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VERBRECHEN Kein Verdächtiger

Cyanid in Schmerztabletten, Glasscherben in Babynahrung - eine Serie rätselhafter Mordanschläge ohne erkennbares Motiv beunruhigt die Amerikaner. *
aus DER SPIEGEL 39/1986

Am 8. Februar 1986 starb in Yonkers im Staate New York die 23jährige Stenographin Diane Elsroth nach Einnahme des Schmerzmittels Tylenol. Das Medikament, so fand die Kriminalpolizei heraus, hatte tödliches Cyanid enthalten.

Tylenol-Hersteller Johnson & Johnson, ein angesehener Arzneimittelproduzent in New Jersey, stoppte die Produktion von Tylenol-Kapseln, nachdem in einem Supermarkt eine weitere tödliche Kapsel entdeckt worden war. James Burke, Chef der Firma: »Wir können die Sicherheit der Kapseln nicht mehr garantieren.«

Die Firma hatte Grund zur Vorsicht. Schon 1982 waren in Chicago sieben Leute nach der Einnahme gleicher Kapseln von derselben Firma eines gleichen Todes gestorben. Auch damals halten sich Cyanide in dem Medikament gefunden. Damals wie jetzt waren Kapseln auseinandergenommen, mit Gift gefüllt, wieder zusammengesetzt und dann unter die übrigen Kapseln gemischt worden.

Die Arzneimittelfirma Johnson & Johnson ist das am schwersten betroffene Unternehmen eines für Kriminalisten und Kriminologen gleichermaßen unheimlichen Verbrechenstyps: Ein Täter im Hintergrund morde jemanden, den er nicht kennt, zu einem Zeitpunkt, den er nicht bestimmt, an einem Ort, den er nicht wählt. Kein erkennbares Motiv, kein auch nur absehbarer Kreis von Verdächtigen - nichts.

Zwei Wochen nach dem Cyanid-Fall wurde Amerika durch neues Unheil ähnlicher Art aufgeschreckt: In Maryland und in Texas fanden Mütter in Säuglingsnahrung der Firma Gerber Glassplitter. Die US-Nahrungs- und Arzneimittelbehörde ließ daraufhin 30000 Gläser Gerber-Kindernahrung aus Regalen der Supermärkte öffnen. Es fanden sich weitere Glassplitter.

»Wir glauben nicht«, so die Behörde damals, »das Problem mit einer Rücknahme vom Markt lösen zu können.« Obwohl im New Yorker Stadtteil Queens auch mit Glassplittern versetzte Nahrungsmittel anderer Firmen auftauchten, war ein Zusammenhang mit dem »Kapsel-Terrorismus« (Richard Levy vom National Pharmaceutical Council) nicht zwingend. Glassplitter konnten durch Fahrlässigkeit in die Nahrung kommen, Gift nur durch Vorsatz.

»Wir haben keinen Verdächtigen«, resignierte William Baker vom FBI nach Studium der Akten. Die Unbekannten konnten weitermachen - zumal außer Johnson & Johnson keine der 80 Pharmafirmen, die Medikamente in Kapseln verkauften, ihre Produkte zurückgezogen hatte. Dabei waren auch andere Firmen betroffen: *___Im März tauchte in Orlando (Flori da) und in Houston ____(Texas) Ratten gift in drei Medikamenten der Smith ____Kline Beckman Corporation auf. *___Ende Mai starb in Austin (Texas) der 24jährige ____Chemiestudent Wayne Fa ries an Cyaniden, die in dem ____Schmerzmittel Anacin-3 enthalten waren. *___Im Juni schließlich starben in Seattle im Bundesstaat ____Washington die 40 Jahre alte Sue Snow Webking und wenig ____später im nahen Auburn der 52jährige Bruce Nickell. ____Beide hat ten eine Cyanid-Vergiftung, beide hatten das ____Schmerzmittel Excedrin der Arzneimittelfirma ____Bristol-Meyers eingenommen. Diesmal fand die Po lizei ____allein in den Packungen des Opfers Webking neun ____vergiftete Kapseln.

Nur im Fall der Firma Smith Kline fand die Polizei einen Täter: den 24jährigen vorbestraften Edward Arlen Marks, der vorher verschiedene Rundfunk- und Fernsehstationen von seiner Vergiftungsaktion unterrichtet hatte. Der junge Mann, zeitweilig bei einem Börsenmakler beschäftigt, stand jetzt vor Gericht. Er hatte die Aktienkurse der Firma Smith Kline herunterdrücken wollen, um selbst gewinnbringend einsteigen zu können.

Von den Giftkapseln pendelte die anonyme Kriminalität im Juli wieder zurück auf Lebensmittel. Eine Sorte Apfelsaft, die unter 15 verschiedenen Marken verkauft wurde, mußte nach anonymen Anrufen aus den Regalen mehrerer New Yorker Supermärkte genommen werden. Der Anrufer hatte behauptet, das Getränk sei mit Gift versetzt. Zur selben Zeit zog die Pepsi-Cola Bottling Company in New York 66000 Flaschen Zitronensaft aus dem Handel. Wiederum hatte ein anonymer Anrufer vor Cyanid gewarnt. Und die General Foods Corporation zog in Illinois und Georgia die Puddingsorte Jell-O Instant Chocolate Pudding Mix zurück. Ein Unbekannter hatte der Polizei mitgeteilt, in 30 Packungen befinde sich Gift.

»Inzwischen ist jede Firma gefährdet«, so Robert Goldberg vom New Yorker Zentrum für Verpackungstechnik. Donald Lund, Professor der forensischen Psychiatrie an der kalifornischen Stanford-Universität und Verfasser des 1975 erschienenen Buches »Murder and Madness«, glaubt zumindest die Täterpsyche einkreisen zu können: »Das muß einer mit pathologischem Haß gegen alle sein, die sich mit einem bestimmten Produkt identifizieren.«

Den Täter zu finden hält die Polizei vorläufig für unmöglich. Deshalb rät sie den Massenherstellern von Arznei- und Lebensmitteln, zunächst die Verpackung vor möglichen Attentätern zu sichern, auch wenn es etwas kostet.

Und es wird etwas kosten: Beim US-Patentamt sind inzwischen 50 Erfindungen angemeldet worden, die Lebensmittel vor Vergiftungen schützen sollen - einige davon empfehlen Mikrochips in jeder Flasche. _(Oben: Aussortierung von Backwaren; ) _(unten: Rücksendung des Medikaments ) _(Tylenol. )

Oben: Aussortierung von Backwaren; unten: Rücksendung desMedikaments Tylenol.

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