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LIBYEN Keine Blumen

Imponiergehabe im Mittelmeer: Die USA schickten eine gewaltige Armada ins Manöver, Gaddafi zog eine »Todeslinie«, und Italien verstärkte seine Insel-Festungen. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Im Streit zwischen der Supermacht Amerika und dem von Washington als »Piratenstaat« geschmähten Libyen schienen die Fronten unaufhaltsam aufeinander zuzurücken.

Draußen auf hoher See stampfte vorige Woche mit den Flugzeugträgern »Coral Sea« und »Saratoga« eine furchteinflößende Armada durch die Wogen. Admiral Frank Kelso, Befehlshaber der 6. US-Flotte, hatte den Verband von 31 Kriegs- und Versorgungsschiffen aus dem Bereitstellungsraum im Ionischen Meer vor die Küste Libyens kommandiert, um dort ein siebentägiges Manöver abzuhalten. Zweck der Übung war ein im Pentagon-Jargon »psywar« genannter Nervenkrieg, mit dem der libysche Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi vor Freund und Feind als Papiertiger entlarvt werden sollte, unfähig, der geballten US-Macht mit einer Gegenprovokation zu begegnen.

Doch Gaddafi, den US-Präsident Ronald Reagan für die Terror-Anschläge auf die Flughäfen von Wien und Rom verantwortlich macht, ließ auf seine Art die Muskeln spielen. Auf einem raketenbestückten Patrouillenboot produzierte sich der Libyer als todesmutiger Kamikaze-Kapitän.

Er werde die »Konfrontation« mit der US-Flotte suchen und ihr entgegenfahren, versprach Gaddafi Reportern, die er im libyschen Hafen Misrata an Bord des Kriegsschiffes geladen hatte. Dann nahm er, gekleidet in einen königsblauen Overall mit wattierter grüner Weste. Kurs gen Nordosten. Dort, zwischen dem 32. und 33. Breitengrad, befindet sich die Grenze des von Gaddafi traditionell beanspruchten Seegebiets der Großen Syrte.

Doch der Trip zur »Linie des Todes«, von dem Gaddafi vor den Fernsehkameras geprahlt hatte, verlief ereignislos. Gaddafi hielt das Boot bei Windstärke sieben stets in Küstennähe und lief wenige Stunden später wieder in Misrata ein statt, wie geplant, ins 555 Kilometer entfernte Bengasi zu schlingern.

Wie jedesmal, wenn ihm die Großmacht USA vor der 388000 Quadratkilometer großen Syrte auflauert, hatte der Oberst das Kräfteverhältnis durchaus richtig eingeschätzt. So war es auch im August 1981, nachdem amerikanische F-14-»Tomcat«-Jäger zwei libysche Maschinen vom Typ »Suchoi-22« abgeschossen hatten. Gaddafi feierte seine Piloten, die sich per Fallschirm hatten retten können, als Kriegshelden. Den Flugzeugträger-Riesen »Nimitz«, von dem die Tomcats aufgestiegen waren, ließ er lieber unbehelligt.

Diesmal begnügten sich die Kontrahenten mit Imponiergehabe, wobei libysche MiG- und amerikanische F-14- und F-18-Piloten nach Sichtkontakt rasch voneinander abdrehten. Auch zu Wasser blieb alles ruhig, obwohl die Amerikaner gedroht hatten, den Lenkwaffen-Kreuzer »Yorktown« über Gaddafis Todeslinie vorstoßen zu lassen.

Ernsthafter Widerstand hätte sich dort kaum gruppieren können, da Libyens Marine schon kurz nach Beginn der Krise überfordert war. Da Gaddafi einen Überraschungsschlag gegen seine

Kriegshäfen befürchtete, hatte er die Einheiten aufs Meer beordert, wo sie, um Treibstoff zu sparen, stundenlang auf den Wellen dahintrieben. Ein großer Teil der Mannschaften wurde bei dem Auf und Ab seekrank und büßte, wie die Amerikaner meinten, die Gefechtsfähigkeit ein.

Am meisten beunruhigte der Flottenaufmarsch einen scheinbar Unbeteiligten: Italien. Das »friedfertige Land« (Ministerpräsident Bettino Craxi) fürchtete, wegen der amerikanischen Nato-Stützpunkte Comiso und Sigonella auf Sizilien und wegen des US-Flottenkommandos in Neapel zur Zielscheibe eines libyschen Angriffs zu werden.

Carmelo Mifsud Bonnici, Premierminister Maltas und offenbar als Kurier für Gaddafi aktiv, ließ ausrichten, der Libyer werde nicht zögern, im Fall eines Angriffs durch die USA zum Schlag auf Neapel und Sizilien auszuholen.

Das veranlaßte wiederum Craxi, zurückzudrohen. »Sie können beruhigt sein«, so der Premier, »daß wir Gaddafi nach neuen Terroranschlägen keine Blumen schicken würden.«

In Rom trat Ende voriger Woche der Oberste Verteidigungsrat unter dem Vorsitz von Staatspräsident Francesco Cossiga zusammen. Man beriet, wie die Südfront »angesichts der libyschen Gefahr« weiter verstärkt werden könne.

Im Nato-Hauptquartier von Neapel dachten die Militärs darüber nach, wer im Ernstfall die Verteidigung von »bella Napoli« übernehmen solle, die US-Truppen oder das italienische Heer.

Um bei einer plötzlichen Eskalation weit ins Mittelmeer vorgeschobene Bastionen wie die Felseninseln Pantelleria und Lampedusa vor dem unberechenbaren Nachbarn zu schützen, schickten die Italiener Verstärkung.

Auf Pantelleria landeten 150 Fallschirmjäger, auf Lampedusa, nur 23 Quadratkilometer groß, eilten 200 Infanteristen den örtlichen Ordnungshütern - 14 Carabinieri und acht Zöllner - zu Hilfe.

Als dann auch noch 500 Artilleristen mit Kanonen und Panzerabwehrwaffen auf dem sizilianischen Flughafen Catania landeten, wurde es den Einheimischen zuviel. »Rom denkt an uns nur, wenn es um Comiso und Sigonella geht«, protestierte Bürgermeister Nino Mirone in einem Brief an Craxi gegen die Militarisierung der Insel.

Der schlaue Gaddafi hofft, die pazifistische Stimmung für sich zu nutzen. Er lud Craxi zu einem italienisch-libyschen Gipfel ein; in einem Brief an den Präsidenten der Insel-Region wandte er sich an die »cari siciliani« und versicherte, er sei dabei, das Mittelmeer in ein »Meer der Liebe und des Friedens« umzuwandeln. _(Oben r., vor dem Auslaufen im ) _(Kriegshafen Misrata. )

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LIBYEN

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Oben r., vor dem Auslaufen im Kriegshafen Misrata.

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