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»Kathedrale auf Treibsand«

Sigmund Freud, Schöpfer der Psychoanalyse, prägte das Jahrhundert wie kein anderer.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Als Knabe, auf dem Leopoldstädter Real- und Obergymnasium zu Wien, träumte er davon, Minister oder General zu werden. Der karthagische Feldherr und Romfeind Hannibal war sein Idol. Ihm, der einst mit einem Heer und 37 Kriegselefanten die Alpen überquert hatte, wollte der phantasiebegabte Musterschüler nacheifern.

Statt dessen studierte er Medizin und wurde Facharzt für Neurologie. 47 Jahre verbrachte er anschließend praktizierend und forschend in einer verwinkelten Wiener Mietwohnung. Kein Schlachtfeld, nur eine Plüschcouch symbolisiert die Ruhmestaten des Hannibal-Fans, der nie in den Krieg zog und lediglich zur Sommerfrische in die Alpen fuhr.

Seine Feldherrnphantasien hat Sigmund Freud, Schöpfer der Psychoanalyse, nie aufgegeben. Im Grunde, schrieb er mit 43, sei er »gar kein Mann der Wissenschaft«, sondern ein »Conquistadorentemperament«, ein »Abenteurer, mit der Neugierde, der Kühnheit und der Zähigkeit eines solchen«.

Zu erobern gedachte der Psychostratege den dunklen Kontinent der menschlichen Seele, jenes »ferne Land«, von dem der griechische Philosoph Heraklit vor 2500 Jahren geschrieben hatte, es könne wohl »niemals erreicht und erforscht werden«. Freud zweifelte nicht, daß es ihm gelingen würde, dorthin zu gelangen, ins Schattenreich des Unbewußten, wo wilde Urtriebe und die Dämonen der Vergangenheit rumoren.

Wortmächtige Bewunderer, von André Gide bis D. H. Lawrence, priesen ihn deshalb als neuen Christoph Kolumbus, als »Ritter mit erzenem Blick« (Thomas Mann), der sich furchtlos in die finstersten Seelenabgründe hinuntergewagt habe. »Kolossal und herrlich sei, was er dort entdeckt habe«, schrieb in den dreißiger Jahren der amerikanische Romancier Theodore Dreiser: »Welch ein Licht hat er auf den menschlichen Geist geworfen!«

Unbestritten ist bis heute die epochale Bedeutung Freuds für das Selbstverständnis der Moderne. Freud, notierte der britische Dichter Wystan Hugh Auden, »ist zu einem allumfassenden Meinungsklima geworden«. Es beeinflußte die Geisteswis-

senschaften wie die Literaturkritik, Rekla-

* Mit dem Bildhauer Oscar Némon, 1931.

me und Filmproduktionen ebenso wie die Kindererziehung.

Mit seinen Schriften, die in immer wieder erneuerten Taschenbuchauflagen erscheinen, bewirkte der einstige Tabubrecher tatsächlich einen Bewußtseinswandel bei den Massen. Längst sei Freud, der Eroberer des Unbewußten, »selbst ein Teil des kollektiven Unterbewußtseins geworden«, urteilte der amerikanische Kulturkritiker Lionel Trilling.

Heute, am Ende des Säkulums, notiert die kanadische Schriftstellerin Phyllis Grosskurth, sehe es so aus, als sei der Wiener Seelenforscher »die führende intellektuelle Kraft dieses Jahrhunderts gewesen«. Kein zweiter Denker, glaubt sie, habe im Geistesleben wie im Alltagsbewußtsein der Epoche ähnlich tiefe Spuren hinterlassen, nicht einmal der andere große, mittlerweile entzauberte Weltveränderer Karl Marx.

Inzwischen aber, rund 60 Jahre nach Freuds Tod im Londoner Exil, verliert auch der Revolutionär der Seele allmählich seine Gloriole, die ihn vor respektlosen Attacken lange wirksam beschützt hatte. Eine neue Generation von Kritikern, radikaler als jede frühere, ist dabei, das überlebensgroße Freud-Denkmal zu stürzen und das Lehrgebäude des Tiefenpsychologen endgültig in Trümmer zu legen.

Viel Sprengstoff, schätzen die Freud-Widersacher, werde für die Abrißarbeiten kaum mehr vonnöten sein. Längst schon, meinen sie, gleiche die einst stolze Festung des Königs Ödipus nur noch einer Ruine: Kein Aspekt der Psychoanalyse bleibt inzwischen von wissenschaftlich fundierter Kritik verschont.

»Vollkommen überholt« ist nach Ansicht etwa des Berner Psychologen Klaus Grawe Freuds Modell vom dreigeteilten »psychischen Apparat« mit der schematischen Gliederung in Es, Ich und Über-Ich, desgleichen die psychoanalytische Vorstellung von den »Triebstadien während der kindlichen Entwicklung, von oral, anal, ödipal« - das alles, so Grawe, habe sich in Theorie und therapeutischer Praxis »nicht als fruchtbar erwiesen«.

In der Freud-Doktrin von verdrängten Wünschen und Trieben, die als »heimliche Herrscher« aus dem Dunkel des Unbewußten das menschliche Verhalten steuern, sieht die »Deutsche Universitätszeitung« den »Nachhall einer lustfeindlichen Epoche«. »Das zähe psychoanalytische Ringen um die Erleuchtung düsterer Seelengründe«, konstatiert das Blatt, gelte im »ausgehenden Jahrtausend als leicht verzopft«.

Nackt wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern steht Freud in den Augen der Kritiker da, die in den prächtigen Theoriegewändern des Uranalytikers nichts als Hirngespinste erblicken. Freud, resümiert der britische Literaturhistoriker Richard Webster, »war Schöpfer einer komplexen Pseudowissenschaft, die als eine der großen Torheiten der westlichen Zivilisation erkannt werden sollte«.

Doch anders als im Märchen, wo ein kindlicher Zwischenruf dem verblendeten Volk die Augen öffnet, blieben die Verdikte der Freud-Kritiker bislang weitgehend wirkungslos. Schon vor zwei Jahrzehnten hatte der britische Medizin-Nobelpreisträger Peter Medawar die Psychoanalyse zur »horrendesten Bauernfängerei« des Jahrhunderts erklärt und ihr baldiges Verschwinden vorhergesagt - ein Irrtum, wie sich derweil gezeigt hat.

Allzutief haben sich die Freudschen Mythen ins kollektive Bewußtsein gesenkt: Beim Familienkrach wie im Talkshow-Geplapper, im Bürotratsch, auf dem Elternabend in der Schule oder im Dampfgeplauder am Biertresen - überall tauchen wie von selbst die psychoanalytischen Schlüsselbegriffe und Erklärungsmuster auf, mit denen das Verhalten von Mitmenschen gedeutet ("narzißtisch«, »oralfixiert") oder auch ("Analcharakter!") als sozialschädlich angeprangert wird.

Für jede beliebige Seelenregung, so klagen die Marburger Psychotherapeuten

Manfred Pohlen und Margarethe Bautz-Holzherr, liefere die von Freud konstruierte »Interpretationsmaschinerie« inzwischen eine passende Erklärung - kein Winkel von Kultur und Gesellschaft bleibe von der psychoanalytischen »Deutungsmanie« verschont.

Selbst längst Verstorbene - von Goethe bis Karl May, von Nietzsche und Schopenhauer bis zu Stalin und Hitler - werden nach allen Regeln seelenanalytischer Deutungskunst durchleuchtet, desgleichen die Mythenhelden der Antike oder die Religionen fremder Kulturkreise. Die Psychoanalyse, so Pohlen und Bautz-Holzherr, sei zu einer geistigen »Kolonialmacht« geworden, die sich die ganze Welt aneigne.

Wie es Freud und seinen Nachfolgern gelingen konnte, von den Köpfen der Zeitgenossen so umfassend Besitz zu ergreifen, mit diesem Rätsel beschäftigen sich neuerdings vor allem jene Gelehrten, die das psychoanalytische Theoriegebäude für Blendwerk halten. Was, so fragen sie sich, machte die anfangs höchst befremdlich, ja verschroben wirkenden Ideen des Wiener Neurologen so attraktiv, daß sie schließlich zu einem beispiellosen Publikumserfolg avancierten?

Niemand, so hatte vor Jahren der amerikanische Literatur-Professor Walter Kendrick geklagt, habe ihm bislang erklären können, »weshalb ein riesiges Kartenhaus wie die Psychoanalyse - ein Gebilde, das schon unter dem Gewicht einer Feder zusammenbrechen würde - von einer ganzen Kultur gekauft wurde, die bis heute darin wohnt«.

Bei ihren Versuchen, dieses Wunder zu begreifen, umkreisen die Forscher nach wie vor die charismatische Persönlichkeit des Gründervaters, der den Siegeszug der Seelenzergliederer vor 100 Jahren in Gang gesetzt hatte. Freuds wissenschaftlicher Durchschlagskraft, meint Kulturhistoriker Webster, sei ein solcher Erfolg schwerlich zu verdanken, eher schon seinen Führungsqualitäten als Oberhaupt einer quasi-religiösen Erweckungsbewegung.

Wie viele andere Umstürzler und Tabubrecher, glaubt Webster, sei Freud im Laufe seines langen Lebens vom Rebellen zum Schöpfer einer »neuen Orthodoxie« geworden, einer weltlichen Heilslehre, die deutliche Züge »jüdisch-christlicher Traditionen« aufweise.

In der »theoretischen Kathedrale«, die Freud auf dem Treibsand seiner wenig wirksamen Therapiemethode errichtet habe, feiern die Gläubigen Webster zufolge die Wiederkehr altvertrauter Kirchenbräuche und Glaubensinhalte - in säkularisierter Form, doch komplett mit Ohrenbeichte, Absolution und einem Messias, der innere Einkehr als Pfad zur Läuterung und zum Seelenfrieden predigt.

In einem unlängst erschienenen 700-Seiten-Wälzer mit dem Titel »Why Freud Was Wrong« hat Webster zu ergründen versucht, was den Wiener Nervenarzt - einen überzeugten Rationalisten und Agnostiker - gleichsam zum Religionsstifter und Guru einer spirituellen Weltbewegung werden ließ. Websters Antwort: Unbändiger Ehrgeiz und ein unerschütterliches Sendungsbewußtsein waren die wichtigsten Triebfedern des Mannes, der sich am Ende seines Lebens gern mit der biblischen Führergestalt Moses verglich.

Das Gefühl, im Dienst einer höheren Mission zu stehen, war wohl schon früh in ihm herangereift. Freud-Vater Jacob, ein reisender Wollhändler aus dem galizischen Tysmenitz, einem typischen »Stetl« südlich von Lemberg, war 1860 mit Frau und Kindern ins prosperierende Wien übergesiedelt - wie damals Zehntausende von jüdischen Migranten aus dem Osten des Kaiserreichs, die in der Donau-Metropole ein freieres, glücklicheres Leben suchten.

Auf Sohn Sigmund, geboren 1856, ruhten seither alle Hoffnungen der Familie, die in der neuen Umgebung nur mühsam Fuß faßte. Der aufgeweckte Knabe, unter acht Geschwistern der Älteste, enttäuschte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht. Das Gymnasium absolvierte er als Klassenprimus, mit 17 machte er das Abitur. Mit 24 promovierte er zum Doktor der Medizin, mit 29 war er Privatdozent - ein Aufsteiger, dessen Karrierekurve steil nach oben wies.

Daß Freuds noch junge Mutter ihren tüchtigen Erstgeborenen ("Sigi, mein Gold") vergötterte, empfand der Sohn als ein Zeichen des Auserwähltseins, auf das er sich lebenslang berief. Wer in der Kindheit, so notierte er 1917, der unbestrittene Liebling der Mutter gewesen sei, verliere nie »jenes Eroberergefühl«, das den Erfolg oft geradezu herbeizwinge.

Der innige Wunsch nach Erfolg, ja Ruhm, so Kritiker Webster, habe Freud seit Beginn seiner Laufbahn beseelt - und immer wieder in die Irre geleitet. So hatte der Jungmediziner, auf der Suche nach originellen, aufsehenerregenden Forschungsthemen, 1884 begonnen, mit dem Rauschgift Kokain zu experimentieren. Die Anregung dazu stammte von einem preußischen Militärarzt, der erschöpften Rekruten mit Kokaingaben zu frischem Kampfgeist verholfen hatte.

Nachdem Freud den Muntermacher an sich selbst und einem morphiumsüchtigen Freund erprobt hatte, pries er den Wirkstoff im Wiener »Centralblatt für die gesamte Therapie« als wahres Wunderheilmittel. Kokain, so Freud, könne nicht nur zur Betäubung der Schleimhäute dienen, es helfe auch gegen Brechreiz und Magenschmerzen, Müdigkeit und Depressionen. Zu empfehlen sei es außerdem als Ersatzstoff bei Morphiumsucht: Es wirke gleichfalls euphorisierend, erzeuge jedoch keine Abhängigkeit.

Diese kühne Behauptung beruhte womöglich auf Wunschdenken. Der Autor des manischen Kokain-Artikels, vermutet die amerikanische Freud-Forscherin Elizabeth Thornton, sei wohl über längere Zeit selber kokainsüchtig gewesen. Anzeichen dafür glaubt sie in seltsam überdrehten Briefen zu erkennen, die Freud in jener Zeit an seine Verlobte und spätere Ehefrau Martha Bernays nach Hamburg schickte.

»Wenn Du unartig bist«, schrieb er einmal seinem »Prinzeßchen«, das unter Appetitlosigkeit litt, »wirst Du sehen, wer stärker ist, ein kleines sanftes Mädchen, das nicht ißt, oder ein großer wilder Mann, der Kokain im Leibe hat.«

Mit der gleichen Besessenheit, die er bei seinem Kokain-Abenteuer an den Tag legte, beteiligte sich Freud wenig später an den Forschungen eines befreundeten Mediziners namens Wilhelm Fließ, der unter anderem die Auffassung vertrat, daß zwischen Riech- und Sexualorganen ein Zusammenhang bestehen müsse.

Folgerichtig bekämpfte Fließ, ein Berliner Hals-Nasen-Ohren-Spezialist, sexuelle Störungen durch chirurgische Eingriffe im Nasalbereich. So beeindruckt war Freud von den dubiosen Experimenten des Kollegen, daß er sich selber zwecks Beseitigung sexualneurotischer Symptome mehrfach von Fließ an der Nase operieren ließ. Erst als eine Patientin des Ärzte-Duos nach einer verpfuschten Nasenoperation beinahe gestorben wäre, distanzierte sich Freud von der blutigen Sextherapie.

In der Rolle des wissenschaftlichen Außenseiters, der sensationellen Entdeckungen auf der Spur ist, trat Freud auch weiterhin auf. Ein anderer Freund und Kollege, der Wiener Internist Josef Breuer, hatte Freuds Interesse an der Hysterie geweckt, einer Modekrankheit des Fin de siècle, die in ihrer schweren Form - verbunden mit Lähmungen, Halluzinationen oder Krampfanfällen - heute aus unbekannten Gründen nicht mehr vorkommt.

Breuer war mit Versuchen beschäftigt, hysteriekranke Frauen durch Hypnose von ihren Symptomen zu befreien. Seine Arbeitshypothese: Wenn es den Patientinnen im Trancezustand gelänge, die verborgenen Ursachen ihres Leidens ans Licht zu holen, müßte es gelingen, sie zu heilen - durch einen Prozeß allmählicher Bewußtmachung, die Breuer »Katharsis« (Reinigung) nannte.

Freud war begeistert von Breuers Therapiekonzept, das er bald in seiner eigenen Praxis erprobte. Aus Paris, von einem Studienaufenthalt beim französischen Neurologiepapst Jean-Martin Charcot, hatte er einen Hinweis mitgebracht, der ihm bei der Suche nach den dunklen Hysterie-Ursachen half: Bei der Hysterie, hatte Charcot einmal beiläufig angemerkt, sei »wohl immer Sexualität im Spiel«, ein Gedanke, der auf Freud wie ein Zündfunke wirkte.

Beharrlich »wie ein Polizeiinspektor«, so Autor Webster, fahndete Freud bei seinen Hysterikerinnen fortan nach heimlichen Sexmotiven, die er für die Krankheitsursache hielt. So diagnostizierte er etwa bei einer Patientin, die im tiefenpsychologischen Verhör nervös das Lederbeutelchen auf ihrem Schoß zu kneten begann, deutliche Anzeichen für die Neigung zu exzessiver Masturbation.

Im Mai 1895 publizierte Freud gemeinsam mit Breuer eine Untersuchung ("Studien über Hysterie"), in der die neue Therapiemethode an fünf Fallbeispielen illustriert wurde. Den darin vorgestellten »Forschungs- und Heilergebnissen«, schrieb 1995 »dpa« in einem Jubiläumsartikel, verdanke die Welt »den Weg zu Erkenntnissen, die wie keine anderen im 20. Jahrhundert das Bild vom Menschen beeinflußt haben«.

Soviel Lob klingt für Freud-Kritiker Webster wie Hohn; für ihn gehören die oft als »Urbuch der Psychoanalyse« gerühmten Therapieberichte eher ins Reich der Märchen. Von den fünf in den »Studien« vorgestellten Hysterikerinnen konnte, wie Webster nachweist, keine einzige dauerhaft geheilt werden. Sehr wahrscheinlich, meint er, litten die meisten gar nicht unter Hysterie - sowenig wie jene »Emmy von N.«, die Freud in den »Studien« als Paradefall präsentierte.

Emmy von N., die in Wahrheit Fanny Moser hieß und als Witwe eines Gründerzeit-Industriellen zu den reichsten Frauen Europas zählte, war mit einer Fülle von Beschwerden in Freuds Praxis gekommen. Beim Sprechen etwa entfuhren ihr unwillkürlich ausgestoßene Schnalzlaute, war sie aufgeregt, stoppte ein Stammeln ihren Redefluß. Oft verzerrte ein Muskelzucken ihre Züge, dann wieder riß ein Nackenkrampf ihren Kopf herum.

Freud löcherte die entnervte Patientin mit Fragen nach sexuell getönten, traumatischen Kindheitserlebnissen und entließ sie schließlich als einigermaßen kuriert - dabei hätte er, so Webster, leicht erkennen können, daß Frau Moser am sogenannten Tourette-Syndrom erkrankt war, einem Symptomkomplex, der oft nach einer Hirnhautentzündung auftritt. Das Leiden, schon damals wohlbekannt, ruft exakt die bei der Patientin Moser festgestellten Krankheitszeichen hervor.

Weshalb Freud, als Spezialarzt für Neuropathologie, die naheliegende Diagnose nicht einmal in Erwägung zog, obwohl er den Entdecker der Krankheit, den Franzosen Gilles de la Tourette, persönlich kannte, auf diese Frage weiß Webster nur Antworten, die den Analyse-Gründer in die Nähe der Scharlatanerie rücken.

Freud, vernarrt in die noch ziemlich vage Katharsis-Theorie, schätzt der Brite, habe seine Patientinnen mit dem Tunnelblick des Forschungsfanatikers gemustert, einzig darauf bedacht, das neue Behandlungskonzept zu erproben und durch schnelle Behandlungserfolge bestätigt zu finden.

Daß Freuds Therapieerfolge nur mäßig ausfielen, schadete seinem Ruf als Seelenheiler aber nicht. Während er rastlos am Theoriegerüst der Psychoanalyse bastelte, wuchs sein anfangs kläglicher Patientenkreis beträchtlich an. Um 1900 galt der bärtige Doktor mit dem bohrenden Blick in Wien als Geheimtip für Nervenkranke, die sich von der etablierten Medizin keine Hilfe versprachen.

Damals, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, war die Nervenheilkunde an einem therapeutischen Tiefpunkt angelangt. Hunderttausende von psychisch Kranken vegetierten, nahezu ohne jede Behandlung, in riesigen Backsteinkasernen dahin. Schuld an dem Massenelend, erklärte der französische Psychiater Valentin Magnan, sei ein progressiver Verfall der Erbanlagen, »Degeneration« genannt - ein Horrorbegriff, der sich rasch in den Köpfen rassistischer Reinheitsfanatiker festhakte und im Volk die Furcht vorm sozialen Stigma des Verrücktseins schürte.

Ganz im Gegensatz dazu, meint der kanadische Medizinhistoriker Edward Shorter, verfügte die Psychoanalyse von Beginn an über eine menschenfreundliche »Aura der Fürsorge«. Nichts, betont Shorter, habe der neuen Behandlungsform größeren Zulauf beschert als die intensive Zuwendung, die den Klienten während der langen Therapiesitzungen zuteil wurde.

Besonderen Anklang fand Freud anfangs bei Frauen aus ostjüdischen Migrantenfamilien, die, so Shorter, unter dem verstörenden Zwang litten, »sich rasch den kulturellen Standards Westeuropas anzupassen« - ein Assimilationsproblem, mit dem Freud aus eigenem Erleben bestens vertraut war.

Stets überkamen ihn Magenschmerzen, wenn er, wie jeden Sonntag, seine Mutter Amalie besuchte, die zeitlebens nur Jiddisch sprach und nach dem Wechsel in die Großstadt skurrile Wesenszüge entwickelt hatte. Freud-Vater Jacob, nach Kräften um Integration bemüht, scheiterte dennoch bei allen Versuchen, in Wien eine solide Kaufmannsexistenz zu gründen.

Sein Sohn Sigmund, dem der Aufstieg geglückt war, blieb zerrissen zwischen zwei Welten - ein Zwiespalt, meinte die französische Autorin Marthe Robert, der auch das Lebenswerk Freuds geprägt habe: »Revolutionär«, schreibt sie, sei Freud, »gewissermaßen als Jude des Alten Testaments« gewesen, »konservativ dagegen als halb verbürgerlichter Jude von heute«.

Womöglich war es gerade diese Janusköpfigkeit, die Freud und seinen Lehren um die Jahrhundertwende zum Durchbruch verhalf. In allen Gruppen des Wiener Mittelstands - in der Ärzteschaft, im Journalismus, unter Künstlern und Wissenschaftlern - war der Anteil assimilierter Juden damals enorm gestiegen. Ein Großteil von ihnen kämpfte wie Freud um eine neue Identität - und begrüßte die aufkommende Psychoanalyse als Hilfsmittel zum besseren Selbstverständnis.

Freud, der selbst von vielerlei neurotischen Ängsten geplagt wurde, nicht zuletzt von der Furcht vor dem Rückfall in die Armut, bot sich den verwirrten Seelen als Führer durchs Labyrinth der Psyche an - wobei er sein eigenes Innenleben zur wichtigsten Orientierungshilfe machte.

So spiegelt sich im angeblich universellen Ödipuskomplex, dem zentralen Mythos seiner Seelenlehre, vor allem seine persönliche Familiengeschichte: »Ich habe«, schrieb er 1897, »die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit.«

Sogar seinen Träumen gewann der Tiefenpsychologe allgemeingültige Wahrheiten ab. In seiner 1900 erschienenen »Traumdeutung« - dem ersten großen Kompendium Freudscher Interpretationskunst - offenbarte er einen Trick, mit dem es ihm gelingen sollte, andere von der Richtigkeit seiner subjektiven Einsichten zu überzeugen.

Er müsse, erklärte Freud zu Beginn seiner Traum-Exegese, »den Leser bitten, für eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu versenken«. Nur wer sich die Sicht des Autors ganz und gar zu eigen mache, werde lernen, die »versteckte Bedeutung der Träume« aufzuspüren.

»Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohneweiters in seine Lage zu versetzen«, spottete der österreichische Satiriker Karl Kraus, der Freuds suggestive Überzeugungsarbeit für raffinierte Roßtäuscherei hielt. Doch das Traumbuch, gleichsam eine Sammlung spannender Enthüllungsgeschichten, machte den Verfasser zum Erfolgsschriftsteller.

Daß der Egozentriker Freud darin in der Pose des strengen Naturwissenschaftlers auftrat, dürfte sein Prestige bei der gebildeten Leserschaft noch gesteigert haben. In Wahrheit, behauptet der britische Philosoph John Forrester, habe sich der Wiener Traumdeuter um die Maßstäbe moderner Wissenschaft kaum geschert.

Nie sei es ihm etwa in den Sinn gekommen zu fragen, ob tatsächlich alle Träume eine geheime Botschaft transportieren oder ob Träume wirklich stets dazu dienen, verdrängte Wünsche zu erfüllen. Statt dessen habe er die anhand eigener Träume postulierten Deutungen ohne Umschweife in den Rang allgemeinverbindlicher Naturgesetze erhoben: Für Freud, so Forrester, »stand ein Träumer für alle anderen« - eine Gleichung, die nicht aufgehe.

Nur wenige Leser nahmen seinerzeit Anstoß an Freuds durchweg unterhaltsamen Thesen; eine Ausnahme war der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Der hatte sich darüber gewundert, daß Freud hinter fast allen Traumbildern sexuelle Motive vermutete, nirgendwo aber unverhüllte Sexträume schildert, »obwohl diese doch so verbreitet sind wie der Regen«.

Der Schriftsteller George Orwell zweifelte an der von Freud postulierten »Traumzensur«, die angeblich ungehörige Trauminhalte in weniger anstößige verwandelt. Weshalb, fragte Orwell, sollten wohl im Schlaf gewisse Seximpulse schamhaft kaschiert werden, »über die ich im Wachzustand ohne jede Scheu sprechen würde«?

Freuds nimmermüde Bereitschaft, hinter allen Lebensäußerungen - Träumen, Phantasiegespinsten, Gesten oder Versprechern - eine tiefere, verborgene Bedeutung zu wittern, trägt nach Überzeugung des amerikanischen Literaturwissenschaftlers John Farrell geradezu pathologische Züge. »Das Interpretationssystem der Psychoanalyse«, meint er, beruhe »auf dem paranoiden Grundsatz, daß die menschlichen Motive fast niemals sind, was sie zu sein scheinen«.

Ein tiefes Mißtrauen gegen alles und jeden kennzeichne das Werk wie die Person des Uranalytikers, glaubt Farrell, der Freud eine ausgewachsene Paranoia mit allen typischen Symptomen bescheinigt, darunter Größen- und Verfolgungswahn, Feindseligkeit, extreme Selbstbezogenheit und die Neigung, für eigene Fehler und Schwächen andere verantwortlich zu machen.

Merkmale von Paranoia waren laut Farrell im intellektuellen Klima der Jahrhundertwende allenthalben anzutreffen, in den Romanen Franz Kafkas ebenso wie in den Schriften Friedrich Nietzsches oder den Dramen August Strindbergs. Kein anderer Dichter oder Denker allerdings tendierte zu ähnlich weit ausholenden Größenvergleichen wie Freud, der sich abwechselnd mit Kolumbus und Moses, Kopernikus, Leonardo da Vinci, Darwin, Kepler, Napoleon oder Alexander dem Großen identifizierte - und schließlich sogar mit Göttervater Zeus.

Bei Freud, bemerkt Farrell, sei es »immer nur ein kleiner Schritt vom Lächerlichen zum Erhabenen«. Wie Don Quijote, gleichfalls ein Paranoiker, habe sich Freud in die Rolle eines grandiosen Abenteurers hineingeträumt - nur daß er, anders als der Ritter von der traurigen Gestalt, am Ende als Sieger dastand.

Das war dem Nervenspezialisten, der in der Wiener Berggasse an sechs Wochentagen bis in den späten Abend praktizierte, mit Hilfe eines genialen Schachzugs gelungen. Zu empfehlen, hatte er erklärt, sei die Psychoanalyse nicht so sehr als Therapie, »sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes« - sollte heißen: Jedermann, ob gesund oder krank, könne davon profitieren.

Inneres Wachstum durch gesteigerte Selbsterfahrung lautete fortan die Parole der Freudianer, ein Erfolgsprogramm, das die Psychoanalyse aus dem Ghetto der Krankenbehandlung befreite und ihr zu ungeahnter Breitenwirkung verhalf. Ob sie als Therapie viel taugte, war für Freud seither eher nebensächlich.

Was er von der Heilkraft seiner Methode und seinen neurotischen Klienten hielt, hat er einst seinem Schüler und Freund Sándor Ferenczi anvertraut. »Die Patienten«, meinte er unwirsch, »sind ein Gesindel«, zu helfen sei ihnen ohnehin kaum. Er brauche sie nur, um Geld zu verdienen und um aus ihnen »Material« für die psychoanalytische Theorie herauszufiltern.

Zehn Dollar oder 50 österreichische Kronen pro Stunde, zahlbar in Banknoten und sofort, kassierte Freud von seinen Patienten, damals ein stolzes Honorar. Als dem amerikanischen Freud-Klienten Joseph Wortis das Geld ausging, brach der Meister die Behandlung brüsk ab.

Damals, in den turbulenten zwanziger Jahren, war Freud endlich berühmt: Die Psychoanalyse hatte sich den Ruf einer Befreiungsbewegung erworben, die mit den gesellschaftlichen Tabus der Kaiserzeit rigoros aufräumte - speziell mit den sexuellen Verklemmungen der untergegangenen Epoche.

Im Namen seriöser wissenschaftlicher Aufklärung, meint der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk, habe »der Altmeister der Analyse es fertiggebracht, über so gut wie alle Dinge zu sprechen, über die man nicht spricht«. Den Effekt dieser Grenzübertretung findet Sloterdijk rückblickend revolutionär, aber auch erheiternd: »Es ist«, schreibt er, »als ob in einer feinen Gesellschaft bei Tisch gerülpst würde, und niemand findet mehr etwas dabei.«

Mit seinem akademischen Begriffsfundus hat Freud laut Sloterdijk die Sexualität erfreulich »entdämonisiert«, ihr aber zugleich auch allen erotischen Zauber ausgetrieben. Wenn Freud von »Sexualchemismus« oder vom Orgasmus als »Spannungsabfuhr« rede, sei es, so Sloterdijk, »schwer, nicht an Männer im Bordell zu denken, die bei der XLiebe'' nicht einmal die Hose ausziehen, weil''s ja nur ,Abfuhr'' ist«.

Im Grunde, glaubt Freud-Kritiker Webster, sei die Einstellung der orthodoxen Psychoanalyse zur menschlichen Triebnatur »tief traditionell«. Was Freud nach Ansicht Websters anstrebte, war durchaus nicht wild: Der Analytiker gedachte die ins Unbewußte verdrängten und dort gefährlich rumorenden Triebregungen hervorzulocken, um sie anschließend abermals zu disziplinieren, nun unter der Herrschaft des bewußten Ichs.

Mit diesem Konzept konnten auch bürgerliche Gemüter Frieden schließen, was der Popularisierung der Psychoanalyse sehr zugute kam. Bis zu seinem Krebstod im September 1939 überwachte Freud den Erfolgskurs der Analyse-Bewegung mit eiserner Strenge.

Von Carl Gustav Jung, den er einst als seinen »Kronprinzen« auserwählt hatte, bis zu Mitstreitern wie Ferenczi, Wilhelm Reich, Wilhelm Stekel oder Alfred Adler reicht die lange Reihe der Dissidenten, die Freud unter Schmähungen ("Stekel, das Schwein") aus der psychoanalytischen Gemeinde verstieß. Manche von ihnen verfolgte er über ihren Tod hinaus mit Verachtung und Haß.

Als Adler 1937 gestorben war, wies Freud ein Beileidsschreiben des Schriftstellers Arnold Zweig mit Empörung zurück: »Ihr Mitgefühl für Adler begreife ich nicht«, schrieb er an Zweig, »für einen Judenbuben aus einem Wiener Vorort ist ein Tod in Aberdeen, Schottland, eine unerhörte Karriere und ein Beweis, wie weit er es gebracht hat.« Im übrigen sei Adler »für das Verdienst, der Analyse widersprochen zu haben«, von der Mitwelt »reichlich belohnt« worden.

Mit seinem paranoiden Haß auf alle Abweichler, glaubt Freud-Forscher Farrell, habe der Gründervater die psychoanalytische Bewegung von Beginn an so gründlich infiziert, daß sie leicht daran hätte ersticken können. Daß sie überlebte und prächtig aufblühte, hatte womöglich auch mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen zu tun.

Den Gewaltausbruch vom August 1914 hatte Freud - »Meine ganze Libido gehört Österreich-Ungarn!« - mit patriotischer Begeisterung begrüßt. Später, gegen Ende des Massensterbens, war er mehr denn je von seiner Grunderkenntnis durchdrungen, daß der Mensch von irrationalen Schubkräften durchs Leben und durch die Geschichte gesteuert werde. Nun postulierte er, noch weiter ernüchtert, einen angeborenen »Todestrieb«, der den Homo sapiens jederzeit ins Verderben stürzen könne.

Das klang, in den elenden Nachkriegsjahren, überaus einleuchtend und erst recht überzeugend, als sich in Deutschland der Nazi-Wahn und damit die nächste Kriegskatastrophe zusammenbraute. Daß Hitlers Ideologen Freuds pessimistische Seelenlehre als Auswuchs bürgerlicher Dekadenz verteufelten, steigerte nur das Prestige der Psychoanalyse, jedenfalls im demokratischen Westen.

Dorthin war in den dreißiger Jahren die Elite der europäischen Analytiker geflohen. Im Juni 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich, hatte auch Freud seine Heimat verlassen müssen. Vom Wiener Westbahnhof war er im Orientexpreß über München nach Paris gereist, von da weiter nach London, wo ihn die britische Regierung respektvoll willkommen hieß.

Wie ein Staatsgast war der schon sterbenskranke Flüchtling bei seiner Ankunft auf der Londoner Victoria Station empfangen und durch einen eigens für ihn reservierten Bahnhofausgang zu seiner Limousine geleitet worden. Im noblen Stadtviertel Hampstead, 20 Maresfield Gardens, bezog er bald darauf eine repräsentative Backsteinvilla. Er habe, sagte er beim Einzug, Hitler zu danken für das schöne neue Arbeitszimmer, das er dort vorfand und in dem er fortan illustre Besucher wie Salvador Dalí, H. G. Wells oder Zionistenführer Chaim Weizmann empfing.

Die Mehrheit der prominenten Freud-Schüler war allerdings in die USA emigriert - und in dem Land, das Freud einst nach einem Besuch als »großen Irrtum« geschmäht hatte, mit offenen Armen aufgenommen worden. Die Ankömmlinge, vielfach Koryphäen von internationalem Ruf, wurden, so Medizin-Historiker Shorter, von amerikanischen Freud-Verehrern »wie Stars gefeiert«.

Daß die Emigranten, durchweg Deutsche und Österreicher, englisch meist nur stümperhaft sprachen, schadete ihrem Ansehen kaum. Als der Berliner Analytiker Otto Fenichel vor US-Psychiatern in schauerlichem Englisch einen Vortrag hielt, war das Auditorium einhellig begeistert; das Referat, erinnert sich ein Zuhörer, »wurde von allen bewundert und von keinem verstanden«.

Mit der Unterstützung vor allem jüdischer Sympathisanten gewannen die Freudianer in den USA schnell großen Einfluß. Dabei gelang ihnen, was sie in der Alten Welt nie geschafft hatten: Sie eroberten, innerhalb weniger Jahre, Schlüsselpositionen in den psychiatrischen Kliniken.

Freud, vom Heilnutzen seiner Therapiemethode ohnehin nie sehr überzeugt, hatte sich stets davor gehütet, eindeutig Geisteskranke wie Schizophrene oder Manisch-Depressive zu analysieren. Seine nach Amerika ausgeschwärmten Apostel nahmen auch Psychotiker ins tiefenpsychologische Verhör - laut Shorter oftmals zum Schaden der Kranken wie der psychiatrischen Wissenschaft.

Die war, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, unbeirrt von der Annahme ausgegangen, daß es für schwere Geisteskrankheiten hirnorganische Ursachen geben müsse. Für vordringlich hielten die Psychiater eine möglichst exakte Beschreibung der Krankheitszeichen. Nur so, hofften sie, könne es gelingen, den Auslösern der Wahnkrankheiten auf die Spur zu kommen.

Die Analytiker, geschworene Feinde der »biologistischen« Psychiatrie, hielten nicht viel von den diagnostischen Zettelkästen, die als erster der deutsche Nervenarzt Emil Kraepelin (1856 bis 1926) angelegt hatte. Mit dessen gelehrter Nomenklatur, rügten die Tiefenpsychologen, sei den Patienten schwerlich geholfen; es werde ihnen gleichsam nur ein Schild umgehängt, das sie als hirnkrank abqualifiziere.

Statt dessen verfochten die Freudianer das Credo, im Grunde sei, zumindest zeitweise, jedermann ein bißchen verrückt. Bei den Geisteskranken, meinten sie, trete dieser Zustand nur besonders kraß in Erscheinung. Allemal aber liege die Leidensursache in frühkindlichen Seelenkonflikten, die es im Analyse-Prozeß zu bewältigen gelte - ein Vorhaben, das sie nun erstmals in der psychiatrischen Praxis zu erproben gedachten.

Fortan ging es in der US-Psychiatrie mit der diagnostischen Sorgfalt bergab; die Heilungsquote blieb niedrig wie zuvor. Dafür wurde, wie der New Yorker Psychiater Herman van Praag notierte, in den von Analytikern geführten Kliniken bald zwischen »guten« und »schlechten« Patienten unterschieden: Als gut - gemeint war: therapiefähig - galten in aller Regel jüngere, gebildete Weiße aus der Mittelschicht, die willens und imstande waren, den verschlungenen Gedankengängen der Tiefenpsychologen geistig zu folgen.

Durch den analytischen Rost fielen Farbige, Arbeiter, Alte, Trinker und Demente, für die Begriffe wie Kastrationskomplex oder Narzißmus böhmische Dörfer blieben. Nicht wenige dieser »schlechten« Patienten landeten in den neurologischen Abteilungen, wo sie mit Elektroschocks oder hirnchirurgischen Eingriffen ("Lobotomie") traktiert wurden, bis sie als apathische Seelenkrüppel in ihre Familien zurückkehren durften.

Daß die Analytiker in den geschlossenen Abteilungen auf der Stelle traten, fiel nicht weiter auf. Draußen wuchs ihr Ansehen sogar noch, als sie damit begannen, »aus dem Irrenhaus in die Main Street« umzuziehen, so Medizinhistoriker Shorter: Die Psychoanalyse, konstatiert er, habe Amerikas Psychiatern erstmals eine Chance geboten, sich in freier Praxis niederzulassen, ohne dabei zu verhungern.

Freuds Behandlungskonzept, zugeschnitten auf empfindsame und gebildete Besserverdienende, sicherte den bis dahin eher mäßig bezahlten Nervenärzten eine schöne Einkommensquelle - und einen fast beliebig zu vergrößernden Klientenkreis: Das Angebot der »Shrinks«, der »Schrumpfköpfe«, wie sie bald genannt wurden, richtete sich nicht mehr nur an psychisch schwer Gestörte, sondern auch an leidlich normale, lediglich etwas labile Zeitgenossen.

Um 1960, berichtet Shorter, waren in allen US-Großstädten Analytiker-Praxen so dicht gesät »wie Optikerläden oder Anwaltsbüros«. In Europa, wunderte sich damals der Schweizer Psychiater Henri Ellenberger, »gehen die Leute zum Psychotherapeuten, weil sie krank sind, in Amerika dagegen, weil sie ein Problem haben«. Ellenbergers Erkenntnis: Da jeder irgendwann im Laufe seines Lebens Probleme hat, ist jedermann zumindest Kandidat für einen Platz auf der Couch.

Ein werbewirksames Bild vom Analytiker, einem gütigen Dr. Allwissend, war schon früh von Hollywood-Regisseuren wie Alfred Hitchcock unter die Leute gebracht worden. In seinem Krimi-Klassiker »Spellbound«, der sich um ein verdrängtes Kindheitstrauma dreht, ließ der Meister des »suspense« 1945 einen Tiefenpsychologen Detektiv spielen, der sich, mit Spitzbart und runder Brille, wie ein Freud-Imitator gebärdete.

In Hollywood, dem Land, wo die Neurosen blühn, fanden die Shrinks auch ihre treuesten Kunden. 15 Jahre war Marilyn Monroe bei wechselnden Analytikern in Behandlung, bevor sie 1962 an einer Pillen-Überdosis starb. Zeitweise suchte sie seelischen Halt bei der in London praktizierenden Freud-Tochter Anna. »M. in höchstem Maße selbstmordgefährdet«, lautete deren Diagnose; helfen konnte sie der depressiven Kennedy-Freundin nicht.

Jahrzehntelang ließ sich auch der New Yorker Filmemacher Woody Allen ("Der Stadtneurotiker") analysieren. Der zappelige Kauz, ein kreatives Nervenbündel, empfing auf der Couch außer Seelentrost eine Fülle künstlerischer Inspirationen. Immer wieder illustrierte er in seinen Filmen die komischen Aspekte der analytischen Selbsterkundung - bis er seine frühere Lebensgefährtin Mia Farrow vor sechs Jahren in einen Sorgerechtsprozeß verwickelte.

Vor Gericht enthüllte sich das groteske Bild einer 13köpfigen Großfamilie, die zeitweilig bis zu elf Psychotherapeuten auf einmal beschäftigte. Von den Kindern des Paares, vier eigenen und sieben adoptierten, waren einige seit dem Vorschulalter ständig in therapeutischer Obhut.

Als herauskam, daß Allen von der aus Korea stammenden Adoptivtochter Soon-Yi Nacktfotos angefertigt hatte, erhob sich in den US-Medien ein Sturm der Entrüstung. Er frage sich, schrieb empört der Freud-Kritiker Jeffrey Masson, »worüber Allen und sein Analytiker eigentlich die ganze Zeit geredet haben«. Der schmächtige Regisseur, zum Unhold abgestempelt, hielt den Attacken stand. Inzwischen lebt er mit der über 35 Jahre jüngeren Asiatin in ehelicher Zweisamkeit.

»Wer in die Psychoanalyse eingetaucht ist«, notiert der Zürcher Psychologe Wolfgang Marx, »hat wie Siegfried im Drachenblut gebadet und ist unverwundbar geworden.« Freud hätte den Siegfried aus Manhattan allerdings eher zum freiwilligen Triebverzicht ermahnt. Die Psychoanalyse sollte nach seiner Auffassung nur helfen, die mit solcher Selbstzucht verbundenen neurotischen Nebenwirkungen zu lindern.

Ohne Askese keine Kultur, predigte der Wiener Gelehrte, dessen einziges Laster im hemmungslosen Zigarrenrauchen bestand. »Das Gesindel lebt sich aus, und wir entbehren«, hatte er mit 27 Jahren an seine Braut geschrieben: »Wir heben uns für etwas auf, wissen selbst nicht, für was - und diese Gewohnheit der beständigen Unterdrückung natürlicher Triebe gibt uns den Charakter der Verfeinerung.«

Zeitlebens hat Freud sein aristokratisches Kulturideal verteidigt. Wie konnte sich eine derart elitäre, auf Entsagung pochende Doktrin ausgerechnet in den USA so triumphal durchsetzen - einem Land, in dem der »pursuit of happiness«, das Streben nach dem individuellen Lebensglück, Verfassungsrang besitzt?

Weil die Psychoanalyse in Amerika schnell und gründlich korrumpiert wurde, meint der Soziologe Erich Fromm. Sie lieferte, glaubt er, der amerikanischen Konsumgesellschaft »bequeme Rationalisierungen« - etwa so: »Wenn Neurosen dadurch entstehen, daß Bedürfnisse verdrängt werden oder ihre Befriedigung versagt wird, dürfen Frustrationen unter keinen Umständen geduldet werden.«

In marktfreundlichen Schlußfolgerungen wie dieser sieht Fromm eine »tragische Niederlage« Freuds. Nichts, schätzt er, habe dem Altmeister ferner gelegen, als einer rauschhaft entfesselten Bedürfnisbefriedigung Vorschub zu leisten. Im kapitalistischen Amerika, klagt Fromm, habe die Psychoanalyse endgültig ihre vormals subversive, gesellschaftskritische Potenz verloren - und als Heilmethode ihre Kreativität.

Schmerzlich vermißte etwa der in die USA emigrierte Analytiker Martin Grotjahn die einst »entspannte und freie Diskussionsatmosphäre in den psychoanalytischen Kaffeehäusern von Berlin«. Im amerikanischen Exil, so Grotjahn, hatten sich die straff organisierten Heimatvertriebenen zu »einer Art Leibwache um einen imaginären Freud« formiert und dessen Lehre in ein »furchterregend standardisiertes Produkt« verwandelt.

Unter Aufsicht der Freud-Wächter aus Übersee war die Psychoanalyse in den Nachkriegsjahren nach Europa zurückgekehrt und hatte vor allem in der Bundesrepublik rasch wieder Fuß gefaßt. Mit dem Anspruch, zur Vergangenheitsbewältigung der schuldbeladenen Deutschen beitragen zu können, erwarb sie sich einen moralischen Kredit, von dem sie bis heute zehrt.

Freud, der den Nazis nur knapp entronnen war - vier seiner Schwestern wurden in NS-Vernichtungslagern ermordet -, war sakrosankt in den sechziger Jahren, als Alexander Mitscherlich ("Die Unfähigkeit zu trauern") mit staatlicher Unterstützung das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut ins Leben rief. Die Forschungsstätte, an der unter anderem die psychischen Auswirkungen des Nazi-Terrors studiert werden sollten, wurde zeitweilig zu einem Kristallisationszentrum für kritische Geister wie Jürgen Habermas oder Heinrich Böll.

Viele dieser Freud-Sympathisanten waren Verbündete jener neuen Linken, die sich um 1968 anschickte, den Muff der Adenauer-Ära zu lüften. Die revoltierenden Studenten von damals fanden allerdings mehr Gefallen an dem Orgasmus-

* Mit Elisabeth Shue in dem Film »Harry außer sich«.

Theoretiker Wilhelm Reich, den Freud 1934 als Linksabweichler aus der psychoanalytischen Gemeinschaft verstoßen hatte - und der seine Laufbahn als Regenmacher in der Wüste von Arizona beschloß.

Die Wiederentdeckung des fast vergessenen, genialischen Außenseiters kündigte die Entfaltung der postmodernen Therapiegesellschaft an - »Anything goes": Mach, was du willst, hieß die neue Freiheitsparole. An die 600 Therapie-Institute mit fast ebenso vielen Seelenheilverfahren etablierten sich seither in Deutschland auf dem chaotisch gewordenen Psychomarkt. Die klassische Psychoanalyse, extrem zeitaufwendig und teuer, spielt dort nur eine Nebenrolle.

Dennoch war es, wie Kritiker immer wieder anmerken, Freud, der einst die Pforten zu dem therapeutischen Irrgarten geöffnet hatte, indem er die Grenzen zwi-

* Salvador Dalí: »Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen«, 1944.

schen Gesundheit und seelischer Krankheit konsequent verwischte und jedermann einlud, sich durch analytische Selbsterkundung zu einem souveränen, lebenstüchtigeren Menschen zu mausern.

Das jedoch, moniert der Marburger Psychotherapeut Manfred Pohlen, habe nur zu einer »allgemeinen Pathologisierung des Normalen« geführt und zu einer geradezu totalitären Machtergreifung der Seelenheiler. Heute, so bestätigt der Psychiater Herbert Will, »können wir nur noch den gesund nennen, der nicht ausführlich genug untersucht worden ist«.

Nicht nur der Mitscherlich-Schüler Pohlen glaubt inzwischen, die Zeit sei reif für eine Umkehr: »Das Unternehmen Psychoanalyse«, erklärt er, »hat nach einem Jahrhundert die Seele zu Ende analysiert.« Was mit Freud begonnen habe, ende gegenwärtig in einer »deklamatorischen Betroffenheitskultur«, die im »Pathos der Ergriffenheit« weithin das Denken verlernt habe.

»Wir haben nun seit 100 Jahren Psychotherapie und Psychoanalyse«, meint auch der amerikanische Psychologie-Professor James Hillman, »die Menschen werden immer empfindsamer - und die Welt geht immer mehr vor die Hunde.«

Die manische Beschäftigung mit den Rätseln der Seele, zumal der eigenen, klagt Hillman, habe gerade die kreativsten Köpfe in eine Psychofalle gelockt. »Warum«, fragt er, »sind die intelligenten Menschen, ist die Mittelschicht heute so passiv? Weil alle empfindsamen, klugen Leute in Therapie sind, und das seit 30 Jahren.« Die Folge, laut Hillman: »Unser politischer Verstand entwickelt sich zurück.«

Freud, der gern auch Minister geworden wäre, hatte die Politik nie aus den Augen verloren. In der psychoanalytischen Bewegung sah er stets eine Macht, von der er hoffte, sie werde dereinst auch die Gesellschaft revolutionieren.

Nach dem Umsturz von 1917 in Rußland hatten sozialistische Analytiker versucht, die Lehren von Marx und Freud miteinander zu versöhnen. Noch 1926 gründeten sie in Moskau einen psychoanalytischen Kindergarten, den auch Stalins Sohn Wassilij besucht haben soll.

Vier Jahre später hatte der Diktator die vermeintlich bürgerliche Irrlehre verboten. Erst jetzt kehrt sie zurück: Im Juli 1996 unterzeichnete Präsident Boris Jelzin ein Dekret, das sie als Heilmethode offiziell anerkennt - ein Lichtblick für die bedrängte Analytikerzunft im Westen, der Kritiker wie Pohlen oder Webster einen baldigen Untergang vorhersagen.

Eine Wissenschaft, die auf Kritik und empirische Gegenbeweise so verstockt reagiere wie sonst nur noch die katholische Kirche, werde das 21. Jahrhundert kaum überleben, schätzt Freud-Widersacher Webster. Doch ist die Psychoanalyse überhaupt eine Wissenschaft?

Nur zum Schein und um seiner Lehre Respekt zu verschaffen, vermuten manche Freud-Kenner, habe der Wiener Neurologie-Professor seiner Arbeit einen wissenschaftlichen Mantel umgehängt. In Wahrheit habe er mit seinen farbigen Fallbeispielen und dramatischen Theorien von Vatermord, Inzest und Penisneid moderne Mythen geschaffen - nach dem Vorbild der Alten, die sich Gott und die Welt anhand von Märchen und Sagen erklärt hatten.

Diese Ur-Geschichten bedurften keiner wissenschaftlichen Nachprüfung, sie überzeugten, so Psychologe Marx, allein durch ihre »poetische Wahrheit«, die jedem Zuhörer unmittelbar einleuchtete.

»Der Mythos«, schreibt Marx, »hat sich mit der Psychoanalyse im fortschrittsbesessenen und mythenfeindlichen 19. Jahrhundert eine ökologische Nische geschaffen, aus der er durch die Naturwissenschaften bisher nicht hat vertrieben werden können. Dort sitzt er noch, gewissermaßen in beständigem Belagerungszustand, aber noch keineswegs erschöpft.«

* Mit dem Bildhauer Oscar Némon, 1931.* Mit Elisabeth Shue in dem Film »Harry außer sich«.* Salvador Dalí: »Traum, verursacht durch den Flug einer Bieneum einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen«, 1944.Ehrgeiz und Sendungsbewußtsein waren die Triebfedern des WienerGurusBeharrlich fahndete Freud bei seinen Patientinnen nachheimlichen Sexmotiven»Es ist, als ob bei Tisch gerülpst würde, und niemand findetmehr etwas dabei«Die Freudianer verfochten das Credo, im Grunde sei jedermannein bißchen verrückt»Worüber haben Allen und seine Analytiker eigentlich die ganzeZeit geredet?«

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