Zur Ausgabe
Artikel 1 / 51
Nächster Artikel

Keineswegs ein Malheur

aus DER SPIEGEL 35/1948

Juliana, Kronprinzessin der Niederlande, Prinzessin von Oranien-Nassau, Herzogin zu Mecklenburg, warf die eben erst angerauchte Zigarette fort, kontrollierte ihr Make up im Spiegeldeckel der Puderdose und versammelte Prinzgemahl Bernhard sowie ihre vier Töchter um sich. Mit strahlendem Lächeln empfing sie Winston Churchill, der zu kurzem Besuch von dem Haager Pan-Europa-Kongreß herübergeeilt war.

Dann riskierte die Jüngste, die gerade erst fünfzehn Monate alte Marijke, was sich seit Jahrzehnten nur die hervorragendsten Zahnärzte des britischen Weltreichs gestattet hatten: sie griff Großbritanniens »old Gentleman Nr. 1« ungeniert zwischen die Zähne.

Winston Churchill lachte wohlwollend sein Patenkind an, das er auf dem Arm hielt. Beglückte Bildreporter verließen den Schloßpark von Soestdijk mit dem Traum eines Schnappschusses in ihren Kameras.

Das war im Mai dieses Jahres, als Juliana zum zweitenmal die Königinnen-Generalprobe absolvierte. In wenigen Tagen, am 6. September, wird sie endgültig in Amsterdams »Nieuwe Kerk« als Königin der Niederländer vereidigt werden.

Aber vorher haben ihre Untertanen noch einige Feste zu feiern. Die Vorbereitungen lassen darauf schließen, daß auch die Wirrnisse der jüngsten Vergangenheit die gute altholländische Tradition unbekümmerten Diesseitsgenusses nicht abbrechen ließen.

Eine Woche lang wird das Land im Zeichen konzentrierten Festefeierns stehen. Am 31. August begeht Königin Wilhelmine ihren 68. Geburtstag. Das ist für die im Gleichtakt mit dem monarchischen Staatsgedanken schlagenden Mijnheerherzen sowieso eine Art von Nationalfeiertag.

Dieses Jahr wird an diesem Tage zugleich das dreihundertjährige Bestehen des holländischen Staates gefeiert. Aus der deutschen Konkursmasse des Dreißigjährigen Krieges gingen die Niederlande 1648 in endgültiger Selbständigkeit hervor.

Am gleichen Tag begeht die Königin ihr fünfzigjähriges Regierungsjubiläum. Zwei Tage später wird ihr offizieller Rücktritt erfolgen. Wiederum vier Tage später wird Juliana als Königin der Niederlande die Eidesformel sprechen.

Nebenbei - um das Feste-Maß vollzumachen - feiert die Residenzstadt, Hollands vornehm-ruhiges, lautem Großstadtlärm abholdes Den Haag, in diesem Sommer ihr 700jähriges Bestehen.

Amsterdams Stadtväter haben 200000 Gulden zur Ausschmückung ihrer Stadt ausgeworfen. Reine Wunder an Ausstattung sollen den illustren ausländischen Gästen mit diesem verhältnismäßig geringen Betrag vorgezaubert werden.

Die Sparsamkeit der soliden Ratsherren bei den bevorstehenden Festen ist wohl das schönste Geschenk, das sie ihrer scheidenden Königin machen können. Hollands Dynastie, das Haus Oranien, ist auch heute noch eines der reichsten Fürstenhäuser des alten Europa. Das schließt nicht aus, daß etwa das Fehlen einer halben Torte vom Tage vorher der Königin nicht entgeht, so daß sie höchst persönlich in der Küche reklamiert.

Es liegt in der gleichen Linie, wenn Königin Wilhelmine in Den Haag oder in Amsterdam, nur von einer Hofdame begleitet, in den Geschäftsstraßen ihre Besorgungen macht. Für sie ist das kein »Harun-al-Raschid-Spielen«, sondern eine einfache Selbstverständlichkeit.

Ueber Mangel an Popularität bei ihren niederländischen Landeskindern kann sich Juliana ebensowenig beklagen wie ihre Mutter Wilhelmine. Die Holländer nennen Wilhelmine noch heute in Erinnerung an das Jahr 1890, als sie zehnjährig die holländische Königskrone erbte, gern diminutiv-zärtlich »het Wilhelmintje«. Eine Unmenge von Anekdoten bilden den verläßlichen Pegel für die Beliebtheit der Tochter ebenso wie für die der Mutter.

Als Hollands künftige Königin Juliana noch unter dem Pseudonym stud. phil. Lockie van Buren an der Universität Leyden war, geschah es ihr, daß zwei männliche Kommilitonen, die auf dem Weg ins Kolleg hinter ihr hergingen, ihre kräftig entwickelten Waden bespöttelten. Ohne deren Besitzerin als von königlichem Geblüt zu erkennen. Juliana wandte sich um und sagte: »Lästern Sie nicht, meine Herren! Auf diesen Säulen ruht das Haus Oranien!« - »Es ruhe sanft!« entgegnete jugendlich frech einer der beiden, der Großmut und dem Humor von Hollands Landesmutter in spe vertrauend. Mit Erfolg: Lockie alias Juliana nahm nichts krumm.

Mit gleichaltrigen Studienfreundinnen wohnte sie damals in einem der kleinen Häuser in Kattwijk und fuhr jeden Tag auf dem Rad zur Universität. Neben ihrer hohen Stellung war es ihr Verständnis für soziale und rechtliche Fragen, das der Zwanzigjährigen den juristischen Doktorhut honoris causa eintrug. Ihr - angeblich siebenfaches - Sprachtalent verhalf ihr zum philosophischen Gegenstück.

Dann war die Zeit gekommen, an die auf Julianens säulenhaftem Unterbau ruhende Zukunft des Hauses Oranien zu denken. Die Historiographen sind sich nicht darüber einig, ob es in Igls bei Innsbruck auf österreichischem, bei der Winter-Olympiade in Garmisch auf deutschem oder bei Freunden in Amsterdam auf holländischem Boden geschah. Fest steht jedoch, daß die niederländische Thronanwärterin um die Jahreswende 1935/36 den SS-Sturmführer (ehrenhalber) und Angestellten der Amsterdamer IG.-Farben-Filiale Bernhard zur Lippe-Biesterfeld kennen und lieben lernte.

Prinz Benno - so nannte ihn Holland - legte seine vorehelichen Aemter ebenso wie die deutsche Staatsangehörigkeit abheiratete Juliana und eroberte sich als neuernannter Prinz der Niederlande und königlich holländischer Rittmeister die Herzen seiner neuen Landsleute. Das seiner königlichen Schwiegermutter inbegriffen. Sie gestattete ihm sogar, in ihrem Speisezimmer zu rauchen. Den Autokunststücken ihres rennwagenfahrenden Schwiegersohnes steht sie allerdings nach wie vor skeptisch gegenüber.

Als Tochter des Herzogs Heinrich zu Mecklenburg-Schwerin und Enkelin einer geborenen Prinzessin von Waldeck-Pyrmont, der 1934 verstorbenen Königin-Mutter Emma, wahrte Juliana durchaus die deutschverschwägerte Tradition ihres Hauses. Die Bedenken mancher Holländer, das holländische Staatsschiff könne dadurch allzusehr in das Fahrwasser des großen Nachbarn geraten, wurden rasch zerstreut. So sehr, daß diplomatische Biestereien die hochzeitliche Festesfreude trübten.

Deutsche Staatsangehörige hatten zur Feier des Tages als ihre Nationalflagge die Hakenkreuzfahne gehißt. Das führte zu lärmenden Protestkundgebungen von Holländern und vereinzelt zum Niederholen der Flagge durch Unbefugte. Daraufhin erteilte die holländische Polizei den Hausbesitzern den Rat, die Flagge zur Vermeidung weiterer Kundgebungen einzuziehen. Die deutsche Regierung protestierte Hollands Außenminister bedauerte.

In Amsterdam war das Horst-Wessel-Lied der Stein des Anstoßes. Bei einem Fußballwettspiel lehnte die Musikkapelle es ab, die deutsche Nationalhymne zu spielen und schlug vor, statt dessen »Lippe-Detmold, eine wunderschöne Stadt« zu spielen. Entrüstet wies der Mannschaftsführer das »Spottlied« zurück. Noch entrüsteter attackierte Berlins »Schwarzen Korps« seinen Ex-SS-Sturmführer. Dieser erklärte, er sei nunmehr holländischer Staatsangehöriger und fühle auch holländisch. Dabei blieb es.

Holländisches Fühlen veranlaßte den Prinzgemahl, im Mai 1940 mitsamt seiner Familie gen Engelland zu fahren, als deutsche Fallschirmjäger unweit seiner Residenz vom Himmel gefallen waren. Er wurde RAF-Commodore, während Frau und Töchter nach Kanada exilierten. 1946 verlieh ihm Wiens Universität die Würde eines Ehrendoktors, da er »das Symbol der Widerstandsbewegung in Holland« gewesen sei.

Auch Wilhelmine, die Exil-Königin, blieb nicht untätig während der Kriegsjahre. Einen Appell an ihre indonesischen Kolonialvölker quittierte Josef Goebbels in seinem Tagebuch (am 5. März 1942) mit dem Satz: »Diese Wilhelmine ist in der Tat ein Stückchen Malheur«.

Prinz Bernhard ist anderer Ansicht. Kürzlich warf er die Frage auf, warum man unbedingt die Geburt eines Kronprinzen wünsche. Die vergangenen Jahre hätten doch die Gleichheit der Frau mit dem Manne bewiesen. Prinz Benno verwies auf die nunmehr fünfzigjährige Regentschaft der Königin Wilhelmine, die den Niederlanden in guten und schweren Zeiten vorgestanden habe und sich die Liebe ihres Volkes verdiente.

Juliana hat die besten Absichten, es ihrer Mutter gleichzutun. Schon jetzt wird die heute zehnjährige Beatrix, ihr ältestes Töchterchen, dazu erzogen, des Hauses Oranien weibliche Linie dereinst fortzusetzen.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 51
Nächster Artikel