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EUROPA-WAHL Katharina schööön

Die Sieger der Europawahl stehen schon fest: die Schatzmeister der Parteien. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

In »Katharinas Cirkus« ist alles Theater. Die sechs Ivanovs fliegen - Symbolik, Symbolik - unterhalb der Kuppel in eine »Welt ohne Grenzen«. Doktor Doolittle macht der Erbfeindschaft ein für allemal ein Ende, versöhnt Fuchs, Gans, Geier und Taube. Nur bei Omega, dem Zwergpinscher, wird der tiefere Sinn der Zirkusnummer nicht erkennbar. Er bekam Auftrittsverbot. Der Rüde hätte sonst auf Zuruf den »einarmigen Handstand« gemacht - einfach so.

Der Troß der Artisten, Dompteure und Clowns wird vom 13. Mai bis 16. Juni quer durch die Republik tingeln. Höhepunkt ist jeweils ein Auftritt der Zirkusdirektorin Katharina schööön.

Die Chefin läßt allerdings nicht, wie in der Zunft üblich, die große Reiterei los, sie versucht einen ganz neuen Dressurakt: Katharina Focke, Spitzenfrau der SPD für die Europawahl am 17. Juni, will mit dem angemieteten Ensemble des Zirkus Althoff um Stimmen werben.

Wer nicht zu den 31 Gastspielen ins Zelt kommen will, kann Sozialdemokraten auch auf Euro-Kurs in die Luft fahren sehen. Von einem parteieigenen Heißluftballon aus wollen sich die SPD-Kandidaten das Sterben der Wälder und die Bausünden der Städte von oben ansehen. Und darüber, hoffen die Genossen, schreiben dann die Zeitungen.

Auch die CDU geht vor der Abstimmung auf Reisen. An Bord eines Rheinschiffes werden Wähler mit Europadaten vollgestopft, abrufbar per Computer. Wo der Kahn nicht hinkommt, rollen zwei 15 Meter lange Pappschiffe auf Rädern durch die Städte. Nur beim Motto machen die Christdemokraten keine Experimente: »Aufwärts mit Deutschland. Mit uns für Europa«.

Während die CSU zunächst noch kommunal (siehe Seite 62) und erst dann europäisch um Wähler wirbt, ist die FDP »früher als die anderen« gestartet. Auf der Suche nach zugkräftigen Sprüchen fiel den Freien Demokraten was ein: »Wir brechen Bahn für Europa.« Die Liberalen lassen sich auch von Straßburg die Lebensfreude nicht vergällen: »Ich liebe das Leben, und ich wähle F.D.P.«

Doch trotz starker Worte und viel Tamtam dürfte der Urnengang für Europa die flaueste bundesdeutsche Wahl aller Zeiten werden. Es könnte noch weitaus zäher zugehen als bei der ersten Direktwahl für das Straßburger Parlament vor fünf Jahren. Damals lag die Beteiligung bei 65,9 Prozent.

Von Aufbruchstimmung reden nur die Politiker. Die Wähler reden von den Schikanen der Zöllner am Brenner und von überschüssigen EG-Agrarprodukten. Für das machtlose Straßburger Parlament, ermittelte die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, interessiert sich nur jeder vierte Deutsche; 1979 war es noch jeder zweite.

Nicht mal die Kandidaten selbst sind, trotz üppiger Diäten, für die Wahl zu begeistern. Beim Euro-Kongreß der SPD in Fellbach bei Stuttgart erschien Mitte Februar gerade ein Drittel der rund 80 Kandidaten.

Weil das Treffen nicht schon gleich nach der Eröffnung wieder zu Ende sein sollte, drängten Genossen den Vorsitzenden Willy Brandt, er möge doch »mindestens 45 Minuten reden«. Der Aufgalopp für die Kontinent-Wahl, erinnert sich der Düsseldorfer SPD-Funktionär Franz Huppertz, war »eine gespenstische Vorstellung«.

Am deutlichsten haben die Grünen ihren Widerwillen an Europa artikuliert. Brigitte Heinrich, Platz zwei der Kandidatenliste, sprach von einem »Scheinparlament«, der Berliner Kandidat Benny Härlin, vorletzte Woche als Herausgeber der Sponti-Zeitung »Radikal« wegen Werbung für eine terroristische Vereinigung zu zweieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, bekannte auf dem Karlsruher Euro-Kongreß der Grünen: »Ich weiß nicht, was absurder ist: Straßburg oder Tegel.«

Die größten Probleme mit der Europawahl haben die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen. Sie fürchten, ein mieses Abschneiden der SPD könnte »zu einem länger anhaltenden Desinteresse an Wahlen allgemein« führen (Landesgeschäftsführer Bodo Hombach) und bei den Kommunalwahlen im September sowie den Landtagswahlen im Mai 1985 Einbußen bringen. Schon 1979 war die SPD nach einer miserablen Europawahl in den Kommunen auf 44,9 Prozent abgesackt, so tief wie nie zuvor.

Die SPD hat im volkreichsten Bundesland, wo sie allein regiert, noch was zu verlieren. Laut Umfragen liegt die Partei derzeit bei 48 Prozent, die CDU bei 42, die FDP unter vier.

Sorgen macht den Sozialdemokraten nicht nur die Wahlmüdigkeit, sondern auch die Konzeption. Während »Konservative eher für Europa zu begeistern sind« (Focke), ist in der SPD-Hochburg Ruhrgebiet die Europawahl ein Reizthema. Die Kumpel geben der EG die Schuld an den Schrumpfprogrammen ihrer Hütten. Hombach in einer Studie für den Parteivorstand: »Da herrscht die Grundemotion vor, wir zahlten für die anderen.«

Der SPD-Slogan »Für ein starkes Europa« trifft auch in der eigenen Partei auf tiefsitzende und stark verfestigte Vorurteile. Die Genossen in Düsseldorf wollten lieber kämpferisch »Für die starke Vertretung unserer Interessen in Europa« werben. Das paßte Katharina Focke nicht. »Ich lasse mich doch nicht verbiegen«, widersetzte sich die SPD-Frau im Bonner Parteivorstand; sie sei »kein harmloses Frauchen, das man für X-Beliebiges« hinstelle, und habe das Herumkritteln an »EG, Europa und Bürokratie« allmählich satt.

Heraus kam ein Kompromiß von europäischem Format. Die Düsseldorfer Genossen tragen den Slogan mit, und Hombach gibt sich inzwischen offiziell versöhnlich: »Ich finde das Wahlkonzept ganz toll.« Die NRW-SPD darf jetzt 50 Prozent des Wahlkampfes mit Landes- und Kommunalthemen bestreiten.

Restlos überzeugt von der Notwendigkeit des Euro-Spektakels sind eigentlich

nur die Schatzmeister der Parteien. Sie kassieren insgesamt rund 220 Millionen Mark aus der Staatskasse und machen damit den großen Schnitt.

SPD-Schatzmeister Friedrich Halstenberg rechnet mit 88 Millionen Mark Einnahmen, will aber nur 26 Millionen Mark für Europa ausgeben. Auch die Schatzmeister der Union, die bei gutem Abschneiden etwa 108 Millionen Mark kassieren, werden nur rund ein Drittel investieren. FDP und Grüne, gemeinsam mit etwa 20 Millionen Mark am Europa-Topf beteiligt, werden rund zwei Drittel davon lockermachen. Halstenberg: »Nach jahrelanger, zuletzt brennender Sorge kommen unsere Finanzen endlich wieder in die gehörige gute Ordnung.«

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