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REPTILIENFONDS Kayser-Manöver

aus DER SPIEGEL 24/1960

Der Vortragende Legationsrat 1. Klasse

Günter Diehl, bis vor kurzem noch 1. Botschaftsrat im fernen Santiago de Chile, seit sechs Wochen Chef der Auslandsabteilung des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung in Bonn, hat an seinem neuen Arbeitsplatz Gelegenheit zur Lektüre von Akten, die zu dem Vertraulichsten gehören, was es in Bonn gibt: Er studierte, auf welche Weise bestimmte Gelder aus dem Haushaltstitel 300 des Presseamts ausgezahlt wurden, der »zur Verfügung des Bundeskanzlers für Förderung des Informationswesens« bestimmt ist.

Was mit dem Geld aus dem Titel 300 - in diesem Jahr sind dafür 13 Millionen Mark ausgewiesen - im einzelnen geschieht, ist so vertraulich, daß nicht einmal der Bundestag die Ausgaben prüfen darf, obgleich einem Sonderausschuß des Parlaments sogar Einblick in die Ausgaben des Bundesnachrichtendienstes unter General a. D. Gehlen gestattet worden ist. Den Titel 300 dagegen kontrolliert allein der Präsident des Bundesrechnungshofs.

Der neue Auslandsabteilungs-Leiter Diehl hingegen hat sich nach seinem Amtsantritt davon überzeugen müssen, daß sein Amtsvorgänger, Dr. Ernst Kayser, offenbar keine allzu bürokratischen Maßstäbe anlegte, wenn es zu bestimmen galt, ob eine Zahlung aus dem Titel 300 der »Förderung des Informationswesens« dient und somit zulässig ist.

Nun wäre es freilich falsch, daraus zu schließen, daß Dr. Ernst Kayser, 61, auf dem Gebiet des Informationswesens ein Neuling ist. Er ist alter Journalist, und 1942 war er mit journalistischen und anderen Spezialaufgaben in das französische Kollaborationszentrum

Vichy beordert worden, wo er mit zahlreichen Persönlichkeiten Kontakt fand, die heute wieder in der Politik aktiv sind.

Nach dem Krieg hatte Kayser in der amerikanischen Zone zunächst Schwierigkeiten mit der Entnazifizierung. Obwohl er wegen seiner Vergangenheit eigentlich Differenzen mit den Franzosen hätte befürchten können, wandte er sich doch nach dem französisch besetzten Mainz, seiner Heimatstadt, von wo er in das gerade entstehende Bundespresseamt empfohlen wurde.

Aufgrund seiner gallischen Erfahrungen und Beziehungen übernahm Kayser 1953 das Frankreich -Referat des Bundespresseamts. Er zog seinen CV-Bruder und Leibfuchs Dr. Hans Stercken, einen Archäologen, ins Amt nach, der Chef des Frankreich -Referats wurde, nachdem Kayser zum Leiter der Auslandsabteilung avanciert war.

Zu den ausländischen Informationspersonen, an die zu Kaysers Zeiten Geld aus dem Geheimtitel 300 ausgezahlt wurde, gehört an hervorragender Stelle ein in Paris lebender Ostemigrant namens Victor Koutzine, der mit dem Erscheinungsort Genf einen Pressedienst »Information Européenne« in Umlauf setzt.

Victor Koutzine ist eine Entdeckung des zu seinen. Lebzeiten ständig auf Nachrichtenfang bedacht gewesenen Staatssekretärs im Bundeskanzleramt, Dr. Otto Lenz. Presseamts-Mitarbeiter wissen sich noch der Anweisungen aus dem Bundeskanzleramt zu entsinnen dem Pariser Informationsträger Koutzine ohne weitere Begründung »für polit. Geheiminformationen« jeweils Beträge von mehreren tausend Mark anzuweisen.

Als Lenz starb, wurde Koutzine von den Presseamtsfunktionären Kayser und Stercken übernommen. So leichtgläubig wie der dahingeschiedene Lenz war auch die Auslandsabteilung des Bundespresseamts, bis einer der Pariser Geheimberichte zufällig an einen wirklichen Ostexperten geriet. Der Experte erinnerte sich, den gleichen Bericht im Rahmen der allgemeinen polnischen Presseauswertung bereits sechs Monate früher an das Bundeskanzleramt gegeben zu haben. Dort war er allerdings nicht gelesen worden. Seit jenem Tage wurden die Koutzine-Dossiers von der »Geheiminformation« zur »Hintergrundinformation« degradiert. Das Geld erhielt Koutzine aber weiter aus dem Titel 300.

Koutzines Quelle versiegte erst kürzlich, als ein leitender Bonner Diplomat zufällig einen sein Ressort betreffenden Koutzine-Bericht in die Hände bekam. Er schickte das Dossier als »absolut blödsinnig« an das Auswärtige Amt, das dann auch nachwies, aus welcher Ostblockzeitung der Geheimbericht stammte. Seitdem ist der Posten Koutzine gestrichen. Die Quittungen, die dem Bundesrechnungshof zugingen, weisen Zahlungen an Koutzine von fast 100 000 Mark aus.

Natürlich zahlte die Auslandsabteilung des Bundespresseamts auch Gelder aus, die segensreichen Zwecken dienten, wenn auch für den Laien nicht immer sogleich zu erkennen war, weshalb diese Aufwendungen im Interesse der Bundesrepublik lagen. In Genf beispielsweise kassierte ein Mann aus dem Titel 300 fünfstellige Beträge für die Herausgabe einer Zeitschrift, mit der eine Aktion zur Sicherung von Kindern aus gefährdeten katholischen Ehen in Frankreich finanziert werden soll.

Auch ein politisch so dubioser Mann wie der ehemalige Leiter der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« (KgU), Ernst Tillich, zapfte - wenn auch unter komplizierten Bedingungen - Geld aus dem Titel 300 ab. Er war im April 1958 als KgU-Chef zurückgetreten; zunächst erhielt er ein Salär aus amerikanischer Kasse und bemühte sich daran anschließend vergebens, neue Gelder aus dem Ministerium für gesamtdeutsche Fragen zu erhalten. Der mittellose Tillich hatte in einem »Kölner Kreis« eine sogenannte »Internationale Freundesgruppe« zusammengefaßt, die er, wie aus einem vertraulichen Tillich-Brief hervorging, aus dem Hintergrund zu leiten gedachte.

Um Tillichs ausländischen Freundeskreis für die Bundesrepublik zu erhalten, wurde ein »Europäischer Studienkreis für Ostfragen« konstituiert und vom Presseamt aus dem Titel 300 finanziert. Für diverse Tagungen dieses Kreises mit Bundeswehroffizieren gab es rund 10 000 Mark. 2000 Mark wurden für ein Publikationsorgan bewilligt, das Tillich redigierte. Erst mit dem Haushaltsjahr 1959 liefen diese Gelder für KgU -Tillich aus, nachdem das gesamtdeutsche Ministerium beim Bundespresseamt interveniert hatte. Heute arbeitet Tillich als Buchhalter für geringen Sold in einer niedersächsischen Firma.

Wenn durch derartige Kayser-Manöver auch manche Mark aus dem Titel 300 »zur Förderung

des Informationswesens« in trüben Quellen versickerte, so wäre es doch falsch, derartige Affären zu verallgemeinern.

Anderes Geld wurde gut angelegt, gelangte es doch an Personen, über die der Bundespressechef Felix von Eckardt ein - positives - Urteil haben durfte, weil sie ihm persönlich bekannt oder mit ihm verwandt sind Dazu zählt etwa ein amerikanischer Kulturoffizier namens Zitron, der in der ersten Nachkriegszeit dem damaligen Chefredakteur des »Weser-Kurier« in Bremen, Felix von Eckardt, verbunden war; heute gibt Zitron - seit langem demobilisiert - einen Pressedienst heraus, der ohne die Förderung des Eckardtschen Bundespresseamts nicht so gut hätte gedeihen können.

Eine entfernte Verwandte Eckardts, eine Berliner Baronin, förderte längere Zeit das Informationswesen dadurch, daß sie für 800 Mark monatlich jeweils zwei außenpolitische Artikel verfaßte, die das Amerika-Referat des Bundespresseamts zu seinen Akten nahm.

Während Legationsrat Diehl sich nun in weniger eindeutige Zahlungsanweisungen aus der Zeit seines Amtsvorgängers vertiefen mußte, gab der nach Paris versetzte. Dr. Ernst Kayser in Bonn ein Abschiedsessen und reiste nach Paris ab, wo er die ehemalige Saarländische Botschaft als Residenz bezog, um in Frankreich für die deutsche Sache zu werben. Als Diplomat steht ihm dafür nicht mehr der Titel 300 des Bundespresseamts, sondern nunmehr der Titel 315 (Politische Öffentlichkeitsarbeit) des Auswärtigen Amtes zur Verfügung.

Diehl

Tillich

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