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Haiti Katz und Maus mit Uncle Sam

Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 42/1993

Keine Brise kommt vom Meer, doch die Schnapsfahnen wehen auch bei Windstille. Der feiste, hellhäutige Attache und seine schwarzen Jünger haben die Nacht an der Hafenmole von Port-au-Prince verbracht, ohne daß ihnen der Vorrat ausgegangen wäre: Um neun Uhr früh, zwei Stunden schon brennt die Sonne, stinken sie weithin nach Rum und Schweiß und Clairin.

Neben dem Lastwagen, der vor dem Pier als Barrikade dient, erheben sich mehrere Gestalten. Sie sind verblüfft, daß sich direkt vor ihnen, offenbar ahnungslos, zwei Weiße befinden. »Weg von hier!« brüllt einer. Schon nähern sich bedrohlich mehrere Schläger. Ungemütlich aber wird es, als der Attache die Pistole entsichert.

Behende gelangen die beiden Fremdlinge in ihren Pajero-Geländewagen, der sogleich von einem halben Dutzend Lümmeln mit Fausthieben und Fußtritten gezüchtigt wird. Als der Vierradantrieb einrastet, ist der scharfe Knall der Pistole zu vernehmen; Korditgeruch dringt durch den Fensterspalt ein. Der Attache hat nur lässig übers Autodach geschossen, die psychologische Wirkung ist gleichwohl stark; eilig hüpft der Pajero über Schlaglöcher und Pfützen der Uferpromenade.

Das war am Dienstag. Reporter hatten ein seltenes Schauspiel zu registrieren: wie ein Schiff der US-Kriegsmarine, mit über 200 Soldaten und Offizieren an Bord, von einer halben Hundertschaft besoffener Haitianer daran gehindert wurde, in Port-au-Prince zu landen.

Hatte nicht Bill Clinton in einer Rede vor der Yale University, seiner Alma mater, Haiti in einem Atemzug mit Bosnien und Somalia als weltwichtigen Krisenherd identifiziert?

Nun dümpelte die U.S.S. »Harlan County« - Symbol der Impotenz - drei Meilen vor dem Hafen, sichtbar für die ganze wie ein Amphitheater am Berghang ausgebreitete Hauptstadt Haitis.

Der feiste Attache, der beim Anblick von Journalisten die Pistole entsichert, ist kein Diplomat. Attaches heißen hier die bewaffneten Typen in Zivil, die der Polizei (und somit den Militärs) zugeordnet, eben attachiert sind. Es sind die Erben der sinistren Tontons Macoutes aus der Ära Duvalier. Zehntausende davon soll es geben; die meisten haben weder einen Beruf, noch empfangen sie Gehalt. Gegen bar erledigen die Attaches die Drecksarbeit der Militärs. Ansonsten sind sie Selbstversorger mit polizeilicher Immunität.

Derzeit ist es Aufgabe der Attaches, im Volk jede aufkeimende Hoffnung zu ersticken. Sie müssen prügeln, schießen, Angst verbreiten, wenn zu befürchten steht, daß die Bevölkerung aus irgendeinem Grunde Hoffnung auf Veränderung schöpfen könnte, auf ein Ende dieser anarchischen Diktatur.

Hoffnung darf vor allem nicht sichtbar werden. Wenn die Amerikaner das Regime unter Druck setzen, wenn eine US-Intervention möglich, die Rückkehr des Präsidenten Jean-Bertrand Aristide denkbar wird: Dann gilt es, die Massen unter Kontrolle zu halten, sie in ihre Häuser zu verbannen, Demonstrationen zu verhindern. Attache-Arbeit.

Am Marche-de-fer war letzte Woche zu beobachten, wie das geht. Einzelhändler und Bäuerinnen, die gerade ihre kleinen Stände aufbauen wollten, wurden mit Eisenstangen davongeprügelt. Unlängst schafften es die Attaches sogar, einen »Generalstreik« zu inszenieren: Kein Mensch wollte streiken in Portau-Prince, doch als Händler brutal niedergemacht, als in Ladengeschäfte hineingeschossen wurde, als Busse und buntbemalte »Tap-taps« von Maschinenpistolen angerotzt wurden, da erstarb jeder Widerstand, und in Portau-Prince herrschte Todesstille. Eine Stadt mit leeren Straßen; feuchtglänzender Asphalt, durchstreift von räudigen Hunden.

Die dennoch aufkeimende Hoffnung der Haitianer hatte sich ein Motto gegeben in den letzten Wochen, ein Motto, das zur Melodie eines schönen alten Films paßt. »Ein Schiff wird kommen . . .« Ja, ein erstes Schiff aus Virginia würde kommen, mit einer Ladung von Amerikanern und Kanadiern unter der Uno-Flagge. Und dann weitere Schiffe, mit noch mehr Amerikanern und Kanadiern und Franzosen, und die würden in dieser Terror- und Elendsrepublik betreiben, was die USA in ihrer zuversichtlichen Art »nation building« nennen.

Die Weltmachtpräsenz sollte vor allem die Einhaltung des von Bill Clinton erzwungenen Kompromisses garantieren: Der 1990 als Befreiungstheologe und Verbalrevolutionär gewählte, 1991 von Oberschicht und Militärs als gefährlicher Chaot gestürzte Präsident Aristide würde am 30. Oktober 1993 als geläuterter und marktwirtschaftlich orientierter Versöhner nach Portau-Prince zurückkehren; die Militärs ihrerseits (so verlangt es das Abkommen von Governor's Island) würden von Aristide gleichsam blanko für alle ihre Untaten amnestiert. Der Armeechef, Generalleutnant Raoul Cedras, und sein mächtiger Polizeichef Michel Francois würden dafür bis Freitag letzter Woche in den vorzeitigen Ruhestand treten.

Nichts ist daraus geworden. Die Militärs klammern sich an die Macht, sie spielen Katz und Maus mit den Amerikanern. Drei Lastwagen voll pistolenschwingender Attaches mit blutunterlaufenen Augen und wankendem Schritt genügten, um die Hoffnungsvision zu zertrümmern. Ein Schiff wird kommen - und wieder abdrehen: Die »Harlan County« blieb beim Anblick des Mobs gelähmt wie ein Elefant vor einem bellenden Dackel; das Schiff ging vor Anker, aber drei Meilen vor dem Ziel - und blieb nur einen Tag. Als es am Horizont verschwand, triumphierten die Attaches über eine Weltmacht.

Könnte es sein, daß Haitis Offiziere mit Kokain aus Kolumbien nicht nur Schmuggel treiben, sondern ihn auch konsumieren? Beim Anblick von Generalleutnant Raoul Cedras erscheinen solche Spekulationen nicht abwegig. Der Mann bewegt sich langsam, steif, roboterhaft, er wirkt geistesabwesend.

Bemerkenswert aber, wie geschickt Cedras (ein Mulatte und Aufsteiger aus der Provinz) das US-Schiff zum Anlaß nahm, Gefahr für die Souveränität Haitis auszurufen - obwohl er selbst den Pakt unterzeichnet hatte, der die Entsendung der »Harlan County« erst ermöglichte. Die Offiziersehre von Cedras scheint den Wortbruch vorzuschreiben.

Vertragswidrig auch Cedras' Argument, daß es nicht Sache der Streitkräfte Haitis sei, die Landung des Schiffes zu garantieren: Dessen Schicksal liege in der Hand des zivilen »Empfangskomitees« und falle nicht in die Zuständigkeit der Generäle.

»Nicht zuständig?« höhnt Dante Caputo, der in Haiti die Vereinten Nationen vertritt. Schmächtig und elegant, mit gelber Gesichtsfarbe und traurig herabhängendem Schnurrbart, verkörpert der einstige Außenminister Argentiniens eine melancholische Skepsis, der Sarkasmus nicht fremd ist: »Herr Cedras scheint auch sonst für nichts zuständig zu sein in seinem Land. In wessen Zuständigkeit fallen dann die verschiedenen Leichen, die uns hier während der letzten Monate untergekommen sind?«

Caputo bebt vor Wut. Aber er verbirgt den wahren Grund seines Ärgers. Hier oben im üppigen Petionville, hoch über Port-au-Prince, hat der Beauftragte des Uno-Generalsekretärs von der Hotelterrasse aus die Umkehr der »Harlan County« beobachten können, diese Umkehr, die aussieht wie ein Rückzug der letzten Supermacht - oder wie der Abgang eines Teenagers, dem der Ferienjob keinen Spaß macht.

Doch Caputo läßt seinen Ärger lieber am vertrauten Feind aus. »Natürlich übernimmt General Cedras nicht die Verantwortung für die Sicherheit des Hafens«, erklärt Caputo wegwerfend. »Er kennt ja auch sonst keine Verantwortung. Aber er täuscht sich, wenn er glaubt, mit seinem Vertragsbruch durchzukommen. Wir bescheren den Generälen Uno-Sanktionen, die sie nicht überstehen werden.«

Doch die Zeit wird knapp, um Haiti noch zu bewahren vor dem Amoklauf in die völlige Anarchie. Robert Malval, der machtlose Premierminister des Exilpräsidenten Aristide, sieht das Abdrehen der »Harlan County« in seiner Symbolik als Katastrophe: »Aus dem Boot der Hoffnung ist ein Narrenschiff geworden, das kampflos hinterm Horizont verschwindet und nichts als Enttäuschung zurückläßt.«

Die Lippen Malvals beben, weil er mit schierer Willenskraft einen Sprachfehler unter Kontrolle hält, aber ihr Zittern könnte auch andere Ursachen haben. Der Mann ist ein Unikum in Haiti: vom Vater her Mitglied der Mulatten-Oberschicht, von seiten der Mutter arabischer Abstammung; von Beruf Drucker, aber auch Leitartikler seiner eigenen Zeitung; als Geschäftsmann und Familienvater ohne Makel. Nicht einmal die übliche Mätresse wird ihm nachgesagt.

Robert Malval war 26 und Student in Paris, als dort der Mai '68 sein prägendes Erlebnis wurde. »Ein bißchen Idealismus ist bei mir wohl hängengeblieben«, sagt der Premierminister mit scheuer Selbstironie. Das ist noch untertrieben: Robert Malval weiß, daß seine Überlebenschancen nicht sehr hoch sind als Regierungschef eines Landes, das seit Jahren in der Gewalt von uniformierten Verbrechern ist.

In seiner kleinen Villa hat der Premier notgedrungen auch seinen Amtssitz, und die Leibwache ist erschreckend dürftig. Für einen Attache wäre es leicht, eine Granate zu plazieren.

»Ich kann nicht ausschließen, daß ich meinen Versuch der nationalen Versöhnung mit dem Leben bezahle«, sagte Robert Malval am Mittwoch letzter Woche. Nur 28 Stunden vergingen, bis sein Justizminister Guy Malary und zwei Leibwächter bei der Kirche Sacre-Coeur mit Maschinenpistolen erschossen wurden. Der Mord trug die Handschrift der Attaches. Y

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