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ABRÜSTUNG Kette gerissen

Bei den Genfer Start-Verhandlungen haben sich Moskau und Washington fast geeinigt. Doch der Jumbo-Abschuß gefährdet den möglichen Vertragsabschluß. *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Die sowjetische Führung«, sagte der US-General außer Dienst, »ist bereit, 18 Millionen ihrer eigenen Bürger in einem Atomkrieg mit dem Westen zu opfern.« Um sich auf rüstungskontrollpolitische Gespräche mit solch diabolischem Gegner vorzubereiten, erklärte der Pessimist einer Reihe von US-Senatoren vor drei Jahren, habe er sich unter anderem in die Lektüre von Tolstoi und Dostojewski versenkt: General Rowny, seit dem 29. Juni 1982 Amerikas Chefunterhändler in den Start-Verhandlungen _(Strategic Arms Reduction Talks = ) _(Gespräche über den Abbau strategischer ) _(Waffen. )

von Genf, muß in der Klassiker-Lektüre seinen Pessimismus verlernt haben.

Rowny vorige Woche in der »Washington Post": »Wir nähern uns dem Rahmen eines Start-Vertrags mit den Sowjets.«

Ganz im Gegensatz zu den steckengebliebenen Gesprächen über die nukleare Mittelstreckenrüstung in Europa wachsen bei Parallelverhandlungen über die Reduzierung der interkontinentalen Atomwaffen die Erfolgsaussichten. »Noch in diesem Jahr«, hofft Rowny, der schon bei den Salt-Verhandlungen _(Strategic Arms Limitation Talk-Gespräche ) _(über die Begrenzung der strategischen ) _(Waffen. )

in den 70er Jahren Rüstungskontrollerfahrungen sammeln konnte, seien erste Ergebnisse möglich.

»Bis Weihnachten«, so der gebürtige Pole, könne man mit den Sowjets ein Zwischenergebnis aushandeln, das dem Fortschritt bei der Rüstungskontrolle von 1974 vergleichbar sei. Damals hatten sich US-Präsident Ford und Parteichef Breschnew beim Gipfeltreffen in Wladiwostok über die Rahmendaten für das Salt-2-Abkommen geeinigt, das 1979 dann von Ford-Nachfolger Carter und Breschnew unterzeichnet wurde - ehe es im zustimmungspflichtigen US-Senat scheiterte. Die Supermächte einigten sich darauf, das Salt-2-Abkommen gleichwohl zu respektieren. _(Der Salt-Vertrag billigt beiden Seiten ) _(insgesamt 2250 strategische ) _(Waffensysteme zu, davon höchstens 820 ) _(landgestützte Interkontinentalraketen ) _(mit Mehrfachsprengköpfen. )

Zu einem ähnlichen politischen Abrüstungserfolg würde der Ex-General Rowny seinem derzeitigen Präsidenten gern im Wahljahr 1984 verhelfen. Zumal Reagan, so Rowny, »mindestens ebensosehr an Rüstungskontrolle interessiert ist« wie die Amtsvorgänger Carter, Ford und Nixon, unter denen er auch schon gedient hatte.

Drei Punkte, soweit scheint die am 2. August beendete vierte Verhandlungsrunde zwischen Rowny und seinem sowjetischen Gegenspieler Viktor Karpow gediehen zu sein, könnten die Substanz einer sowjetisch-amerikanischen Gipfelvereinbarung sein: *___Berechnungsgrundlage für den Abbau des strategischen ____Arsenals werden Sprengköpfe und nicht, wie von den ____Sowjets bislang gefordert, die Abschußgestelle oder die ____Trägersysteme für Interkontinentalraketen, Atombomben ____und Cruise Missiles. *___Die Sprengkopfzahl (derzeit etwa 7500 auf jeder Seite) ____wird auf eine noch zu bestimmende Obergrenze drastisch ____reduziert. *___Beide Seiten streben ein etwa gleiches ____Gesamtwurfgewicht bei ihren Raketen an. Bisher können ____die Sowjets 5,6 Millionen Kilogramm »Nutzlast« mit ____ihren Atomraketen ins Ziel bringen - dreimal soviel wie ____die Amerikaner.

Stimmt Rownys Darstellung, dann bestätigt sie, was seit der ersten Start-Verhandlung im Sommer des vergangenen Jahres nicht vermutet werden konnte: Bei den strategischen Waffen finden die Supermächte schneller zueinander als im Bereich der Euro-Waffen.

Schon im November vorigen Jahres hatte Präsident Reagan - für viele unerwartet angesichts seines enthusiastischen Antikommunismus - die »ernsthaften« Gegenvorschläge Moskaus bei den Verhandlungen über interkontinentalen Rüstungsausgleich gelobt. »Wir gehen zweifellos in die richtige Richtung«, hatte der

Präsident den Verhandlungsstand resümiert. Aus der Propagandaschlacht um die Euro-Raketen hielten sich Rowny und Karpow heraus.

Wiederholt wurde in der Folgezeit die »Flexibilität beider Seiten« (Rowny) betont. In der Tat scheinen - nimmt man den Rahmenvorschlag des US-Unterhändlers zum Maßstab - beide Seiten erheblich nachgegeben zu haben:

Anfangs forderten die Amerikaner, ihre jeweils rund 7500 strategischen Atomsprengköpfe - auf 5000 pro Seite - zu verringern und das Gesamtwurfgewicht auf den derzeitigen US-Stand (1,8 Millionen Kilogramm) zu begrenzen. Beide Seiten sollten nur noch über 850 Interkontinentalraketen verfügen - je zur Hälfte see- und landgestützt.

Washingtons ursprüngliche Start-Idee wäre zu Moskaus Lasten gegangen. Die Kreml-Strategen hätten einen Großteil der schweren SS-19-(sechs Sprengköpfe) und überschweren SS-18-Raketen (zehn Sprengköpfe), die das »Rückgrat« (Tass) der sowjetischen Abschreckungsmacht darstellen, verschrotten müssen.

Moskaus Start-Gegenvorschlag sah denn auch nur die Begrenzung auf 1800 Trägersysteme vor, bei freier Wahl der Stationierungsart. Wurfgewicht und Sprengkopfzahl kamen in Karpows Vertrags-Vorschlag nicht vor - Punkte, in denen die Sowjets nun aber nachzugeben bereit scheinen.

Washington hingegen hat die ursprüngliche Carter-Forderung nach den »deep cuts« (tiefen Einschnitten) ins sowjetische Landraketenarsenal aufgegeben. Und dies, obwohl nach Meinung der Pentagon-Strategen die Hauptgefahr für Amerikas landgestützte Abschreckungswaffen von den sowjetischen Riesenraketen ausgeht.

Weil aber auch Moskau um seine Landraketen bangt, folgert der britische Rüstungsexperte John Barry, seien beide Seiten an einem Kompromiß interessiert. Die Supermächte, so Barry, streben nach »gleichen Obergrenzen«, die einander viel näher seien als die Lösungsvorschläge, mit denen Reagan und Andropow die Genfer Mittelstreckenverhandlungen lange Zeit blockierten.

Für Rowny gibt es einen weiteren Grund, sowjetisches Interesse zu unterstellen: Im Kreml scheinen Umrüstungspläne auf neue, leichtere und mobile Interkontinentalraketen bereits weit gediehen zu sein. Ihrer Einführung stünde ein Start-Abkommen nicht entgegen, im Gegenteil: Ein solcher Vertrag könne Impulse geben für neue kleinere strategische Sowjet-Waffen - und die sind billiger.

Zudem sei den Sowjets ganz außerordentlich an der Begrenzung der technisch überlegenen, besonders zielgenauen Cruise Missiles und U-Boot-Raketen des Typs »Trident 2« gelegen. Für diese seien Produktionsbeschränkungen allerdings nur im Start-Rahmen zu erreichen.

Zusätzlichen Start-Antrieb könne den Russen eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung bieten: 37 Prozent der Militärausgaben hat Moskau zwischen 1971 und 1980 in die Modernisierung seiner strategischen Bewaffnung investiert. Das hat die CIA kürzlich ermittelt.

Nun könnte der Kreml sich vor die Wahl gestellt sehen, in der von Reagan angedrohten neuen strategischen Rüstungsrunde mitzuhalten oder mit einem Start-Abkommen weitaus billiger davonzukommen. Angesichts der Wirtschaftsprobleme

des sowjetischen Riesenreiches liegt hier ein durchaus ernst zu nehmender Anreiz für Moskau, beim Start-Verfahren ungewöhnlich weitgehende Kompromißbereitschaft zu zeigen.

Im Umkehrschluß schwinden aber die Chancen für ein Mittelstreckenabkommen, denn in diesem Bereich hat der Kreml bereits kräftig investiert. Zur Debatte stehen bei der SS-20 nicht mehr von den Sowjets dringend gewünschte Einsparungen, sondern - bei Verschrottung - die politische Rechtfertigung für derlei Geldverschwendung.

Am weiteren Verlauf der INF _(Intermediate Range Nuclear Forces = ) _(Atomwaffen mittlerer Reichweite. )

-Gespräche hängt jedoch auch nach Rownys Meinung das Schicksal der Start-Konferenz. Wenn bei den Euro-Waffen bis zum vorgesehenen Stationierungsbeginn keine Zwischenlösung vereinbart sei, werde im strategischen Bereich die Ungewißheit wieder wachsen.

Doch auch ohne ein endgültiges INF-Ergebnis hält Rowny einen Start-Abschluß für denkbar. Mindest-Voraussetzung: Shultz und Gromyko treffen sich zu einem Außenminister-Gipfel.

Bis ins Detail war offensichtlich schon der Ablauf des Verhandlungsprozesses vorgeplant: *___Treffen der beiden Außenminister in Madrid, um Genfer ____Ergebnisse zu bereden. *___Erneute Begegnung der beiden am Rande der ____UN-Vollversammlung in New York - Klärung weiterer ____Details. *___Anschließend gemeinsamer Besuch der beiden Minister in ____Washington bei Präsident Reagan. *___Shultz-Visite bei Andropow zur abschließenden ____Gipfelvorbereitung. *___Krönendes Friedensgespräch zwischen Reagan und dem ____Kreml-Chef im nächsten Jahr - Unterzeichnung einer ____Start-Vereinbarung.

Doch die sorgsam geplante »Begegnungskette« (Rowny) wurde jäh zerrissen:

»Überrascht«, für manchen Beobachter gar »erschrocken«, stellte sich Edward Rowny am 1. September der internationalen Presse in Washington. Grund: Eine Viertelstunde zuvor hatte US-Außenminister Shultz bekanntgegeben, daß am Vortag ein koreanischer Jumbo-Jet mit 269 Menschen an Bord von sowjetischen Düsenjägern abgeschossen worden war.

Die von Rowny befürchteten Folgen stellten sich ein: Das Madrider Außenminister-Treffen geriet zum Tribunal. Nach New York will Gromyko gar nicht mehr anreisen.

Doch Rowny gibt die Start-Chancen nicht verloren. Erst der Dezember sei die »Wasserscheide« der Rüstungskontrollpolitik. Wenn bis dahin Shultz und Gromyko den Faden wiederaufgenommen hätten, sei Start noch zu retten.

Strategic Arms Reduction Talks = Gespräche über den Abbaustrategischer Waffen.Strategic Arms Limitation Talk-Gespräche über die Begrenzung derstrategischen Waffen.Der Salt-Vertrag billigt beiden Seiten insgesamt 2250 strategischeWaffensysteme zu, davon höchstens 820 landgestützteInterkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen.Intermediate Range Nuclear Forces = Atomwaffen mittlerer Reichweite.

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