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LEHRER Kaum geeignet

Experten rechnen bis zum Ende des Jahrzehnts mit 150 000 arbeitslosen Lehrern. Die Chancen, statt beim Staat woanders unterzukommen, sind schlecht. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Auf der Tageskarte der Kneipe in der Bremer Neustadt wird nichts Besonderes angeboten: Baguette mit Kräuterbutter, Lauchsuppe, Salate. Speziell sind nur die Qualifikationen der Köchin. Sie ist Lehrerin mit Staatsexamen in Politik und Geschichte. Derzeitiger Stundenlohn: 10 Mark.

Auf sieben Mark netto pro Stunde bringt es eine Hauptschullehrerin im niedersächsischen Buchholz. Sie arbeitet als Pförtnerin in einem Industriebetrieb und prüft statt Englisch oder korrektem Felgaufschwung Dienstausweise und Besucherscheine.

Fachfremde Jobs für Hochschulabsolventen, die oft sieben Jahre Ausbildung hinter sich haben - das ist schon fast alltäglich. Die meisten, die in den vergangenen Jahren aufs Lehramt hin studierten, machen nicht das, wofür sie ausgebildet worden sind, wenn sie überhaupt was machen.

Ende vergangenen Jahres registrierten die Behörden rund 35 000 arbeitslose Schulmeister, doppelt so viele wie 1981, und die Tendenz ist steigend. Für 1990 rechnet das Institut für Weltwirtschaft in Kiel mit rund »150 000 arbeitslosen Lehrern« - selbst »bei optimistischen Annahmen«.

Zum Einstellungstermin in diesem Frühjahr bewarben sich bundesweit 12 364 Gymnasiallehrer um die 569 offenen Beamtenstellen - nur 4,6 Prozent mit Erfolg. Im Frühjahr 1982 wurden immerhin noch 15 Prozent der Bewerber angestellt.

Bei den Haupt- und Realschullehrern ist das Dilemma ähnlich. So stellte etwa der Regierungspräsident in Darmstadt vergangenen Sommer von 1694 Bewerbern ganze neun ein. Das Kieler Kultusministerium strich den Grund-, Haupt- und Realschulen des Landes zum neuen Schuljahr 266 Planstellen ersatzlos.

Zwar rechnen Lehrerverbände und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Kultusministern der Länder unentwegt vor, daß in der Bundesrepublik rund 150 000 Lehrer fehlen. Elternvereinigungen und Philologenverband beklagen »massiven Unterrichtsausfall«. Doch was Bedarf ist und was nicht, richtet sich danach, was die Finanzminister bezahlen können - nicht danach, was pädagogisch sinnvoll und wünschenswert wäre.

Den Ländern ist längst das Geld ausgegangen, um weitere Planstellen einzurichten. Mangels Masse in den öffentlichen Kassen wurden im vergangenen Jahr sogar 6000 solcher Stellen abgebaut. Und die Tatsache, daß wegen der anrückenden geburtenschwachen Jahrgänge die Schülerzahlen bald drastisch absacken werden, fördert noch die allgemeine Zurückhaltung. Statt elf Millionen wie 1980 werden sich 1990 nur noch sieben Millionen Pennäler auf den Schulweg machen.

Daß die Lage für Tausende von Lehrern schier aussichtslos ist, haben sich viele von ihnen freilich auch selber zuzuschreiben. Unbekümmert drängten die Studenten noch ins Lehramt, als schon jedermann klar war, daß Angebot und

Nachfrage aus dem Gleichgewicht geraten waren. Noch 1977 wählten 20 Prozent der Abiturienten den einst so sicheren Brotberuf. Allmählich ebbte der Ansturm ab; gegenwärtig wollen nur noch knapp zehn Prozent Lehrer werden.

Damit sich der Trend nicht schon bald wieder umkehrt, sind die Kultusminister bestrebt, die Ausbildungskapazitäten abzubauen. Nordrhein-Westfalen plant, in der Lehrerausbildung tausend Stellen für Hochschulpersonal zu streichen, in Niedersachsen soll die Zahl der Studienplätze für Grund- und Hauptschullehrer um 55 Prozent auf 1000 reduziert werden.

Wo die bereits ausgebildeten Pädagogen unterkommen sollen, weiß niemand. Weil auf »absehbare Zeit keine Maßnahmen« in Betracht kommen, die »die Haushalte der Länder zusätzlich belasten«, möchte Nordrhein-Westfalens Kultusminister Jürgen Girgensohn künftig die »knapper werdende Arbeit auf mehr Bewerber verteilen«.

Girgensohns Vorschlag: Gutverdienende Beamte sollen eine Stufe tiefer als bisher besoldet werden. Schon »bei einer Stunde weniger Arbeit und einem Gehaltsverzicht von vier Prozent«, rechnet der Sozialdemokrat, könnten allein an den Schulen Nordrhein-Westfalens »6000 arbeitslose Junglehrer eingestellt werden«.

Was jedoch dem Bildungspolitiker als solidarischer Akt eines Berufsstandes vorschwebt, ist für den GEW-Vorsitzenden Dieter Wunder schlicht Abbau des »sozialen Besitzstandes«; dagegen will sich die Gewerkschaft »mit allen Mitteln wehren«.

Zwar setzt auch Wunder auf eine »Umverteilung der Arbeit«, wie sie etwa die rheinland-pfälzische Landesregierung als Bundesratsinitiative eingebracht hat: Mehr Teilzeitarbeit, flexiblere Beurlaubung und frühzeitige Pensionierung sollen den festgeschriebenen Stellenkegel erweitern. Doch anders als Girgensohn plädiert die GEW nur für »solidarische und freiwillige Maßnahmen«, die »den Besitzstand« der beamteten Lehrer nicht schmälern.

Solidaritätsbekundungen halten sich bislang in Grenzen. Von den rund 27 000 vollzeitbeschäftigten Lehrern in Rheinland-Pfalz etwa ließen sich zu Beginn des Schuljahres lediglich 335 auf eine Dreiviertelstelle und nur 101 auf eine halbe Stelle setzen, um Platz für arbeitslose Kollegen zu machen.

Ausweichmöglichkeiten für studierte Lehrer sind rar. In der Wirtschaft konkurrieren sie mit arbeitslosen Fachkräften - meist chancenlos.

Wie schwer es Pädagogen in der Industrie haben, belegt eine Umfrage der GEW bei großen deutschen Firmen. »Die Lehrerausbildung für allgemeinbildende Schulen enthält kaum Ausbildungselemente«, findet beispielsweise der VW-Konzern in Wolfsburg, »die für die Wirtschaft geeignet sind.«

Firmen wie Ford, Salzgitter, Neue Heimat oder Lufthansa sehen kaum oder gar keine Chancen für eine Beschäftigung. »Aufgrund der zu stellenden Berufsanforderungen«, beschied die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft, sehe das Kreditinstitut »außerordentlich selten Übereinstimmung mit dem Studiengang des Lehrers«.

Daß Pädagogen trotzdem vereinzelt in der Industrie einen Job finden können, demonstriert die »Fachvermittlung für besonders qualifizierte Fach- und Führungskräfte« des Arbeitsamtes Frankfurt. Seit zwei Jahren schult die Arbeitsvermittlung Gruppen von Lehrern zu Organisationsprogrammierern um, von denen bislang rund zwei Drittel auch eine Arbeitsstelle gefunden haben.

Wieweit Versuche solcher Art der Industrie generell schmackhaft zu machen sind, testet seit Februar das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. In einem Modellversuch werden rund fünfzig Lehrer ein Jahr in verschiedenen Firmen zu Sachbearbeitern im Einkauf, Vertrieb oder als Sekretärin getrimmt - für 1500 Mark brutto im Monat und ohne Zusage auf Weiterbeschäftigung.

Die Aussicht, daß die Wirtschaft den öffentlichen Dienst mit derartigen Projekten nennenswert entlasten kann, schätzt die Wirtschaft allerdings nicht hoch ein. In einem internen Papier rechnet das Institut damit, daß allenfalls zehn Prozent der arbeitslosen Akademiker auf solche oder ähnliche Weise zu einer Beschäftigung kommen können.

Auch bei Lehrern ist eine weitere Lehre nicht sonderlich populär. Der Berufsstand, ergab eine Studie des Kieler Weltwirtschaftsinstituts, sei »nur schwer für alternative Tätigkeiten zu gewinnen. Der Absprung in die private Wirtschaft fällt ihnen schwer, weil sie dort meistens relativ weit unten anfangen müssen«.

Dauerarbeitslosigkeit ist folglich in vielen Fällen programmiert, zumal die beschäftigten Kollegen noch recht lange auf ihren Planstellen hocken werden: Drei Viertel der insgesamt 600 000 Lehrer an allgemeinbildenden Schulen sind jünger als 45 Jahre, die Hälfte ist nicht einmal 35.

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