Zur Ausgabe
Artikel 72 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kesser Lippe

Deutschland hat in Jürgen von der Lippe einen neuen ARD-Unterhalter, der erfolgreich aufs Niveau drückt. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Kennen Sie den? »Wir waren gestern im Theater.« »Was gab's denn?« »Romeo und Julia.« »Oh, gleich zwei Stücke.«

Der Unfall dieses Witzes passierte kürzlich in den Dritten Fernsehprogrammen des WDR, des Hessischen Rundfunks und des Südwestfunks in der Talksendung »So isses«. Verbrochen hatte ihn Jürgen von der Lippe, 37, der Moderator der beliebten Show.

Nach der Tat hatte sich von der Lippe nicht, wie es angeraten schien, unverzüglich auf die Flucht begeben, sondern dreist frohlockend gedröhnt :"Ist das gut?! Ich glaube, besser kann man Fernsehen nicht machen!«

Jedenfalls braucht man Fernsehen nicht besser zu machen als von der Lippe, um das Publikum in Frohsinns-Rasereien zu versetzen. Das gelang ihm bisher mit der Sendung »So isses«, zu der sich regelmäßig um die 25 Prozent der Zuschauer vor dem Gerät einfinden.

Seit Februar liegt von der Lippe nun mit seiner neuen Spielshow »Donnerlippchen« auch bundesweit auf der Kalauer, denn eine Stimmungskanone von seinem Kaliber ("Mein Name ist Lang.« »Macht nichts ich habe Zeit.") läßt die ARD nicht nur auf beengtem Terrain ihr Pulver verschießen.

In der, »Donnerlippchen«-Premierenshow (Einschaltquote 38 Prozent) trieb

von der Lippe mit einer Nonstopserie von Albernheiten sein Publikum zu quietschendem Vergnügen. In der »Hörzu« ertönte prompt die begeisterte Fanfare »Hurra, wir haben einen neuen Star.« An diesem Dienstag folgt die zweite »Donnerlippchen«-Runde, und bis Ende 1986 soll die Show insgesamt sechsmal ausgestrahlt werden.

Den »Charme des Provinziellen« erkannte die »Frankfurter Rundschau« in dem neuen Fernseh-Jux, und die »Welt« entdeckte einen »Frohsinn jener Art, die seit Jahrhunderten von Jahrmarkt, Zirkus und Fernsehen betrieben wird«.

In der Tat verkauft von der Lippe seine vorsätzlich blöden Scherze ("an der Unterhaltung kann man auf Einzelschicksale keine Rücksicht nehmen") in der schmierig-tuntigen Manier eines Rummelplatz-Conferenciers und unterbietet mühelos jedes Niveau.

So guckte er beispielsweise in der letzten »So isses«-Show aus blauer, um den Kopf drapierter Reizwäsche und erklärte, dies sei »die OP-Maske von Sascha Hehn«. Lippe-Bekenntnis: »Die Gürtellinie ist eine fließende Grenze, die von Generation zu Generation neu definiert werden muß.«

Sein Blödel-Handwerk lernte Lippe, der eigentlich Jürgen Dohrenkamp heißt und in Bad Salzuflen im Lipperland geboren wurde, als er in Berlin Germanistik und Philosophie studierte und die Stadt noch unter Nachwirkungen des Humors von Insterburg & Co. litt. Dort erwarb er sich erste Ulk-Meriten, und als Mitglied der »Gebrüder Blattschuß« war er mitverantwortlich für den Stimmungs-Hit »Kreuzberger Nächte«.

Das Talent mußte nicht lange im verborgenen wirken, Rundfunk und Fernsehen griffen bald nach dem Mann mit dem Studienratsbart und dem ebenso deutschen Bierbauch, der auf der teutonischen Humor-Ideallinie zwischen dem Babbel-Breitmaul Heinz Schenk ("Zum Blauen Bock") und Thomas Gottschalk seine Marktlücke fand.

Mit seiner »Donnerlippchen«-Show schaffte von der Lippe nun den Aufstieg in die Bundesliga deutscher Fernseh-Unterhalter. In der 45-Minuten-Sendung, die von dem amerikanischen Game-Show-Macher Michael Hill mit Ideen versorgt wird, herrscht US-Fernsehtempo. Das Mittel zum Erfolg ist die Schadenfreude des Publikums über gelegentliche Mißgeschicke der Spielkandidaten. So kannte der Jubel keine Grenzen, als der Chef einer rheinischen Behörde in voller Montur in einen Wassertank geschubst wurde.

Kein Wunder, daß auf einen Mann, der so exakt den deutschen Lachnerv trifft, schon größere Aufgaben warten. Gern möchten Fernseh-Unterhaltungsverwalter den kessen Lippe zum großen Samstagabend-Entertainment ins Rennen schicken.

Diese »Übung am Hochaltar« will Lippe aber vorerst noch nicht riskieren.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 72 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.