Zur Ausgabe
Artikel 44 / 75

SOMALIA Kein Leben

Acht von zehn Somalis sind Nomaden. Um sie seßhaft zu machen, hofft Mogadischu auf Wirtschaftshilfe aus dem Westen.
aus DER SPIEGEL 48/1977

Schwimmwettkampf in Mogadischu.

An der Kaimauer des kürzlich eingeweihten neuen Hafens der somalischen Hauptstadt standen braune Gestalten in flattrigen Turnhosen und warteten auf das Kommando zum Start.

Hinter ihnen hatte auf einem abgewetzten Ledersofa Somalias Präsident Mohammed Siad Barre Platz genommen, umgeben von einem Gefolge aus Ministern und Militärs, die, nach Rang und Einfluß gestaffelt, entweder auf ältlichen Polstersesseln oder auf harten Holzstühlen saßen. Dann der Start.

Die Schwimmer warfen sich unter Verrenkung von der Mauer, schaufelten das Wasser in kraulähnlichem Stil hinter sich oder bewegten sich ruckartig nach Hunde-Technik auf die weitentfernte Wendemarke zu.

Der Präsident beugte sich gespannt vor -- niemand lachte. Als die Schwimmer von dem Wendepunkt zurückkehrten, schien es zweifelhaft, ob zumindest einige von ihnen die Distanz zur Hafenmauer schaffen würden. Ein westlicher Beobachter flüsterte seinem Freund zu: »Komm, mach dich fertig, wir müssen einige herausziehen.«

Es war nicht nötig. Keuchend und prustend schafften es alle. Beifall wie bei einem nationalen Sieg. So etwas ähnliches war es wohl auch.

Denn die Schwimmer waren allesamt steppengewohnte Nomaden, »Leute, die vor einigen Jahren«, wie ein hochgestellter Somali aus Mogadischu behauptete, »nicht einmal Meerwasser riechen konnten, ohne daß ihnen übel wurde«. Heute verdienen sie ihren Lebensunterhalt als Fischer.

Ihren Erfolg haben sie auch Somalias Staatschef Siad Barre zu danken, dessen Lebensziel es ist, die Nomaden seines Landes seßhaft zu machen, sie, wie er es einmal formulierte, »ins 20. Jahrhundert zu führen«.

Die Aufgabe würde alle Kräfte des Landes, das zu den 28 ärmsten der Welt zählt, voll beanspruchen. Denn von den 3,2 Millionen Somalis sind rund zweieinhalb Millionen Nomaden, die wie vor 1000 Jahren mit ihren Herden -- Kamelen, Rindern, Schafen und Ziegen -- durch die unendlichen Steppengebiete Somalias und des Ogaden wandern, keine Obrigkeit anerkennen und sich um das von Mogadischu verordnete System des »wissenschaftlichen Sozialismus« keinen Deut scheren.

»Wie aber«, so klagte ein Regierungsberater« »sollen wir unseren Sozialismus aufbauen, wenn wir über keine nennenswerte Arbeiter-und-Bauern-Klasse verfügen?« In der Tat: Die Industrialisierung des rohstoffarmen Somalia steckt in den bescheidensten Anfängen und hat auch wenig Aussicht auf einen großen Aufschwung in naher Zukunft.

Hoffnungen auf Ölfunde im Inneren des Landes und Uranvorkommen an der Küste haben sich nach neuesten Erkenntnissen westlicher Experten zerschlagen. So bleibt nur die Landwirtschaft -- und deren Aufschwung hängt entscheidend von der Mitarbeit der Nomaden ab.

»Doch diesen Menschen, mit ihrem unbändigen Stolz und Freiheitsdrang«, meinte ein westlicher Diplomat in Mogadischu, »muß man schon etwas bieten, damit sie ihre gewohnte Lebensweise aufgeben.« Das kann Somalias Regierung nur mit Geld aus dem Westen.

Möglich, daß auch deshalb Präsident Siad Barre vorletztes Wochenende die Russen ähnlich rüde aus dem Lande warf wie 1972 Ägyptens Sadat. Binnen einer Woche, so verfügte er, hätten die sowjetischen Berater (ihre Zahl wird noch auf etwa 3000 geschätzt) das Land zu verlassen.

Siad Barre kann es sich nicht mehr leisten abzuwarten. Dringend braucht er Waffenhilfe für den Krieg gegen die Äthiopier im Ogaden, dringend Geld zum Aufbau seiner Wirtschaft, wobei er aber auch ohne die Mithilfe der Nomaden nicht auskommt.

Die aber war bisher nur zu gewinnen, wenn Katastrophen die natürlichen Lebensbedingungen des Wandervolks verschlechterten.

Eine Katastrophe gab auch den ersten Anstoß, Nomaden in großem Stil dazu zu drängen, sich einer seßhaften Lebensform anzupassen: die große Dürre, die von 1973 bis 1975 die Sahelzone Afrikas heimsuchte und mehrere hunderttausend Menschen und ungezählte Tiere das Leben kostete. In Somalia starben etwa 30 000 Menschen, verendeten eine Million Rinder, über 300 000 Kamele, fünf Millionen Schafe und Ziegen.

Damals halfen noch die Sowjets. 265 000 Nomaden saßen in Auffanglagern im verdorrenden Norden Somalias. Die Russen stellten 15 Antonow-Transport flugzeuge und 165 Lastwagen zur Verfügung, um rund 120 000 von ihnen in den Süden, in Küstennähe, zu schaffen. Die herdenlosen Nomaden sollten vor allem Fischer werden.

Für die meisten war es eine traumatische Erfahrung. »Ich hatte nie zuvor in meinem Leben das Meer gesehen«, berichtet der Nomade Mohammed Daher, der nun in dem Küstenstädtchen Brava, zweihundert Kilometer südlich von Mogadischu, lebt, »ich glaubte, die See würde mich verschlingen.

Nur mit Mühe gelang es den Regierungsberatern, die Söhne der Steppe zu überreden, überhaupt erst mal eine Hand oder ein Bein ins Wasser zu tauchen, geschweige denn einen Fisch zu fangen und den auch noch aufzuschneiden.

Oft auch fanden die Frauen das seßhafte Leben unerträglich. Manche, so wird erzählt, erwarben für ihren letzten Schmuck ein paar Kamele und zogen wieder in die Steppe.

Immerhin gelang es in Brava, von rund 6000 Nomaden, die anfänglich dorthin gebracht worden waren, etwa 1300 zur Aufgabe ihres Wanderlebens zu bewegen und zu Fischern zu machen oder in der Fischverarbeitung zu beschäftigen.

Für jedes Pfund Fisch, das die Nomaden abliefern, erhalten sie etwa acht Pfennig von der Regierung. Manche von ihnen bringen es inzwischen auf einen Tagesverdienst von etwa 18 Mark -- ein Spitzenlohn in einem Land, wo zum Beispiel ein Arbeiter in einer Zuckerrohrplantage für zehnstündige Knochenarbeit knapp drei Mark erhält.

Ihre Arbeit ist auch angenehmer als die der rund 1300 Nomaden, die im Ort Awai unweit des Schebele-Flusses, in der Nähe von Brava, auf einer neu angelegten Reisplantage arbeiten. Die meisten von ihnen stehen tagaus, tagein in den Feldern und knallen mit langen Lederpeitschen -- um die Vögel zu verscheuchen. Des Nachts liegt die Ablösung mit Maschinenpistolen gegen Elefanten und Flußpferde auf der Lauer.

Immerhin aber gelingt es den Somalis mit dieser einen Plantage, die sie noch dazu gegen den Rat chinesischer Experten anlegten, fast den gesamten Reisbedarf des Landes zu decken. Bis zu drei Ernten im Jahr geben die Felder her.

Noch gibt es aber kaum Straßen, auf denen zum Beispiel der Reis oder die Fischfänge von Brava an die Orte geschafft werden könnten, wo sie benötigt werden.

In ganz Somalia existiert auch kein Meter Eisenbahnlinie, und ein Schiffsfrachtdienst von Hafen zu Hafen entlang der 3000 Kilometer langen Küste des Landes ist gleichfalls unbekannt. Lufttransport ist nur sehr begrenzt möglich, denn die nationale Luftlinie Somali Airlines besteht nur aus zwei ältlichen Boeing-720-B-Maschinen und einigen Propellerflugzeugen.

Fast sämtliche Fischfänge, die dennoch die Hauptstadt Mogadischu erreichten, wurden von den Sowjets requiriert -- als Gegenleistung für gelieferte Waffen. »Allah verderbe sie«, schimpfte ein Händler in Mogadischu,

Plantagenleiter, deutscher Geologe.

»diese Hunde mästeten sich und ließen uns darben.«

Die Sowjets nahmen den Somalis nicht nur fort, was die Nomaden-Fischer aus dem Meer holten, sie schickten auch noch ihre eigenen hochmodernen Fangflotten zu den Fischgründen der Somalis, so daß deren Erträge drastisch zurückgingen.

Mit der somalischen Bevölkerung verdarben es sich die Sowjets völlig, als die auch noch -- zu Niedrigpreisen -- Rindfleisch und Frischgemüse aus dem Lande holten, so daß in den Städten ernste Versorgungsschwierigkeiten auftraten.

Immerhin nahmen die Sowjets wenigstens somalische Agrarprodukte ab. »Im Westen«, so ein deutscher Landwirtschaftsexperte, »hätten somalische Konserven, selbst wenn sie die Lebensmittelkontrollen passieren würden, keine Chance. Die Qualität ist viel zu schlecht.«

Daran wird sich so schnell auch nichts ändern, denn der Krieg im Ogaden gegen den von Moskau massiv unterstützten Erbfeind Äthiopien verschlingt fast alle Mittel des somalischen Haushalts. Überdies entstünden mit der einen Million Ogaden-Somalis, fast allesamt Nomaden, neue Probleme für die Regierung, wenn die eroberten Gebiete zu Somalia kämen.

Denn Mogadischu hat die Erwartungen der Ogaden-Bewohner hochgeschraubt. »Die Amharen (so werden die äthiopischen Feinde insgesamt von den Somalis genannt) haben nicht eine einzige Straße gebaut«, erboste sich ein somalischer Ministerialbeamter, »keine Schule, kein Hospital.«

Die Ogaden-Bewohner erwarten nun, daß die Regierung in Mogadischu die Versäumnisse nachholt.

Auch die Ogaden-Nomaden, die sich trotz vieler Stammesgegensätze von jeher als Teil einer somalischen Nation empfanden, wären ohne Zwang nicht bereit, ihr ungebundenes Leben aufzugeben, das sie zu den Wohlhabenden in Somalia machte, wenn nicht gerade Dürrekatastrophen ihr Gebiet heimsuchten.

Rinder und vor allem die oft zu Hunderten zählenden Kamelherden sicherten Nomaden-Clans einen gewissen Wohlstand. Denn ein Kamel brachte beim saudischen Händler etwa dreitausend Mark.

Etliche Nomaden konnten ihren Söhnen sogar eine Universitätsausbildung ermöglichen. Hohe Beamte in Mogadischu erzählen mit Stolz, wie sie als Kinder mit den Herden der Väter durch den Ogaden zogen.

Viele der studierten Nomadensöhne in Mogadischu hat so etwas wie eine nostalgische Sehnsucht nach dem ungebundenen Leben in der Steppe erfaßt. Ein hoher somalischer Ministerialbeamter zum SPIEGEL: »Ich darf es nicht laut sagen, aber am liebsten würden ich alles hier aufgeben und zu meinen Verwandten in die Steppe ziehen. Hier in der Stadt, im Büro -- das ist doch kein Leben.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 75
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.