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Briefe

»Keine Hand«
aus DER SPIEGEL 21/1978

»Keine Hand«

Nach Beendigung der Frontausbildung der Besatzung in der Ostsee wurde ein Funkgefreiter vor dem Auslaufen zur Unternehmung in den Nordatlantik fahnenflüchtig. Die Schuld dazu wird auch an mir gelegen haben, da diese Frontausbildung anstrengender Drill für die Besatzung war. Der Gefreite wurde in einer kurzen Verhandlung zum Tode verurteilt.

Unmittelbar nach dieser Verhandlung setzte ich mich in den D-Zug nach Berlin, um in dieser Angelegenheit bei dem höchsten Gerichtsherrn Großadmiral Dönitz vorstellig zu werden. Auf meine dringenden Vorstellungen hin ließ mich Dönitz das Wesentliche vor einem Marine-Juristen wiederholen, sicherte mir Begnadigung nach meinen Wünschen zu. Nach zwei Tagen. Stunden vor dem Auslaufen zur Unternehmung, kam der Verurteilte aus dem Gefängnis zurück an Bord. und ich erhielt den Bescheid. daß zur Frontbewährung die Todesstrafe aufgehoben worden war.

Daß ein Marine-Jurist Filbinger behauptet, so gar nichts erreichen zu können, halte ich für absolut falsch. Alles, was er nach Pressemeldungen heute vorbringt, muß geheuchelt erscheinen. Wenn er behauptet, für andere etwas getan zu haben: Diese anderen standen offensichtlich alle im Offiziersrang. Ob es da nicht also eine ganz bestimmte Haltung gab?

Naziverhältnisse und die erschreckend vielen Todesurteile in der Nazi-Wehrmacht wurden schließlich nur durch »Widerstandskämpfer« (wie sie sich heute erkennen) à la Filbinger möglich.

Ich habe zum Beispiel ständig an der Front gemordet -- und muß damit leben.

Einem Mann wie Filbinger möchte ich nicht die Hand geben, aber vielen anderen, die heute noch bei uns eine Rolle spielen, auch nicht.

Edemissen (Nieders.)

ERNST-GÜNTHER UNTERHORST Ehemaliger Kommandant U. 396

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