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KEINE DEUTSCHEN REGENSCHIRME

aus DER SPIEGEL 21/1962

In dem amerikanischen Nachrichten: Magazin »Newsweek« veröffentlicht der US-Kolumnist Eldon Griffiths einen Kommentor, der bemerkenswerte Rückschlüsse auf Amerikas Einstellung gegenüber Deutschland zuläßt:

Nach der zur Unzeit gestarteten Attacke Bundeskanzler Konrad Adenauers auf die amerikanische Berlin-Politik versuchte man in der vergangenen Woche, sowohl in Bonn als auch in Washington, die Meinungsverschiedenheiten eilends zu kaschieren und die Verärgerung zu vertuschen.

Aber bevor die »schweren Besorgnisse« schwinden und die Diplomaten eifrig in ihren Lexika nach Vokabeln für »alliierte Solidarität« und »gegenseitiges Verständnis« suchen, scheint es sinnvoll, ein oder zwei grundsätzliche Fragen der amerikanisch-deutschen Allianz zu erörtern.

Zum ersten: Die Mitglieder der Kennedy-Regierung haben für die westdeutsche Regierung in keiner Weise auch nur annähernd so viel Sympathien wie frühere amerikanische Regierungen.

Wegen der politischen Entwicklung zu Beginn der fünfziger Jahre fühlte sich die Eisenhower-Regierung verpflichtet, die westdeutsche Wiederbewaffnung in jeder Hinsicht zu fördern. Und weil die CDU fest auf seiten der Nato stand, während die deutschen Sozialdemokraten alles in allem mehr der Neutralität zuzuneigen schienen, machten die Amerikaner Adenauer zu ihrem Lieblingskind auf dem europäischen Kontinent.

Sie leisteten seiner Regierung nicht nur umfangreiche Hilfe, sondern bewiesen auch ein außergewöhnlich großes Maß an diplomatischer Rücksichtnahme (John Foster Dullés soll, so sagt man, gegen Ende seiner Amtszeit kaum eine Entscheidung im Kalten Krieg getroffen haben, ohne »Konrad« zu konsultieren).

Aber die Zeiten haben sich geändert - auch in Washington. Für die jungen Männer der Kennedy-Regierung ist Adenauer heute mehr oder weniger passe. Sie akzeptieren - und würdigen - zwar den Beitrag des greisen Kanzlers zur westlichen Allianz, sind aber nicht länger gewillt, den Westdeutschen ein Vetorecht in der amerikanischen Rußland-Politik einzuräumen.

Der zweite Punkt - den deutsche Diplomaten gelegentlich zu vergessen scheinen - ist folgender: Die Amerikaner werden sehr böse, wenn ihnen die Deutschen eine »weiche Politik« gegenüber der Sowjet-Union vorwerfen. Denken wir nur an die weitverbreitete Empörung in - Washington, als eine Gruppe deutscher Studenten im letzten Herbst vorschlug, Präsident Kennedy einen »Chamberlain-Regenschirm« zu schikken.

Die Deutschen sollten sich solche Gesten vorher sehr genau überlegen. Sie sollten sich vor Augen halten, daß viele Amerikaner einfach nicht verstehen, warum die Vereinigten Staaten elf Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die Verteidigung ausgeben, während Deutschland nur fünf Prozent aufbringt, obwohl die deutschen Devisen-Reserven pro Kopf der Bevölkerung heute größer sind als die amerikanischen.

Im übrigen ist wohl auch nichts »weich« an einer Regierung, die auf die Berlin-Krise mit der Mobilisierung von 119 000 Reservisten antwortete (während in Westdeutschland nicht ein einziger Reservist einberufen wurde).

Und was die Beschwerden Bonns betrifft, die USA planten eine »Anerkennung« Ostdeutschlands - sind nicht die Vereinigten Staaten viel eher als Westdeutschland legitimiert, Fragen zu stellen? Die USA haben beispielsweise ihre Handelsbeziehungen mit Ostdeutschland völlig abgebrochen, der westdeutsche Handel mit dem kommunistischen Regime hat sich hingegen seit 1953 vervierfacht. Diese Tatsache verdient ebenfalls »Anerkennung«.

Ein dritter wesentlicher Faktor in der amerikanischen Haltung gegenüber Deutschland wird heute selten erwähnt: Nur wenige Amerikaner haben bisher den Zweiten Weltkrieg vergessen. Im Gegensatz zu den Briten empfindet das amerikanische Volk insgesamt freilich erstaunlich wenig Bitterkeit gegenüber seinen früheren Feinden.

Nur wenige US-Bürger würden zögern, einen Volkswagen zu kaufen oder ein Glas Löwenbräu-Bier zu trinken, nur weil diese Dinge von demselben Volk hergestellt wurden, das einst das Konzentrationslager Belsen errichtete. Aber die deutschen Politiker sollten es nicht für selbstverständlich halten, daß Amerika bereit ist, die Vergangenheit zu vergessen. Präsident Kennedys Weigerung, der Bundeswehr Atomwaffen zu geben, findet beispielsweise in Amerika fast einmütige Unterstützung.

Bonn darf auch nicht glauben, Amerika habe sich unwiderruflich auf eine antisowjetische Haltung festgelegt. Wenn die politischen Führer der Sowjet-Union ihre Aggressivität aufgeben würden, wäre durchaus ein Umschwung der öffentlichen Meinung in den USA möglich. Die Amerikaner würden dann Achtung vor dem russischen Volk haben, vielleicht sogar Gefallen an ihm finden.

Westdeutschland und Amerika sind Verbündete, sie verfolgen ähnliche, wenn nicht gar identische Ziele. Westdeutschland kann deshalb mit Recht erwarten, daß man seinen Einwänden gegen die amerikanische Politik Aufmerksamkeit schenkt. Aber man sollte kein Gerede entstehen lassen, die USA wollten Deutschland an die Sowjets »verkaufen«.

In seinen Gesprächen mit der Sowjet-Union sucht Amerika Frieden und Sicherheit, und Washington weiß sehr genau, daß keines dieser Ziele isoliert erreicht werden kann.

Eldon Griffiths
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