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Martin Morlock Kelch der Bitternis

aus DER SPIEGEL 12/1964

Zu Hamburg-Eppendorf war's,

am Loogestieg 8, und man schrieb den 28. Juni des Jahres 1946.

»Ave Maria!« orgelte das Harmonium, »erhöre einer Jungfrau Flehen« - Franz Schuberts fromme Weise, hervorgelockt von Frau Maria Moser, 46, Zahnarztwitwe, durchflutete den Raum; hier ebenso heimisch wie Opiumdunst, Schwarzmarktgeflüster und das Wallen von Gewändern, wie man sie voreinst auf Lesbos trug.

Neben dem Instrument stand die Tschechoslowakin Eva Maria Mariotti, 28, geborene Stibeck, hinter der Konzertantin Moser wartete Evas Landsmann, Erich Sterba, 22, weiland Automechaniker.

»Wir schlafen sicher bis zum Morgen«, fiel die Mariotti mit innigem Timbre ein, »ob Menschen noch so grausam sind. O Jungfrau, sieh der Jungfrau Sorgen...« Da hob Mechaniker Sterba, vorgeblich Eva zugunsten, das mitgebrachte Stuhlbein und ließ es heftig auf Witwe Mosers Scheitel sinken; ein Kavaliersdienst, der ihm in der CSSR ideelle 30 und effektive 13 Jahre Kerker eintrug. Nun war Sterba, laut Staatsanwaltschaft, die tragische Figur dieses (Mariotti-) Prozesses«,

zum drittenmal nach Hamburg gekommen, um ohne Not und als freier Mann zu testieren, die einst verehrte Eva habe nicht nur ihn inklusive Stuhlbein, sondern auch ein Handtuch als Mordwerkzeug benützt.

Ich sprach den Kronzeugen kurz vor seiner Heimreise, zu einer Zeit, als er die dringlichsten Publizitätsgeschäftie(Photo am Tatort, Lebenslauf auf Tonband) schon getätigt hatte und wie im Vorjahr - nur noch des einen oder anderen Heiratsantrags von seiten einer »Hamburgerin mit viel Schmuck« gewärtig schien.

Klein, fast zierlich, mit dunklen, flinken Augen, die nicht ohne Argwohn am Gefältel der Nasenwurzel vorbeistechen, und mit einem Lächeln, das hinter aufgesetzter Verschämtheit eine Menge intakten Selbstgefühls ahnen läßt, erinnerte er mich an einen Champion im Fliegengewicht, der, obwohl er weiß, daß er seinen Titel einer Fehlentscheidung verdankt, der Meinung ist: Ein bißchen Beifall möchte schon sein.

Leider konnte er mir sein Vorleben nicht im Detail abschildern, es gehörte bereits einem »deutschen Schriftsteller«.

So fragte ich denn, warum Erich Sterba, Sohn eines Obersteigers aus dem Karwiner Kohlenpott und derzeit

Flaschenabfüller einer Brauerei in Mährisch-Ostrau, warum er im Jahre 1949 der tschechischen Polizei den Mord an der Hamburger Witwe gestanden habe, wo doch seine Verhaftung einzig wegen verbotenen Grenzübertritts erfolgt sei.

»Haben Sie«, tastete ich mich vor, »damals viel gelesen? Vielleicht Dostojewski? - 'Schuld und Sühne'?« Ja, er habe viel gelesen in jüngeren Jahren, auch Russen. Vor allem aber »Reisebücher und phantastische Geschichten«. Am liebsten Karl May. »Ich habe mich nach der großen Welt gesehnt, aber das Schicksal hat es nicht gewollt.«

Nicht um zu sühnen, wie Rodjon Raskolnikow, ist er so redselig geworden, sondern weil er geglaubt hat, die Interpol habe den CSSR-Grenzern »einen Brief geschrieben«. Sterba: »Ich hatte kein reines Gewissen.«

»Und wie stehen Sie heute zu Ihrer Tat?«

»Der Gedanke daran läßt mich nicht los. Ich bin schuldig an der Gesellschaft geworden, weil ich ein unverständiger und leichtsinniger junger Mann war.«

»Und Eva Mariotti

- haben Sie kein Mitleid

mit ihr?«

»Kein Mitleid. Ich bin gekommen, um die Gerechtigkeit herzustellen. Jeder muß den Kelch der Bitternis bis zum Grunde trinken.«

Daß Erich Sterbas Kelch des Wermuts längst ermangelt, dokumentiert ein Liebhaber-Lichtbild, das er mit geübtem Griff aus der Brieftasche zieht. Es zeigt: einen Fernsehapparat mit 59er Bildröhre, dahinter ein avantgardistisches Stück Tapete, davor Sterba in unverkennbarer Eigentümerpose, neben ihm Zahntechnikerin Martha, seine Verlobte. ("Sie weiß alles, aber es macht ihr nichts aus.")

Dieser Abstecher ins mährische Privatleben erinnert den Kronzeugen an 'seine Bräutigamspflichten: Er muß in Hamburg noch »Andenken« kaufen - ein paar hübsche Wollsachen, Unterwäsche, Kosmetika.

Daß solche Ausgaben die Finanzen des Abfüllers von 7-, 10 und 12prozentigem Ostrauer Bier zerrütten könnten, steht kaum zu befürchten. Da war das Zeugengeld, da waren andere Zuwendungen, da war vor allem die Gewißheit, daß ihm von den 300 Tschechenkronen, die jeder CSSR-Bürger für seine Ausreisepapiere erlegen muß, ein Großteil zurückerstattet wird.

»Dienstreisen«, erläuterte Sterba, »kosten nur 50 Kronen.«

Sterba

Martin Morlock
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