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SPIONAGE / ROTE KAPELLE Kennwort: Direktor

aus DER SPIEGEL 21/1968

Doe Meldung kündigte eine Katastrophe an. Dr. Otto Pünter (Deckname: »Pakbo"), Chiffrierer und Gruppenleiter einer sowjetischen Spionageorganisation in der Schweiz, überflog den Klartext der Meldung, dann langte er nach Sven Hedins Reisebuch »Von Pol zu Pol«, das er zum Verschlüsseln seiner Funksprüche benutzte.

Er schlug eine Seite auf, schrieb sich zehn Buchstaben heraus, wandelte sie in Zahlenkolonnen um. Zahl um Zahl fügte sich zu einer Hiobsbotschaft für die sowjetische Spionage-Zentrale:

An Direktor. Durch Pakbo. Im September wurde in Berlin eine umfangreiche Organisation aufgedeckt, die Nachrichten an die Sowjet-Union lieferte. Viele Verhaftungen sind bereits erfolgt und weitere sollen bevorstehen. Gestapo hofft, die gesamte Organisation aufdecken zu können.

Kaum war Pünters Funkspruch Ende September 1942 im Hauptquartier der Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije« (GRU), der Nachrichten-Hauptverwaltung des sowjetischen Generalstabs, entziffert, da wurde die Moskauer Spionageführung unruhig. Am 5. Oktober ließ »Direktor«, der GRU-Leiter, an die Spionagegruppe in der Schweiz funken:

An Dora. Letzte Meldung Pakbos über Aufdeckung weitverzweigter Organisation in Berlin ist wichtig. Pakbo soll versuchen, festzustellen, wer verhaftet wurde und was konkret festgestellt wurde. Wann ist die Aufdeckung erfolgt und wann (kamen) die ersten Verhaftungen?

Doch Pakbo konnte den Moskauer Genossen nicht helfen. Seine Nachrichtenlinien, die bis nach Berlin und bis ins Führerhauptquartier reichten, blieben stumm. Kein Indiz verriet, welche Mitglieder der Agentengruppe in Berlin der Gestapo in die Hände gefallen waren.

Vergebens forschte Moskau nach dem Verbleib seiner deutschen V-Leute, vergebens mahnte der Direktor am 20. November 1942:

An Dora. Wir legen großen Wert darauf, daß Pakbo genau feststellt, wer bisher verhaftet worden ist. Wer führt die Untersuchung?

Pünter-Pakbo mußte seine Erkundungsaktion ergebnislos abbrechen. Mit harten Geheimhaltungs-Maßnahmen verschleierten Hitler-Deutschlands Abwehrbehörden, daß einer der größten und erfolgreichsten Agentenapparate in der Geschichte der internationalen Spionage unschädlich gemacht worden war.

Nur wenige Eingeweihte in Abwehr und Geheimer Staatspolizei wußten, wie wirkungsvoll die Sowjetspione (ihr Kennwort: Direktor) Hitlers Kriegsmaschine sabotiert hatten. Operationspläne des Führerhauptquartiers, Stärkemeldungen der Luftwaffe, geheime Statistiken der Rüstungsproduktion, Stärkebilder der Heeresgruppen -- kaum ein Detail der deutschen Kriegsführung schien Stalins Agenten entgangen zu sein.

Sie hatten in wichtigen deutschen Kommandostellen gesessen, aus den gesichertsten Panzerschränken hatten sie Dokumente abphotographiert. Ihre Berliner Führer, der Luftwaffen-Oberleutnant Harro Schulze-Boysen und der Oberregierungsrat Dr. Arvid Harnack, kannten die meisten Geheimnisse des Reichsluftfahrtministeriums und des Reichswirtschaftsministeriums; ihre Mitarbeiter hatten Abwehrstellen, OKW-Ämter und Propagandaministerium infiltriert.

Was die Gruppe Schulze-Boysen/ Harnack nicht wußte, hatte eine mit ihr eng zusammenarbeitende sowjetische Spionageorganisation in Belgien, Holland und Frankreich nach Moskau gefunkt. Auch dort war der Einbruch in die Wehrmacht gelungen: Unter Führung des sowjetischen Geheimdienstoffiziers Leopold Trepper alias Jean Gilbert, von Kennern nur der »Grand Chef« genannt, hatten rote Tarnfirmen Geschäftsbeziehungen mit Wehrmachtsdienststellen aufgenommen und einige Deutsche so rasch korrumpiert, daß bald keine Truppenverschiebung im Westen, keine Personalveränderung in deutschen Stäben den Sowjets unbekannt blieb.

Allerdings, auch diese mächtige Spionageorganisation des Kreml hatte ihre schwache Stelle. Sobald die Abwehr die ersten Geheimsender des Trepper-Apparats aufgedeckt hatte, trat ein Sowjetspion nach dem anderen auf die Seite der Deutschen.

Mehr noch: Die umgedrehten Sowjetagenten führten im Auftrag von Abwehr und Gestapo das Funkspiel mit Moskau weiter, diesmal freilich mit Falschmeldungen gefüttert. Der Feind aber durfte von diesem Gegenspiel nichts merken, er mußte seine Agenten noch in Freiheit wähnen.

Nicht einmal der seltsame Kodename sollte bekanntwerden, den die Abwehr der sowjetischen Agentengruppe gegeben hatte: »Rote Kapelle«. Ihn hatte freilich nicht, wie besorgte Antifaschisten später meinten, die Gestapo zur Diffamierung kommunistischer Hitler-Gegner erfunden; der Ausdruck stammte vielmehr von den nüchternen Spionage-Profis der Abwehr.

Das Wort »Kapelle« gehörte seit langem zum Vokabular der Abwehr. Die Offiziere des Admirals Canaris bezeichneten jede feindliche Spionagegruppe mit ihren Kurzwellensendern ("Pianos"), ihren Funkern ("Klavierspielern") und ihren Chefs ("Dirigenten") als eine Kapelle. Und da es nach dem Auftauchen zahlloser Funkgruppen der alliierten Geheimdienste üblich geworden war, die Kapellen nach ihren Operationsgebieten (etwa »Seekapelle« oder »Moorkapelle") oder Auftraggebern zu benennen, hatte die Abwehr für den Agentensender, der mit dem Rufzeichen PTX Moskau anfunkte, den Namen »Rote Kapelle« geprägt.

Das Kodewort wurde zum Synonym einer Geheimhaltung, wie sie nur totalitäre Systeme praktizieren können. Kein Wort, nicht die leiseste Andeutung sollte das Geheimnis der Roten Kapelle preisgeben. Niemand durfte etwas erfahren: das deutsche Volk nicht, daß Sowjetspione und antifaschistische Widerstandskämpfer jahrelang die Kriegsanstrengungen des braunen Regimes hintertrieben hatten, und die Sowjets nicht, daß ihr Spionagering längst enttarnt war. Der Fall war zur »Geheimen Kommandosache« erklärt worden, das Reichskriegsgericht« vor dem die Mitglieder der Berliner Gruppe abgeurteilt wurden, tagte vor leeren Zuschauerbänken. Nur die höchsten Vorgesetzten der in Berlin angeklagten Spione wurden informiert.

Nicht einmal die Angehörigen der Angeklagten erfuhren, was das oberste Militärgericht für Rechtens erklärt hatte. Als die Mutter Schulze-Boysens ihrem Sohn zu Weihnachten ein Päckchen ins Gefängnis bringen wollte, trat ihr der Ankläger, Oberstkriegsgerichtsrat Dr. Manfred Roeder« entgegen.

Rueder. »Ich muß Ihnen mitteilen, daß gegen Ihren Sohn und seine Frau das Todesurteil ausgesprochen und auf besonderen Befehl des Führers am 22. Dezember vollstreckt worden ist. Wegen der Abscheulichkeit des Verbrechens hat der Führer die Todesstrafe des Erschießens umgewandelt in den Tod durch den Strang!«

Frau Schulze klagte fassungslos: »Das ist nicht wahr. Das durften Sie nicht tun.« Darauf Roeder: »Solange Sie so aufgeregt sind, verhandle ich nicht mit Ihnen.«

Schließlich mußten sich die Angehörigen der Verurteilten schriftlich verpflichten, gegenüber jedermann zu schweigen; in der Verpflichtungserklärung wurde angedroht, wer über den Prozeß vor dem Reichskriegsgericht ein Wort verlauten lasse, habe selber mit einem Verfahren zu rechnen. Jeder unterschrieb, jeder schwieg.

Das Diktat der Geheimhaltung erstreckte sich auch auf Gestapo und Abwehr. Die Rote Kapelle galt als »Chefsache": Nur Offiziere in selbständigen Führungsfunktionen und die unmittelbar mit dem Spionagefall befaßten Sachbearbeiter durften wissen, was die Rote Kapelle bedeutete. OKW-Amt Ausland/Abwehr und Reichssicherheitshauptamt (RSHA) verlangten sture Einhaltung des »Führerbefehls Nr. 1« -- er besagte, ein Offizier oder Beamter dürfe nur so viel wissen, wie unmittelbar für die Erfüllung seines Auftrages erforderlich sei. Die Rote-Kapelle-Experten kapselten sich von Kameraden und Vorgesetzten ab. Hauptmann Harry Piepe, der für Frankreich und Belgien zuständige Sachbearbeiter der Abwehr, durfte nur die Leiter der Abwehrstellen informieren, Kriminalkommissar Heinrich Reiser, Chef des RSHAeigenen »Sonderkommandos Rote Kapelle« in Paris, hatte Weisung, weder den Befehlshaber der Sicherheitspolizei (BdS) Frankreich noch dessen Referatsleiter IV (Gestapo) zu informieren.

Selbst Hitler wußten die Agentenjäger zum Schweigen zu bringen. Der Gestapo-Chef Heinrich Müller alarmierte am 22. Dezember 1942 den SS-Boß Himmler, weil er gehört hatte, »daß sich der Führer und der Reichsmarschall mit der Absicht tragen, das Urteil gegen Schulze-Boysen u. a. publizistisch bekanntzugeben«.

Derlei Veröffentlichungen aber hätten das Funk-Gegenspiel mit Moskau gefährdet. Gestapo-Müller: »Ich bitte, darauf hinweisen zu dürfen, daß in diesem Falle die aufgebauten Linien nach Moskau wieder verlorengehen.« Auch Hitler schwieg.

Die Geheimhaltung wurde bis Kriegsende gewahrt. Erst nach dem Untergang des Dritten Reiches erfuhr die Welt von den Triumphen und Niederlagen der Roten Kapelle. Enthüllungs-Schreiber machten sich auf, die Geschichte der erfolgreichsten Spionageorganisation des Zweiten Weltkriegs nachzuzeichnen.

Doch seltsam: Die vor allem von illustrierten Blättern veröffentlichten Berichte verwirrten eher, als daß sie aufklärten. Ihre Autoren konnten kaum authentische Details bieten, da Akten und Zeugen verschwunden waren.

Die Prozeßakten des Falles Rote Kapelle waren noch von den Demolierkommandos der braunen Götterdämmerung zerstört worden; der Kriminalrat Heinz Pannwitz hatte in dem im Taubertal gelegenen Schloß Garnburg, dem letzten Versteck der Rote-Kapelle-Papiere, »alles verbrannt und zusammengeschlagen, bis nichts mehr da war« (Reiser). Den verstreuten Rest schafften die westallierten Geheimdienste beiseite, in der beginnenden Ära des Kalten Krieges heftig interessiert an jedem Hinweis auf die Arbeitsweise des sowjetischen Geheimdienstes.

Die Lüneburger Staatsanwaltschaft und die Kriegsverbrecher-Fahnder der US-Armee leiteten Ende der vierziger Jahre Untersuchungen gegen den von seinen überlebenden Gegnern als »Bluthund Hitlers« verteufelten Ex-Ankläger Roeder ein, aber die Ermittlungsakten beider Aktionen blieben der Presse verschlossen. Und die ehemaligen Akteure der deutschen Gegenspionage saßen in den Vernehmungsbaracken der Sieger, monatelangen Befragungen und lockenden Angeboten alliierter Inquisitoren ausgesetzt.

»Die Franzosen haben mir sogar einmal das Angebot gemacht, ich solle für sie tätig werden«, erinnert sich der Ex-Häftling Heiser. »Sie würden mich »rauslassen, wenn ich mich in Bewegung setzte und für sie die hohen verschwundenen Kameraden suchte, die mit der Roten Kapelle befaßt gewesen waren.«

Die Masse der Eingeweihten schwieg weiterhin. Die ehemaligen Gestapo-Beamten fürchteten Anklagen wegen Aussage-Erpressungen, und die einstigen Mitglieder der Roten Kapelle wahrten Zurückhaltung, da sie sich nicht als Sowjetspione, vielmehr als legitime demokratische Widerstandskämpfer gegen die NS-Tyrannei gedeutet wissen wollten. Auch die Sowjets zeigten kein sonderliches Interesse an einer Aufklärung.

Nur antikommunistische Rechthaber wie Roeder, der nuancenlos noch heute jedes Urteil des

Reichskriegsgerichtes verteidigt, und einzelne Mitglieder der ehemaligen Abwehr erwiesen sich als mitteilsamer. Zu ihnen gehörte auch der pensionierte Regierungsrat Wilhelm F. Flicke, ein hoher Funktionär der deutschen Funkabwehr, der Mitte der fünfziger Jahre zwei Enthüllungsbücher über die Rote Kapelle veröffentlichte.

Autor Flicke kannte zwar den Kampf gegen die Rote Kapelle nur aus Berichten seiner Kameraden, denn zur Funkabwehr, dem Referat Fu III in der OKW-Amtsgruppe »Wehrmacht-Nachrichten-Verbindungen« (WNV), war er erst gestoßen, als Gestapo und Abwehr den sowjetischen Spionagering bereits zerschlagen hatten; aber er hatte sich kurz vor Kriegsende 250 der aufgefangenen und entschlüsselten Funksprüche gesichert -- in wessen Auftrag, blieb ungeklärt. Um diese Funkmeldungen der Roten Kapelle schrieb nun Flicke zwei Kolportageromane, in denen er Dichtung und Wahrheit unentwirrbar vermengte. Vor allem verschlüsselte er die Namen aller Akteure durch erfundene Pseudonyme und verwischte damit jede Spur, der ein Historiker hätte nachgehen können.

Auch andere Eingeweihte übten sich in solchem Decknamen-Spiel. Im Düsseldorfer »Mittag« veröffentlichte 1953 der ehemalige Abwehr-Hauptmann Piepe anonym eine Artikelserie, in der sich neue Phantasiegestalten der Gegenspionage tummelten. Der ratlose Leser aber sollte nun etwa entscheiden, ob der führende Sowjetspion in Berlin Müller-Boyd (wie bei Flicke) oder Schmidt-Hahn (so bei Piepe) geheißen hatte. Sein wahrer Name: Schulze-Boysen.

Noch bedenklicher war, daß die Presse das Rätselspiel der Ehemaligen unterstützte. Der »Mittag« brachte ein Bild des Chef-Funkers der Roten Kapelle, dessen Identität als »Wilhelm Schwarz« angegeben wurde. Kein Leser erfuhr, daß Schwarz nie gelebt hat; das Photo zeigte den Chef-Funker Johann Wenzel.

Ergebnis: Öffentlichkeit und Geschichtsschreibung der Bundesrepublik wissen noch heute nicht genau, was die Rote Kapelle war. Der Historiker Hans Rothfels konnte sich 1951 nicht schlüssig werden, wieweit die Gruppe Schulze-Boysen/Harnack mit den Sowjets »in Fühlung« getreten war, und zehn Jahre später schien es dem Junghistoriker Helmut Heiber »noch nicht mit letzter Sicherheit geklärt«, ob es sich nicht bei der Roten Kapelle »um eine Erfindung des Reichssicherheitshauptamtes handelte«.

Noch schlichter urteilte der Vorstand der Berufsvereinigung Hamburger Journalisten. Er empfahl Zeitungsredaktionen, die Rote Kapelle aus ihrem Wortschatz zu tilgen, und schloß: »Es gab keine »Rote Kapelle«, und infolgedessen kann auch niemand Mitglied dieser »Roten Kapelle« gewesen sein.«

Erst jetzt, rund 25 Jahre nach dem Ende der sowjetischen Spionageorganisation, liegt ein detaillierter und glaubwürdiger Bericht über die Rote Kapelle vor, mit dessen Abdruck der SPIEGEL in diesem Heft beginnt. Zum erstenmal kann die Gesamtgeschichte der Roten Kapelle in all ihren Zusammenhängen erzählt werden, sachlich, differenziert und befreit von jedem Pseudonym.

Verfasser des Berichts ist der französische Schriftsteller Gilles Perrault, 37, ein ehemaliger Rechtsanwalt und Fallschirmjäger, der sich in Frankreich durch seine Geheimdienst-nahen Zeitgeschichts-Reportagen einen Namen gemacht hat.

1961 erweckte Perrault, damals Chefreporter der Pariser Zeitschrift »Candide«, Aufmerksamkeit mit einem Buch über die französische Fallschirmjägertruppe, das ihm ein Jahr später den für politische Bücher ausgesetzten Literaturpreis »Aujour &hui« (Heute) einbrachte. Später wandte er sich der Geheimdienstgeschichte des Zweiten Weltkriegs zu.

1964 erschien Perraults zweites Buch, geschrieben mit Hilfe der Veteranen des Kriegs im dunkeln: »Le Secret du Jour J« (Das Geheimnis des Tages X), ein Bericht über die Vorbereitungen der französischen Widerstandsbewegung für die Westeuropa-Invasion der Alliierten im Sommer 1944.

Das Buch verärgerte die ehemaligen Führer des britischen Geheimdienstes, denn Autor Perrault beschuldigte den Secret Intelligence Service, die bei Calais operierenden Geheimkommandos des Maquis mit falschen Nachrichten gefüttert und den Deutschen in die Hände gespielt zu haben, um Adolf Hitlers Verteidiger in dem Glauben zu wiegen, die Invasion werde im Raum Calais stattfinden -- und nicht in der Normandie, wo sie tatsächlich angesetzt war.

Bei seinen Nachforschungen stieß Perrault auch auf die Spuren einer Organisation, die zu dem kommunistischen Flügel des Maquis lockeren Kontakt gehalten hatte. Immer häufiger fand er Indizien, die auf die Existenz raffiniert arbeitender Spione hindeuteten und auf ihren genialen Kopf, einen Meister der Tarnungen und Tricks.

Die Organisation war die Rote Kapelle, der geniale Kopf Leopold Trepper, der »Grand Chef« des Spionageringes. Perrault war von seinen Entdeckungen so fasziniert, daß er beschloß, die Geschichte der Roten Kapelle zu schreiben.

Er weitete seine Forschungen über ganz Frankreich aus, reiste in Belgien jeder Spur nach und folgte den Fäden, die bis nach Berlin führten. Drei Jahre lang interviewte er ehemalige Agenten der Roten Kapelle, fahndete nach Zeugen und spürte schließlich den Chef selber auf: den Geheimdienst-Offizier Trepper, der sich heute Leiba Domb nennt und Präsident der Jüdischen Kultusgemeinde in Warschau ist.

In kurzer Zeit hatte Perrault sein Manuskript abgeschlossen, Mitte 1967 erschien »L'Orchestre rouge« in einem Pariser Verlag und wurde rasch zu einem Bestseller. Im August wird der Hamburger Rowohlt-Verlag Perraults Buch in einer stark verbesserten Ausgabe auf den bundesdeutschen Büchermarkt bringen.

Die Ausgabe offenbart freilich einige Schwächen, die Perrault zuweilen hindern, Treppers deutschen Gesinnungsfreunden und Gegenspielern gerecht zu werden.

Perraults Welt ist die der französischen Sprache und Lebensart, des westeuropäischen Maquis, der gallischen Logik. Linguistische Mißverständnisse (der Autor spricht kaum deutsch) und eine ungenaue Vorstellung von dem aller Logik entratenden Mechanismus des braundeutschen Herrschaftsapparates verlockten Perrault zu mancherlei kecken Spekulationen über das Wirken grauer Eminenzen hinter den Kulissen Hitler-Deutschlands.

Zudem begnügt sich Perrault, die Geschichte der Berliner Spionagegruppe rund um Schulze-Boysen und Harnach nachzuerzählen, ohne das Wissen über diesen Teil der Roten Kapelle durch neue Recherchen zu erweitern. Der Star-Autor aus Frankreich stützt sich hier nur auf Sekundärquellen, die der Forschung seit Jahrzehnten bekannt sind.

SPIEGEL-Redakteur Heinz Nöhne wird deshalb versuchen, Perraults Rote-Kapelle-Chronik durch eigene Recherchen zu ergänzen. Höhne konsultierte Anhänger der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack, soweit sie zu Auskünften bereit waren, befragte noch lebende Mitglieder der einstigen deutschen Gegenspionage und sicherte sich Aktenunterlagen, die bisher noch nie veröffentlicht wurden.

Mithin bietet die neue SPIEGEL-Serie zum erstenmal die Chance, das dichte Gestrüpp der Legenden und Verschleierungen zu durchdringen, das sich um die Geschichte der Roten Kapelle rankt. Denn: Wie kaum ein anderes Kapitel der Spionage ist die Rote Kapelle für Deutsche mit den Emotionen einer mißglückten Vergangenheitsbewältigung aufgeladen.

Viele Deutsche können sich nicht damit abfinden, daß vor allem die Gruppe Schulze-Boysen/Harnack das konventionelle Bild vom Sowjetspion sprengt. Die Führer der Beiliner Gruppe verstanden sich auch als Widerstandskämpfer gegen das Dritte Reich; an die Stelle der NS-Diktatur wollten sie setzen, was sie für eine sozialistische Republik hielten, unlöslich verbunden mit der Sowjet-Union.

Eine so problematische Vermengung von Widerstand und Spionage, von Hochverrat und Landesverrat, von demokratischer Haltung und Kommunismus aber mußte den Protest all jener kurzatmigen Superpatrioten herausfordern, die durch strammen Antikommunismus das Nachdenken über eigenes Fehlverhalten In der Hitler-Ära ersetzen. Im Kreuzzugsgeist des Kalten Krieges wurden die Hinterbliebenen der Roten Kapelle zu einer Art ideologischem Freiwild gestempelt.

Als sei das Dritte Reich mit seinem Gewaltsystem, seinen Judenverfolgungen und seinen Kriegsabenteuern ein normaler Staat gewesen, der ein gleichsam selbstverständliches Anrecht auf die Loyalität seiner Bürger besessen habe, verbündeten sich In den ersten Nachkriegsjahren rechtsradikale Kreise zur Hatz au! die »Verräter« der Roten Kapelle.

Eigene Schuldkomplexe und übersteigerte Vorstellungen von der Bedeutung der Spionage ließen eine gespenstische Anklage entstehen: Die Berliner Sowjetspione hätten Tausende deutscher Landser in den Tod getrieben, die militärischen Niederlagen im Osten verursacht und das Reich dem Bolschewismus ausgeliefert.

»Verrat an Deutschland« war noch der geringste Vorwurf, der dem ehemaligen SS-Untersturmführer Erich Kernmayr einfiel. »Landesverräter wie Schulze-Boysen, Harnack und andere« hätten »Hunderttausende, wahrscheinlich sogar Millionen von deutschen Soldaten auf dem Gewissen«, befand die »Deutsche National-Zeitung«, stets zur Steile, wenn es gilt, Hitler-Gegner zu verunglimpfen.

Auch differenzierter argumentierende Publizisten wie der ehemalige NS-Diplomat Paul Schmidt alias Paul Carell arbeiteten an der Anklage gegen die Rote Kapelle mit. In seinem Ostfeldzug-Buch »Verbrannte Erde« behauptet er, nicht zuletzt durch den Verrat der Roten Kapelle sei es der sowjetischen Führung gelungen, die Schlacht im Kursker Bogen (1943) zu gewinnen -- als wisse er nicht, daß die strategischen Meldungen des Geheimdienstes von einer Armeeführung nur dann in das Feindlage-Bild eingeordnet werden, wenn sie sich mit den taktischen Meldungen der eigenen Frontaufklärung decken.

Selbst anerkannte Nichtkommunisten wie Preußens letzter sozialdemokratischer Kultusminister Adolf Grimme, der als religiöser Sozialist einst an Diskussionsabenden der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack teilgenommen hatte, geriet in die Schußlinie der selbsternannten Ankläger. Auch ihn machte man für den Tod deutscher Soldaten verantwortlich.

Was nutzte ihm da die Feststellung, das hart urteilende Reichskriegsgericht habe ihn von jedem Spionageverdacht ausgenommen und ihn lediglich wegen »Nichtanzeige eines Vorhabens des Hochverrats« zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt -- schon dieser Begriff der Justiz genügte Grimmes Gegnern, die alten Vorwürfe zu wiederholen. SRP-Redner Keller: »Er hat brave deutsche Soldaten an Moskau verraten!«

Die Diffamierungskampagne der Rechtsextremisten wird freilich -- unbewußt und ungewollt -- von einer durchsichtigen Verschleierungstaktik der überlebenden Mitglieder der Roten Kapelle gefördert, mit der sie sich den Zugang zu der Ehrengalerie antinazistischer Widerstandskämpfer öffnen möchten.

Sie wollen heute nur noch -- für einige trifft es tatsächlich zu* -- politischen Widerstand gegen Hitler geleistet haben. Nicht ungern ließen sie sich von Uneingeweihten wie Grimme bestätigen, daß die Gruppe Schulze-Boysen »bestes deutsches Blut« repräsentiert habe. Grimme: »Eine Elitegruppe, Elite an Charakter, politischer Intelligenz, Weltwachheit und wahrem Nationalgefühl.«

Offenbar glauben sie, nur so Anschluß an andere Widerstandsgruppen zu finden, etwa an die Männer des 20. Juli 1944, deren Überlebende allerdings die besondere Art des Wider-

* Zu ihnen gehörten außer Grimme unter anderem der Schriftsteller Günther Weisenborn, der Romanistik-Professor Werner Krauss, die Hotelierstochter Ursula Goetze, der Verleger Marcell Melliand, der Journalist Arnold Bauer und der Pianist Helmut Roloff.

standes der Gruppe Schulze-Boysen/ Harnack mißbilligen.

Schon Admiral Wilhelm Canaris, Chef der Abwehr, hatte die Taten der Roten Kapelle für »glatten Landesverrat« gehalten. Vor dem Reichskriegsgericht schätzte er, durch die sowjetischen Agenten seien der Wehrmacht Verluste bis zu 150 000 Mann entstanden -- eine unbeweisbare Rechnung, die eher über die Emotionen des Admirals als über den Umfang der Spionage Auskunft gab. Auch der Heeresrichter Sack, einer der Märtyrer der 20.-Juli-Bewegung, mochte den Angeklagten des Reichskriegsgerichts nicht zu Hilfe kommen. Für ihn manifestierte sich in der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack, was die Anti-Hitler-Sache besonders schwer belasten mußte: die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit dem Kriegsgegner.

»Was auch immer die Motive waren«, so faßt der Historiker Gerhard Ritter die Auffassungen der militärisch-konservativen Opposition über die Rote Kapelle zusammen, »praktisch haben sie sich bedingungslos dem Landesfeind als höchst gefährliche Werkzeuge zur Verfügung gestellt. Mit »deutschem Widerstand« hatte diese Gruppe offenbar nichts zu tun.«

Um so harte Urteile konservativer Hitler-Gegner aufzuweichen, ziehen es alte Freunde Schulze-Boysens vor, über Spionagearbeit möglichst wenig zu wissen. In den Schriften der beiden prominentesten Rote-Kapelle-Verteidiger, des Bühnenautors Günther Weisenborn und der DDR-Funktionärin Greta Kuckhoff« fehlte jede detaillierte Darstellung über die Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Geheimdienst.

Frau Kuckhoff, Witwe des hingerichteten Schulze-Boysen-Partners Adam Kuckhoff und Vizepräsidentin des DDR-eigenen Deutschen Friedensrates, formulierte, Schulze-Boysens Gruppe habe mit »riesigen Zettelaktionen«, mit »Flugblättern und Broschüren« und durch »die Arbeit mit Sendern« den »Widerstand gegen die Unterdrückung wecken« wollen. Den ominösen Sendern kamen hier rein propagandistische Funktionen zu, sie waren gleichsam »Widerstandssender«, wie sie Weisenborn in seinem Rote-Kapelle-Drama »Die Illegalen« auf die Bühne brachte.

Weisenborn bog denn auch noch 1965 ("Berlin im Widerstand") jede Spionage-Erörterung mit der Bemerkung ab, die Anhänger Schulze-Boysens hätten anscheinend durch »einen Geheimsender« einen »Funkkontakt mit der UdSSR aufgenommen, wie der Abschlußbericht der Gestapo behauptet«. Allerdings: »Wieweit die Tatsachen gehen, wird wohl kaum festzustellen sein.

Diese Formulierungen sind nur für die Öffentlichkeit bestimmt; in ihren Schreibtischen hüten die beiden Apologeten private Aufzeichnungen, in denen sie sich recht offenherzig über die Spionagearbeit der Roten Kapelle äußern.

Weisenborn entwarf vor Jahren eine Geschichte der Roten Kapelle, die jedoch nie veröffentlicht wurde. Da weiß er sehr genau: »Die Sender wanderten. Ein Sender stand bei der Gräfin Erika von Brockdorff-Rantzau. Ein Sender stand bei Harnack, einer bei Graudenz am Alexanderplatz, von Kuckhoffs weitergeleitet.«

Er kennt auch die Funker der Spionagegruppe. Chronist Weisenborn: »Die Verbindung zwischen dem Funker Kurt Schulze, dessen Sendeapparat Anfang 1942 kaputt ging, und Hans Coppi, der das Funken lernen wollte, stellte Walter Husemann her, der an Schulze auch Nachrichten aus seinem Rüstungsbetrieb weitergab.«

Auch Greta Kuckhoff weiß in einem vertraulichen Bericht, wie spioniert wurde: »Etwa acht Tage vor Kriegsausbruch holte ich den ersten Apparat von (dem GRU-Agenten) Alexander Erdberg. Wir haben den Apparat ein paar Tage behalten, er ging dann weiter, acht Pfund schwer ging er in ein kleines Köfferchen.«

Nach außen hin aber wird weiterhin retouchiert. In der Ostberliner »Weltbühne« teilte Frau Kuckhoff 1948 mit, die von Harnack aus Geheimmatenalien des Reichswirtschaftsministeriums erstellten »wöchentlichen Berichte« seien für die antifaschistische »Arbeit in den Betrieben« bestimmt gewesen. In ihren vertraulichen Aufzeichnungen aber nennt sie einen weiteren Adressaten der Harnack-Berichte: die sowjetische Botschaft.

Bei anderer Gelegenheit begegnete Frau Kuckhoff der Frage, warum die Rote Kapelle nur nach Osten tendiert habe, mit dem Hinweis, auch Widerstandsgruppen in Frankreich und Belgien seien kontaktiert worden. Sie ließ freilich unerwähnt, daß es sich dabei um die nachrichtendienstlichen Schwesterorganisationen Leopold Treppers gehandelt hatte.

Den beiden Apologeten ist dabei offenbar entgangen, daß der Osten längst feiert, was Weisenborn und Frau Kuckhoff noch mit vieldeutigen Formulierungen zu vernebeln suchen: die enge Verflechtung der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack mit dem sowjetischen Spionageapparat.

Seit die Sowjet-Union ab 1960 dazu übergegangen ist, die jahrzehntelang offiziell ignorierten Sowjetspione von Richard Sorge bis zu Kirn Philby als Helden des Sozialismus zu würdigen, hat auch die DDR-Publizistik den Spion Schulze-Boysen und seine Agenten entdeckt.

Ende vergangenen Jahres, anläßlich der 25. Wiederkehr der Hinrichtung von Schulze-Boysens engsten Mitarbeitern, erfuhr das Staatsvolk der DDR aus dem »Neuen Deutschland«, die Widerstandsgruppe habe »wichtigste Informationen per Funk und auf anderem Wege sowjetischen Dienststellen« übermittelt: »Eine direkte Hilfe für die Völker der Anti-Hitler-Koalition.«

Was das für Informationen waren, wußte das FDJ-Organ »Junge Welt": »Informationen über die laufende Kriegsproduktion« über geplante Offensiven und andere wichtige Ereignisse.«

Noch genauer zeigte sich die Ostberliner Frauenzeitschrift »Für Dich« informiert. Sie übersetzte eine fünftellige Artikelserie der Moskauer »Prawda« aus der Feder des Kapitäns 1. Ranges W. Kudrjawzew in die vorsichtige Antifa-Sprache der DDR-Publizistik und erzählte die Geschichte einer Randfigur der Roten Kapelle, der Agentin Ilse Stobe (Deckname: »Alta"), »von der die Menschen nun wissen sollen, an welchem wichtigem Abschnitt sie gegen das Naziregime gekämpft hat«.

Der Artikel enthielt Details, die bis dahin unbekannt waren: Angaben über Altas Funksprüche nach Moskau, ihren Gesamtauftrag, ihre V-Leute, ihre Treffs und ihren Führungsoffizier, General »Petrow«. Die Annahme lag nahe: Das Alta-Material mußte vom sowjetischen Geheimdienst freigegeben worden sein.

Damit endet die Chronik der Roten Kapelle dort, wo sie einst begonnen hatte: in der Zentrale des militärischen Geheimdienstes der Sowjet-Union. In der Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije war die Rote Kapelle entstanden, in jenem blutigen Sommer des Jahres 1937, der zu den beklemmendsten Erinnerungen sowjetischer Spionagegeschichte gehört.

Es waren die Monate der Kopflosigkeit gewesen, die Monate der stalinistischen Säuberungsexzesse. Die gesamte Mitteleuropa-Organisation der GRU lag in Trümmern: Der mächtige GRU-Chef Jan Bersin und sein Stellvertreter Alexander Korin waren als vermeintliche Stalin-Feinde liquidiert worden, den Chefagenten Ignaz Reiss hatten die Todesboten in der Schweiz erreicht, die Geheimdienst-Offiziere Alexander Orlow und Walter Kriwitzky waren noch rechtzeitig geflohen.

Am ärgsten war das sowjetische Spionagenetz in Deutschland betroffen. Von den stalinistischen Säuberern bedroht, von den Häschern der Gestapo gejagt, zogen sich die Sowjetagenten aus dem Reich Adolf Hitlers zurück. Moskau dünkte es ein melancholischer Rückzug, denn Deutschland galt seit Anfang der dreißiger Jahre als das klassische Angriffsziel der sowjetischen Aufklärung.

Seit es einen sowjetischen Geheimdienst gab, standen seine wichtigsten Stützpunkte auf deutschem Boden. In Berlin saßen die Europa-Beauftragten von »Grete« und »Klara«, wie die deutschen Kommunisten die politischen und militärischen Geheimdienste der UdSSR nannten, und an der Spree residierte auch die Zentrale des Kuriersystems der Komintern.

Im Reich befand sich eine Leitstelle der GRU, der auch die Spionagegruppen in Westeuropa unterstellt waren, wiederum in Berlin arbeitete die größte Fälscherwerkstatt der Komintern -- sie verfügte über 5000 Pässe« 30 000 Stempel und 170 Angestellte.

Nach Hitlers Machtübernahme zerriß die Gestapo das sowjetische Spionagenetz in kurzer Zeit. Einige Sowjetspione endeten in den Konzentrationslagern der neuen Herren, andere verschwanden im politischen Untergrund, für einen späteren Einsatz stillgelegt; die meisten Angehörigen des Apparates wanderten ins Ausland ab: die Fälscherorganisation in das damals noch internationalisierte Saarland, die

* Angehörige des Nachrichtenregiments »Harro Schulze-Boysen« der DDR-Luftstreitkräfte in Ihrem Traditionskabinett mit Dokumenten aus dem Leben Schulze-Boysens.

Kominternabteilung nach Kopenhagen, die Militärsektion nach Holland und Frankreich.

Die stalinistischen Säuberungen ramponierten den Spionageapparat vollends. Doch auch die Exekutionsorgien des Moskauer Diktators konnten nicht ändern, daß Hitler-Deutschland für die Sowjet-Union der Hauptfeind blieb. Ende 1938 begann die neue Spionageführung in Moskau, das Aufklärungssystem gegen Deutschland wiederaufzubauen.

Die Erfahrungen mit der Gestapo ließen es zunächst nicht geraten erscheinen, innerhalb Deutschlands eine neue Organisation zu schaffen. Zwar erhielt ein sowjetischer Geheimagent, der unter dem Namen Alexander Erdberg in Berlins sowjetischer Botschaft eingebaut war, den Auftrag, für den Kriegsfall eine deutsche Agentengruppe zu rekrutieren, aber zuerst sollte die deutsche Kriegsmaschine vom westlichen Ausland aus beobachtet werden.

Den Schwerpunkt der Deutschland-Spionage verlagerte die GRU nach Frankreich und Belgien; dort wurden die Reste des deutschen Apparates, Kominternagenten und Mitglieder des militärischen Nachrichtendienstes, zu einer neuen Organisation zusammengefaßt. Im Laufe des Jahres 1939 formierten sich die ersten Kader.

Doch wer sollte sie führen? Die alten Spitzenfunktionäre saßen in Hitlers Konzentrationslagern oder waren von Stalin liquidiert worden. Moskau griff auf die zweite Spionage-Garnitur zurück, auf junge Geheimdienstoffiziere, die soeben die sowjetischen Spionageschulen absolviert hatten.

Sie besaßen ohnedies den Vorzug, der deutschen Abwehr noch nicht bekannt zu sein. Anfang 1939 setzten sich die ersten Führer der projektierten Spionageorganisation in Marsch; erstes Ziel war Brüssel. Es reisten an, sorgfältig getarnt:

* Hauptmann Viktor Gurewitsch* alias Vincente Antonio Sierra, Deckname »Kent«, von Eingeweih-

* Der Name ist umstritten: Bei der Gestapo hieß »Kent« Sukulow, eine Verballhornung aus Sokolow, während Kriminairat Pannwitz, der ihn später oft verhörte, meint, Kent habe eigentlich Gurewitsch geheißen.

ten später der »Kleine Chef« (Petit Chef) genannt,

* Luftwaffen-Leutnant Michail Makarow alias Carlos Alamo, Deckname: »Charles«,

* Unterleutnant Anton Danilow alias Albert Desmets, und

* Hauptmann Konstantin Jefremow alias Jernström, Deckname: »Bordo«.

Sie kamen noch rechtzeitig zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Am 17. Juli 1939 war der »Petit Chef« in Brüssel eingetroffen, am 6. September folgte Jefremow, Mitte des Monats stellten sich Danilow und Makarow ein.

Sie wurden bereits erwartet von dem Mann, mit dem alles beginnen sollte, dem Mann, auf den die GRU in Moskau ihre größte Hoffnung setzte: dem »Grand Chef«. Leopold Trepper begann, den Feldzug der Roten Kapelle zu eröffnen.

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