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KOHL-NACHFOLGE Kerze im Dom

Am 2. Dezember wird Kultusminister Bernhard Vogel zum neuen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz gewählt -- ein Schöngeist, der den wirtschaftspolitischen Problemen des Landes kaum gewachsen ist.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Seine Hemmungen »zu verbergen, bemüht er sich ohne Erfolg«. Oft steigt ihm die »Verlegenheitsröte . ins Gesicht«, und »aus Furcht, aufzufallen«, vermeidet er in seiner Kleidung »jeden Anschein von Eleganz«.

Bernhard Vogel, 43, Kultusminister in Mainz, gilt im Spiegel der Pfälzer Heimatpresse als staksiger Junggeselle, Mann ohne Ausgleich und frommer Ästhet -- beliebt und belächelt als ein Politiker, der vor wichtigen Entscheidungen »im Speyerer Dom noch schnell eine Kerze spendet« ("Die Rheinpfalz"). Er wird geschätzt als »brillanter Redner« ("Stuttgarter Zeitung"), ist gefürchtet als Mann, der politisch »stets da steht, wo der Wind weht« (Innenminister Heinz Schwarz).

Feuchtfröhliche Skatrunden im Landtag scheuen deftige Witze in Vogels Gegenwart, »weil er so vornehm ist« (ein Abgeordneter). Weibliche Parlamentarier mögen an ihm »das Jungenhafte«, so die Landtagsjournalistin Heidi Parade. »daß er auch als gestandener Mann nicht abzulegen vermag«. Und Regierungschef Helmut Kohl rüffelte seinen Kultusminister schon mal wegen »fehlender Bügelfalten« vor versammeltem Kabinett.

Seit Mitte letzter Woche freilich blicken die Rheinland-Pfälzer zu dem gebeutelten Einzelgänger, dem Bruder des Bonner Justizministers, auf: Bernhard Vogel wird am 2. Dezember als Nachfolger Helmut Kohls Ministerpräsident in Mainz. In einer Kampfabstimmung in der 55 Mann starken CDU-Fraktion besiegte der Landesvorsitzende am Mittwoch vergangener Woche seinen Gegenkandidaten. Finanzminister Johann Wilhelm Gaddum, 46, mit 34 zu 20 Stimmen bei einer Enthaltung.

Für die Christenpartei in Rheinland-Pfalz war die Wahl eine Zeitwende. »Was hier vorher war«, so beschloß der künftige Bonner Oppositionsführer Kohl die Mainzer Kohl-Ära, »ist jetzt ein Stück Geschichte geworden.«

Vogel tritt Kohls Erbe als Landesvater in einem Winkel der Republik an. der -- mal französisch, mal deutsch als Aufmarschgebiet oder Schlachtfeld manches Wirtschaftswunder verpaßt und auch nach 1945 nie recht den Anschluß gefunden hat.

Zwanzig Jahre lang (unter dem Nachkriegsregime des hausbackenen Koblenzer Fischhändlers Peter Altmeier) als Hort der Zwergschule und klerikalen Enge verschrien, überwand die Weinprovinz erst im letzten Jahrzehnt Kirchturmspolitik und Komplexe: Aus dem Schlußlicht der Bundesländer wurde -- CDU-behütet. doch halbwegs liberal geführt -- eine deutsche Idylle mit Selbstbewußtsein.

Dank einer stark prosperierenden chemischen Industrie (BASF in Ludwigshafen) hangelte sich Rheinland-Pfalz nach Angaben der Mainzer Staatskanzlei vom letzten Platz in der Länderskala des realen Bruttoinlands Produkts je Einwohner (1962: 5226, 1975: 9038 Mark) auf den fünftletzten Platz. Als Region »mit rasant-evolutionärer Entwicklung« an der »Achse London-Ankara«. wie Wirtschaftsminister Heinrich Holkenbrink schweigt, überrundete der Kohl-Staat die Bayern, das Saarland, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Mit immer größerer Zustimmung zur Christenpartei bei den Landtagswahlen -- mit 44,4 (1963), 46,7 (1967), 49,99 (1971) und schließlich im letzten Jahr 53,9 Prozent -- honorierten die Bürger Kohls »Politik mit Augenmaß«. die freilich oft nur das nachvollzog. was in anderen Ländern längst vorreformiert war. Landschulreform und Lernmittelfreiheit beispielsweise waren im benachbarten Hessen kein Thema mehr, als die CDU damit in Rheinland-Pfalz noch Wahlen gewann.

An Nahe, Rhein und Mosel entstand unter geschickter CDU-Propaganda »eine Art Selbstwertgefühl von christdemokratischem Musterland« (Regierungssprecher Hanns Schreiner). Schadenfroh blicken die Rheinland-Pfälzer, von Großstadt und Ballungsgebieten verschont, über den Rhein ins urbane Hessen, wo Fluglärm. Verkehrsstau und Giftmüll, Hausbesetzer und Terroristen grassieren. Demonstrationszüge erleben die Bürger »auf der glücklicheren Seite des Rheins« (Kohl) nur an Rosenmontag und Fronleichnam.

Schlagzeilen in der heimischen Presse machte indessen das Kohl-Kabinett -- eine Riege junger Politiker, die sich, vom Regierungschef motiviert und trainiert, mehr und mehr bundesligaverdächtig hielt. So viele Pfälzer und Beinahe-Pfälzer im Einsatz zum Wohle der ganzen Nation hatte es bislang nur unter dem Fußballer Fritz Walter aus Kaiserslautern gegeben: Kaum eine Fernsehdiskussion, in der nicht ein Kohl-Minister den Widerpart der CDU zur Bonner Regierung bestritt, kaum eine Bundesratssitzung, in der nicht ein Mann aus Mainz den Unionskurs artikulierte.

Als Kohl dann schließlich selber nach Bonn aufbrach, machte er unter seinen Ministern unvermittelt »eine Handvoll Mainzer Nachfolger« aus; drei Kronprinzen zugleich begaben sich schließlich an den Start.

Der Wendigste, Vogel, hatte sich als Bildungspolitiker einen Namen gemacht und empfahl sich nun als Präsident des Zentralkomitees der Katholiken. Der Linkeste, Sozialminister Heinrich Geissler, hatte in Rheinland-Pfalz mit einer Krankenhausreform, Kindergartengesetz und Sozialstationen reüssiert. Der Unbekannteste, Finanzminister Gaddum, hatte in der Bundespartei mit programmatischen Vorstellungen der CDU zum Bodenrecht und zur Steuerreform brilliert, kam dem Regenten aber »immer wie ein Jagdhund vor, den man zur Jagd tragen muß«.

Anders Vogel: Zielstrebig hatte sich der frühere Dozent und Jung-MdB aus Speyer, der seit 1967 das Kultusministerium leitet, an der pfälzischen Basis eine Hausmacht aufgebaut und mit geschicktem Taktieren mit Hinterbänklern und Junger Union den Vorsitz im Landesvorstand erkämpft -- gegen den Willen von Vorgänger Kohl. Der Wunschkandidat des Regierungschefs für den CDU-Vorsitz, Geissler, blieb 1974 nach einer heißen parteiinternen Wahlschlacht auf der Strecke, weil Kohl sich zu stark für seinen Sozialminister engagiert und damit, ungewollt, den aufmüpfigen Vogel-Flügel noch gestärkt hatte.

Auch den Rivalen Gaddum, der am Vorsitzenden Vogel vorbei zwei Jahre lang offen von Kohl für das Amt des Ministerpräsidenten favorisiert worden war, räumte der Kultusminister nun beiseite: Mit der Drohung, einen Eklat zu provozieren und als Landeschef zurückzutreten, wenn er nicht Regierungschef würde, brachte Vogel den widerwilligen Kohl dazu, auf ein geplantes Votum vor der Fraktion für den Alternativ-Kandidaten zu verzichten.

Als Kohl sich dann eine Woche lang vergeblich bemüht hatte. Gaddum von seiner Kandidatur für den Ministerpräsidenten-Posten wieder abzubringen. gleichwohl aber in der Fraktion eine 60-Prozent-Mehrheit für den Finanzminister sichtbar wurde, setzte Vogel seine letzte Waffe ein: Ehe die Abgeordneten wählen durften, gab ihnen der Vogel-folgsame Landesvorstand als Entscheidungshilfe sein eigenes Votum (13 Stimmen für Vogel, sechs für Gaddum) auf den Weg in die Wahlkabine mit. Die »freie Wahl« zwischen »zwei gleichwertigen Kandidaten« (Vogel-Vize Otto Meyer) war damit zur Farce geworden.

Ob die Christenfraktion mit dem Kultusminister die richtige Wahl traf angesichts der -- vornehmlich wirtschafts- und finanzpolitischen -- Probleme. die in Rheinland-Pfalz anstehen, bezweifeln vor allem Kabinettsmitglieder und Fraktionsspitze. Von Schöngeist Vogel, der (wie Fraktionssprecher Engelbert Sauter eruierte) bei manchem CDU-MdL als »kulturpolitischer Fachidiot« gilt, können sie sich schwer vorstellen, wie er als neuer Regierungschef die derzeit in Rheinland-Pfalz akuten »Rückschläge in wichtigen Bereichen der Infrastruktur« (Kohl) auffangen will.

Politische Leitlinien, etwa zur Fortschreibung von Landes-Bedarfsplänen in künftigen Zeiten drastischen Bevölkerungsrückgangs (100 000 Einwohner weniger bis 1955) und einen Kurswechsel in der bisherigen, uneffektiven Gießkannen-Politik bei der Förderung von Industrieansiedlungen, hätten sie eher dem gewieften Finanzexperten Gaddum zugetraut.

Angesichts des drohenden Finanzkriegs zwischen Bund und Ländern um Mehrwertsteuererhöhungen und Bonner Ergänzungszuweisungen an die marode Mainzer Staatskasse bezweifeln skeptische Vogel-Kenner schon heute, ob der neue Mann, der am 3. Dezember auch Bundesratspräsident für ein Jahr wird, »für dieses Tauziehen den nötigen Durchblick mitbringt«.

Wie Neuling Vogel schließlich bei der Landtagswahl in gut zwei Jahren dastehen wird, wenn die Mainzer Christen zum erstenmal ohne Kohl ihre absolute Mehrheit verteidigen müssen, ist ohnehin offen. Von dem Stimmen-Bestand der Landes-CDU (1975: 53,9 Prozent) rechnen Parteistrategen an die vier Prozent »als rein persönlichen Kohl-Bonus ab«.

Mit Gaddum, evangelisch und betont liberal, an der Spitze hätte die Union nach einer internen Hochrechnung die Chance gehabt, schwindende Kohl-Prozente durch Zugewinne aus dem Reservoir der Freien Demokraten (1975: 5,6 Prozent) wettzumachen: 15 000 Stimmen weniger -- und die Liberalen würden in Mainz im Fünf-Prozent-Orkus versinken. Katholiken-Funktionär Vogel indessen, so sorgen sich Mainzer Kohl-Gehilfen, »treibt nur unsere Evangelen in die Arme der FDP«.

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