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»Keine Verwahrlosung aus Übermut«

aus DER SPIEGEL 53/1976

Im Hansa-Theater Hamburg geben im Dezember »The Bossis« ein Gastspiel. Sie verpacken, wie es im Programm heißt, »raffinierte Hexenkünste in famose Gags«. und das Programm verspricht nicht zuviel. Das Artistenpaar bietet, was das Varieté verlangt, und so erntet es Applaus. Zweimal beispielsweise wird der Schrank, in dem die Partnerin steckt, von scharfem Metall durchbohrt, und zeitweise scheinen wesentliche Körperteile der Dame verschwunden -- doch zuletzt präsentiert sie sich unversehrt. Und auch die Geldscheine, die »The Bossis« vom Publikum erbitten und verschwinden lassen, finden sich wieder ein und werden zurückerstattet.

Ähnliches durfte man von einem anderen Bossi, von dem Münchner Star-Verteidiger Rolf Bossi, selbstverständlich nicht erwarten, als er im November und Dezember in Hamburg den wegen Mordes in vier Fällen angeklagten Fritz Honka verteidigte. Man erwartete eher das Gegenteil: den Verzicht auf Show. auf Gags, auf Hexenkünste. Man erwartete, daß Herr Bossi bieten würde, was seine Szene, die der Hauptverhandlung, von ihm verlangt: Denn immerhin hat Herr Bossi selbst geschrieben, er empfinde es als »nicht eben fair«, ihn einen Star-Verteidiger zu nennen.

Das Gericht erkannte auf 15 Jahre Freiheitsstrafe und Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus wegen Mordes in einem und wegen Totschlags in drei Fällen. Unstreitig kommt dieses Ergebnis dem Plädoyer der Verteidigung näher als dem Strafantrag der Anklage. Und so könnte der Eindruck entstehen, es mache sich eben doch bezahlt, von einem Star-Verteidiger vertreten zu werden.

Doch über Fritz Honka hat ein Gericht verhandelt und entschieden, das sich durch nichts irritieren ließ -- auch nicht durch eine Verteidigung, die erst im letzten Drittel des Prozesses ein Konzept gefunden hatte.

Drei Wochen vor dem Termin der Hauptverhandlung verliert Fritz Honka das Vertrauen zu seinem Verteidiger und legt sein Schicksal in die Hände von Herrn Bossi. Das gibt es, daß Vertrauen verloren geht, was verliert man nicht alles; unlängst hat ein Angler geheime Nato-Dokumente aus der Themse gefischt. Fritz Honka allerdings soll das Vertrauen zu seinem bisherigen Verteidiger nicht wie einen Hosenknopf verloren haben, sondern nachdem ihn sein Sohn in der U-Haft aufgesucht und ihm Herrn Bossi dringend empfohlen hat.

Fritz Honkas Sohn soll Geld dafür bekommen haben, daß er das eine neue Zuflucht suchende Vertrauen seines Vaters in Richtung auf Herrn Bossi lenkte, selbstverständlich nicht von Herrn Bossi; es gibt auch andere Personen, denen daran gelegen ist, heimatlosem Vertrauen eine Ruhestätte zu weisen Die Anwaltskammer ist -- von Herrn Bossi -- mit dieser Angelegenheit befaßt worden, greifen wir ihr nicht vor.

Drei Wochen vor Termin übernimmt Herr Bossi die Verteidigung Fritz Honkas. Herrn Bossis Terminkalender ist ein Wunder. Während er im November und Dezember in Hamburg Fritz Honka verteidigte, verteidigte er auch in Göppingen ("eigens per Flugzeug vom Frauenmörderprozeß Honka aus Hamburg angereist") einen wegen Kuppelei angeklagten Mann. In München vertrat er den Fußballspieler Paul Breitner, der sich wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu verantworten hatte ("Er ist ein einfältiger, naiver Mensch«, so Herr Bossi laut »Bild"), und auch während des Prozesses gegen Hardy Krüger war Herr Bossi wenigstens zeitweise anwesend; es ging um die Demolierung einiger Kraftfahrzeuge im Zustand der Trunkenheit.

Herr Bossi bewältigt seinen Terminkalender, dieses Wunder, natürlich nur dadurch, daß er in seiner Kanzlei einige prachtvolle Leute sitzen hat und daß er nicht ständig persönlich anwesend sein muß. Unser Kalender der Nebenbeschäftigungen Herrn Bossis während des Honka-Prozesses ist nicht vollständig.

Er ist nun einmal der Figaro da, der Figaro dort, das Faktotum der ganzen Welt in Sachen Strafverteidigung in der Bundesrepublik. Er müßte, hätte er einen Fahrer, diesem nie sagen, wohin der ihn fahren soll: Wohin auch immer -- Herr Bossi kommt immer an einen Ort, an dem man ihn braucht.

Herr Bossi, wiederholen wir uns, ist ein exzellenter Strafverteidiger. Doch die unaufhaltsame Entstehung eines bundesweiten Imperiums der Verteidigung im Namen (doch nur unter gelegentlicher Anwesenheit) von Herrn Bossi, von den Gutberlet-Entführern bis zu Kroll (nur unter anderen, versteht sich) ist Herr Bossi bereits gebucht für 1977 -diese Unaufhaltsamkeit ist eine Katastrophe. Herr Bossi und seine prächtigen Mitarbeiter sind überall -- doch gelegentlich ist die Verteidigung dann nicht sonderlich vorbereitet.

Was Fritz Honka angeht, dessen Verteidigung Herrn Bossi jählings vor dem Termin zufällt, wirkt sich Herrn Bossis allseitiges Benötigtsein dergestalt aus, daß Herr Bossi zunächst einmal die möglichen Taktiken seiner Verteidigung öffentlich, also gegenüber der Presse, ausprobiert. Herrn Bossis Bemühungen, unter Zeitdruck die »allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« frei nach Kleist zu üben, führen bis zu der These Herrn Bossis, Fritz Honka sei hinsichtlich seiner Sexualität ein Ungeheuer, ein Mensch jedoch, dem dadurch zu helfen sei, daß man ihn kastriert (und von dem nach der Kastration keine Gefahr mehr ausgeht, so daß man ihn einfach in Freiheit setzen muß).

Vertiefen wir unsere Unterlagen über Herrn Bossis Aktivitäten im Vorfeld nicht. Und gehen wir auch nicht erneut darauf ein, unter welchen Umständen Herr Bossi betreibt, daß die Braunschweiger Psychologie-Professorin Elisabeth Müller-Luckmann als weitere Sachverständige vom Gericht hinzugezogen wird. Das Honka-Gericht ist, wie gesagt, nicht zu irritieren. Es lädt Frau Professor Müller-Luckmann. Und die erstattet ein in seiner Sachlichkeit bewegendes Gutachten -- das Herr Bossi um ein Haar in der Befragung zuschüttet.

Der Sachverständige Professor Werner Krause kann der Verteidigung nicht genehm sein. Er moduliert, hier sei eher von Mordlust als von Lustmord zu reden. Herr Bossi traktiert diesen Sachverständigen mit Fragen von minutenlanger Länge. Das Honka-Gericht, wie gesagt, ist nicht irritierbar. Es läßt Fragen eines Münchner Strafverteidigers zu, die man in München nicht zulassen, sondern als Vorgriff aufs Plädoyer untersagen würde.

Mit dem, was gegen den Professor Krause vorzubringen wäre, befaßt sich Herr Bossi nicht. Professor Krause hat seine Ausführungen mit einem kapitalen Satz eröffnet: »Ich halte Herrn Honka für durchschaubar.« Das ist ein ungeheuerliches Wort. Wo die Psycho-Wissenschaftler mit der These auftreten, sie könnten durchschauen, enthüllen, überführen -- da überschreiten sie sachlich und ethisch die Grenzen, die ihrer Wissenschaft gesetzt sind.

Der Sachverständige ist bereits aus dem Verfahren entlassen, als Herr Bossi ihn wegen Besorgnis der Befangenheit ablehnt. Professor Krause habe in Interviews, vernehmlich im Rundfunk, vor dem Auftritt in der Hauptverhandlung seinen Standpunkt derart festgelegt und bekanntgegeben, daß Fritz Honka dies als Vertrauensbruch empfinden müsse.

Herr Bossi, in Verfolgung seines erfolglosen Versuchs, den Sachverständigen Professor Krause wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen, schreckt nicht vor der Erklärung zurück, diese Hauptverhandlung sei »notleidend« geworden. Und er beschwört den Senatspräsidenten Sarstedt, der als Revisionsinstanz beim Bundesgerichtshof ein Urteil, das unter derartigen Gebrechen zustande gekommen sei, schon aufzuheben wissen werde. Nein wirklich.

Im letzten Drittel dieser Hauptverhandlung hat die Strafverteidigung dann ein Konzept. Fritz Honka ist kein Sexualtäter à la Jürgen Bartsch, dem durch Kastration der Wiedereintritt in die Gesellschaft ermöglicht werden muß. Fritz Honka ist jetzt ein sozialer Fall, ein depravierter, zerstörter Mensch. Nunmehr plädiert Herr Bossi für verminderte Schuldfähigkeit, nicht etwa für die von ihm zunächst versuchte Schuldunfähigkeit. Und es gelingt ihm, nun ist er voll auf der Szene der Hauptverhandlung erschienen, nun hat er ein Konzept, unübertrefflich vorzutragen, Fritz Honkas Verwahrlosung sei »keine Verwahrlosung aus Übermut«.

Das Gericht in Sachen Honka war nicht zu irritieren. Vorsitzender dieser Schwurgerichtskammer war der Richter Hadenfeldt. Es ist nichts so peinlich gegenüber souveränen, integren Personen wie der Versuch, die Souveränität und Integrität solcher Personen zu definieren.

Doch der Vorsitzende Richter Hadenfeldt hat zur Sache, um die es jeweils geht, und zu allen Beteiligten an dieser Sache den gleichen Abstand. Es hat alles für ihn gleiche Geltung.

Fritz Honka hat, als er bei der Kripo versuchte, über das zu reden, was ihm vorgeworfen wurde, lack the Ripper ins Gespräch gebracht. Der habe ihn beauftragt, zu töten. In der mündlichen Urteilsbegründung, die Richter Hadenfeldt vortrug, wurde dieser Versuch Fritz Honkas als ein Beleg dafür gewürdigt, daß Fritz Honka noch empfindet; daß er das Vehikel Jack the Ripper benötigte, um von etwas sprechen zu können, was unsäglich ist. Wir können vor einem Gericht, das sich derart äußert, nur unseren Respekt bekunden. Es wird diesem Gericht inzwischen vorgeworfen, es habe »zuviel Gnade« walten lassen, als es Fritz Honka für vermindert schuldfähig befand.

Es gibt eine Chancenlosigkeit, die ausweglos in das führt, was wir Schuld nennen, weil wir uns, die Bergpredigt und anderes mißachtend, für schuldlos halten. Fritz Honka hat die Chance, noch einmal das zu erleben, was wir Freiheit nennen, wenn er während der Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik geheilt wird. Ein chancenloser, zerstörter Mensch hat vier chancenlose, zerstörte Frauen getötet.

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