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»Kein Blut und keine Tinte«

aus DER SPIEGEL 22/1973

Wann, wo und wie er getötet hat, ließ sich auch nach 54 Sitzungstagen nicht feststellen. Von zwei der vier Frauen, wegen deren Tod er angeklagt war, fehlt sogar jede Spur. Dennoch ist Arwed Imiela, 43, am Donnerstag letzter Woche in Lübeck als vierfacher Mörder zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden.

In seinem Schlußwort hatte er noch einmal seine Unschuld beteuert: »Ich habe nicht getötet. Ich habe keine Leiche beseitigt. Ich habe keine Urkunde gefälscht. An diesen Händen klebt, so wahr ich Arwed Imiela heiße, kein Blut und keine Tinte.« Dennoch erhob sich nach dem Spruch des Lübecker Schwurgerichts keine Stimme, die das Urteil verdächtigte, ein Fehlurteil zu sein.

Die Verurteilung Arwed Imielas als Mörder tragen -- da zwei von vier Leichen fehlen und weil über das Wann, Wo und Wie der Tötungen nichts festzustellen war -- allein Indizien: Beweise also, die wie etwa Blutspuren. Vorgänge auf Bankkonten, Fingerabdrücke. Handschriften oder Tatwerkzeuge der sachverständigen Sicherung. Interpretation und Darstellung bedürfen. Und sogar derartige Indizien machte im Fall des Arwed Imiela nur die Überzeugung des Schwurgerichts tragfähig, kein anderer denn der Angeklagte komme als Täter in Betracht.

Derart begründete Urteile garantieren in der Regel einen Platz in der Galerie jener Kriminalfälle. die hinsichtlich der Schuld oder Unschuld der Delinquenten ewig umstritten bleiben. Der Indizienbeweis, sosehr ihn die Praktiker des Strafprozesses dem Zeugenbeweis vorziehen, ist in den Schatten von Gutachterkatastrophen geraten. Und was die Überzeugung der Schwurgerichte angeht, so wurde zumindest der Ein-

* Am Donnerstag letzter Woche im Schwurgerichtssaal in Lübeck.

druck begünstigt, sie schöpften diese mitunter allzu unbeschwert aus der Summe der Hauptverhandlung.

Arwed Imiela wird dennoch keinen Platz in der Galerie der auf ewig umstrittenen Kriminalfälle finden. Nicht Zweifel an Arwed Imielas Schuld, sondern die Gesetze, nach denen das Lübecker Schwurgericht über diese zu befinden hatte, machen den Fall Arwed Imiela bedeutsam:

Wie soll sich der eines Kapitalverbrechens Schuldige dem Strafgericht unter der Drohung der lebenslangen Freiheitsstrafe stellen?

In den ersten Wochen nach Arwed Imielas Verhaftung am 23. April 1970 überschlug sich »die Schnelljustiz des Deutschen Zeitungsgerichtshofs« (SPIEGEL 19/1970). Noch bevor der zunächst wegen Verdachts der Untreue und Urkundenfälschung Inhaftierte erfahren hatte, daß er nunmehr auch des Mordes verdächtigt werde, stellte ihn die Münchner »Abendzeitung« per Bild und Schlagzeile als »Blaubart von der Ferieninsel« vor.

»Bild« reicherte die Mord-Story fleischlich an·. »Bei seiner Freundin sonnte er sich nackt.« Das »Hamburger Abendblatt« bescherte eine Persönlichkeitsanalyse: »Aalglatter Typ mit protzigem Auftreten, der offenbar gar keinen Hintergrund. gar keine menschliche Umgebung hat.« Der »Stern« fragte: »War Imiela auch ein Ostagent?« Und die »BZ« in West-Berlin schloß ihren Verlagsort an die Kriminalaffäre im meerumschlungenen Schleswig-Holstein mit der Zeile an: »Blaubart tötete seine Opfer im Haus einer Berlinerin«

Die Zahl von vier mutmaßlichen Imiela-Opfern schien unzureichend: Bis zu 16 unaufgeklärte »Frauenschicksale« wurden zur Vergrößerung der Strecke ins Gespräch gebracht. Eine besondere Tat gelang dem Lübecker Regierungskriminalrat Otto Eggerstedt, dem Leiter der Ermittlungen gegen Arwed Imiela, als er Anfang Mai 1970 bekanntgab, Arwed Imiela sei nunmehr als Mörder »überführt« und diese Sache fortan nicht mehr als »ein Aktenfall«.

Das Ergebnis derartiger Vor-Verurteilungen konnte nur äußerste Skepsis sein. Und als am 9. Oktober 1972 in Lübeck die Hauptverhandlung gegen Arwed Imiela begann, da war zugunsten des Angeklagten nun auch noch zu berücksichtigen, daß er inzwischen angeblich längst »überführt« -- zweieinhalb Jahre in Untersuchungshaft hatte verbringen müssen.

Als gegeben war zu Beginn der Hauptverhandlung nicht mehr als die Tatsache des Verschwindens von vier Frauen anzuerkennen, die zuletzt in engeren Kontakt zu Arwed Imiela gestanden hatten. Die Situation des Angeklagten Arwed Imiela schien nicht hoffnungslos, zumal ihm in den Lübecker Rechtsanwälten Karin Pohl-Laukamp und Uwe Becher zwei Verteidiger zur Seite standen, die sich sorgfältig vorbereitet hatten.

Konzentriert, ohne Aggressivität und darum besonders wirkungsvoll, setzte sich die Verteidigung während der ersten Prozeßwochen mit den Zeugen und Sachverständigen auseinander. Sie tat das allerdings mit einem schweigenden Mandanten im Rücken: mit einem Mandanten, der am ersten Sitzungstag erklärt hatte, er werde zur Anklage Stellung nehmen, sobald er sich an die Situation im Gerichtssaal gewöhnt habe. Mit jedem Tag, den Arwed Imielas Schweigen andauerte, wurde diese Erklärung zu einer ärgeren Hypothek.

Als er sich am 25. Sitzungstag zum Reden entschloß, hatte sich seine anfänglich nicht aussichtslose Situation durch sein allzu langes Schweigen schon beträchtlich verschlechtert. Als er gar am 30. Sitzungstag zum Angriff überging und seine ehemalige Verlobte verdächtig zu machen suchte, war der Prozeß weit vor dem Urteil entschieden. Von nun an stellte sich nicht mehr die Frage, ob Arwed Imiela im Sinne der Anklage ein vierfacher Mörder ist. Es war nur noch zu fragen. warum Arwed Imiela vier Frauen getötet hat -- und wieso ihm überhaupt vier Frauen zum Opfer fallen konnten.

Arwed Erich Imiela wurde am 7. Oktober 1929 unweit von Köslin in Pommern geboren. »Mein Lebenslauf selbst ist kein Schmuckblatt«, sagt er in Lübeck über seine Biographie und fügt hinzu: »weder für mich noch für die Gesellschaft.« Die unruhigen Zeitläufe, der Krieg und die Nachkriegszeit beschweren seine Entwicklung. 1936, er ist damals sechs Jahre alt, lassen sich seine Eltern scheiden. Er nennt diese Scheidung rückblickend »das markanteste Erlebnis meiner Kindheit«.

Die Scheidung habe ihn »schwer belastet«, sagt er. Und er fügt ein Beispiel an: »Warum hat nicht dein Vater unterschrieben?« habe man ihn -- er blieb nach der Scheidung bei der Mutter -- gefragt, wenn er ein unterschriebenes Zeugnis vorzuzeigen hatte, »Das tut weh«, meint er, und man kann dieses Beispiel nicht als Wehleidigkeit abtun; es ist fraglos eine Chiffre für den Schock der Scheidung seiner Eltern.

Als zweites entscheidendes »Negativerlebnis« seiner Kindheit sieht Arwed Imiela an, daß ihm die Mutter nicht erlaubte, das Gymnasium zu besuchen. Der Vater habe zahlen wollen, die Lehrer seien dafür gewesen, doch die Mutter habe das Sorgerecht gehabt. Dreizehn Jahre ist Arwed Imiela alt, als die Mutter wieder heiratet und ihm einen Stiefvater ins Haus bringt« mit dem er -- im Gegensatz zu seiner Schwester -- nicht auskommt.

Der Stiefvater hat eine »grobe Hand«. Arwed Imiela deutet an, daß er gequält worden ist. Weihnachten 1942 besucht er den Vater, um sich auszusprechen. »Wenn du zu deinem Vater fährst, brauchst du nicht wiederzukommen«, wird er verabschiedet. Arwed Imiela irrt in den Jahren seiner Pubertät zwischen Vater und Mutter hin und her, wird zeitweise bei einer Tante untergebracht und landet endlich in einer Verwaltungslehre in Berlin.

Auch nach dem Kriegsende, vor dem er noch ins Wehrertüchtigungslager kommt, setzt Arwed Imiela seine Irrfahrt zwischen Vater und Mutter fort. Als er zur Tante will, die noch in Köslin leben soll, wird er aufgegriffen und von den Polen in ein Arbeitslager gesteckt, aus dem er nach einem Jahr fliehen kann. Er geht zur Mutter nach Westdeutschland. nach zwei Monaten zum Vater nach West-Berlin, kehrt wieder zur Mutter zurück. Versuche, die Verwaltungslehre fortzusetzen, scheitern. »Da ist für Sie gar nicht daran zu denken«, habe man ihn abgewiesen. Die Kriegsversehrten hätten Vorrang gehabt.

Er muß nun irgendwo unterkommen im Leben, Arbeit und Menschen finden. Doch in den Jahren, in denen er zwischen Vater, Mutter, Stiefvater und anderen Verwandten auf der Suche nach Geborgenheit umherirrte (zwischen seinem sechsten und seinem fünfzehnten Lebensjahr also), ist zwischen dem Arwed Imiela, der er sein könnte, und dem Arwed Imiela, der er ist, eine Kluft aufgebrochen. Die zu überwinden, fehlt es ihm an jenem Gefühl für sich selbst. das ihn befähigen würde, die Auseinandersetzung mit der Realität aufzunehmen: Er hat sich nicht als ein Ich, als eine eigene, zu entdeckende und zu entwickelnde Person erleben können.

In Düsseldorf, auf dem Höhepunkt der Schwarzmarktjahre, verfügt er plötzlich über falsche Papiere. Er heißt nun Detlev-Klaus Holm-Menhardt. Seine eigene, demolierte Biographie gibt ihm keinen Halt, und so hat er sich eine gefälschte, bessere angeschafft. Er ist jetzt nicht 1929, sondern 1921 geboren, ein junger Mann in den besten Jahren. Man hat ihn nicht auf das Gymnasium gelassen, doch Detlev-Claus Holm-Menhardt verfügt natürlich über das Abitur, und er ist auch schon Junglehrer und besitzt sogar ein Diplom. Zum ersten Male versucht Arwed Imiela, er ist gerade 17 Jahre alt, eine Welt zu errichten, in der er das ist, was er sein könnte -- hätte er eine Kindheit gehabt, die ihm zu sich selber Mut machte, und eine Ausbildung. die seiner Intelligenz entspricht.

Der Versuch scheitert. Als Arwed Imiela einen Düsseldorfer Bekannten in Niedermarsberg im Sauerland besucht. bricht die Währungsreform herein. Er muß bei dem Bekannten unterkriechen, da er nicht gemeldet ist und keine D-Mark bekommt. Er heiratet die fünfzehnjährige Tochter des Bekannten, die ein Kind -- von einem anderen -- erwartet. Niedermarsberg, klagte Arwed Imiela in Lübeck, sei schon in der Hitler-Zeit ein Notstandsgebiet gewesen.

Arwed Imiela schlägt sich als Hilfsarbeiter durch. Er handelt sich 150 Mark Geldstrafe für einen krummen Handel mit Kupferplatten ein, ist arbeitslos, muß von 18 Mark 20 Stempelgeld in der Woche leben. Die Ehe wird nach anderthalb Jahren geschieden. Arwed Imiela lernt die acht Jahre ältere Ilse Müssener kennen und heiratet sie. Sie meint, er sei genauso alt wie sie, denn er heiratet sie ja als der 1921 geborene Detlev-Claus Holm-Menhardt.

Nun versucht er sich als Schriftsteller. Er will für den NWDR gearbeitet haben, zu einer »Autorenkonferenz« eingeladen worden sein. Gesendet worden sei von seinen Manuskripten freilich nichts. Was er Anfang der fünfziger Jahre alles treibt, bleibt im dunkeln. War er »Ostagent«? Er reist viel, auch als Vertreter. Schließlich gründet er ein eigenes Unternehmen, das mit dem Slogan »Tausend erstklassige Chancen zu vergeben« lockt. Ausgerechnet der Mann, der sich zwischen Sein und Schein verirrt hat, dem es nicht gelingt zu existieren -- bietet erstklassige Chancen an.

Im August 1952 wird Detlev-Claus Holm-Menhardt verhaftet, die falschen Papiere platzen, und seine Frau erfährt, daß sie Imiela heißt und mit einem acht Jahre jüngeren Mann verheiratet ist. Arwed Imiela wird wegen fortgesetzten Betruges -- mit seiner Tausend-Chancen-Gründung -- zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gericht hält es zuvor für angezeigt, ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Das Gutachten ist dubios, brutal, ein Schock für den Begutachteten. Es enthält Sätze, von denen er in Lübeck sagt, daß sie ihn verwundet, mit Haß erfüllt haben. »Nur was man ihm hundertprozentig nachweisen kann, gibt er zu«, heißt es in dem Gutachten.

Ilse Imiela, geborene Müssener, wartet auf ihren Mann, während er seine Strafe verbüßt. Als er nach Niedermarsberg zurückkehrt, wird nach und nach alles anders: Arwed Imiela hat die Astrologie entdeckt. Er liest und studiert, er legt eine Prüfung vor dem Astrologenverband ab und darf ein Schild an die Wand hängen, das ihn als »Diplom-Astrologen« ausweist. Die finanzielle Lage bessert sich, wenn sie auch unübersichtlich bleibt. Nach und nach kommt zu der astrologischen Beratung der Kundschaft auch eine Vermögens- und Anlageberatung.

Mit falschen Papieren hat sich Arwed Imiela eine eigene Welt nicht schaffen können. Die Schriftstellerei war seine Sache nicht Als Unternehmensgründer kollidierte er mit dem Strafgesetz. Die Astrologie jedoch -- war ein ideales Feld für ihn. Für den Astrologen ist Geheimnis, Dunkel und ungreifbares Gleiten durch die Zeit eine Voraussetzung seines Wirkens. Daß er nicht zu fassen ist, wird man ihm nicht vorwerfen. Er gilt etwas, ohne seine Geltung beweisen zu müssen. Wer von ihm enttäuscht ist, hat ihn nicht zu deuten verstanden. Daß seine Welt eine andere als die reale ist, versteht sich.

Arwed Imielas Begegnung mit der Astrologie ist der Wendepunkt seines Lebens. Er erlebt ihn ohne Distanz -- geschweige denn Ironie -- als Erfüllung, als Überwindung der Realität, von der er sich bedroht fühlte, weil er sich ihr nicht stellen konnte. Die höheren Weihen, derer er nun teilhaftig ist, entrücken ihn der Welt, die ihn nicht sein ließ, in der er nichts war. Er bestimmt jetzt, was ist und was nicht ist. Die Sterne sprechen durch ihn. Ihn quält nun nicht mehr die Kluft zwischen Sein und Schein. Diese Kluft gibt es für ihn nicht mehr. Er ist Arwed Imiela, der notwendig Geheimnisvolle, nicht zu Fassende. Sein Defekt ist nun seine Leistung.

Arwed Imiela steigt aus der Welt, die wir erleben, aus: Die Astrologie hält sie ihm an. Doch die Astrologie ernährt Arwed Imiela auch höchst irdisch. Er baut sie zu einem kleinen Gewerbe aus. Für 22 000 Mark erwirbt er einen Schreibautomaten, der Horoskope spucken kann. Er hat dabei keine Skrupel. Dutzendschicksale sind mit Dutzendware gut bedient. Es ist jetzt immer Geld da, doch es fehlt andererseits auch immer Geld. Komplizierte Kredit- und Darlehensnetze tragen die Praxis. Im Schwurgerichtsprozeß in Lübeck ist es trotz angestrengter Mühe nicht gelungen, ein leidlich klares Bild von Arwed Imielas wirtschaftlichen Verhältnissen in der Zeit vor seiner Bekanntschaft mit den vier Frauen zu gewinnen, wegen deren Tötung er verurteilt worden ist.

Er will beträchtliche Eingänge schwarz kassiert haben. Für den Ausgang seines Strafverfahrens ist das wichtig. Seit 1963 habe er laufend Geld aufgenommen, hält man ihm vor: »Das ist doch nicht nötig, wenn man, wie Sie sagen, laufende Einnahmen hat Doch um Arwed Imiela ist Dunkel, solange nicht er bestimmt, daß Licht wird. Was veranlaßt ihn 1967. seine Bindung an die Ehefrau Ilse nach siebzehn Jahren aufzulösen und Niedermarsberg zu verlassen?

Die Bindung an seine zweite Frau sei nicht so sehr sexueller Art gewesen, sagt er in Lübeck: »Ein lieber Kerl.« Auch wurde ja nur die Ehe geschieden. Eine nahe Beziehung bestand weiterhin. Die Hypothek, als Vorbestrafter in einem sauerländischen Dörfchen zu leben, in dem nichts vergessen wird, habe ihn bedrückt.,. Meinem Naturell entspricht eine gewisse Unruhe ... Ich bin etwas temperamentvoller gewesen.«

Er ist 38 Jahre alt, als er seine zweite Ehe beendet. Gereist ist er schon in den vergangenen Jahren immer öfter, am liebsten im Sportwagen. Auch gejagt hat er in Niedermarsberg als Mitglied des Hegerings. Jetzt bekommt sein Leben einen schärferen, aufwendigeren Zug. Ilse Müssener, geschiedene Imiela, war wohl die einzige, die ihm so weit ein menschliches Gegenüber, ein Partner war, als er das überhaupt zuließ. Die ehelichen Beziehungen wurden »ab und an getrübt«, wie sie in Lübeck als Zeugin aussagt, »durch andere Damen«. Warum die Ehe geschieden wurde? »Er hat gesagt, er möchte gerne alleine sein und sein Leben alleine führen, wenigstens eine Zeit mal.«

Annemarie Schröder, die Frau eines Frankfurter Kaufmanns, bestellte auf eine Annonce hin ein Horoskop bei Arwed Imiela, zu dessen Erstellung sie ihm zahlreiche Auskünfte geben mußte. 1967 traf sie ihn zum erstenmal. 1968 wurde die Ehe der Schröders geschieden. Annemarie Schröder blieben 50000 Mark Bargeld. Schmuck im Wert von 50000 Mark, 150000 Mark Beteiligung an einer Kommanditgesellschaft, auch behielt sie die gemeinsam bewohnte Villa in Langen bei Frankfurt, die 150 000 Mark wert war. »1968 mußte ich die Villa meiner Frau räumen, weil Herr Imiela einzog«, hat der Kaufmann Schröder zu Protokoll gegeben, bevor er 1971 starb.

Er sagte weiter: »Auch nach unserer Scheidung rief ich meine Frau öfter an. Aber jedesmal verwies sie mich an Imiela und sagte: »Alle Fragen mußt du künftig mit Arwed besprechen. Vorher war Annemarie eine selbstbewußte, intelligente und energische Geschäftsfrau. Seit der Zeit mit Imiela erkannte man sie einfach nicht wieder.«

Vom Januar 1969 an war Annemarie Schröder dann auch einfach nicht mehr aufzufinden. Arwed Imiela schildert sie in Lübeck als eine Geschäftsfrau« die »täglich hundert neue Ideen« hatte. Und auch seine Beziehungen zu Annemarie Schröder »waren rein geschäftlicher Natur«. Er habe sie lediglich als Astrologe beraten: »Sie hatte ganz erhebliche Schwierigkeiten familiärer. beruflicher und finanzieller Art.« Nie habe er intimen Kontakt mit Annemarie Schröder gehabt. Zu dem Frauenarzt Dr. Wagner, der in Lübeck als Zeuge gehört wird, soll Annemarie Schröder allerdings über Arwed Imiela gesagt haben: »Er ist ein toller Mann. Ich bin ihm völlig erlegen.«

Arwed Imiela beharrt, er habe lediglich als Lebensberater für ein Monatsgehalt von 2500 Mark in Annemarie Schröders Diensten gestanden. Ihre Villa habe sie ihm vermietet. Nur um für ihn zu kochen, habe auch sie weiter in der Villa gewohnt. Schließlich verkauft Annemarie Schröder sogar die Villa und löst ihren gesamten Hausstand auf, um zu Arwed Imiela zu ziehen, der einen Bungalow auf der Insel Fehmarn gemietet und dort auch eine Jagd gepachtet hatte. Gleichzeitig gibt auch Annemarie Schröders Mutter, Anna-Maria Kieferle, Haus und Hausstand in Geislingen auf, um zu ihrer Tochter und Arwed Imiela nach Fehmarn zu ziehen. Sie wird zuletzt im Dezember 1968 gesehen.

1969 ist Arwed Imiela, was Mutter Kieferle und Tochter Schröder angeht. nur noch als deren Generalbevollmächtigter und damit beschäftigt, wie er in Lübeck berichtet, ihnen Post an Nachsendeadressen zu schicken. Er kann also gelegentlich eines Hasenessens, das er am Abend des 21. Februar in seiner inzwischen angemieteten Hochhauswohnung in Reinbek bei Hamburg gibt, die damals 24 Jahre alte Ulrike Roland kennenlernen, die ein Gast mitgebracht hat. Ulrike Roland ist von Arwed Imiela beeindruckt: »Einmal die ganze Erscheinung von Herrn Imiela, weil er nämlich sehr groß ist und auch nicht schmächtig.« Vor allem aber beeindruckt Arwed Imielas zurückhaltende Art, mit der er Ulrike Roland gegenüber »die Würde einer Frau« respektiert. In einer »sehr, sehr netten Form« fragt Arwed Imiela schon bei der zweiten Begegnung mit Ulrike Roland, ob sie ihn heiraten will. Sie will.

»Ich wußte eben, daß er Astrologe ist«, doch viel mehr wußte sie nicht von ihrem Verlobten. Sein Büro habe Arwed Imiela verschlossen gehalten, nicht aus Mißtrauen, wie er ihr erklärt habe, sondern weil es sich doch um sehr persönliche Dinge handle. Ulrike Roland wohnt bei Arwed Imiela im Hochhaus. Im Wohnzimmer hängt das Bild einer blonden Frau an der Wand, »auf klassisch gemalt«, so daß Ulrike Roland das Alter der porträtierten Dame nicht schätzen kann. Nur den Vor-, nicht den Familiennamen der blonden Frau verrät Arwed Imiela: »Angélique«. Angélique sei bei einem Autounfall umgekommen. Er sei mit ihr verlobt gewesen, und sie hätten miteinander in einem Bungalow bei Frankfurt gelebt. In den Schränken der Hochhauswohnung findet Ulrike Roland viele Kleider der dahingeschiedenen Angélique, und als erstes probierte sie ein erdbeerfarbenes.

Oft verreist Arwed Imiela. Er deutet an. er sei im Geheimdienst tätig. Einmal schickt er eine Karte aus Meran und teilt mit, wann er aus Nordvietnam zurückkehren wird. Ein andermal läßt er wissen, er müsse sich in Frankfurt einen Lungensteckschuß operieren lassen. Ulrike Roland hat eine Tante, die Ilse Evels heißt. Die Tante ist reich, seit ihr durch den Unfalltod ihres Mannes Geld zufloß. Mit Urte, der Tochter der Tante, verträgt sich Ulrike Roland nicht gut. Urte ist als Kind oft krank gewesen und deshalb »verzogen« worden. Auch die Tante entwickelt unangenehme Charakterzüge, seit sie zu viel Geld gekommen ist.

Einmal, als sie die Tante besucht, begleitet Arwed Imiela sie. Er führt keine »Bla-Bla-Unterhaltung« mit der Tante. Die Tante erzählt verärgert von einem Zahlungsbefehl, den sie bekommen hat. Arwed Imiela bietet seine Hilfe an. Fortan ist Arwed Imiela öfter bei der Tante. Und mitunter, etwa wenn er mit seiner Verlobten Ulrike zu einem »jagdlichen Schießen« geht, nimmt er auch ihre Kusine Urte mit.

Bald kommt Ulrike Roland die Kusine Urte »angenehm verändert« vor. Mehr, als daß die Kusine unverhohlen für Arwed Imiela »schwärmt«, bemerkt Ulrike Roland, offenbar geschmeichelt von dieser Schwärmerei für ihren Verlobten, nicht. Andererseits ist sie aber auch betroffen darüber, daß ihr Verlobter ihr gegenüber nun gelegentlich ein »äußerst verletzendes Verhalten« an den Tag legt; daß er ihre »Moral im großen und ganzen« anzweifelt und sich dabei auf Behauptungen über ihren Lebenswandel vor der Bekanntschaft mit ihm bezieht, die Kusine Urtes Mutter, die Tante Ilse Evels, aufgestellt haben soll.

Im Herbst 1969 muß Ulrike Roland sogar alles, was ihr in der Hochhauswohnung in Reinbek gehört, zusammenpacken und zu ihren Eltern zurückkehren. Sie sträubt sich gegen diese Trennung für eine Art Probezeit. nach der »dann ein neuer Anfang sein sollte«. Als sie gepackt hat, bringt ihr Arwed Imiela einen kleinen Buddha und anderes, was sie vergessen hat. Sie beklagt, daß buchstäblich jede Spur von ihr ausgeräumt wird: »Das sieht ja aus, als ob ich gestorben wäre.« Am 17. Dezember 1969 endet die Trennung.

In die Hochhauswohnung in Reinbek zurückgekehrt, entdeckt Ulrike Roland einiges. was nach ihrer Überzeugung der Tante gehört, einen Barschrank beispielsweise. Arwed Imiela begehrt zunächst auf: »Ja, wer sagt dir denn, daß das der Barschrank deiner Tante ist? Meinst du denn, daß ein solches Stück so einmalig ist!« Später erklärt er, er habe der Tante die Sachen abgekauft, weil sie ihm gefielen und weil die Tante Ohnehin dabei war, ihren Hausstand aufzulösen. Die Tante wolle auf Reisen sehen.

Die Tante und die Kusine müssen wohl schon auf Reisen sein, denn zuletzt hat Ulrike Roland mit ihrer Tante Ilse Evels Anfang Oktober -- am Telephon -- gesprochen. Das Reisen der Tante und der Kusine bürdet Arwed Imiela, der inzwischen auch der Generalbevollmächtigte von Ilse Evels ist, einiges auf. Besondere Mühe hat er mit Herrn Wabnitz von der Kreissparkasse in Celle. Von dem hat Ilse Evels schriftlich verlangt, er solle ihr Effektendepot im Wert von 150 000 Mark auf ein Konto ihres Generalbevollmächtigten Arwed Imiela übertragen.

Herr Wabnitz sträubt sich aus einem »gewissen Gefühl« heraus, verlangt, daß Ilse Evels zu ihm komme. Sie kommt indessen nicht, sie ist ja auch mit ihrer Tochter Urte auf Reisen. Statt des Besuchs von Ilse Evels erhält die Kreissparkasse Celle immer barschere Aufforderungen des Generalbevollmächtigten Arwed Imiela auf Übertragung der Effekten. Die Kreissparkasse stellt Nachforschungen an, erstattet schließlich Anzeige wegen Betrugsverdacht.

Das Strafverfahren gegen Arwed Imiela hat begonnen. Kurz nach seiner Verhaftung im April 1970 findet man in einer Ludergrube. die er im Gebiet der von ihm gepachteten Jagd auf Fehmarn angelegt hat, zwei zerlegte, unvollständige weibliche Körper, die von Ilse Evels, 47, und Urte Evels, 20. Nun geht es um Mord.

Die Urteilsgründe, die Frau Christa Heimann-Schlotfeldt, die Vorsitzende Richterin im Schwurgerichtsprozeß gegen Arwed Imiela, am Donnerstag vergangener Woche, dem 55. und letzten Sitzungstag, 195 Minuten lang -- bis zur Erschöpfung ihrer Kräfte -- vorträgt, sind überzeugend und frei von jedem Unterton eines eifernden Willens zur Überführung um jeden Preis. Es ist möglich, daß Frau Heimann-Schlotfeldt im Verlauf dieser besonders schwer zu leitenden Hauptverhandlung formale Fehler unterlaufen sind, die der -- von der Verteidigung bereits angekündigten -- Revision zum Erfolg helfen müssen. Diese Möglichkeit mindert die Überzeugungskraft der mündlichen Urteilsbegründung nicht im geringsten.

Zweifel sind immer nötig, doch gelegentlich ernähren sie nur die Gazetten. Der Schwurgerichtsprozeß gegen Arwed Imiela hinterläßt nicht Zweifel an der rechtlichen Qualität und menschlichen Sauberkeit des Urteils, mit dem er endete, sondern Verzweiflung angesichts dessen, was die lebenslange Freiheitsstrafe aus den meisten Strafverfahren macht, in denen es um von ihr bedrohte Kapitalverbrechen geht. Die Vollstreckung der lebenslangen Freiheitsstrafe bedeutet den Tod auf Lebenszeit (siehe Seite 80). Doch bevor auf sie erkannt, bevor sie vollstreckt wird, ruiniert die unblutige Guillotine den Versuch, die Tatsachen zu erkennen, über die zu urteilen ist.

Was anders kann der Mensch tun. der wegen Mordes angeklagt und schuldig ist, als seine Tat leugnen? Zum Bekenntnis zur Mordtat gehört unter der Drohung

Die des Mordes Angeklagten, die uneingeschränkt bekennen und die Folge des Bekenntnisses, die lebenslange Freiheitsstrafe, in vollem Bewußtsein auf sich nehmen, sind die Ausnahme und fast schon Märtyrer der Schuldfähigkeit des Menschen. Die Regel sind das verzweifelte, das panische oder dumpfe Leugnen -- und der Versuch, sich als krank, als für seine Tat nicht verantwortlich darzustellen.

Wie wäre der Schwurgerichtsprozeß gegen Arwed Imiela verlaufen, hätte die Vorsitzende Richterin ihm sagen können:

Herr Imiela, Sie sind des vierfachen Mordes angeklagt. Sie bestreiten den Vorwurf der Anklage. Bitte, denken Sie nach, heute, in den nächsten Wochen, ich erwarte nicht sofort eine Antwort von Ihnen. Ihnen droht, wenn Sie für schuldig erkannt werden, die lebenslange Freiheitsstrafe. Vom zehnten Jahr der Vollstreckung dieser Strafe an, falls wir auf sie erkennen müßten, würde überprüft werden, ob und wie lange die Strafe noch vollstreckt werden muß. Wenn Sie uns eine Schuld, und sei es eine vierfache, zu bekennen haben: Überlegen Sie, ob Sie es nicht jetzt, in dieser Hauptverhandlung tun -- oh Sie nicht schon jetzt den Weg betreten wollen, der Sie zwischen dem zehnten und fünfzehnten Jahr der Strafvollstreckung wieder in die Freiheit führen kann.

Doch so konnte Frau Heimann-Schlotfeldt, die Vorsitzende Richterin in Lübeck, Arwed Imiela nicht ansprechen, als die Hauptverhandlung am 9. Oktober vergangenen Jahres begann. Das Gesetz kennt nur die lebenslange Freiheitsstrafe ohne den Schimmer eines Erbarmens.

Die Gesellschaft in ihrer Gerechtigkeit steht so hoch über ihren Kapitalverbrechern (ungeachtet der Morde, die jeder im alltäglichen Umgang begeht, bei denen nur nicht geschossen. gestochen oder gewürgt wird, die aber dennoch zerstören und die meisten der blutigen Morde stiften), daß sie die Hoffnung auf jene Freiheit und Menschlichkeit verweigert, die zu verteidigen sie straft.

Als Arwed Imiela am 25. Sitzungstag sein Schweigen bricht und, da er schuldig und ihm der Versuch unmöglich ist, sich als nicht verantwortlich hinzustellen, nur leugnen kann, fährt dieser wider jegliche Vernunft unternommene Vorstoß als ein Sturmwind in den grauen Brei dessen, was gegen ihn vorgebracht wird. Annemarie Schröder und ihre Mutter sind spurlos verschwunden, nachdem sie ihren gesamten Besitz flüssiggemacht, den Erlös Arwed Imiela überlassen und ihm dazu noch all das übergeben haben, was sich nicht flüssigmachen ließ; sogar Annemarie Schröders eigenes Porträt -- die »auf klassisch gemalte«, tödlich verunglückte »Angelique«. Doch Arwed Imiela, der sich seit dem 25. Sitzungstag äußert, sagt nur: »Da müssen Sie Frau Schröder fragen« -- die Frau Schröder, die dann wohl nackt, des letzten Hemdes zugunsten Arwed Imielas ledig, sich irgendwo verborgen hält.

Was der Urteilsbegründung an Beweisen fehlt, wie man sie gewöhnt ist, etwa an zwei Leichen also, ersetzt sie durch eine überfülle anderer, nur seltener anfallender Beweise. Arwed Imiela hat das Fortleben von vier Frauen vorgetäuscht, wie gefälschte Papiere beweisen, aus deren totalem Verschwinden er allein totalen Vorteil zog. Daß erst die Hartnäckigkeit der Kreissparkasse Celle den Tatkomplex sichtbar machte, ist nicht unerklärlich: Er lag allzu offen. »Vom perfekten Verbrechen kann wohl nicht die Rede sein«, sagte der Psychiater Professor Krause, Hamburg, als Gutachter in Lübeck. So kann nur vier Frauen aus ihrem Lebenskreis herauslösen, aus der Realität verschwinden lassen, wer wie Arwed Imiela auf die Realität nicht Rücksicht zu nehmen versucht, weil es für ihn keine Realität, sondern nur die eigene, selbstgeschaffene Wirklichkeit gibt. Arwed Imiela strengte wegen des Effektendepots von Ilse Evels noch einen Prozeß gegen die Kreissparkasse Celle an, als er schon wußte, daß diese Nachforschungen anstellte.

Nicht in seiner Persönlichkeitsstruktur, sondern in den Umständen, unter denen Arwed Imiela aufwuchs, sei zu suchen, was ihn -- falls man ihn für schuldig befinde -- zum Töten gebracht habe, trug Professor Krause vor. Auch sagte er: »Das Unglück kam dann eigentlich erst mit der Astrologie ins Haus ...«

Der gegenwärtige Strafprozeß zwingt durch die Drohung der lebenslangen Freiheitsstrafe dazu, unmenschlich mit der Schuld umzugehen, vor allem dann, wenn sie eingestanden wird, und so leugnet der Schuldige in der Regel. So kann denn auch nicht so lückenlos aufgeklärt werden, daß Lehren zu ziehen sind. Aus dem Fall des Arwed Imiela sollte wenigstens eine Lehre wider die lebenslange Freiheitsstrafe gewonnen werden.

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