in Nikosia deutlicher: »Die Erklärung drückt weder die Politik der USA noch die der Nato in der Zypern-Frage aus.«

Franz Lingnau, 44, Baufachmann. erlebte innerhalb von zwei Tagen zweimal, was »nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung höchstens alle zwanzig Jahre passieren dürfte«. Vorletzten Mittwoch flog der Angestellte mit einer Boeing 727 der Pacific Southwest Airlines (PSA) von Sacramento (Kalifornien) Richtung Burbank, als zwei Luftpiraten das Kommando an Bord übernahmen, nach der Landung in San Francisco dann aber von FBI-Agenten erschossen wurden. Lingnau setzte Stunden später die unterbrochene Reise fort, erledigte das Geschäftliche und trat anderntags -- abermals mit PSA -- den Rückflug an. Kurz vor Sacramento »passierte das gleiche noch einmal": Ein Fluggast erklärte die Mitpassagiere zu Geiseln und ordnete Kursänderung erst nach San Diego, dann nach Oakland an -- dort gab er unvermutet auf. Doppel-Opfer Lingnau, wieder daheim: »Ich habe 18 Stunden in gekidnappten Maschinen verbracht, da kann ich ja besser mit dem Auto nach Burbank fahren.«

Shirley MacLaine, 38 (M.), Star, gab für einen Mann »persönliche Prinzipien« auf. Beim National-Konvent der Demokraten vergangene Woche in Miami stimmte die Unterhaltungsdame ihre etwa 60 kalifornischen Mit-Delegierten auf McGovern-Kurs ein und zählte schließlich sogar zum Kreis der 18, der den Vize vorzuschlagen hatte. Um die Wahlchancen McGoverns zu mehren, fügte sich die »Women's Lib«-Aktivistin der Parteiräson und empfahl -- gegen ihre Überzeugung -- dem Plenum, das umstrittene Abtreib-Thema »aus dem politischen Prozeß auszuklammern«. Selbst am Rande des Konvents suchten die Demokraten derweil den Gegner in die Hand zu bekommen: Sie boten einen Kartensatz fürs Polit-Poker feil -- mit Karikaturen vom US-Führungsset. Spitzenmotiv: der deutschstämmige Präsidentenberater Henry Kissinger, 49. Rudi Arndt, 45. Frankfurts Oberbürgermeister, hat das städtische Verkehrsmittel der Zukunft entdeckt: Bei gutem Wetter fährt der vitale Hesse. dessen Streß-geschädigter Vorgänger Walter Möller an Herzversagen starb, die 5,5 Kilometer lange Strecke von seiner Dienstvilla im Äppelwoi-Viertel Sachsenhausen zum Rathaus mit einem seiner (bei Verlosungen gewonnenen} Fahrräder -- hin in neun Minuten. zurück wegen leichter Bergstrecke in 17 Minuten. Renommierte der 08. der über einen getrimmten Dienstwagen des Typs Opel Commodore GS/E (220 km/h) und einen privaten Opel 1900 GT verfügt: »Ich schlage auf der Strecke jedes Auto um einige Minuten.

Rainer Barzel, 48, Opponent, fühlte sich mal wieder zurückgesetzt. Nach einer Besichtigungstour durch das Ruhrgebiet stellte der CDU-Vorsitzer bei einem Gespräch mit Mitgliedern der NRW-Landespressekonferenz in Recklinghausen fest, daß zwar auch Vertreter von Funk und Fernsehen anwesend waren, jedoch -- so Barzel-Vertrauter Eduard Ackermann -- »ihre Geräte gar nicht dabei hatten«. Monierte Barzel: »Wenn sich ein Minister räuspert«. sei die Tagesschau sofort zur Stelle, bei seiner Rundreise aber habe man nirgendwo eine Kamera aufgebaut, »dieses ist nicht objektiv«. Und: Die Olympischen Spiele brächten sicher »eine weitere Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der CDU/CSU« --

Horst Ehmke, 45, Bonner Stallwache, genießt während des Urlaubs von Bundeskanzler Brandt die dem Regierungschef zustehende Sonderbewachung seiner Bundesvilla in Rhondorf. Zusätzlich zu den sechs Polizisten boten ihm Nachbarskinder Flankenschutz mit Wasserpistolen an. Einzige Bedingung: Hausherr Ehmke müsse ihnen genauso wie den Beamten Zutritt zum Grundstück gewähren. insonderheit zu dessen rückwärtigem Teil. Ehmke: »Was wollt ihr denn da hinten?« Antwort: »Dort steht der Kirschbaum.«

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