Zur Ausgabe
Artikel 44 / 112

NAHOST »Kernproblem ist Palästina«

Der libanesische Premierminister Rafik al-Hariri über Gehirnwäsche in Osama Bin Ladens Terroristen-Camps, den Hass auf Washington und den langen Krieg gegen Afghanistan
Von Adel S. Elias
aus DER SPIEGEL 43/2001

SPIEGEL: Der libanesische Geheimdienst zählt zu den bestinformierten Nachrichtendiensten des Nahen Ostens. Hatten Sie als Regierungschef des Libanon Hinweise auf Terroranschläge der Qaida-Organisation Osama Bin Ladens?

Hariri: Ich muss gestehen, ich habe Terroraktionen erwartet, aber nicht in solch einem brutalen Ausmaß. Und überrascht hat mich auch, dass Osama Bin Laden - falls er tatsächlich hinter den Angriffen auf Amerika stehen sollte - über eine so gute Infrastruktur in den USA verfügt sowie dass diese Aktivitäten so lange unentdeckt geblieben sind.

SPIEGEL: Das Terror-Netzwerk Bin Ladens wird auf bis zu 5000 Mann geschätzt. Was wissen Sie über die Zusammensetzung der Qaida-Truppe?

Hariri: Nach unseren Erkenntnissen kann Bin Laden auf hoch motivierte und überaus gebildete Männer zurückgreifen. Zudem sind seine Gefolgsleute studierte Menschen und stammen überwiegend aus dem bürgerlichen Milieu. Dass sie dennoch Terrorakte unternehmen, für die sie mit ihrem Leben bezahlen, können wir uns nur durch eine Art religiöser Indoktrination erklären: Ganz offenbar werden jene jungen Menschen einer Form von Gehirnwäsche ausgesetzt.

SPIEGEL: Sie meinen den Missbrauch des Islam zur psychischen Manipulation potenzieller Attentäter?

Hariri: Die Beeinflussung beschränkt sich nicht auf das Einhämmern von Koranversen im religiösen Unterricht. Bin Laden nutzt auch die gesamtpolitische Lage aus, in der sich diese Männer sehen - vor allem wenn sie sich mit dem palästinensischen Volk identifizieren. Wenn dieses Gefühl verstärkt wird, sehen sich die Männer in einem Zustand der Erniedrigung, der Verfolgung und der täglichen blutigen Auseinandersetzungen mit dem Feind, den Israelis. Dann sind diese Männer zu jeglichem Gewaltakt fähig.

SPIEGEL: Aber der Palästina-Konflikt ist doch nicht der wirkliche Grund für den Terror Bin Ladens.

Hariri: Tatsache ist jedenfalls, dass die fünf Kriege in gut 50 Jahren zwischen Israelis und Arabern etliche Generationen schwer frustriert haben. Diese Zeit der Demütigung hat insgesamt eine Atmosphäre geschaffen, in der es für Bin Laden ein Kinderspiel ist, Aktivisten zu rekrutieren. Deshalb bestehen wir sehr darauf, so schnell wie möglich das Kernproblem im Nahen Osten, die Palästinenser-Frage, gerecht zu lösen.

SPIEGEL: Hat die US-Regierung den Amerika-Hass in der Region unterschätzt?

Hariri: Zuerst einmal gibt es grundsätzlich kein Problem zwischen den Arabern und den Muslimen einerseits und dem amerikanischen Volk andererseits. Dennoch ist jedem Araber, ob Muslim oder Christ, die einseitige und voreingenommene Unterstützung Washingtons für Israel ein Dorn im Auge.

SPIEGEL: Werden die Bomben auf Afghanistan das Terrorproblem lösen?

Hariri: Als ich mit dem Staatspräsidenten von Pakistan telefoniert habe, sagte mir Pervez Musharraf zu meiner Verblüffung, dass seiner Meinung nach die Amerikaner selbst nicht wissen, was sie wollen. Ich weiß nur, dass der Kampf gegen den Terrorismus ein sehr langer Kampf wird.

INTERVIEW: ADEL S. ELIAS

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 112
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.