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»Kein Platz für Kumpel wie uns«

SPIEGEL-Redakteurin Valeska von Roques über den britischen Bergarbeiterstreik *
Von Valeska von Roques
aus DER SPIEGEL 43/1984

Vor dem Zeitungsladen in der Zechensiedlung Kiveton nordöstlich von Sheffield sammeln sich ein paar Leute, nicht mehr als ein Dutzend. Es ist elf Uhr früh am Dienstag voriger Woche.

Man unterhält sich, eine Zigarettenpackung wird herumgereicht. Frauen besprechen ein Sonderangebot beim Fleischer.

Gegenüber, vor dem ungepflasterten Weg, der zur Zeche »Kiveton Park« führt, sind etwa fünfzehn Polizisten angetreten und starren auf Siedlungsbewohner.

Plötzlich stieben die Polizisten zur Seite. Auf dem Weg zur Zeche rast ein Konvoi heran, zwei Polizeiwagen vorweg, gefolgt von einem Kleinbus mit vergitterten Fenstern, dann wieder ein Polizeifahrzeug.

Die Siedlungsbewohner stürmen ein wenig vor, schreien. Es ist ein wildes und schrilles Geschrei, voll Wut und urtümlichem Haß.

»Scabs, scabs, scabs« (Streikbrecher), brüllen sie fäusteschüttelnd gegen den Wagen mit den vergitterten Fenstern. In ihm sitzen, die Gesichter abgewendet, die beiden Streikbrecher aus Kiveton und eine Handvoll anderer aus der Umgebung. Sie werden zu ihren rund um die Uhr von Polizei bewachten Häusern gefahren.

»Schande über euch«, ruft eine Frau dem Transport hinterher, als er schon längst entschwunden ist. Ein Mann sagt: »Wenn die wirklich Mut hätten, würden sie erhobenen Hauptes an uns vorbeimarschieren, ohne Polizei.«

Morgen früh, ab halb drei Uhr, wenn die Polizei (zu absichtlich wechselnden Zeiten) die Streikbrecher wieder zu ihrem Arbeitsplatz schafft, werden die Bewohner von Kiveton erneut an dieser Ecke stehen, mal zwölf, mal zwanzig, mal noch viel mehr, um ihren Abscheu über die Männer auszuschütten, die in Kiveton Verräter heißen und aus der Gemeinschaft ausgestoßen sind. »Die sind erledigt. Die haben keine Zukunft bei uns.« Einmal die Woche gehen die Frauen der »scabs« unter Polizeischutz zum Einkaufen.

Nach Ende des Streiks werden sie weiter geächtet sein. Gewalt gegen die Streikbrecher wie anderswo hat es im Ort noch nicht gegeben, auch keine blutigen Zusammenstöße mit der Polizei - aber das ist fast ein Zufall.

Fast täglich seit sieben Monaten entlädt sich im mittelenglischen Streikrevier angesammelter Zorn in Tätlichkeiten.

Am vorigen Montag tobte der Aufstand in Grimethorpe, einer Zechensiedlung in South Yorkshire. Früh am Morgen prasseln Steine auf Transportarbeiter, die in der vom Streik stillgelegten Zeche Lastwagen mit Haldenkohle beladen. Eine elektrische Schaufelmaschine wird in Brand gesteckt.

Mittags ziehen etwa 200 Jugendliche, einige vermummt, zur Polizeiwache im Ort, die gerade unbemannt ist, und werfen sämtliche Scheiben ein. Zwei heraneilende Polizisten, darunter eine Frau, werden zu Boden geworfen und getreten.

Abends überfallen Maskierte den Kontrollraum der Zeche und versuchen, das Büro des Managers in Brand zu setzen.

Der Ausbruch kommt nicht grundlos. Am Vortag hat die Polizei in zwei Razzien 19 Bewohner des Ortes verhaftet, die auf Abfallhalden brauchbare Kohlestücke einsammelten: Kohle ist unerschwinglich geworden für die Bergleute, die sie gefördert haben.

Selbst der Polizeichef von South Yorkshire räumt ein, daß in Orten wie Grimethorpe ein Teufelskreis entstanden sei: Spannungen und Frustration führen die Bewohner zu einem Verhalten, das »nicht normal« sei für ihre Gemeinden.

»Der Streik kann nicht mehr geschlichtet, er kann nur noch gewonnen werden«, befand vorige Woche die »Financial Times«.

Die »National Union of Miners« (NUM), die Gewerkschaft des rabiaten Bergarbeiterführers Arthur Scargill, erhielt Verstärkung, als Anfang voriger Woche die Gewerkschaft der Inspektoren und Steiger in den Zechen verkündete,

sie werde nunmehr binnen einer Woche in den Ausstand treten.

Wenn das geschieht, werden womöglich auch die letzten 43 Zechen, in denen noch voll gefördert wird (von insgesamt 176), stillstehen.

Die Briten müßten sich auf einen langen harten Winter gefaßt machen. Die Vorräte der Kohlekraftwerke, die drei Fünftel des britischen Stroms erzeugen, werden bis Ende Dezember erschöpft sein. Maggie Thatchers Regierung müßte dann an die über 20 Millionen Tonnen Kohle heranzukommen suchen, die in bestreikten Zechen lagern - überwiegend in Yorkshire.

Dazu aber müßten wöchentlich 50 000 Lastwagen oder 1500 mit Kohle beladene Güterzüge diese Bastion von Bergarbeiter-Militanz durchqueren - kaum vorstellbar ohne Bürgerkrieg.

Fast undenkbar aber auch, daß die Bergleute aufgeben.

Als Arthur Scargill im März ohne Urabstimmung den Streik ausrief, wurde ihm vorgeworfen, er fürchte zu verlieren. Seine Streikposten, die von Zeche zu Zeche zogen, zwangen auch arbeitswillige Bergleute, nicht einzufahren.

Einschüchterung hat es in der Tat gegeben. Doch die Entschlossenheit der 130 000 streikenden Kumpel durchzuhalten, hängt nur bedingt von der Macht, der Kompromißlosigkeit und der wilden Rhetorik Arthur Scargills ab. Der Streik reicht tief ins soziale Gewebe zahlloser Zechengemeinden, die um ihr Überleben kämpfen, um ihre eigene Welt in all ihrer Dürftigkeit, auch in ihrer Gestrigkeit.

Denn ganz gewiß ist die britische Bergbauindustrie teilweise veraltet, gewiß müßten auch Zechen geschlossen werden. Nur: Für die Kumpel gibt es bei 13,6 Prozent Arbeitslosigkeit in England keinerlei Alternative und nicht einmal einen Versuch der konservativen Regierung, Umschulungs- und Arbeitsmöglichkeiten in den betroffenen Gebieten zu schaffen. Schon vor dem Streik war jeder vierte Einwohner in Kiveton ohne Job.

»Wir haben keine Zukunft außer in der Zeche«, sagt Anne Bowns, Frau eines aktiven NUM-Gewerkschafters aus dem Ort, »seht euch doch die Gegenden um Sheffield an, wo früher die Stahlfabriken waren: Das sind doch jetzt Geisterstädte.«

Albert Bowns, ihr Mann, berichtet über die Modernisierung des Bergbaus, wie NBC-Chef Ian MacGregor sie betreibt. Zechen wie Selby seien jetzt »Knopfdruckbetriebe«, voller Elektronik und hochqualifiziertem technischen Personal. »Kein Platz für Kumpel wie uns.«

Und außerdem: Ganz bewußt ziehe die Kohlebehörde Arbeitskräfte heran, die keinerlei Verbindung mit den Bergleuten von früher hätten. »Wer aus einer Bergarbeiterfamilie stammt, hat keine Chance. Die fürchten unseren Zusammenhalt, die fürchten die Gewerkschaft.«

Von solchem fast stammeshaften Zusammenhalt leben Orte die Kiveton, dank ihm überleben sie.

»Wenn ich den Krankenwagen mit Blaulicht in die Zeche rasen höre, habe ich Angst um meinen Jungen«, sagt Margaret Redfern, »aber wenn ich erfahre, daß es ihn nicht traf, schmerzt das auch, weil es dann den Sohn eines Nachbarn erwischt hat.«

Äußerlich anziehend wirkt Kiveton kaum. Längs der Hauptstraße stehen gleichförmige Zweifamilienhäuser, schwarzgrau gefärbt vom Kohlenstaub, monoton auch die wenigen Straßen dahinter. Es gibt keinen Park, keine Kirche, kein Kino.

Entspannen können sich die rund 4000 Einwohner der Siedlung allenfalls im Clubhaus der Bergleute, einem barackenähnlichen Klinkerbau.

Hier spielen die Männer Billard oder Bingo, seit Streikbeginn auch wochentags. Sie halten sich dabei an Half-pint-Gläsern mit Bier fest, wo sie früher immer einen ganzen Pint tranken.

»Exotisch« nennen die Bewohner von Kiveton eine Attraktion, die der Club

jetzt sonntags bietet: Eine Stripperin kommt, eine etwas fade Blondine wohl Ende Dreißig, die manchen jungen Bergmann in lähmende Verlegenheit stürzt, wenn sie ihn auffordert, ihr den Büstenhalter zu öffnen.

Sherry-Lee, die Stripperin, nörgelt, weil sie in dem Bierglas nach ihrer Darbietung nur Münzen einsammelt. Für die einzige Pfundnote, die sie vorfindet, hatte sich der Spender 50 Pence Wechselgeld herausgenommen.

50 Pence - 1,85 Mark - zählen viel für die Bewohner von Kiveton in diesen langen Monaten des Streiks. Viele leben in einer Not, welche die Jungen noch nie, die Älteren nur aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kennen. Streikgeld zahlt die Bergarbeiter-Gewerkschaft traditionell nicht - aus Prinzip, denn, so die stolze Begründung eines Hauers, »Revolutionäre arbeiten nicht für Geld«.

Gleichwohl zieht das Sozialamt, das Frauen und Kindern Unterstützung zahlt, 15 Pfund fiktives Streikgeld vom Fördersatz ab - die Gewerkschaft könne ja zahlen, sagt die Behörde.

Die Folge ist, daß den Familien so um 30 Pfund - etwas über 110 Mark - pro Woche zum Leben bleibt: für Nahrung, Kleidung und Heizung.

Büsche und Bäume, ausgediente Telephonmasten oder Eisenbahnbohlen sind in den Siedlungen längst verfeuert. Jetzt kokeln Rosenkohlstrünke, leere Milchkartons und sonstiger Abfall in den Kaminen.

Kathryn und Tony Savage, die in einem winzigen Zechenhäuschen aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts leben, kaufen nur noch für ihren Fünfjährigen frische Milch. In ihren Tee nehmen sie Trockenmilch.

Die Stimmung im Ort wechselt zwischen Depression und Hochgefühl über die eigene Widerstandskraft. Was die Bewohner bedrückt, hält sie zugleich zusammen. Die ständige Allgegenwart der Polizei belastet und solidarisiert zugleich. Neue Medien helfen dabei. Ein »Miner's Action Tape Project« hat Videofilme hergestellt, die in Clubhäusern, aber auch in Familien vorgeführt werden.

Sie zeigen, was die Zeitungen oder das Fernsehen häufig unterschlagen: daß die Gewalttätigkeit im Revier oft von den Polizisten ausgeht, die auf Unbeteiligte oder Demonstranten einschlagen, während diese schon wehrlos am Boden liegen.

»Das sind nicht mehr unsere Bobbies, das ist eine Besatzungsmacht geworden«, sagt jemand in Kiveton.

Die Polizei verhaftet beinahe willkürlich. Viermal hat Gewerkschafter Albert Bowns, der noch nie in Konflikt mit dem Gesetz kam, während des Steiks schon im Gefängnis gesessen.

Das letzte Mal wurde er auf der Autobahn festgenommen und 14 Tage lang eingesperrt. Begründung der Gesetzeshüter: Es gebe Grund anzunehmen, daß Albert Bowns auf dem Weg zu einer bestreikten Zeche sei. Es gebe weiter Grund anzunehmen, daß dort eine Massendemonstration entstehe. Ferner sei anzunehmen, daß es dabei zu Tätlichkeiten kommen und Albert Bowns darin verwickelt sein würde. Beweise: keine.

Die meisten Siedlungen organisieren ihr Überleben selbst, und weil sie das sieben Monate lang aus eigener Kraft geschafft haben, glauben sie auch, daß sie gewinnen werden. »Wir geben nicht auf, nie«, heißt es immer wieder in Kiveton.

Montags und freitags treffen sich die Frauen im Clubhaus der Bergleute und stellen Lebensmittelpakete zusammen,

die zweimal wöchentlich unter rund 500 Familien verteilt werden.

Sie messen ein halbes Pfund Zucker ab, füllen je sechs Eier in Plastiktüten, sortieren Margarine und Schmalz in Halbpfundpackungen und zählen Büchsen mit Bohnen oder Nudeln aus, viel mehr gibt es nicht.

Die 500 Pfund, die dafür gebraucht werden, hat Kiveton bisher immer selbst gesammelt. Säuberlich wird über die Einnahmen Buch geführt: 13,20 Pfund brachte eine Versteigerung von Gerümpel im Klubhaus ein, 96,28 Pfund eine Altkleidersammlung, ein Mr. Patel spendete fünf, ein ungenannter Versicherungsvertreter ein Pfund.

Aber die Selbsthilfe hat ihre Grenzen in den eh schon beschränkten materiellen Möglichkeiten des Ortes. »Kiveton ist ausgeblutet«, sagt Anne Bowns, »irgendwann wird keiner mehr was zum Spenden haben.«

Der psychische Druck eines Streiks, dessen Ende nicht abzusehen ist, macht sich bemerkbar - besonders in jungen Familien. Die eine oder andere Frau ist vorläufig zu den Eltern zurückgegangen, um die Haushaltskasse zu entlasten. Junge Männer fühlen sich verletzt: Nach allem, was sie wissen, sollten sie doch die Versorger sein.

Aber sie werden umlernen müssen. Der Streik hat nicht nur das Klassenkampfklima in Großbritannien wieder angeheizt, sondern auch die Rolle der Frau geändert: Feministische Forderungen hatten die Bergarbeiterfrauen nie erreicht. Jetzt sind sie zum erstenmal politisch aktiv.

Sie ziehen - gegen den anfänglichen Widerstand der Männer - mit auf Streikposten. Und sie demonstrieren: 10 000 Bergarbeiterfrauen marschierten im Mai nach Sheffield, im August nach London. Sie haben Suppenküchen organisiert, Lebensmittelsammlungen, sie treten öffentlich auf.

Frauen aus Sheffield werden im Dezember an einem Kurs der Universität teilnehmen, um gemeinsam ein Buch über ihre Erfahrungen zu schreiben. Jenny Dennis zieht mit einem Tonband durch den Ort, um den Streik zu dokumentieren.

Viele Frauen glauben, daß die Veränderungen bleiben werden. In Dalton sagt Joyce Tomasy, während sie Teebeutel für die Lebensmittelspende abzählt: »Wir haben gemerkt, was wir erreichen können. Wir werden zusammenbleiben und hier in der örtlichen Politik mitmachen. Wenn die Männer glauben, wir würden nach dem Streik an den Herd zurückkehren, erwartet sie der Schock ihres Lebens.«

Aber die patriarchalischen Strukturen reichen tief. Ein Bergmann auf einer Versammlung: »Nach dem Streik möchte ich meine Frau zurückhaben - die von vor dem Streik.«

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