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OSTDEUTSCHLAND »Kein '89 ohne '68«

Werner Schulz, 51, ostdeutscher Bürgerrechtler und bündnis-grüner Bundestagsabgeordneter, über das Jahr 1968 im Osten und die andauernde deutsch-deutsche Sprachlosigkeit
Von Christoph Mestmacher und Hartmut Palmer
aus DER SPIEGEL 12/2001

SPIEGEL: Herr Schulz, die Debatte um die Vergangenheit der 68er findet ohne die ostdeutschen Bürgerrechtler statt. Warum schweigen Sie?

Schulz: Wann und mit wem Joschka Fischer gefrühstückt hat oder ob Jürgen Trittin einen Fingerabdruck auf dem Mescalero-Aufruf hinterließ, dazu hatten wir historisch wirklich nichts zu sagen. Es gibt bei uns ein starkes Unbehagen über die Art und Weise, wie die Debatte über die 68er geführt wird. Leider wird die andere Seite von 68 ausgeblendet.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?

Schulz: Vielleicht liegt es daran, dass ost- und westdeutsche 68er jeweils das erreicht haben, was sie eigentlich nicht wollten. Die Westlinken träumten von einer Revolution und haben eine gesellschaftliche Reform bewirkt. Wir Dissidenten hingegen wollten eine Reform des Sozialismus und haben eine Revolution ausgelöst, die Europa bis heute verändert.

SPIEGEL: Ohne Steine und Gewalt ...

Schulz: ... also: Ich habe, um das gleich zu sagen, auch Steine geworfen. Allerdings auf sowjetische Panzer, die 1968, Richtung Prag, durch Zwickau rollten. Aber das hat im Westen keiner mitbekommen. Wir kannten die Bilder aus dem Westen, zum Beispiel dieses berühmte Spruchband »Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren«. Aber das Transparent, das im Juni 1968 in Leipzigs Kongresshalle runtergelasen wurde, das kennt im Westen niemand.

SPIEGEL: Was hatte es damit auf sich?

Schulz: Auf diesem Plakat wurde während eines Festaktes der Wiederaufbau der Universitätskirche von Leipzig gefordert, die Walter Ulbricht hatte sprengen lassen. Was meinen Sie, was da los war, wie das provoziert hat. Aber die Bilder unseres Protestes landeten in den Archiven der Stasi, nicht in Zeitungsredaktionen.

SPIEGEL: Wie haben die Bilder der Westrevolte auf Sie gewirkt?

Schulz: Mir hat das imponiert. Diese Respektlosigkeit, diese frechen Diskussionen im Westfernsehen, das Aufmüpfige meiner Altersgenossen. Als dann allerdings Molotow-Cocktails flogen und die »Rote Armee Fraktion« auftauchte, war ich sehr irritiert.

SPIEGEL: Was hat die Irritation ausgelöst?

Schulz: Ich dachte mir: Mein Gott, haben die nicht mitbekommen, dass die Rote Armee den Prager Frühling niedergewalzt hat. Molotow-Cocktails? Ja sind wir denn im Krieg, was läuft dort? Und es gab einen weiteren gewaltigen Unterschied in meinen Augen. In Westdeutschland haben in dieser Zeit die Kaufhäuser gebrannt, in Prag brannte der Student Jan Palach. Das war eine ganz andere Art von Widerstand. Die Selbstverbrennung Palachs auf dem Wenzelsplatz in Prag war eine Anklage gegen die massive Unterdrückung! Und dennoch haben die Anfänge der westdeutschen 68er und deren friedliche Protestformen auch für uns eine große Rolle gespielt.

SPIEGEL: Die in Ostdeutschland damals illegale Kopie des westdeutschen Lebensstils mit langen Haaren, Jeans und Rolling- Stones-Platten?

Schulz: Keine Kopie. Es ging uns auch um dieses Lebensgefühl. Mich hat am Prager Frühling der Aufbruch nach Westen fasziniert. Sie können sich das nicht vorstellen, aber als ich in Prag war, gab es plötzlich amerikanische Filterzigaretten, Jeans und den SPIEGEL zu kaufen.

SPIEGEL: Es war nicht der Aufbruch in den neuen Sozialismus?

Schulz: Nein, es war vor allem die offene Atmosphäre. In Prag standen 1968 Stühle auf dem Bürgersteig, und wir redeten offen miteinander. Ich musste mich in Prag mit meiner Meinung nicht mehr verstecken! Das erhoffte ich mir für die DDR. Es war wirklich Frühling! Als die Rote Armee das niederwalzte, war für mich Pumpe!

SPIEGEL: Pumpe?

Schulz: Schluss. Aus. Adieu Utopie, und zwar 1968.

SPIEGEL: Markiert also die Niederwalzung des Prager Frühlings für Sie die Spaltung von Ost- und Westlinken?

Schulz: Ja. Die Solidarität blieb aus, die es ansonsten für alle Unterdrückten von Persien über Kuba bis Vietnam gab. Und das kann nicht nur daran liegen, dass sich Ho-Ho-Ho-Tschi-minh leichter skandieren ließ als Du-Du-Dubcek.

SPIEGEL: Wollte die Westlinke die Wahrheit über den Sozialismus nicht wissen?

Schulz: Das ist so. Man hat miteinander geredet, aber aneinander vorbei.

SPIEGEL: Woher kommt das?

Schulz: Vermutlich kann man sich das Leben in einer Diktatur nicht vorstellen. Es ist eben ein Unterschied, ob man in einer Demokratie Flugblätter verteilt oder in einer Diktatur. Die Geschwister Scholl sind in der Nazi-Zeit zum Tode verurteilt worden - für Flugblätter. In der DDR stand darauf zwar nicht die Todesstrafe, aber Bautzen.

SPIEGEL: Aber auch die Westlinken sind gegen die Nazi-Vergangenheit ihrer Eltern auf die Straße gegangen.

Schulz: Umso unfassbarer ist es für mich, dass sie die DDR nicht als das sahen, was sie war, nämlich als eine Diktatur. Es hätte ihnen auffallen müssen, dass dieser Staat DDR wie ein Konzentrationslager von Mauer, Stacheldraht, Wachtürmen und Todesstreifen umgeben war.

SPIEGEL: Sie reden wie der ehemalige ZDF-Journalist Gerhard Löwenthal. Für den war die DDR auch immer eine Art KZ, und er hat Willy Brandts Ostpolitik bekämpft. War die Ostpolitik ein Fehler?

Schulz: Nein, nein, ich bewundere Brandt dafür, und sie war gewiss kein Fehler. Aber ich beurteile Löwenthal anders als ein Westlinker. Er war kein Karl-Eduard von Schnitzler mit seinem »Schwarzen Kanal«, sondern er hat über die Repressionen in der DDR zutreffend berichtet. Das wollten etliche Westlinke offenbar nicht sehen.

SPIEGEL: Und deahalb halten Sie die immer noch für borniert?

Schulz: So einfach ist das nicht. Unser »89« wäre ohne das West-»68« nicht zu erklären. Aber die Westlinken haben ihren Anteil an der Beseitigung der deutschen Teilung bis heute nicht kapiert, sonst hätte es den Slogan »Deutschland halt's Maul« nicht gegeben. Zu viele haben nicht gemerkt, wie sehr das kulturelle 68 im Westen uns Dissidenten im Osten beeinflusst und motiviert hat.

SPIEGEL: Warum dauert das Unverständnis bis heute an?

Schulz: Manchmal glaube ich, wir Bürgerrechtler kamen und kommen den »Revolutionären« aus dem Westen zu harmlos vor, ohne ideologischen Überbau. Gleichzeitig spüre ich aber auch so etwas wie Schicksalsneid.

SPIEGEL: Neid auf die ostdeutsche Revolution?

Schulz: Ich habe das bei Jutta Ditfurth gespürt, diesen Neid auf eine Widerstandsvita: Ihr Ossis hattet die Chance auf eine echte Revolution, aber ihr wart so blöd, die Macht aus den Händen zu geben. Wenn wir aus dem Westen das gemacht hätten, hätten wir es denen mal richtig gezeigt.

SPIEGEL: Wie haben Sie geantwortet?

Schulz: Bei einer Diskussion habe ich ihr gesagt: Du musst dir nur die Helden der RAF angucken, dann ahnst du, wo du vielleicht gelandet wärst. Die sind dann im Osten in Plattenbauten aufgeflogen, als Genossen im Untergrund der sozialistischen Produktion. INTERVIEW:

CHRISTOPH MESTMACHER, HARTMUT PALMER

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