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TOURISMUS / FLUGREISEN Ketten abbestellt

aus DER SPIEGEL 23/1968

Die Erkenntnis riß Reisemanager aus ihren Umsatz-Träumen und ließ Flug-Unternehmer erschrecken: Deutschlands Lufttourismus ist ins Trudeln geraten.

Fast alle Reiseunternehmen mußten in erheblichem Umfang Charterflüge absagen, die sie letztes Jahr vorsorglich gebucht hatten, Selbst die Luftbrücke nach Mallorca, dem Paradeziel fliegender Urlauber, erwies sich als zu groß bemessen. Mindestens fünf Millionen Mark Umsatzeinbuße haben die deutschen Charterfluggesellschaften bislang registriert.

Auf nichts war die Reiseindustrie weniger vorbereitet; denn schier unerschöpflich schien die Flugbegeisterung der Deutschen. Von 1961 bis zum letzten Jahr schwoll die Zahl der Reisenden, die sich mit Chartermaschinen in die Ferien befördern ließen, von 15 000 auf über 800 000, allein 1967 wieder um 20 Prozent.

Die Charter-Unternehmer kauften immer größere und schnellere Maschinen. Fünf Boeing-Jets hat zum Beispiel die Lufthansa-Tochter Condor in Bereitschaft, drei Düsenflugzeuge des Typs Caravelle die Düsseldorfer LTU, drei Douglas-Jets die Stuttgarter Südflug.

Aber im Frühjahr blieb der erwartete Ansturm der Flugkunden aus, und die Reisefirmen verringerten eilends ihren Vorrat von Passagierplätzen. Sie strichen ganze Gruppen von 20 und mehr Flügen, sogenannte Flugketten, aus ihren Programmen. Condor verlor in wenigen Wochen für 3,4 Millionen Mark Aufträge und konnte den Verlust bisher nicht wieder aufholen; 1,5 Millionen stehen immer noch offen.

Bei der Südflug wurde für fast eine Million Mark storniert, über die Hälfte davon waren abgesagte USA-Flüge von Neckermann. Bei der Münchner Bavaria entstand ein Loch von etwa zweieinhalb Millionen Mark, und sie hofft, »30 bis 50 Prozent davon durch spätere Buchungen wieder auffangen zu können«.

Warum das Flugfieber so jäh nachließ, dafür hat die Branche keine eindeutige Erklärung. Die meisten Firmen vermuten, daß die wirtschaftliche Krise des vergangenen Jahres erst jetzt auf das Urlaubs-Verhalten der Deutschen Einfluß gewinnt. Auch die politische Unruhe wirke auf die Ferienpläne ein.

Zudem häufen sich in diesem Jahr psychologische Abwehrreaktionen der Kundschaft gegen bestimmte Reiseziele. Straßenschlachten in den USA oder Erdbeben in Sizilien schrecken deutsche Urlauber ab. Die Türkei »läuft nicht so richtig« (Condor), und Alfred Merscher erklärt sich das durch »schlechte Mundpropaganda der ersten Türkei-Besucher vor einem oder zwei Jahren, als das Hotelangebot noch nicht so breit gestreut war«.

Mallorca und die Kanarischen Inseln verloren Anziehungskraft »vielleicht durch eine Art Übersättigung«, so Merscher; statt um 20 Prozent wird das Mallorca-Geschäft voraussichtlich nur um weniger als fünf Prozent zunehmen. Und der Quelle-Reisedienst gesteht: »Die Auswirkungen der politischen Lage Griechenlands wurden bei den Planungen zuwenig berücksichtigt.«

Wachstums-Prognosen von 30 Prozent und darüber stellt der Branche für 1968 niemand mehr. Alfred Merscher: »Die tatsächliche Zuwachsrate dürfte unter zehn Prozent liegen.«

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