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Kennwort: Ann Kathrin

In der Nacht zum Samstag ging eine der dramatischsten Entführungen der deutschen Kriminalgeschichte zu Ende. Orientierungslos meldete sich der Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma bei seiner Frau. Fast fünf Wochen lang hatten ihn Entführer in ihrer Gewalt und erpreßten damit das höchste Lösegeld in Deutschland: 30 Millionen Mark.
aus DER SPIEGEL 18/1996

Um fünf Minuten vor Mitternacht erreichte Ann Kathrin Scheerer der erlösende Anruf. Aus einer Wohnung im Hamburger Süden meldete sich in der Nacht zum Samstag letzter Woche ihr Mann Jan Philipp Reemtsma, 43, aus fast fünf Wochen währender Gefangenschaft zurück.

Wo genau er war, wußte Reemtsma selbst nicht. Er hatte sich, nachdem seine Entführer ihn freigelassen hatten, bis zum nächstbesten Haus durchgeschlagen und den Bewohner gebeten, die Nummer seiner Frau anzurufen. Der Mann beschrieb Reemtsma schließlich auch den genauen Standort.

Wenig später setzte sich bei der Hamburger Polizei eine vorbereitete Einsatzgruppe in Bewegung. Beamte des Landeskriminalamts und ein Arzt holten die Reemtsma-Gattin ab und fuhren sie zu der Wohnung. Gegen ein Uhr in der Nacht konnte sie ihren Mann wieder in die Arme schließen. Er sei »erschöpft und glücklich«, ließ er mitteilen.

Damit endete eine der dramatischsten Entführungen der deutschen Kriminalgeschichte. Vier Wochen und fünf Tage lang hatten die Erpresser den Erben der Zigarettenfirma, den Mäzen und Multimillionär Reemtsma in ihrer Gewalt. 30 Millionen Mark Lösegeld zahlte die Familie.

Die bis zum Schluß vor der Öffentlichkeit geheimgehaltene Entführung stellt alle ähnlichen Verbrechen in den Schatten: Niemals zuvor wurde in Deutschland ein derart hohes Lösegeld gezahlt. Und kaum ein anderes Kidnapping hierzulande hat so lange gedauert wie die Reemtsma-Entführung.

Vergleichbar aufsehenerregende Fälle liegen allesamt Jahre zurück: Gegen sieben Millionen Mark kam 1971 Theo Albrecht ("Aldi") nach 17 Tagen frei. Für den Industriellensohn Richard Oetker zahlte dessen Familie 1976 die bisher in Deutschland höchste Summe von 21 Millionen Mark; Oetker, der die Entführung in einer engen Holzkiste durchlitt, wurde nach zwei Tagen mit gebrochenen Oberschenkelhälsen befreit. Der Drogerie-Unternehmer Anton Schlecker zahlte 1987 ein Lösegeld von 9,6 Millionen Mark für seine beiden Kinder, die nur einen Tag in der Gewalt der bis heute nicht gefaßten Täter blieben.

Die Reemtsma-Entführung schockt freilich nicht nur durch ihre ungewöhnliche Länge und die Höhe der Lösegeldforderung. Mit immer neuen Drohungen, Anweisungen und Geldübergabe-Szenarien _(* 1995 bei einem SPIEGEL-Gespräch. )

übten sie auch in besonders perfider Weise Druck auf die Familie aus.

Besonders quälend wurde die Wartezeit für Ann Kathrin Scheerer, 42, Reemtsmas Ehefrau. Oft vergingen Tage, bis sie ein neues Lebenszeichen ihres Mannes in die Hände bekam - Tage, in denen die Frau nach Angaben eines Vertrauten »oft mit den Nerven am Ende« war.

Die Reemtsma-Entführung zeigt, in welcher Gefahr Superreiche schweben, selbst wenn sie nicht in Talkshows und Klatschspalten auftauchen. Wessen Name wie der Jan Philipp Reemtsmas auch nur kleingedruckt in die Ranglisten der Milliardäre und Multimillionäre rutscht, der bietet sich findigen Gangstern unfreiwillig als Opfer dar. Dennoch wollen - oder können - sich nur wenige Gefährdete rund um die Uhr mit Bodyguards umgeben.

Seriöser Personenschutz ist unbequem, aufwendig und teuer. Die ständige Bewachung kann leicht zu einer dauernden Nerverei werden. Die Kosten für ein privates Sicherheitsunternehmen belaufen sich zudem mindestens auf mehrere tausend Mark am Tag. Günstiger kommt es, Personenschützer in Festanstellung zu beschäftigen - die Gehälter reichen von 6000 bis 12 000 Mark monatlich.

Neuerdings können sich Bedrohte auch durch Minisender schützen, die sie verborgen am Körper oder in der Kleidung tragen. Auf Knopfdruck übermitteln die Sender über die Satelliten des »Global Positioning System« ein Notsignal an eine Überwachungszentrale. Bei einer Entführung lassen sich so die Route und das Versteck feststellen.

Die Angst, gekidnappt zu werden, hatte auch Reemtsma seit Jahren geplagt. Teils zur Abwehr dieser Gefahr, teils auch aus Neigung wählte er die größtmögliche Anonymität: Der scheue Erbe gab kaum Interviews und ließ sich jahrelang nicht fotografieren (siehe Seite 29).

Das Kalkül scheiterte am Abend des 25. März: Zwischen 21 Uhr und Mitternacht überfallen ihn die Entführer vor seinem Haus in Hamburg-Blankenese, verletzen ihn im Handgemenge an Nase und Stirn und zerren ihn in ihr Auto.

Während Reemtsma in sein Gefängnis verschleppt wird, versucht seine Frau gegen Mitternacht, ihn telefonisch zu erreichen; die beiden bewohnen zwei Häuser, die gut hundert Meter auseinander liegen. Rund drei Stunden zuvor hatte Reemtsma sich von seiner Frau verabschiedet und war in die Villa am Ende der kleinen, noblen Straße gegangen, die unter anderem seine stattliche Bibliothek beherbergt. Dort arbeitet der Sozialforscher gern abends an seinen Projekten.

Als ihr Mann sich nicht meldet, macht sich Ann Kathrin Scheerer Sorgen. Sie geht rüber, um nachzuschauen. Vor der Reemtsma-Villa entdeckt sie eine Plastikhülle, darin ein DIN-A4-Bogen mit wenigen maschinenschriftlichen Zeilen. Auf dem Schreiben liegt eine funktionsfähige Handgranate aus jugoslawischer Produktion. In der Nähe schimmert Blut auf dem Boden.

»Wir haben Herrn Reemtsma entführt«, heißt es in dem Erpresserbrief. Die Familie soll, so zunächst die Forderung der Täter, 20 Millionen Mark als Lösegeld bereithalten. 48 Stunden nach der Übergabe werde Reemtsma freigelassen. So lange soll der Entführte offenbar den Rückzug der Verbrecher sichern. Alles müsse geheim bleiben, warnen die Kidnapper: »Das Einschalten von Polizei und Presse bedeutet den Tod von Herrn Reemtsma.«

Nach dem ersten Schock ruft Ann Kathrin Scheerer den befreundeten Frankfurter Psychotherapeuten Christian Schneider an und sucht seinen Rat. Schneider informiert gegen 0.30 Uhr eine Vertrauensperson bei der Polizei in Frankfurt - trotz der Drohung der Entführer.

Wenig später erscheinen Fahnder im Hause der studierten Psychologin und Chinakundlerin Scheerer. Reemtsmas Frau und ihrem Sohn Johannes, 13, werden Berater zur Seite gestellt, darunter die Polizeipsychologin Claudia Brockmann, die vor vier Monaten den entsprungenen »Heidemörder« Thomas Holst dazu trieb, sich zu stellen (SPIEGEL 2/1996).

Derweil läuft die Polizeimaschinerie an - unter strenger Geheimhaltung. Unauffällig werten Beamte alle verdächtigen Vorkommnisse rund um Hamburg während der Tatnacht aus, ohne Ergebnis. Außer Brief, Handgranate und Blutflecken haben die Verbrecher offenbar keine Spuren hinterlassen.

Obwohl sie wegen der Morddrohung der Erpresser nicht offen ermitteln kann, zieht die Hamburger Polizei im stillen ihre Kräfte zusammen. Mehr als 200 Beamte werden in einer Spezialtruppe organisiert, an der Spitze steht Michael Daleki, ein weiterer Polizei-Promi, der schon dem Kaufhaus-Erpresser Arno Funke ("Dagobert") das Handwerk gelegt hat. Bundesweit bekommen lediglich die »Koordinierungsstellen für Entführungen und Geiselnahmen« der anderen Landeskriminalämter dezente Vorwarnungen.

Ein zweiter Erpresserbrief geht am Mittwoch morgen per Post bei Reemtsmas Familie ein - zusammen mit einem Lebenszeichen der Geisel, einem Polaroidbild. Dies zeigt Reemtsma im Jogginganzug und auf einem Campingstuhl mit einer aktuellen Ausgabe der Bild-Zeitung in den Händen. Sein Gesicht trägt deutlich die Spuren des Überfalls.

Aus dem Foto und schriftlichen Äußerungen - Reemtsma nennt eine Figur des Schriftstellers Mark Twain, die in einer Höhle verdurstet - schließt die Polizei zu dieser Zeit, daß Reemtsma möglicherweise in einer Art Bunker untergebracht ist - möglicherweise in einem Bau der sogenannten Maginot-Linie, dem Bunkerwall an der deutsch-französischen Grenze, der aus der Zeit zwischen den Weltkriegen stammt.

In dem Brief verlangen die Entführer, daß getarnte Botschaften der Familie unter der Rubrik »Grußpost« in der Hamburger Morgenpost geschaltet werden. Das Kennwort in den Anzeigen, die fortan täglich erscheinen, lautet immer gleich: »Ann Kathrin«. Die wechselnden Texte formuliert Scheerer zusammen mit der Polizeipsychologin Brockmann. Der Ton ist anfangs betont locker: »Macht Euch keine Sorgen.« Doch schon nach drei Tagen zeugt die Annonce von der Angst der Reemtsma-Frau: »Ich brauche ein Zeichen. Ich bin fertig, ich schaffe es nicht.«

Die Furcht der Ehegattin stellen die Polizei-Experten bewußt zur Schau. Den Entführern soll eine bangende Frau präsentiert werden, die alles tut, um ihren Mann zu befreien. Sind die Täter sicher, daß ihre Anweisungen befolgt werden, steigen die Überlebenschancen des Opfers.

Doch weil der Entführte oft einziger Zeuge des Kidnappings ist, schwebt er auch dann in höchster Gefahr, wenn die Wünsche der Geiselnehmer erfüllt sind. Täter und Opfer sollen deshalb, so die Taktik von Polizeipsychologen, ihr gemeinsames Interesse an einem glatten Ablauf der Entführung entdecken. Je mehr beide Seiten miteinander sprechen, sagt etwa der bayerische Experte Hansjörg Trum, desto eher »entstehen beim Täter Tötungshemmungen« (siehe Interview Seite 26).

Bei der Entführung des Aldi-Chefs Albrecht beispielsweise entwickelte sich zwischen dem Opfer und seinen Kidnappern Heinz-Joachim Ollenburg und Paul Kron ein relativ entspanntes Verhältnis. Im Prozeß gegen die zu je achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilten Täter behauptete Ollenburg: »Wenn ich gesagt hätte, Theo, fessele dich - der hätte.«

Wieweit es Reemtsma gelingt, mit seinen Entführern ein gewisses Einvernehmen herzustellen, ist noch unklar. Zumindest darf er mit einiger Regelmäßigkeit Lebenszeichen nach Hause schicken, die Entführer senden ihrerseits eine Reihe von Briefen an die Familie, in denen sie ihre Forderungen präzisieren. Verfaßt sind sie in Großbuchstaben mit Maschinenschrift auf weißem Papier. Die Verhandlungen im Namen der Angehörigen führt der Hamburger Rechtsanwalt Johann Schwenn, ein Freund der Familie Reemtsma. Die Entführer sind damit einverstanden, obwohl sie zunächst Reemtsmas Gärtner als Unterhändler bestimmt hatten.

Kontakte gibt es auch über Telefon, zunächst über einen normalen Apparat. Auf Anweisung der Kidnapper legt die Familie dann extra ein Handy parat. Die Geiselnehmer tarnen sich bei den Gesprächen mit einem Stimmverzerrer, der ihre Worte fast bis zur Unverständlichkeit entstellt. Einmal funktioniert das Gerät nicht. Die Polizei, die alles mitschneidet und auch die verfremdeten Passagen elektronisch halbwegs entzerrt, sammelt durch diese Gespräche gut verwertbare Stimmproben für die spätere Jagd auf die Verbrecher. Die Fahnder gehen von mindestens drei Tätern aus, von denen einer mit rheinischem Akzent zu sprechen scheint.

Der Polizei gelingt es, ein kaum verzerrtes und offenbar von Berlin aus geführtes Gespräch mitzuschneiden. Auszug: »Hallo, können Sie mich verstehen heute? Ihr Klient möchte Doktor sprechen beziehungsweise, daß er die Sache regelt. Dann halten Sie sich für morgen abend bereit.«

Mehr als eine Woche dauert die Entführung bereits, als am Mittwoch, dem 3. April, um 2.54 Uhr nachts im Haus der Familie das Funktelefon piept. Die Entführer fordern Ann Kathrin Scheerer auf, binnen einer knappen Frist zu der »Kreuzung Grünewaldstraße/Osdorfer Weg« im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld zu fahren. Dort sei hinter einem Schaltkasten eine weitere Nachricht hinterlegt.

Bei der Abfahrt kommt es zu einer peinlichen Verzögerung: Der Reemtsma-Volvo, den die Kidnapper als stets verfügbaren Transportwagen bestimmt haben, steht weit entfernt vom Haus auf dem Schießstand des Mobilen Einsatzkommandos der Polizei am Hamburger Volksparkstadion. Bis der Wagen für die Übergabe des Lösegelds bereit ist, vergeht wertvolle Zeit.

Begleitet von Scheerer, fährt Anwalt Schwenn nach Bahrenfeld, doch suchen sie längere Zeit vergebens nach der angegebenen Stelle. Die angebliche Kreuzung entpuppt sich schließlich als Mündung eines Gehwegs auf eine Hauptstraße - die zweite Panne bei der Übergabe. Am Ende überschreiten die beiden den Zeitplan der Entführer um zwei Minuten.

Der Zettel dirigiert die Geldboten zunächst auf die Autobahn A 7, durch den Elbtunnel Richtung Hannover. Hinter dem Tunnel sei auf dem Seitenstreifen ein Blinklicht aufgestellt, lautet die Anweisung, dort sollten sie die 20 Millionen Mark ablegen. Fehle das Blinklicht, so sollen Scheerer und Schwenn weiterfahren bis zum Schild »Maschener Kreuz 3000 Meter«. Dort warte eine zweite Nachricht.

Doch die beiden Angaben stimmen mit dem, was die Geldkuriere beobachten, nicht überein. Es gibt kein Blinklicht und auch keine Nachricht. Die Entführer haben sich offenbar bereits zurückgezogen. Der erste Versuch einer Geldübergabe ist gescheitert.

Nach dem Fehlschlag wächst im Hause Reemtsma die Angst. Die Morgenpost-Anzeigen klingen nun wieder besorgter: »Das Warten ist unerträglich.« Zu diesem Zeitpunkt, am Ostersamstag, ist Jan Philipp Reemtsma bereits zwölf Tage in den Händen der Kidnapper.

Auch die Polizei wird nun nervös. Noch immer wissen die Beamten nicht, mit wem sie es zu tun haben. Nur soviel scheint klar: Auf der anderen Seite stehen Profis, die warten können.

Eilig planen die Ermittler bereits, entgegen dem Befehl der Entführer, eine Pressekonferenz einzuberufen. Informationsmaterial über den Ablauf der Ereignisse und Kassetten mit den Stimmproben der Entführer liegen bereit. Schließlich sehen die Fahnder jedoch davon ab.

Die Geheimhaltung ist unter den Fahndern nicht unumstritten, da Fälle bekannt sind, in denen Täter unter dem Druck der Öffentlichkeit ihren Plan aufgeben. So wurde Axel Sven Springer, ein Enkel des Verlegers Axel Springer, 1985 von vier jungen Leuten entführt. Die Gang hielt Springer, damals 19 Jahre alt, 65 Stunden lang fest, beinahe ein Drittel dieser Zeit sperrte sie ihn in den Kofferraum eines Cadillac. Die später gefaßten Täter forderten 15 Millionen Mark Lösegeld, ließen ihr Opfer jedoch in Panik frei, als sie Bilder des Entführten im Fernsehen sahen.

Im Fall Reemtsma halten sich alle Journalisten, die trotz der Nachrichtensperre von dem Verbrechen erfahren, auf Bitten der Polizei und der Angehörigen an das Schweigegebot der Entführer - auch das ist einzigartig in der Geschichte der Bundesrepublik. Noch nie haben so viele Redaktionen wochenlang von einem derartigen Fall gewußt und doch allesamt dichtgehalten. Niemand will riskieren, für den Tod Reemtsmas verantwortlich zu sein.

Nach sechs Tagen Pause trifft am 10. April, dem Mittwoch nach Ostern, wieder ein Schreiben der Entführer mit einem handschriftlichen Brief Reemtsmas bei der Familie ein. Auf Weisung der Kidnapper chartert die Familie nun eine einmotorige Cessna beim Aeroclub Hamburg, die auf dem Flughafen Fuhlsbüttel bereitsteht.

Ob die Kidnapper einen Abwurf des Lösegeldes aus dem Flugzeug planen, bleibt unklar. Sicher ist, daß die Maschine mit dem Rufzeichen D-EOOV dafür kaum geeignet wäre. Die Türen der Maschine lassen sich im Flug nicht öffnen, das Klappfenster unter einer Tragfläche ist allenfalls einen kleinen Spalt weit aufzusperren. Ein Seesack mit 20 Millionen Mark in Scheinen, der rund 30 Kilogramm wiegt und für eine eventuelle Übergabe bereitliegt, würde nicht hindurchpassen. Die Cessna bleibt dennoch in Wartestellung, einmal wird sogar die Genehmigung für einen Nachtflug nach Düsseldorf beantragt, aber das Flugzeug startet nicht.

Die Geiselnehmer ahnen inzwischen, daß die Polizei im Spiel ist. Wahrscheinlich fürchten sie, daß die Fahnder auf die Familie einreden, um eine Geldübergabe zu verhindern. Ihr Argwohn richtet sich auch gegen Rechtsanwalt Schwenn, dem sie unterstellen, in Wahrheit ein getarnter Polizeipsychologe zu sein.

Was die Täter nicht wissen können: Tatsächlich hat das MEK einen Mitarbeiter als Double für Schwenn vorgesehen. Der Mann, der anstelle des Rechtsanwalts für künftige Geldübergaben bereitsteht, wird nicht nur äußerlich für seine Rolle präpariert. Der MEK-Beamte muß auch die Lebensdaten sowie wichtige juristische Fälle seines Rollenvorbilds pauken. Das Maskenspiel unterbleibt freilich, der falsche Schwenn kommt nicht zum Einsatz.

Am Donnerstag nach Ostern bestellen die Kidnapper den Verhandlungsführer Schwenn ins Hamburger Hotel Atlantic. Um sich zu identifizieren, muß er telefonisch Fragen beantworten, die offenbar sein einstiger Schulkamerad Reemtsma diktiert hat. Beispiel: »Welchen _(* Ganz links das Haus von Jan Philipp ) _(Reemtsma. )

Spitznamen hatte der Lehrer Keller?« Antwort: Addi.

Aus dem Atlantic wird Schwenn ins gegenüberliegende Hotel Ibis geschickt. Von dort führt der Anwalt ein siebenminütiges Telefonat mit einem der Entführer.

Die Entführer wollen von Schwenn Gründe für das Scheitern der ersten Geldübergabe wissen. Schwenns Antwort, er und Ann Kathrin Scheerer seien dagewesen, wenn auch verspätet, scheinen sie nicht zu glauben: »Dafür braucht man nicht so lang.«

Am Samstag, dem 13. April, soll Schwenn kurzfristig zur Geldübergabe nach Luxemburg kommen. Der telefonische Befehl der Entführer lautet: »Fahren Sie in einer Stunde los.« Nach kurzem Handel wird die Frist auf zwei Stunden verlängert. Wieder gibt es ein Problem: Das vorgesehene Fahrzeug, diesmal ist es das Auto Schwenns, steht nicht bereit, weil die Polizei es in Beschlag hat. Eine weitere Verzögerung entsteht, weil die Beamtin, die den übermüdeten Juristen bis zur luxemburgischen Grenze fahren soll, erst noch ihren Personalausweis von zu Hause holt. Die Tour, die Reemtsma das Leben retten soll, beginnt erneut mit Verspätung.

Dennoch erhält Schwenn wie vereinbart in einem Luxemburger Hotel weitere Instruktionen. Am frühen Sonntag gegen 3.20 Uhr gelangt er schließlich zum Autobahn-Rastplatz »Markusberg« bei Trier. Weisungsgemäß wuchtet er einen weißen Sack mit dem Lösegeld über einen Zaun und fährt davon.

Die Polizei, die Schwenn unauffällig begleitet, wird freilich bald ungeduldig. Schon eine Dreiviertelstunde später schauen Fahnder - getarnt als Reisende, die einmal austreten müssen - nach dem Millionensack. Nach Auskunft eines Beamten plagt die Ermittler die Angst, »das Geld könnte geklaut werden«.

Ob die Geiselgangster den Polizeieinsatz beobachtet haben, ist ungewiß. Fest steht: Nach weiteren drei Stunden liegt das Geld noch immer unberührt am Zaun, die Aktion wird beendet.

Am Ende des Tages gibt der völlig erschöpfte Rechtsanwalt Schwenn die Verhandlungsführung ab.

Die entscheidende Wendung führt nun ein anderer herbei: Jan Philipp Reemtsma, der Entführte selbst. Aus der Gefangenschaft heraus bringt er mit einem Brief zwei neue Vermittler ins Spiel, den Kieler Soziologen Lars Clausen und den Hamburger Pastor Christian Arndt, beides gute Bekannte des Entführten aus der Zeit gemeinsamer Verhandlungen um die besetzten Häuser in der Hafenstraße. Zu ihnen gesellt sich der Sozialarbeiter Michael Herrmann, ein Freund Arndts und Reemtsmas.

Am Montag nach der gescheiterten Luxemburg-Übergabe bitten die Entführer Arndt und Clausen telefonisch um ihre Mitarbeit. Zwei Tage später bekommen beide Post von Reemtsma und den Geiselnehmern.

Reemtsma teilt mit, daß er den Einsatz von Arndt und Clausen als letzte Chance sehe, lebend aus der Sache herauszukommen. Die Entführer machen in einer geschäftsmäßig-bestimmten Tonlage klar, Reemtsma sei so gut wie tot, sollte das Geld nicht ankommen.

Allein durch die Wahl von Arndt und Herrmann ist nun deutlich, daß die Polizei mit dem weiteren Verfahren nichts mehr zu tun haben wird. Die beiden Männer sind als Polizeikritiker in Hamburg stadtbekannt - wahrscheinlich hat Reemtsma sie empfohlen, um seinen Peinigern klarzumachen, daß er an seinem Leben weit mehr hängt als an seinen Millionen. Reemtsmas Ehefrau Ann Kathrin Scheerer schaltet zudem eine amerikanische Sicherheitsagentur ein, deren Mitarbeiter, ehemalige Bedienstete des Bundeskriminalamts, auf Verhandlungen mit Geiselnehmern spezialisiert sind.

Für die Geldübergabe mietet Herrmann einen dunkelroten Opel Astra Kombi mit Wiesbadener Kennzeichen. Auf Verlangen der Entführer besorgt die Familie unterdessen neues Lösegeld anstelle der bereitliegenden Scheine. Denn die hat die Polizei nach eigenen Angaben registriert und in einem Spezialverfahren biotechnisch präpariert.

Auch die Summe, so fordern die Verbrecher, soll nun höher sein: 30 Millionen, je zur Hälfte in Tausendmarkscheinen und in Schweizer Franken. Am Freitag, dem 19. April, ist alles bereit. Was fehlt, ist eine Nachricht der Entführer.

Die kommt am Wochenende. Per Handy telefonieren sie mit Arndt. Um sicher zu sein, daß Reemtsma noch lebt, will der Pastor während des Gesprächs den Nachnamen des Reemtsma gut bekannten Buchautors Hans-Joachim Lenger wissen. Die Geiselnehmer antworten mit einer Gegenfrage: »Welchen Beruf hat Hans-Joachim Katz?« Der Jugendrichter, eigentlich Joachim Katz, kennt den Entführten ebenfalls aus den Verhandlungen um die Hamburger Hafenstraße, Katz ist Mitglied der Genossenschaft, der die einst besetzten Häuser bald gehören sollen.

Die entscheidende Order kommt schließlich am vergangenen Mittwoch gegen Mitternacht. Clausen und Arndt werden nach Krefeld gelotst. Zuvor hat sich Ann Kathrin Scheerer bei Hamburgs Bürgermeister Henning Voscherau dafür eingesetzt, daß jede Einmischung der Polizei in die Übergabe unterbleibt.

Diesmal klappt es: Über ein Handy weisen die Entführer die Kuriere an, den Wagen von der Autobahn auf ein freies Feld in der Nähe des Krefelder Stadtteils Fischeln zu fahren. Dort entfernen sich Arndt und Clausen anweisungsgemäß für einige Zeit von ihrem Fahrzeug.

Im Morgengrauen endlich erhalten sie wieder eine Nachricht. Die Entführer haben sich inzwischen des Wagens bemächtigt, das Geld geschnappt und den Astra auf eine Böschung gefahren - offenbar, um den Überbringern des Lösegeldes die Verfolgung zu erschweren.

Arndt und Clausen lassen den Wagen wieder freischleppen und fahren mit ihm zurück nach Hamburg. Fest steht jetzt: Nach zwei gescheiterten Versuchen haben die Entführer ihr Geld endlich bekommen. Die 48-Stunden-Frist bis zur Freilassung Reemtsmas läuft. Der Multimillionär und seine Entführer unterschreiten sie am Ende sogar noch um mehr als fünf Stunden.

* 1995 bei einem SPIEGEL-Gespräch.* Ganz links das Haus von Jan Philipp Reemtsma.

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