Zur Ausgabe
Artikel 13 / 49
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BUNDESWEHR Kasino ohne Alkohol

aus DER SPIEGEL 17/1960

Die Veteranen der soldatischen Traditionsverbände, die mit Eifer die Erinnerung an Preußens Erbfeinde wachhalten, brauchen sich um das Fortleben ihres Gedankenguts nicht mehr zu sorgen: Ausgerechnet an den Pflanzstätten universalen Geistes, an denen bislang die Uniformität des Kommißdenkens verfemt war, nämlich an 16 Hochschulen der Bundesrepublik, haben sich forsche Nachwuchsorganisationen etabliert - sogenannte »Hochschulgruppen für Wehrkunde«.

Die Mitglieder dieser Zirkel, die auf eigene Faust einem Mangel der Vorlesungsverzeichnisse abhelfen und das Studium generale durch die Beschäftigung mit dem Wahlfach Wehrkunde ersetzen, zeichnen sich dadurch aus, daß

ihnen bereits das graue Tuch des neudeutschen Landsers verpaßt worden ist. Zudem haben sie es nach rund anderthalbjähriger Dienstzeit unter Straußens Schirmherrschaft zu etwas gebracht, was ihnen gegenüber ihren Kommilitonen eine gewisse Exklusivität verleiht: Die akademischen Wehrkundler sind Reserveoffiziere der Bundeswehr.

Bei dem Einfall, aus dem Hörsaal ein Offizierskasino ohne Alkohol zu machen, stand Bonns Ermekeilkaserne Pate. Erklärte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums: »Die Hochschulgruppen für Wehrkunde werden ideell von uns unterstützt.«

Zum erstenmal tauchte die Eingebung, Offizierskameraderie in Form einer Studentenverbindung zu organisieren, an

der größten Hochschule der Bundesrepublik, an Münchens »Universitas Ludovico-Maximilianea« auf. Das Kommando gab der 23jährige Reserveoffizier Hans-Dieter Schwind, ein kerniger Student der Jurisprudenz ("Erst in der Bundeswehr habe ich mich von der Notwendigkeit unserer Verteidigungsbereitschaft innerhalb der Nato überzeugt").

Orakelt der Staatsbürger ohne Uniform Schwind: »Wir möchten etwas Brücke sein zwischen Akademikern und Berufssoldaten.« Und: »Wir tragen eine gewisse Verantwortung. Wenn wir tatsächlich einmal Vorgesetzte sein sollen, dann müssen wir auch gute Führer sein.«

Um einmal gute Führer zu stellen, hat Schwinds Universitäts-Stoßtrupp eine Satzung gebosselt, die sich von den Zielen aller anderen studentischen Vereinigungen unterscheidet. Münchens »Unabhängige Hochschulgruppe für Wehrkunde« tritt danach »für die Menschenrechte im Sinne der Genfer Konvention ein. Sie sieht ihre Aufgabe in der Stärkung des Abwehrwillens, der dem Schutz dieser Rechte dient«.

Diesem hehren Ziel zuliebe prüfen die Wehrkundler abends generalstabsreife Sujets wie »Die seestrategische Lage der Bundesrepublik« und »Die österreichische Landesverteidigung«; sie diskutieren »Führungsgrundsätze großer Verbände« und »Psychische Epidemien unter militärischen Gesichtspunkten«.

Theorie und Praxis der zukünftigen Fuhrer-Elite gehen Hand in Hand: Die Wehr-Studenten beobachten Pioniere beim Brückenschlag, verleben Abende mit aktiven Fähnrichen und ergötzen sich an Hochgebirgsübungen.

In der bayrischen Landeshauptstadt wird Straußens Studentenkader von der »Gesellschaft für Wehrkunde« betreut, deren Vorstand Vizeadmiral Ruge und Luftwaffengeneral Kammhuber angehören. An dem von aktiven Militärs animierten Treiben fanden inzwischen 56 Münchner Kommilitonen des Reserveleutnants Schwind so viel Gefallen, daß sie der Hochschulgruppe eilends beitraten. Frohlockte Schwind: »Wir sind die einzige Gruppe an der Universität, deren Mitglieder aus allen politischen Richtungen, aus ganz Deutschland und aus allen Fakultäten kommen.«

Aus allen Fakultäten kam freilich auch die Ablehnung, die diesem Militär-Unternehmen bisher an der Hochschule zuteil wurde. Rügte der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Studenten in Bayern, Hans Bleibinhaus, Mitglied des Liberalen Studentenbundes, die Überrumpelungstechnik, mit der die Wehrgruppe in das Vereinsregister der Münchner Universität gelangte: »Ohne daß die Studentenschaft informiert worden wäre, ließ sich die Hochschulgruppe für Wehrkunde einschreiben. Dies ist ein eklatanter Bruch einer festen studentischen Abmachung.« Student Bleibinhaus zur Zielsetzung der Militärakademiker: »Das ist so eine Art (Bundes-)wehrmoralischer Aufrüstung. Die Tour kennen wir.«

Münchens »Abendzeitung« vernahm

ein »Alarmzeichen für Hellhörige« und konstatierte eine »völlig unbekannte, offenbar wechselseitig gepflegte Spezialbeziehung zwischen bestimmten Studentenkreisen und Bundeswehr. Was wir darüber hörten, reicht nach unserer Meinung alarmierend darüber hinaus, daß die Bundeswehr heute eine aus unserem Staatsleben nicht mehr wegzudenkende; vom Bürger anerkannte Institution ist«.

Die Meldung des Blattes, daß die Münchner Wehrwelle inzwischen schon 16 bundesdeutsche Universitäten und Technische Hochschulen, erreicht habe

- nach Auskunft des Bundesverteidigungsministeriums sind diese Hochschulgruppen teils selbständig, teils Untergruppen der Münchner »Gesellschaft für Wehrkunde« -, veranlaßte die bayrische FDP-Abgeordnete Dr. Hildegard Hamm-Brücher kürzlich zu einer parlamentarischen Anfrage im Landtag: »Billigt der Herr Kultusminister studentische Gruppen, deren Zielsetzung außerhalb aller studentischen Belange liegt?«

Kultusminister Maunz retirierte mit einem Hinweis auf das akademische Selbstverwaltungsrecht und teilte mit, nur solche Organisationen seien unzulässig, die den Strafgesetzen zuwiderhandelten oder sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung richteten.

Der Initiator der akademischen Wehrwelle, Hans-Dieter Schwind, hat seinen vorgeschobenen Posten inzwischen aufgegeben. Nachdem seine Idee so bundesweiten Widerhall gefunden hatte, wandte sich der Reserveleutnant der Fernmeldetruppe ganz seinem Studium zu.

Wehrkundler Schwind

Durch Wehrkunde zum Abwehrwillen

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 13 / 49
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel