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KEINE REDE VON TABU

aus DER SPIEGEL 12/1964

Dr. Wolfgang Stammberger, 44, Rechtsanwalt, FDP-Bundestagsabgeordneter und Justizminister im vierten Kabinett Adenauer bis zur SPIEGEL -Affäre 1962, ist Mitglied der Freimaurerlogen »Zur Fränkischen Krone« in Coburg und »Prometheus« in Bonn.

Es wäre längst nicht so ertragreich, über die Freimaurer zu schreiben,

wenn es nicht das »Geheimnis« gäbe, das sie seit 250 Jahren umwittert - die ersten Freimaurer konstituierten sich in England 1717 - und das man bis heute nicht lüften zu können scheint. Vollends ein Nichtfreimaurer wie Heinz-Günter Deiters, dessen Buch »Die Freimaurer« den Untertitel »Geheimnis und Enthüllung« trägt, tut sich schwer, dieses Geheimnis darzustellen, wenn die Enthüllung lockt. Goethe - um gleich den berühmtesten deutschen Freimaurer zu nennen - sagt im »Wilhelm Meister": »Ein Geheimnis hat sehr große Vorteile: denn wenn man dem Menschen gleich und immer sagt, worauf alles ankommt, so denkt er, es sei nichts dahinter.«

Daß viel dahinter stecken müsse, war schon vor 250 Jahren die Meinung der Mitwelt über die Freimaurer. 1724 und 1736 erschienen die ersten sogenannten Verräterschriften ("Grand Mystery« und »Vademecum, The Freemasons"), und was die Freimaurer trieben, lag vor aller Augen offen da. Niemand von den mysteriösen Freemasons sah sich damals veranlaßt, die Rituale und Code -Worte - darin erblickte man ihr Geheimnis - daraufhin zu ändern. Im Gegenteil: Die heute noch maßgebenden Fassungen der Rituale in Deutschland, deren Formulierung auf den Schauspieler Friedrich Ludwig Schröder und auf Herder zurückgehen, gründen sich nicht auf authentische Quellen aus England, sondern auf die »Verräterschriften«.

Jede Einzelheit der freimaurerischen »Heimlichkeiten« (Lessing)- ist also seither publik. Hinzu kommt, daß die freimaurerische Bibliographie in Europa bis heute rund 60 000 Titel umfaßt. Da sollte noch von einem Tabu die Rede sein, von der Zone des Schweigens, in die Heinz -Günter Deiters nun mit seinem Buch hineinstößt?

Eine nicht gerade haltbare Strähne - scheint mir -, an der Deiters sein Buch aufhängt. Für den Außenstehenden, der sich die Quellen erschließen will, ist es nämlich durchaus nicht schwer, dahinterzukommen, was die Freimaurer eigentlich wollen. In jeder öffentlichen Bibliothek befindet sich genügend Material über das Thema. Außerdem gibt es in. Bayreuth ein Freimaurer-Museum mit einer umfangreichen Fachbücherei, die jeder benutzen kann. Vor dem letzten Weltkrieg gab es in Deutschland rund ein Dutzend Freimaurer-Zeitschriften, die sich jeder beschaffen konnte. Auch nach dem Kriege gibt es wieder solche Zeitschriften (beispielsweise die von mir herausgegebene »Europäische Freimaurerzeitung« Baden-Baden und Straßburg).

Das Gerede von dem »Geheimnis«, das enthüllt werden muß, und von den Schwierigkeiten, die es geben soll, wenn man sich als Wissenschaftler oder Journalist mit der Freimaurerei beschäftigt, ist also Unsinn. So ist es denn auch Deiters ohne weiteres möglich, eine sehr fleißige und brave Übersicht über die Geschichte der Freimaurerei, ihre Organisationen und »Heimlichkeiten« zusammenzuschreiben - eine bloße Addierung von Fakten und Meinungen aus alten und neueren Publikationen.

Man könnte dem Autor vorwerfen, daß er fragwürdige Quellen benutzt, wie etwa Ferdinand Runkels »Geschichte der Freimaurerei«, die von der internationalen Idee und Bedeutung der Freimaurerei nicht das geringste ahnen läßt und freimaurerische Daten rein unter dem Gesichtspunkt nationalistischer und dynastischer Verherrlichung darstellt. (Die Freimaurerei in Deutschland war zuzeiten besonders stolz auf die Könige und Fürsten regierender Häuser, die ihr angehörten, an der Spitze Friedrich der Große.)

Man könnte sich auch an dem zweiten Autor stoßen, an dem sich Deiters vorwiegend orientiert. Es ist der freimaurerische Publizist August Horneffer. Er vertritt die »Christliche« Richtung der Freimaurerei, welche die Aufnahme von einem Bekenntnis zum Christentum abhängig macht, was der ursprünglichen Freimaurerei fernliegt. Auch die »Aufklärer« und Rationalisten, die einer mehr symbolischen und mystizistischen Richtung in der Freimaurerei gegenüberstehen, kommen bei Deiters zu kurz.

Aber das alles zählt nicht gegenüber dem gewichtigen Einwand gegen das Buch, daß es von der Enthüllung eines nicht vorhandenen Geheimnisses ausgeht und in einer mehr oder weniger blassen Aufzählung von Daten, Ritualien, Symbolen, Verfassungsabschriften und der Erklärung freimaurerischer Grundbegriffe endet. Die eingestreuten Zitate aus Lessings »Freimaurergesprächen« nehmen sich dabei wie Fremdkörper aus. Man hat die Teile in der Hand, aber es fehlt - leider - das geistige Band.

Gerade anhand der Lessingschen Freimaurergespräche hätte der Verfasser eindeutig demonstrieren können, was die Freimaurerei nicht ist, aber was sie sein wollte und könnte. Ihr noch heute gültiges Grundgesetz geht nach Lessing von einer Regel aus, aus der die Freimaurer nie ein Geheimnis gemacht haben, nämlich: jeden würdigen Mann von gehöriger Anlage ohne Unterschied des Vaterlandes, der Religion und des bürgerlichen Standes in ihren Orden aufzunehmen, wobei man das Wort Orden, das Lessing anwendet, ruhig streichen und durch den besseren Begriff »Gesellschaft« ersetzen könnte.

Auch daß die Freimaurer zu jenen Männern gehören möchten, die es in jedem Staat geben sollte und die über die nationalen Vorurteile hinaus wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört, ist bei Lessing nachzulesen und wird von Deiters auch angeführt. Daß sie den Vorurteilen der angeborenen Religion nicht unterliegen wollen und nicht glauben, daß alles notwendig und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen, daß, wie Lessing sagt, »bürgerliche Hoheit sie nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in deren Gesellschaft der Hohe sich gerne herabläßt und der Geringe sich dreist erhebt« - ist das Geheimnis so nicht bestens enthüllt?

In der freimaurerischen Verfassung gilt heute noch: »Glaubens-, Gewissens - und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstes Gut.« Und noch einmal Lessing: »Die Freimaurerei ist nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges, das im Wesen des Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft gegründet ist. Folglich muß man auch durch eigenes Nachdenken ebensowohl darauf verfallen können, als man durch Anleitung darauf geführt wird.«

In der Tat: die »wahre Ontologie der Freimaurer« hat uns Lessing geliefert. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, daß die Freimaurer in der Interpretation ihres Anliegens und in, ihren Handlungen ihrem Klassiker Lessing gefolgt wären. Denn an der Wiege der Freimaurerei stand nicht nur die Vernunft, sondern auch der Unsinn: Mystik, Scharlatanerie, Saga und Ritterspielerei, die sich teilweise bis heute gehalten haben. Von außen nämlich wurde in die

Freimaurerei alles mögliche hineingeheimnist, das dann als das »große Geheimnis« zurückstrahlte wie der falsche Ring in Lessings »Nathan«.

Im »Nathan« liegt übrigens der andere Schlüssel des freimaurerischen Geheimnisses - für jeden erkennbar, wenn er nur will. Wenn Lessing sagt, daß die wahren Taten der Freimaurer dahin zielen, gute Taten überflüssig zu machen, so zielt die wahre Gesinnung der Freimaurerei dahin, alle »Gesinnungen« überflüssig zu machen. Das heißt nämlich, daß die Freimaurerei gar keinen Inhalt hat, oder zumindest einen nur sehr dürftigen, daß sie vielmehr allein Form ist - eine an den Idealen der Humanität und Toleranz orientierte Verhaltensweise. Sie stellt dieses »menschliche« Verhalten in Symbolen dar, in »Ritualen«, die für den Außenstehenden nur Schall und Rauch sind und sein müssen, wie in der Forderung nach Selbsterkenntnis des einzelnen und nach angemessener Eingliederung in die Gemeinschaft und Gesellschaft.

Nicht was der Mensch glaubt und denkt - so meinen die Freimaurer - ist wichtig, sondern was er tut. Vor 250 Jahren sprach es sich vielleicht zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte herum, daß es nützlich sei, im Streit der Interessen und der Glaubenspostulate einen anderen Weg zu gehen. Man stellte deshalb nur moralische Mindestforderungen an den Menschen und erklärte, seine religiösen, nationalen oder rassischen Überzeugungen seien unerheblich, wenn er sich nur »menschlich«, das heißt zivilisiert, aufführe. Vielleicht würde dies das Leben erleichtern, mindestens würden die Glaubensstreitigkeiten aufhören, wenn auch der Kampf der Interessen nicht so leicht zu beeinflussen ist. Aber da die Interessen immer eine ideologische Vorhut brauchen, um sich zu sanktionieren und zu tarnen, schien den damaligen Freimaurern das Beiseiteschieben der Ideologien der beste Ansatz, das Leben besser zu bewältigen, als es ihren Vorfahren gelungen war.

Nun - es blieb beim Ansatz. Nicht einmal unter sich konnten die Freimaurer die Glaubensüberzeugungen oder die nationalen Unterschiede beiseite räumen, um sich auf einer Plattform zu treffen, die zum Beispiel Lessing vorgeschwebt hat. Das kam aber einfach daher, daß die Freimaurer ihr eigenes Geheimnis nicht begriffen hatten und zum Teil bis heute nicht begreifen. Sie fielen in ihre Glaubensüberzeugungen zurück - wie ihre Zeitgenossen in die herrschenden Ideologien.

An dem Buch von Deiters kann man

diese geistige Situation der Freimaurerei leider nicht ablesen. Äußerlichkeiten - wie sie Deiters sieht - sind dazu auch nicht geeignet. Die »Verdammung« der Freimaurerei durch Papst und Kirchen ist zudem nur halbwegs erklärt. Dazu ein kurzes Wort.

Das Ritual der Freimaurer - bei Deiters nachzulesen - ist nichts anderes als die Exemplifizierung der freimaurerischen Haltung in Rede und Gegenrede und in gehobener Sprache. Man könnte sagen, es verfolgt in erster Linie ästhetische Zwecke, wenn dies nicht zu hoch gegriffen wäre. Aber das »Erlebnis«, das der Freimaurer beim Ritual sucht und findet, ist kaum unterschieden von der aristotelischen Definition der Wirkung des Dramas, das den Zweck haben soll, Erschütterung auszulösen, »Furcht und Mitleid« zu erregen oder zu »erheben«. Mit Mitteln der Ratio allein ist eine solche Wirkung nicht zu erzielen. Hier sind Gefühlswerte im Spiel, die jedem geläufig sein dürften.

Jedwedes andere Ritual aber als das freimaurerische - etwa das kirchliche - stellt den Menschen dar in seiner »schlechthinnigen Abhängigkeit« von Gott (Schleiermacher) und innerhalb eines festen Dogmas. Das freimaurerische Ritual dagegen ist deistischen Ursprungs - der Deismus war die Religion der Aufklärung - und stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Zwar wird Gott als der Schöpfer -Demiurg, als »Weltbaumeister« anerkannt und auch geehrt, aber die eigentliche Arbeit - hier in dieser Welt - hat der Mensch als unabhängiger und freier Mann zu leisten. Hier gilt allein das Goethe-Wort: »Schwerer Dienste tägliche Bewahrung - sonst bedarf es keiner Offenbarung.« Dies natürlich ist nicht vereinbar mit der kirchlichen Vorstellung von der Sündhaftigkeit des Menschen und seiner ständigen Abhängigkeit vom Schöpfer. Darum sind die Kirchen keine Freunde der Freimaurerei-abgesehen davon, daß jedes kirchliche Dogma von den Freimaurern zwar nicht abgelehnt, aber bagatellisiert wird.

So rührt also das unkomplizierte Buch von Heinz-Günter Deiters das eigentliche Geheimnis der Freimaurerei sowenig an, wie es die auf dem Klappentext angekündigte Enthüllung bringt. Wer sich ernsthafter orientieren will, sollte es nicht seine einzige Lektüre sein lassen. Nützlich aber scheint mir das Deiters-Buch zu sein, weil es beweist, daß wer auch immer das angeblich so heikle Thema der Freimaurerei aufgreift - in gegnerischem oder in freundschaftlichem Sinne - jedenfalls ungestraft unter Palmen wandeln kann.

Paul List

Verlag

München

208 Seiten

10,80 Mark

Stammberger

Freimaurer-Zeremonie*

* »Große Frauenloge von Deutschland zum Licht e.V., Berlin«.

Wolfgang Stammberger
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