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MITTELAMERIKA »Keine Zeit zum Weinen«

Hurrikan »Mitch« hat Honduras um mindestens 20 Jahre in seiner Entwicklung zurückgeworfen. Mitschuldig an der Jahrhundertkatastrophe ist die Plantagenwirtschaft.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Sergio Ríos watet knietief in einem stinkenden, schlammigen Chaos, das einmal sein Fahrradgeschäft war, und ist zufrieden. Vor zwei Tagen noch stand das Wasser 1,80 Meter hoch und drohte den Mörtel aufzuweichen. Doch die vier Wände seines Hauses in Tegucigalpa, die seit 1991 Ríos' Existenz bedeuten, haben der Jahrhundertflut widerstanden. Für ihn gibt es, was vielen seiner Landsleute versagt bleibt - ein Leben nach dem Hurrikan »Mitch«.

Am Morgen sind 40 Studenten zu Sergio gekommen, mit Schaufeln und Besen, Eimern und Lappen und einem Mundschutz gegen den penetranten Verwesungsgestank, der die ganze Stadt umwabert. Schubkarrenweise kippen sie gammelige Kartonagen auf die Segunda Avenida im schwer beschädigten Stadtteil Comayagüela. Sie schippen den Dreck auf die Straße, wo Bagger die Trümmer auf Lkw verladen. Sie spülen Werkzeuge in der modrigen Brühe, retten Holzkisten mit Eisenteilen. Sie sind schmutzig bis auf die Unterwäsche, der Schlamm quitscht ihnen zwischen Zehen und Fingern.

Sie werden sich nicht waschen können. Denn das Wasserleitungssystem ist zusammengebrochen. Das Trinkwasser wird in Tankwagen hergeschafft und ist rationiert. Doch die Helfer sind guter Laune inmitten all der Zerstörung. Sie wissen, daß sie es gut getroffen haben bei Ríos. Denn nur eine Parallelstraße weiter, in der Primera Avenida direkt am Wasser, ist der Einsatz wesentlich härter. Kleine mittelständische Betriebe waren hier angesiedelt. Hier gibt es nichts mehr zu putzen. Wo der Río Choluteca nach tagelangen Regenfällen über die Ufer trat, hat er nahezu alle Häuser mitgerissen.

Hier hat ein Team kubanischer Ärzte eine Notklinik eingerichtet. Die 13 Mediziner haben im ersten Stock der Halle des San-Isidro-Marktes auf schmutzigem Betonboden zwei Untersuchungsräume und eine Krankenstation improvisiert.

Die Patienten klagen vor allem über Atemwegserkrankungen und Fußpilz, den sie sich beim Waten durch Unrat und Schlamm geholt haben. Fette Ratten umschleichen das Gebäude. Sie gelten als Überträger von Seuchen.

Castros Doktoren haben Medikamente mitgebracht, obwohl die Zuckerinsel selbst knapp mit Arzneimitteln ist. Einige Kisten tragen die Aufschrift Nicaragua. Dort sollte das sozialistische Team zum Einsatz kommen. Doch der konservative Präsident des Nachbarlandes wies die Hilfe der Klassenfeinde ab.

Die wenigsten Hauptstadt-Bewohner hatten die Warnungen vor dem Hurrikan ernst genommen. Schließlich war nie zuvor ein Sturm bis in die Berge vorgedrungen. In Tegucigalpa wird überall unter den Trümmern nach Toten gebuddelt.

»Mein Freund wollte einfach nicht glauben, daß er das Haus verlassen muß«, erzählt Ríos. Erst im allerletzten Moment, als das tosende Wasser die Brückenbrüstung nahe seinem Haus schon erreicht hatte, sprang die Familie ins Auto. Doch es war zu spät. Die Wassermassen rissen das Auto von der Brücke. Ríos' Freund und dessen Familie sind seither vermißt - wie 8000 weitere Menschen in ganz Honduras.

Das Flußbett, das sich sonst geschmeidig durch Tegucigalpa schlängelt, gleicht nun einer eiternden, nässenden Wunde, ausgefranst an den Rändern, wo sich alles ablagert, was der Fluß mitreißen konnte. Unterhalb des ehemaligen Präsidentenpalastes hat sich vor einem Staudamm aus Bäumen, Trümmern, Autos, Kadavern und Leichen eine Lagune gebildet. Am Ufer spielen Kinder. Mangels frischen Wassers waschen Frauen ihre Kleidung im Fluß, der süßlich nach Fäulnis stinkt. Die Behörden warnen vor Epidemien.

Zwei Wochen nach »Mitch« ist der Wahnsinn zum ganz normalen Alltag geworden in Honduras. 6600 Tote hat der Hurrikan allein in diesem Land gefordert. Über eine halbe Million der insgesamt sechs Millionen Einwohner sind obdachlos. Fast alle Brücken und Straßen sind zerstört, die Siedlungen isoliert und von Wasser, Nahrung und medizinischer Hilfe abgeschnitten.

Honduras, ohnehin eines der ärmsten Länder der Welt, ist nach »Mitch« bettelarm und in seiner Entwicklung um mindestens 20 Jahre zurückgeworfen. In einer emotionalen Fernsehansprache hat Honduras' liberaler Präsident Carlos Flores sein Volk aufgerufen, »die Apokalypse, den Tod, die Zerstörung als Wirklichkeit anzunehmen«. »Was sollen wir auch anderes tun«, knurrt Ríos' Frau Norma. »Wir haben keine Zeit zum Weinen. Wir müssen aufräumen.«

Während unten am Fluß Vögel an Leichen picken, klingt oben am Berg Salsamusik aus den Souvenirgeschäften, so laut, als wolle man das ungeheure Leid übertönen, das nach sechs Tagen und sechs Nächten ununterbrochenen Regens über das Land gekommen ist.

Helfer aus aller Welt, von Misereor bis Caritas, von der Heilsarmee bis medico international, von Care zum Roten Kreuz bis Ärzte ohne Grenzen, wuseln durch die Straßen der Stadt und organisieren Hilfslieferungen. Valorie, der angeblich erfahrenste Suchhund der Welt, kam aus Oregon eingeflogen, um Leichen zu finden.

Eine staatliche Kontrollstelle versucht, die Lebensmittel- und Medikamentenlieferungen aus aller Welt zentral zu koordinieren, um die Korruption einzudämmen. Sie gibt die Güter an die 22 Hubschrauber von der U. S. Army und aus Mexiko, die Hilfspakete in isolierte Dörfer bringen. In Nacaome, 55 Kilometer südlich der Hauptstadt, wurden sie sehnlichst erwartet. Das Dorf war von der Außenwelt abgeschlossen. Der stark angeschwollene Fluß hatte alle Brücken mitgerissen. Die Stahlkonstruktion, die einst die Hauptbrücke hielt, liegt nun zusammengekrümmt wie ein totes Insekt im Flußbett.

Als zehn Tage nach Beginn der Katastrophe die Nahrungsmittel ausgingen, packte ein Bewohner einen Farbtopf und pinselte ein riesiges SOS auf den Fußballplatz. Ein US-Suchhubschrauber sah den Hilferuf. Am Mittwoch vergangener Woche hörten die hungernden Menschen endlich die Rettung nahen. Zwei Helikopter der U. S. Army landeten mitten im Dorf. »Mitch« hat alle Felder vernichtet, die gesamte Ernte ist ruiniert. Ohne Hilfe aus der Luft hätte das Dorf nicht mehr lange überleben können.

Schüchtern beobachteten die Bewohner, wie die Soldaten in Windeseile Säcke voll Bohnen, Haferflocken, Reis und Nudeln ausluden. Doch kaum bestieg die Crew das Flugzeug, stürzten sie sich auf die Pakete und stritten um die Nahrung.

Beim Präsidenten und seinem Kabinett geben sich Politiker die Klinken in die Hand, um weitere Unterstützung für sein schwer mitgenommenes Land anzubieten. Präsident Flores nutzte den internationalen Schock und bat um den Erlaß der gut vier Milliarden Dollar Auslandsschulden. Kuba und Frankreich stimmten als erste zu, die USA dagegen konzentrierten sich zunächst auf Soforthilfe.

Die Weltbank stellte bereits am Mittwoch 201 Millionen Dollar für Zentralamerika zur Verfügung. Um den privaten Spendenmarkt anzukurbeln, reisten die ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter und George Bush an und teilten anschließend dem amerikanischen Fernsehvolk ihr Entsetzen mit. Tipper Gore, die Frau des Vizepräsidenten, übernachtete in einem Zelt vor einem Flüchtlingsheim, aus Solidarität mit den Obdachlosen.

Auch die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heide Wieczorek-Zeul und der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Ludger Volmer, waren zur Stelle. Sie brachten 40 Millionen Mark an Soforthilfe für Honduras, Nicaragua, El Salvador und Guatemala mit, dazu zwei Schlauchboote, Medikamente und Geräte zur Trinkwasseraufbereitung. Fassungslos stand Volmer, der Honduras von früher kannte, vor den Trümmern des Stadtteils Barrio Abajo. »Angesichts der Zerstörung plädiere ich für einen Schuldenerlaß auf seiten der Gläubiger. Wir können keinen einzigen Pfennig zurückverlangen«, sagte er.

Doch der Grüne stellt Bedingungen. Denn wie viele Experten hält auch er die katastrophalen Auswirkungen des Hurrikans für hausgemacht: Solange den Bauern nicht genügend Land zur Verfügung gestellt wird, um sich selbst zu ernähren, so lange werden sie in die Städte ziehen oder auf wertloses Land an steilen Hängen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF), meint Volmer, zwinge Länder, mit dem Export Geld zu machen, um ihre Schulden bezahlen zu können. Das führe zu Monostrukturen, im Fall von Honduras zu riesigen Bananenplantagen im Besitz zweier Multis. Und zur Verarmung und Landflucht der Bauern.

In Honduras sehen 16 000 Plantagenarbeiter der Standard Fruit und des Konkurrenten Chiquita ihrer Entlassung entgegen. Für freies Wohnen und medizinische Versorgung, erklärt die Geschäftsleitung, sei weiterhin gesorgt. Juan Carlos Molina, Vizepräsident der Standard-Gewerkschaft, klagt: »Wie sollen wir ein Jahr lang ohne Arbeit und Lohn leben?«

Am Donnerstag nachmittag besuchte die deutsche Delegation eines der 2000 Auffanglager. Es ist in den Klassenräumen der Pädagogischen Hochschule Colonia Nueva Esperanza untergebracht. 900 Menschen hausen hier dicht an dicht, ihnen stehen drei Latrinen zur Verfügung. Hier fehlt es an Trinkwasser und vor allem an Chlor, um das verseuchte Wasser zu reinigen. Wegen der vielen verwesenden Körper wird viel Chlor benötigt.

56 Menschen sind im Klassenzimmer Nummer neun eingepfercht, 36 Erwachsene, 14 Kinder, 6 Säuglinge. Auf den Schulbänken stehen kleine Gaskocher. Pappkartons dienen als Schränke. Mindestens zwei Monate lang werden die Flüchtlinge hier in quälender Enge zusammenleben müssen, bis die geplanten neuen Häuser fertig sind.

Die Honduraner hoffen auf ein Hilfsprogramm, ähnlich dem Marshallplan zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Präsident will sein Land wie Phoenix aus der Asche steigen sehen: »Es wird ein ganz neues Honduras.«

Dem Fahrradhändler Ríos dagegen sind die Schulden gleichgültig. Er will nichts geschenkt - schon gar nicht, wenn er selbst nichts davon spürt. Er will nur irgendwie weitermachen, und dafür braucht er viel praktischere Hilfe: »Gebt uns Kredite«, sagt er, »gebt uns eine Zukunft.«

MICHAELA SCHIEßL

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