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SOWJET-UNION Kein Held

Ein Moskauer Journalist, der vor einem Jahr in den Westen floh, ist zurückgekehrt und durfte vor der Presse berichten: Er sei vom britischen Geheimdienst gekidnappt worden. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Der silberhaarige, sorgfältig ondulierte Mann im schwarzen Maßanzug, der am vergangenen Dienstag im Moskauer Außenministerium eine Pressekonferenz gab, hatte seinen Wagen, einen roten Toyota, falsch geparkt - weit weg, in London, vor einem Monat schon, am Emperor''s Gate. Doch Parksünder Oleg Bitow, 52, wird seine Strafgebühr nie mehr bezahlen. Der Toyota konnte Mitte voriger Woche abgeschleppt werden. Der Fahrer bleibt da, wo er herkam, in der Sowjet-Union.

Bitow, bis Sommer vorigen Jahres Leiter des Ressorts für ausländische Kultur in der sowjetischen Wochenzeitung »Literaturnaja gaseta«, war auf einer Dienstreise zur Filmbiennale in Venedig abgesprungen. Wenige Wochen später gewährte ihm London politisches Asyl. Der prominente sowjetische Journalist legte dann im Dezember 1983 mit Artikeln in der Londoner »Times« und im »Wall Street Journal« die Gründe seiner Flucht vor.

Er habe die Sowjet-Union verlassen, weil nach dem Tode von Parteichef Breschnew das Kultur-Klima Moskaus unerträglich geworden wäre. Seinen Absprung in den Westen betrachtete er als »persönlichen Protest gegen die Absicht der Partei, die Blüte der russischen Intelligenz zu vernichten: Ich bin kein Abtrünniger, ich bin in England, um dem sowjetischen Volk zu helfen«.

Den letzten Anstoß für seine Flucht habe der Abschuß des südkoreanischen Zivil-Jumbos durch sowjetische Abfangjäger gegeben: »Ich konnte das Gefühl nicht ertragen, der Komplize eines solchen Verbrechens zu sein.«

Die Käufer Londoner Zeitungen lasen dann noch öfter Bitow-Artikel über die Zustände in der Sowjet-Union. Doch am 16. August verschwand der Russe aus London ebenso plötzlich, wie er gekommen war. Weil er keinerlei Nachricht hinterließ, dafür aber seinen ganzen persönlichen Besitz, setzte sich bei seinen Londoner Freunden die Befürchtung durch, er sei vom sowjetischen Geheimdienst KGB entführt worden.

Einen Monat später saß der Vermißte im Moskauer Außenministerium. Flankiert von hohen Funktionären der sowjetischen Nachrichtenagentur »Nowosti«, die enge Kontakte zum KGB unterhält, erzählte er unter dem Titel »Provokation gegen einen sowjetischen Bürger« eine abenteuerliche, ganz andere Version seiner Fluchtgeschichte.

In Wahrheit sei er von britischen Agenten in Italien gekidnappt und gewaltsam nach England entführt worden. In der Nacht vom 8. zum 9. September 1983 habe man ihn im Hausflur seines Hotels »Villa Ada« in Venedig mit einem »Schlag auf den Hinterkopf« überfallen und in bewußtlosem Zustand verschleppt.

»Irgendwann« zwischen dem 10. und 16. September sei er in Pisa in eine Maschine der Fluglinie »Alitalia« gesetzt worden, die nach London flog. Er habe einen gefälschten britischen Paß bei sich gehabt, der auf den Namen »David Locke« ausgestellt war.

Ständig unter Drogen gehalten, sei er erst im Landhotel »Ye Olde Feldbridge« in East Grinstead, südlich von London, aufgewacht. Dort hätten ihn britische Geheimdienstoffiziere verhört und vor die Wahl gestellt, »entweder mein Vaterland zu verraten oder schon bald ein namenloses Grab zu bekommen«.

Er sei kein Held, gab Bitow vor den Journalisten zu, und habe sich deshalb dafür entschieden, zum Schein auf eine Zusammenarbeit einzugehen, »um Zeit zu gewinnen und wenigstens vorübergehend die Wachsamkeit meiner Gefängnisaufseher einzuschläfern«.

Als Beweis dafür, daß er die Wahrheit erzählt, gab der Frühheimkehrer (und Science-fiction-Übersetzer) in Moskau die Namen und Telephonnummern seiner _(Am vorigen Dienstag auf der ) _(Pressekonferenz im sowjetischen ) _(Außenministerium. )

britischen Bewacher an, dazu die Anschriften seiner mehrfach wechselnden »geheimen Wohnungen« in London.

Auch seine im Dezember in England veröffentlichte Fluchterklärung sei ein »Machwerk von Spezialisten des britischen Geheimdienstes« gewesen. Der habe bei seinen Kontakten zu britischen Zeitungen und Buchverlagen Regie geführt, die ihm einen »gutbezahlten Platz in dem Chor der Sowjetfeinde und Verleumder« angeboten hätten.

Die ganze Zeit in England sei er von Agenten beschattet worden. Schließlich hätte sich vor drei Wochen die Gelegenheit zur Flucht geboten. Bitow will einfach ein Flugticket gekauft und allein den Rückflug nach Moskau angetreten haben.

Hartnäckigen Fragen von britischen Journalisten nach dem genauen Flugtermin, nach dem Abflughafen und der Fluggesellschaft, mit der er angeblich reiste, wich Bitow mit der »kollegialen Bitte um Verständnis« aus. Diese Einzelheiten behalte er sich für seine eigene Veröffentlichung vor.

Vielleicht werden bei der Gelegenheit dann auch andere Ungereimtheiten geklärt. So veröffentlichte Bitows Heimatredaktion, die »Literaturnaja gaseta«, am 12. Oktober 1983, einen Monat nach dessen Verschwinden, einen Bericht, aus dem hervorging, daß ihr Redakteur keineswegs bei den Filmfestspielen in Venedig, sondern bei Recherchen in Rom verlorengegangen sei.

Dort habe Bitow den Vatikan besucht, um Nachforschungen nach dem Schicksal von Emanuela Orlandi anzustellen; das ist die verschwundene Tochter eines Vatikanangestellten, die - so das Moskauer Literaturblatt - »von Terroristen mit Unterstützung des US-Geheimdienstes CIA entführt« worden sei.

Für die Italiener war mit dem öffentlichen Auftritt Bitows in London der seltsame Fall geklärt. Ungleich breiter als in Italien war die Spur, die der jetzt heimgekehrte Redakteur in England hinterließ. Am Abend nach der Pressekonferenz versuchte sich die Abendsendung »News Night« von BBC am detektivischen Spiel. Die Redakteure wählten zwei in Moskau von Bitow angegebene Londoner »Geheimdienstnummern«. In der Tat meldeten sich anonyme Amtsstellen. Die Anschlüsse, so stellte sich heraus, gehörten zu »geheimen Wohnungen« der Nachrichtenabteilungen Mi5 und Mi6 des britischen Geheimdienstes.

Das konnte kaum überraschen. Auch wenn der Russe freiwillig nach London gekommen wäre, hätte sich - wie in vielen anderen Fällen - der Sicherheitsdienst seiner angenommen.

Ein Reporter des »Sunday Telegraph«, der in Bitows England-Zeit dessen Manuskripte redigierte, schilderte auf einer ganzen Zeitungsseite den mit ihm befreundeten Russen, »der in London frei wie ein Vogel war«, als »impulsiv und voller Widersprüche«.

Sein Hauptproblem sei gewesen, daß er die Trennung von seiner Familie, zumal von seiner Tochter Xenja, 16, nicht ertrug.

Der Kulturredakteur hat in London nicht wie ein durchschnittlicher Emigrant gelebt. Er wohnte in einer eleganten Zwei-Zimmer-Wohnung, hatte sich eine teure HiFi-Anlage gekauft und wollte sich am Tage seines Verschwindens einen 3000 Pfund teuren Schreib-Computer zulegen.

Was die Moskauer Erzählungen Bitows von seiner Verschleppung besonders unglaubwürdig macht: Der Zeitungsschreiber war in den elf Monaten seines Englandaufenthaltes zweimal in den USA, einmal in Paris und auf Rundreise im Auto quer durch England. Es gab also eine Vielzahl von Möglichkeiten für ihn, seinen angeblichen westlichen Bewachern zu entkommen - womöglich aber nicht sowjetischen Beschattern.

Ein aufschlußreiches Detail lieferten zwei russische Emigranten in den USA. Sie berichteten, Bitow habe sie am 16. August, dem Tag seines Verschwindens, aus London angerufen und mitgeteilt, er müsse mit dem Verdacht auf eine Krebserkrankung eine Klinik aufsuchen und sei sicher, »nie wieder aus der Klinik herauszukommen«.

Das offizielle London hielt sich - im Gegensatz zur Presse - mit Erklärungen zur Bitow-Affäre sehr zurück. Nur das Innenministerium nannte Bitows Moskauer Erzählungen »absurd und ekelhaft«. _(Vor dem Churchill-Denkmal am Parliament ) _(Square. )

Am vorigen Dienstag auf der Pressekonferenz im sowjetischenAußenministerium.Vor dem Churchill-Denkmal am Parliament Square.

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