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UNTERNEHMEN / FARBWERKE HOECHST Karriere am Faden

aus DER SPIEGEL 24/1969

Auf dem Korridor der Chefetage bestimmte Generaldirektor Karl Winnacker seinen Nachfolger. Im Vorbeigehen erfuhr der Chemiker Rolf Sammet, daß er von dem mächtigen Boß zum Vorstands-Vorsitzenden der Farbwerke Hoechst AG ausersehen war. Winnacker: »Ich glaube, ich kriege Sie durch.«

Winnacker kriegte. Am Dienstag vergangener Woche wählte der Aufsichtsrat den Kandidaten Dr. Rolf Sammet, 49, einstimmig zum Generaldirektor des nach Bayer zweitgrößten deutschen Chemiekonzerns. Karl Winnacker, 65, wechselt an die Spitze des Aufsichtsrats.

Von dem spröden Winnacker, der den Konzern wie ein Prinzipal leitete, übernimmt Sammet die Bürde des Erfolgs. In den 17 Jahren der Winnacker-Ära wuchs aus einem Teilstück des nach 1945 entflochtenen IG-Farben-Konzerns ein Trust von Weltformat.

Heute produzieren 75 000 Chemiewerker in 200 Tochterfirmen Textilfasern, Farben, Arzneien und Kunststoffe im Jahreswert von acht Milliarden Mark -- zehnmal soviel wie zu Beginn der Regierung Winnacker im Jahre 1952. Sein Meisterschüler Sammet will die Linie des Erfolgs trendgemäß verlängern: »Bis 1975 werden wir den Umsatz auf 16 Milliarden jährlich verdoppelt haben.«

Im Gegensatz zum Branchenführer Bayer verließ sich Winnacker niemals allein auf das Wachstum aus eigener Kraft. Nach den in den USA üblichen Busineß-Praktiken schluckte er Firmen und ganze Märkte. So gliederte Winnacker seinem Trust Zug um Zug die Chemischen Werke Albert, die Reichhold-Albert-Chemie AG, die Spinnstofffabrik Zehlendorf, die Kosmetikfirma Marbert und die Süddeutsche Chemiefaser AG an. Im letzten Jahr nahm Hoechst eine maßgebliche Beteiligung an der französischen Arzneimittelfabrik Roussel-Uclaf zu sich.

Auch die nächste Annexion hat Winnacker noch vorbereitet: Bei der Cassella Farbwerke Mainkur AG in Frankfurt will sich Hoechst nicht mit seinem 25-Prozent-Anteil begnügen, sondern die Herrschaft antreten. Mit der Übernahme der ertragsstarken 2000-Mann-Firma kann Sammet seinen Einstand als Konzernherr gehen.

Der Sohn eines Stuttgarter Zahnarztes fand erst nach der Währungsreform seine Laufbahn. Da er wegen eines Stirnhöhlen-Leidens vom Wehrdienst befreit war, konnte er sein Chemiestudium noch während des Krieges mit der Promotion abschließen. Nach 1945 probierte er es mit Forschung und Lehre, doch am Tage nach der Währungsreform setzte das Stuttgarter Max-Planck-Institut mangels Etatmitteln den Assistenten auf die Straße. Sammet ("Da fiel ich ohne Regenschirm ins Freie") verdingte sich als Chemiker für ein Monatsgehalt von 550 Mark in Frankfurt-Höchst.

Drei Jahre später, 1952, kam ein Mann ins Labor, der sich nach dem Kriege als Gärtner durchgeschlagen hatte: Karl Winnacker, von den Alliierten entlassener Werksleiter in Hoechst, kehrte als Generaldirektor wieder zurück und nahm Rolf Sammet fortan in Karriereschlepp.

In Winnackers Stabsabteilung »Technische Direktion« hatte der junge Chemiker Zukunftsprojekte für den Konzernboß durchzuspielen. Aufgrund einer Sammet-Studie setzte Winnacker schon Anfang der fünfziger Jahre eine an die Dividende gekoppelte Erfolgsprämie für die Mitarbeiter aus. Auf Vorschlag des Jungmanagers erwarb Hoechst von dem englischen Chemiekonzern ICI Lizenzen zur Herstellung der Chemiefaser »Trevira«.

Prompt steckte Winnacker seinen damals 33jährigen Trevira-Theoretiker in die Produktionsabteilung, wo Sammet seine Faserpläne als Betriebschef realisieren sollte. Am Trevira-Faden hangelte sich der Chemiker ins Establishment, denn die Faser wurde für Hoechst ein Milliardengeschäft. 1957 holte der Senior ihn als Chef der »Technischen Direktion« in die Zentrale zurück.

Zum Kandidaten für die Nachfolge Winnackers rückte Sammet 1962 auf, als ihm die Chefstelle im Stammwerk Hoechst übertragen wurde. Vor gut Jahresfrist nominierte der Seniorchef den Nachwuchs-Manager als Anwärter für den Job des Generaldirektors.

Winnacker zog Sammet dem tüchtigen Verkaufschef Kurt Lanz, 50, vor, denn er ist überzeugt: »Nur ein Naturwissenschaftler an der Spitze kann alle Probleme eines Chemiekonzerns verstehen« Der Nichtakademiker Lanz erhielt den Posten des Sammet-Vize im 16köpfigen Konzern-Vorstand.

Nachdem Sammet in die dünne Spitze der Industrie-Oligarchen aufgerückt ist und Jahresbezüge von rund einer halben Million Mark erwarten darf, ist ihm eine weitere Ehrung sicher: die Ernennung zum Professor. Dieser Titel wird allen Chefs der deutschen Großchemie kurz nach ihrem Amtsantritt von der nächsten Universität nachgereicht.

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