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NATO Keine Käseglocke

aus DER SPIEGEL 49/1969

Wer schießt wann womit woher wohin -- für diesen Atom-Quiz will die politische Nato-Spitze am kommenden Mittwoch in Brüssel das atlantische Bündnis rüsten.

Orientierungshilfe geben zwei Papiere, für deren Lektüre selbst Schnellschalter Helmut Schmidt, der erstmals im Rat der alliierten Minister mitredet, eine volle Stunde benötigte: »Ein offizielles Lehrbuch über die Möglichkeiten der taktischen Verwendung atomarer Waffen. Das geht in Brüssel glatt durch.«

Ein Fachgremium der Allianz hat den zweiteiligen Leitfaden für Minister und Generale schon Mitte November in Washington gebilligt: die Nukleare Planungsgruppe der Nato, ein Sonderausschuß der Verteidigungsminister aus sieben Mitgliedsländern.

Entstanden ist die erste Atomfibel noch in der Amtszeit des Schmidt-Vorgängers Gerhard Schröder, der zusammen mit dem britischen Bundesbruder Denis Healey die Strategen in Bonn und London eine A-Bomben-Studie austüfteln ließ. Schröder voller Urheberstolz nach seiner Abschiedsvorstellung im Nato-Rat Ende Mai: »Die deutsch-britische Gemeinschaftsarbeit wird allgemein hoch bepunktet.«

Das streng geheime Kompendium, aus einer Vielzahl atomarer Kriegsspiele entwickelt, zählt Nato-einheitliche Grundsätze auf, nach denen die atlantischen Befehlshaber einen Großangriff atomtaktisch stoppen sollen. Es sind keineswegs fertige Patentlösungen, eher Denkmuster, die je nach Lage auf die militärische Wirklichkeit zu übertragen sind.

Das Dokument, das diese Woche in Brüssel von allen Bundesgenossen -- außer den Franzosen -- verabschiedet wird, ist dann Handwerkszeug für die Generalstabsarbeit in den integrierten Kommandobehörden.

Ein Atomspezialist der Bonner Hardthöhe: »Die Richtlinien müssen jetzt militärisch verfeinert und ausgefüllt werden. Dadurch werden heute noch unterschiedliche Auffassungen Im Bündnis nach und nach deckungsgleich.«

Das zweite Atompapier, über das der Nato-Rat zu befinden hat, regelt das Mitspracherecht der Bündnispartner, bevor die westliche Allianz ihren ersten Atomsprengkörper abfeuert. Eine belgisch-amerikanische Studiengruppe hat den Entwurf skizziert.

Konsultationsregeln: Amerikas Präsident behält uneingeschränkt die Freigabe- und Verfügungsgewalt über alle amerikanischen Nuklearwaffen, auch die der Nato. Er darf -- beispielsweise bei überraschendem Atomangriff auf die Vereinigten Staaten oder europäisches Nato-Territorium -- ohne Verzug oder Rückfrage atomar zurückschlagen. Ein Vetorecht dagegen hat niemand.

Damit geht ein Bonner Traum zu Ende. Bundesverteidiger wie Kai-Uwe von Hassel, Gerhard Schröder und schließlich auch Helmut Schmidt wiegten sich jahrelang in der Hoffnung, alliierte Atomangriffe auf Hannover oder Magdeburg, die ihnen unnötig erschienen, verhüten zu können. Nicht nur die Amerikaner, auch die Westeuropäer im Bündnis mochten den Bonnern solche Skrupel nicht zugestehen. Sie fürchten, daß ohne atomares Sperrfeuer auf deutsches Gebiet russische Panzerspitzen zu schnell vor Lüttich und Luxemburg auftauchen könnten.

Jedoch, soweit das Kriegsgeschehen es zuläßt, wollen sich die Amerikaner vor dem Gebrauch der Bombe mit ihren Verbündeten beraten. Clearing-Stelle dieser allseitigen Konsultationen wird im Regelfall der Ständige Nato-Rat sein, das Botschafter-Kollegium der Alliierten in Brüssel. Außerdem sind bilaterale Absprachen möglich, etwa zwischen Amerika und der Türkei, falls ein Aggressor Ostanatolien zu überrennen droht.

Modell: Der Befehlshaber einer Nato-Heeresgruppe hält den taktischen Einsatz nuklearer Mittel für geraten. Der Nato-Oberkommandierende Europa im belgischen Casteau beantragt beim US-Präsidenten die Freigabe der Waffe. Zugleich unterrichtet er über den Ständigen Rat die Alliierten, vorweg den Regierungschef des Landes, in dem die taktische Lage atomare Abwehr gebietet. Zusätzlich telephoniert Amerikas Präsident mit dem betroffenen Premier.

Ein Bonner General im Nato-Welsch: »Es gibt keine rigide Festlegung des Konsultationsverfahrens, weil sonst der je nach Lage gangbare Weg versperrt sein könnte.«

Der unbürokratischen Kommunikation zwischen den Bundesgenossen in der konventionellen Anfangsphase eines militärischen Konflikts messen die Nato-Stäbler entscheidende Bedeutung zu. Denn in diesem Stadium ist jederzeit der Übergang zum Atomkrieg möglich -- sei es, daß sich der Angreifer dazu entschließt, sei es, daß seine konventionelle Überlegenheit die Nato dazu zwingt.

Und: »Der Einsatz von Atomwaffen verändert die Qualität des Kampfes vollkommen« (ein Nato-Oberst in Brüssel).

Der erste Atompilz signalisiert mithin einen radikal neuen Abschnitt des Kriegsgeschehens, im Nato-Jargon die »selektive Phase": ausschließlich taktischer Gebrauch nuklearer Sprengkörper aller Kaliber, vom Artilleriegeschoß mit geringem Detonationswert, abgefeuert auf einen Verschiebebahnhof, bis zur Megatonnen*-Bombe, eingesetzt gegen eine Panzerdivision im Aufmarschgebiet.

Den Zweck dieser dosierten Verwüstung definiert ein Bonner Atomstratege als letzte Warnung an den Aggressor: »Du veränderst, wenn du deinen Angriff fortsetzt, die Lage so, daß du den Einsatz unserer letzten Mittel riskierst.«

* 1 Megatonne = 1 Million Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT.

Erzielen die Warnsignale keine Wirkung, ist die »selektive Phase« beendet; es beginnt der im Nato-Pidgin »All-Out-War« (sinngemäß: Letzter Krieg) genannte große Raketenkrieg: »Die strategische Verwendung von Atomwaffen ist die Verwendung, die im Rahmen des Schlagabtausches der strategischen Potentiale zwischen den Großmächten erfolgt« (Nato-Definition).

In dieser Schlußphase muß Westeuropa mit Vernichtung rechnen. Grund: 700 strategische Mittelstreckenraketen würden von Abschußbasen in West-Rußland aus die Zivilisationszentren der europäischen Nato-Staaten zerschlagen. Dazu ein Bonner Führungsstäbler: »Daß der Raketenkrieg der Großen über unsere Köpfe hinweggeht, ist dummes Käseglocken-Denken.«

Im Brüsseler Papier steht über den Endkampf der Giganten kein Wort. Bei der Arbeit in der Nuklearen Planungsgruppe haben die Europäer nie Mitsprache im strategischen Atomkrieg verlangt. Ihr »Lernprozeß« (Verteidigungsminister Schmidt) beschränkte sich auf Atomtaktik in der »selektiven Phase": »Die Amerikaner haben uns ziemlich tief hineingucken lassen. Wir wissen jetzt mehr.«

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