Zur Ausgabe
Artikel 51 / 84

NORWEGEN Kein Silicon Valley

Das Öl brachte erheblichen Reichtum, jetzt aber eine schwere Krise. Die Sozialdemokratin Brundtland will sie meistern. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Parlamentswahlen hat die temperamentvolle Gro Harlem Brundtland noch nie gewonnen. Gleichwohl wurde sie Ende vorletzter Woche zum zweiten Mal Ministerpräsidentin von Norwegen. Sie soll, obwohl nur Chefin einer Minderheitsregierung wie ihr konservativer Vorgänger Kare Willoch, das Land von drohendem Siechtum heilen, das sich in ersten erschreckenden Symptomen ankündigte.

Seit Jahresbeginn verlor Norwegen durch die sinkenden Ölpreise 50 Milliarden Kronen (14,6 Milliarden Mark). Die an der Osloer Börse gehandelten Unternehmenswerte sanken um 20 Prozent, weil das Kapital sein Vertrauen in die Zukunft der norwegischen Wirtschaft verlor.

Im April brachen die Arbeitgeber mit einer Aussperrung von 100000 Gewerkschaftern zunächst den größten Arbeitskonflikt seit einem halben Jahrhundert vom Zaun und bewilligten dann plötzlich Lohnzuschläge und die 37,5-Stunden-Woche, wodurch ihre Kosten um neun Prozent steigen, doppelt soviel wie als Eckwert veranschlagt. Am schlimmsten jedoch: Im laufenden Haushalt klafft eine Lücke von 35 Milliarden Kronen, rund 15 Prozent des Etats. Das Kabinett Willoch stürzte über ein rigoroses Sparprogramm.

Um die Norwegerinnen, Skandinaviens eifrigste und erfolgreichste Kämpferinnen für die Gleichberechtigung, für sich einzunehmen, ernannte Frau Brundtland für 7 von 17 Fachministerien Frauen - ein Weltrekord. Damit erfüllte sie ein 1985 angenommenes Parteistatut nach dem »bei Wahlen und Nominierungen die beiden Geschlechter jeweils mit »mindestens 40 Prozent« repräsentiert sein müssen, und zwar auch auf sicheren Listenplätzen.

Dann verschrieb Frau Brundtland, im Volksmund liebevoll »Gro« genannt ihren Landsleuten eine unpopuläre Roßkur. Selbst die Gewerkschaftsführung durchweg stramme Sozialdemokraten war geschockt.

Eine Rekordabwertung der Krone um 12 Prozent verteuert schlagartig zahlreiche ausländische Nutz- und Luxuswaren. Die beabsichtigte Folge: Die Preise werden bis Ende nächsten Jahres um mindestens acht Prozent steigen. Etliche Steuererhöhungen und Budgetkürzungen sollen das Loch im Staatshaushalt schließen helfen.

Die Ursachen der norwegischen Krise liegen, ironisch genug, in den Quellen des modernen Reichtums vor der Küste - in den von gigantischen schwimmenden Stahlplattformen aus angezapften submarinen Erdöl- und Naturgasfeldern. Seit der skandinavische Kleinstaat 1975 zum ersten Mal Nettoexporteur von Rohöl wurde, war es mit seiner Wirtschaft immer nur bergauf gegangen.

Die Öl und Naturgasförderung hatte in nur zehn Jahren die Warenausfuhr des Kleinstaates verdoppelt und ihm einen von den europäischen Nachbarn beneideten stetigen Zuwachs des Bruttosozialprodukts beschert.

Und obwohl fünf Sechstel der für das Ölabenteuer gemachten Investitionsschulden in Höhe von Hunderten von Milliarden Kronen innerhalb von vier Jahren zurückgezahlt werden konnten, wies die Zahlungsbilanz in den letzten Jahren immer saftige Überschüsse auf, die Devisenreserve wuchs auf über einhundert Milliarden Kronen.

Volksvertreter und Regierung konnten den Bürgern ein immer schöneres Norwegen einrichten. Steuern und Royalties füllten die Staatskasse, im vergangenen Jahr mit gut fünfzig Milliarden Kronen, fast ebensoviel wie das gesamte Einkommensteueraufkommen von Staat und Gemeinden.

Finanziert wurde damit ein soziales Netz, das sich mit dem des benachbarten Schweden messen kann. Der Ausbau der öffentlichen Wohlfahrt und die Produktion in der Nordsee, in der ein gigantischer neuer Industriezweig entstand, ließen Arbeitslosigkeit fast zum Fremdwort werden, die Rate lag letztes Jahr bei 1,5 Prozent.

Gleichzeitig entstand auch privater Reichtum. Die Löhne stiegen in manchen Jahren bis zu zehn Prozent. Schon 1983 durften sich die Norweger nach den Schweizern über den höchsten Lebensstandard aller Industrienationen freuen.

Der Reichtum aus der Nordsee führte nicht mal zu den befürchteten Verheerungen der Umwelt. Weder wurden die naturschönen Fjordlandschaften Westskandinaviens stark verschandelt noch die reichen Fischereigewässer nennenswert verunreinigt.

Vor allem blieb der »Klondyke-Effekt« aus: Es kam nicht zur Landflucht an die Küste, das Leben in Dörfern und Städtchen ging wie gehabt weiter: recht bedächtig.

Gewiß wurden manche wohlhabender als andere, doch anstößige Privatvermögen, wie sie vor einem Jahrzehnt gerissene Reeder anhäuften, oder gar eine Klasse von Neureichen, die sozialen Neid und Spannungen ausgelöst hätte, entstanden nicht.

»Dieses moderne Norwegen«, erkannte Englands »Economist« lobend an, »ist im wesentlichen ein Geschöpf der Sozialdemokratie, der damit das Verdienst für seine unbestrittenen Errungenschaften gebührt« Allerdings auch die Versäumnisse, die nun das Land bedrohen.

Trotz guter Vorsätze gelang es nicht, in »Festlandnorwegen« neue Industrien und Branchen zu schaffen, von denen das Land leben kann, wenn die Naturgas- und Ölbrunnen im nächsten Jahrhundert leergepumpt sind. »Wir haben noch immer keine Silicon Valleys«, klagte ein Bankier.

Durchweg jedoch verhinderte die stets vom sozialdemokratischen Credo der Vollbeschäftigung diktierte Finanzpolitik die industrielle Erneuerung. Nach wie vor dominieren, dank staatlicher Zuschüsse, die in manchen Jahren bis zu fünf Prozent des Bruttosozialproduktes ausmachten, Unternehmen und ganze Branchen, die Massengüter herstellen, wie Stahl und Aluminiumhütten, Zellulose und Papierfabriken sowie Möbel werke. Werften und Reedereien werden auch in Norwegen inzwischen von der öffentlichen Hand ausgehalten.

Die Off-shore-Ölförderung mit 60000 Beschäftigten läuft auch nach dem Verfall der Ölpreise auf vollen Touren, da sich in den erschlossenen Feldern Ekofisk und Statfjord die Produktion auch noch bei sieben Dollar pro Faß rentiert.

Verluste in riesigem Ausmaß dagegen drohen bereits jetzt in den Bohrgebieten Gullfaks, Heimdal und Ula - dort entgehen dem Staat Milliarden. Insgesamt sind die Einkünfte aus Steuern und Royalties von 52 auf 15 Milliarden Kronen geschmolzen. In den kommenden vier Jahren wird gar nur noch mit staatlichen Petroeinkünften von je sechs bis acht Milliarden Kronen gerechnet.

Der Kraftakt der Abwertung dürfte die Wirtschaft kaum wieder ins Lot bringen. Schon bereitet die Zentralbank die Aufnahme von Krediten im Ausland vor, für den Staat wie für die Industrie. Die Norweger müssen nun gleichzeitig sparen und pumpen, die kommenden Regierungen einen radikal neuen Wirtschaftskurs steuern.

So hat Frau Brundtland mangels Kasse auch schon alle Wahlversprechen brechen müssen. 150000 neue Arbeitsplätze hatte sie in Aussicht gestellt, dazu 10000 neue Kindergartenplätze, einen von 18 auf 30 Wochen verlängerten Schwangerschaftsurlaub, Senkung des Rentenalters und schließlich 1500 neue Krankenhausbetten, dreimal mehr als ihr konservativer Vorgänger Willoch plante.

Fußangeln lauern auf die Regierungschefin auch in der Außen- und Sicherheitspolitik. Der linke Parteiflügel wird den totalen Handelsboykott Südafrikas, Abrüstungsinitiativen in der Nato sowie eine Versicherung der USA anmahnen, keine Schiffe mit Atomwaffen an Bord in norwegische Häfen zu schicken.

Doch die Bürgerlichen werden zu verhindern suchen, daß Norwegen in der Nato zu einem »Fußnotenstaat« wird, der zu Bündnisentscheidungen schriftliche Vorbehalte anmeldet.

Darauf scheint der Taktiker Willoch mit seinem Rücktritt kalkuliert zu haben. Falls Frau Brundtland für bürgerliche Parteien unannehmbare Sparvorschläge und Steuererhöhungen einbringen sollte, wird sie erneut stürzen.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 51 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.