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CHILE Keine Angst, General

Die Chilenen stimmen diese Woche über Pinochet ab. Der Wahlkampf hat dem Volk die Furcht vor dem Diktator genommen. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Augusto Pinochet steht unsicher in der Pferdekutsche und winkt mit steifen Armen in die Menge. Bisweilen wagt er sich hinab in das Gewirr von Fahnen, Plakaten und ausgestreckten Händen. Dann küßt er Kinder und alte Frauen, klopft Arbeitern auf die Schulter oder streicht mit sanfter Hand wie ein Bischof über den Kopf einer Behinderten.

Angespornt von seiner Frau, Dona Lucia Hiriart, die ihn mit einem Stoß in die Rippen oder mit einem Schubs in den Rücken steuert, sucht Pinochet, 72, Sympathie, wo er früher nur Furcht verströmte.

Es ist, als hätten sich nach langem Eingeschlossensein die Türen geöffnet. Der Wahlkampf gegen den Diktator hat im freiheitshungrigen Volk der Chilenen Begeisterung über die Demokratie ausgelöst, noch bevor sie überhaupt gewonnen ist.

Wo 15 Jahre lang nur der Wille eines einzigen galt, gibt es plötzlich eine Alternative: Am kommenden Mittwoch dürfen über sieben Millionen Chilenen ja oder nein zu Pinochet sagen. Und egal wie es ausgeht - das Plebiszit hat das Land schon vor dem Wahlgang verändert.

Der Mann, der 1973 in einem blutigen Putsch die Volksfront-Regierung des Marxisten Salvador Allende stürzte, gibt sich jetzt als gütiger Landesvater, der in zivilem Anzug und mit breitem Lächeln um Ja-Stimmen wirbt. Gewinnt er, dann darf er noch acht Jahre lang regieren; verliert er, bleibt er nur noch ein Jahr im Amt; anschließend wählen die Chilenen einen neuen Präsidenten und ein Parlament.

Gewiß, die Angst ist noch immer ein Instrument seines Wahlkampfes: In der Fernsehwerbung des Präsidenten galoppiert ein rotgewandeter apokalyptischer Reiter über die grünen Wiesen Chiles. Er schwingt eine rote Fahne mit Hammer und Sichel, dazu tönt, in elektronischer Verzerrng, die Erkennungsmelodie der Opposition. Chaos und Hamsterschlangen - das ist die Konsequenz, die Pinochets Werbeleute dem Volk bei einer Mehrheit von Nein-Stimmen androhen. Das Bürgertum soll verschreckt werden durch die Beschwörung der Wirren aus der Endzeit Allendes.

Solche Ängste wiegen noch schwer in Chile. »Die Grundhaltung des Volkes ist Chile. »Die Grundhaltung des Volkes ist konservativ«, meint ein Politologe in Santiago, »besonders bei den Frauen, dem Anker der Familien.« Vor allem die Erinnerung an die Lebensmittelknappheit des Jahres 1973 und an die Dauerkämpfe zwischen den Parteien ist nicht verblaßt.

Dem Gespenst von Hunger und Anarchie kann das Regime günstige Wirtschaftszahlen entgegensetzen: Ein starkes Wachstum der Kupfer- und Agrarexporte und gewaltige Auslandsinvestitionen haben die Arbeitslosigkeit gelindert, die Inflation niedrig gehalten und Chiles Wirtschaft auf Wachstumskurs gebracht.

Aber das Erstaunlichste an diesem chilenischen Frühling ist, daß Wirtschaft und Wohlstand womöglich nicht mehr die entscheidenden Argumente sind: Über 60 Prozent der Menschen erklärten in einer Umfrage, ihre wirtschaftliche Lage sei zufriedenstellend bis gut. Trotzdem stieg die Zahl derjenigen, die mit Nein stimmen wollen, auf 47 Prozent, während das Ja ständig absackte.

»Die Menschen haben die Angst verloren«, sagt der Führer der gemäßigten Sozialisten, Ricardo Lagos. »Die 15 Minuten, die man uns im Fernsehen als Wahlwerbung gewährte, reichten aus, um die Chilenen wachzurütteln. Sie erkannten, daß dieser Wahlkampf legal ist« - und daß er dem Volk zum ersten Mal die Enscheidungsgewalt zurückgibt.

»La Alegria va viene« (Die Freude kommt schon) - das ist die Grundidee, welche die Massen elektrisiert und eine Niederlage Pinochets möglich macht. Statt die Greueltaten des Regimes anzuprangern, bemühen sich die TV-Spots der Opposition, die Vorzüge der Demokratie, die Lust an der Freiheit vorzuführen. Die Botschaft kam an.

Auch die Rückkehr der Geflohenen aus dem Exil trug zum Stimmungswandel bei. »Das ganze Drama des Exils wird den Menschen plötzlich bewußt«, so die oppositionelle Journalistin Monica Gonzalez, »da sah man keine blutrünstigen Kommunisten, sondern alte, leidgeprüfte Menschen, die vor Rührung weinten.«

Hortensia Bussi, Allendes Witwe, kam ausführlich in den Nachrichten zu Wort: »Ich komme ohne Rachegefühle zurück.« Nur der Kommunistenführer Volodia Teitelboim sprach unbelehrbar von einer Volkserhebung am Abend nach der Wahl - eine Dummheit, die das Regime begierig aufgriff.

Diskussionen in der Fußgängerzone der Hauptstadt Santiago, Verkaufsstände mit Nein-Plakaten, fahnenschwingende Gruppen von Jugendlichen - die Freiheit ist schon ausgebrochen. Immer offener wurden die Antworten der vor kurzem noch eingeschüchterten Menschen: »Wir sind hier, weil wir 5000 Pesos bekommen haben«, gaben Arbeiter bei einer Pinochet-Kundgebung zu. »Aber wir stimmen natürlich mit nein.« Carreteo, Herumkarren, nennen Beamte verächtlich die ständigen Fahrten, zu denen sie abkommandiert werden, um Pinochet bei seinen Auftritten zuzujubeln. »Bei uns im Ministerium stimmen nur noch der Minister und die Staatssekretäre mit Ja«, sagt eine Beamtin.

Sogar auf dem Land, wo der Vorsprung Pinochets als uneinholbar galt, hat der »Marsch der Freude« die Lage geändert. Von Norden und Süden, aus den Bergen und von der Küste strömen Kolonnen von Oppositionellen auf die Hauptstadt zu.

Yves Montand, der erste ausländische Prominente von vielen, die noch erwartet werden, um in Chile die Demokratie zu stärken, stieg in Talca mit Christdemokrat Gabriel Valdes auf einen Jeep,

sprach über »Kultur und Demokratie« und sang Verse von Prevert.

»Die Militärs sind isoliert wie nie zuvor«, glaubt ein Oppositoneller, »dadurch sind sie aber auch gefährlich.« Wie nervös die Generale geworden sind, bewiesen vorige Woche Gerüchte über einen möglichen »Autogolpe« - eine Art Putsch des Regimes gegen sich selbst, um das Plebiszit abzusetzen.

Die Frage ist, ob das Militär ein Nein zu Pinochet widerstandslos hinnehmen wird. »Jetzt von Putsch zu sprechen, ist eine Beleidigung der Streitkräfte«, versichert hingegen Ricardo Lagos. Gerade der starre formale Legalismus der Diktatur werde die Generale von einem Coup abhalten. Die Kontrolle über den Prozeß, den sie selbst in Gang setzten, könnte ihnen so am Ende entgleiten.

Eine Intervention der Militärs nach einer Niederlage würde nicht einmal das wohlhabende Bürgertum gutheißen, das am ehesten geneigt ist, zu Pinochet zu halten. Die Demokratie hat sich in allen Schichten festgesetzt: 7,4 Millionen Bürger schrieben sich in die Wahlregister ein, das sind weit mehr als im politisch so bewegten Jahr 1973.

Schon dies ist für Pinochet eine Niederlage: Er hatte ja nicht nur einen neuen Staat, sondern auch einen neuen Menschen schaffen wollen, einen politisch desinteressierten, fleißigen Konsumbürger. Heute zeigt sich, daß Chile die geistige und politische Bevormundung abstreifen will.

»Ein Wahlbetrug ist fast unmöglich«, glauben die Führer der Opposition. Mitglieder auch der illegalen Parteien haben sich gemeldet, um in der Wahlnacht die Auszählung zu kontrollieren. Rund 300 Abgeordnete aus aller Welt werden erwartet, um den Wahlgang zu überwachen. Auch Menschenrechtsorganisationen haben in Santiago Bebachtungsbüros eröffnet.

»Trotzdem werden die ersten 48 Stunden nach der Wahl sehr gefährlich«, glaubt ein Oppositioneller - besonders, wenn bei einem Nein zu Pinochet die Begeisterung überborden sollte. Die törichten Erklärungen des Kommunisten Teitelboim gaben Polizeigeneral Rodolfo Stange sofort Anlaß für die Drohung: »Wenn die Kommunisten auf ihrer Linie von Gewalt bleiben, dann werden wir sie von den Straßen fegen.« Ein gewaltiges Aufgebot von Polizei und Militär soll am Wahltag für Ordnung sorgen. Die geringste Provokation könnte eine Explosion auslösen.

»Der Sieg des Nein ist erst der erste Schritt zur Demokratie«, sagt Ricardo Lagos. »Es stellt sich dann die Frage: Was für eine Macht hat ein besiegter General noch?« Die Opposition fordert Verhandlungen mit der Regierung nach dem Plebiszit, um die allgemeinen Wahlen so schnell wie möglich abzuhalten.

Aber auch wenn es Pinochet gelingen sollte, sich noch eine Zeitlang an der Macht zu halten - für viele ist der Diktator schon eine Figru der Vergangenheit.

Noch im Juni schockte der Sozialist Lagos das Land, indem er während einer Fernsehdebatte den General mit erhobenem Zeigefinger angriff. Inzwischen ist das Tabu gebrochen. Vorigen Freitag erhob Lagos erneut den Zeigefinger: »Keine Angst, General«, sagte er, »heute abend spreche ich nicht mit Ihnen. Sie sind schon besiegt. Jetzt sprechen wir über die Zukunft.«

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