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KETZER OHNE INQUISITION

aus DER SPIEGEL 14/1964

Der Schweizer Publizist Fritz René Allemann der als Mitherausgeber des »Monat« In Berlin lebt, hat in der Schweizer Tageszeitung »Die Tat« einen Aufsatz über das Verhältnis von Geist und Macht in der Bundesrepublik veröffentlicht, dem folgende Auszüge entnommen sind:

Die Christlichen Demokraten haben sich in der Vergangenheit nur selten Gedanken über die öffentliche Aufgabe des geistig Schaffenden gemacht und dann meistens nur, um ihn mit gestrengem Blick und bösen Worten in seine Schranken zu weisen. Und das war nicht nur eine parteipolitische Eigentümlichkeit. Der ganze Bonner Staat ist bisher kaum je geneigt gewesen, sich mit seinen Schriftstellern, seinen Künstlern und seinen jungen Akademikern auf einen Dialog einzulassen.

Es gibt wenig Länder in Europa, wo Geist und Politik so fremd, ja fast feindselig nebeneinander herleben wie in der Bundesrepublik. Zwar haben die Meinungsforscher immer wieder festgestellt daß im Wirtschaftswunderland nicht etwa der große Unternehmer oder der Bankier oder auch der Staatsmann und der Parteipolitiker, sondern der Professor das höchste soziale Prestige genießt; zwar taucht immer wieder - vor allem in der Erinnerung an den

unvergessenen Theodor Heuss - die Idee auf, daß eigentlich ein akademischer Lehrer von hohem Rang einen ganz dekorativen Bundespräsidenten abgeben könnte.

Aber in der politischen Praxis bleibt der Intellektuelle, mag er nun Professor sein oder nicht, der scheel angesehene Außenseiter draußen vor der Tür der Mächtigen. Die Wirtschaft, die Bürokratie, die Verbands- und Parteifunktionäre üben den wirklichen Einfluß aus, und die Leute, die man in Festreden etwa als die »geistigen Führer der Nation«, anspricht, werden dann, wenn sie sich brav verhalten und nicht durch unorthodoxe Ideen auffallen, bestenfalls als ansehnliche, aber unwichtige Ornamente am Staatsgebäude behandelt.

Es wäre falsch und ungerecht, wenn man die Schuld an diesem Zustand allein auf einer Seite suchen wollte. Sicher hat Konrad Adenauer in der langen Zeit seiner Herrschaft nie das Bedürfnis verspürt, das einen Kennedy dazu veranlaßte, einige der geistvollsten Köpfe Amerikas als Berater und Anreger ins Weiße Haus zu ziehen; dem großen Menschenverächter und gerissenen Taktiker, der die Bundesrepublik bis zum vergangenen Herbst geführt und repräsentiert hat, war das geistige Leben, das um ihn herum allmählich wieder aus dem nationalsozialistischen Kahlschlag erwuchs, zutiefst fremd, wenn nicht gar suspekt. Er bedurfte keines Gehirntrusts, sondern war zufrieden, gewiegte technische Hilfskräfte um sich zu wissen, die seine Kreise nicht mit neuen Gedankengängen störten, sondern seine Anweisungen brav ausführten.

Aber Erhard ist sicher aus anderem Holze geschnitzt: Er hat augenscheinlich eine Zeitlang wirklich daran gedacht, sich mit einem unbürokratischen Stab von unabhängigen und ideenreichen Gelehrten und Publizisten zu umgeben, die mit ihm und für ihn die Probleme der deutschen Staatsführung nach innen und außen durchdenken sollten ...

Aus all diesen schönen Vorsätzen scheint jedoch nichts geworden zu sein: Die Intellektuellen sind dem Bonn Erhards so fremd geblieben wie dem Adenauers, und wenn ihnen der neue Bundeskanzler gelegentlich ein paar herablassend-freundliche Worte widmet, dann steht schon Franz-Josef Strauß bereit, sie wiederum mit einem Guß kalten Hohnes zu überschütten - als ob er nicht selber einer von ihnen ware, wenn auch ein tüchtig aus der Art geschlagener.

Auf der anderen Seite aber läßt es sich gab nicht bestreiten, daß ein guter Teil der geistigen Elite dem Bonner Staat von Anfang an die kalte Schulter gezeigt hat. Eine beunruhigend große Schar jener mehr oder minder begabten Schriftsteller zumal, die seit 1945 die literarische Szene dominieren, steht der Bundesrepublik seit jeher mit äußerstem Mißtrauen gegenüber: Für diese Leute, unter denen erstaunlich viele einen unglücklichen Hang zur Politik an den Tag legen, ist so gut wie alles, was in Bonn geschieht, bestenfalls »Restauration«, wenn nicht gar Schlimmeres.

Angewidert vom herrschenden »Konformismus«, erschreckt von der Dumpfheit einer bloßen Konsumenten-Gesellschaft, betroffen von der Atmosphäre moralischer Gleichgültigkeit; beklommen von der vielen Tabus, die gegen eine ungehemmte öffentliche Diskussion der deutschen Schicksalsfragen errichtet werden, ziehen sie sich daher in eine ohnmächtige und fruchtlose Opposition zurück - nicht weil sie Anti-Demokraten wären, sondern weil die Demokratie, in der sie leben, ihren perfektionistischen Vorstellungen so ganz und gar nicht entspricht.

Man darf sich nichts vormachen: Die Bundesrepublik ist wahrhaftig kein Gemeinwesen, das Menschen mit ebenso unklaren wie hochgespannten geistigen Ansprüchen anzuziehen vermag. Was ist aus der großen »Wandlung« und »Erneuerung« geworden, die sich so viele der besten Deutschen nach dem Untergang des Nationalsozialismus versprochen hatten? Ein Staat, der seinen Bürgern zwar einen nie zuvor erreichten Lebensstandard ermöglicht, aber von denselben gesellschaftlichen Kräften (und teilweise von denselben Personen) getragen wird wie das Dritte Reich; eine Gesellschaft mit einem Minimum von Idealen und dafür einem Maximum von Heuchelei; eine neue Wehrmacht unter alten Generalen; eine Demokratie ohne radikale Opposition, ohne Herausforderung und ohne Elan, deren Bürger sich vögeliwohl fühlen, solange man sie in Ruhe läßt, und in der jeder Rebell gegen eine wohlgepolsterte Schaumgummiwand anrennt.

Was Wunder, wenn in diesem Klima ein dumpfes und schwer zu definierendes, aber unverkennbares Malaise so viele der unruhigeren, mit saftigen Rundfunk- und Fernseh-Honoraren allein nicht zufriedenzustellenden Geister ergreift? Einige, wie der bedeutende Lyriker und treffsichere Essayist Enzensberger oder der Romancier Alfred Andersch, ziehen sich in die freiwillige Emigration zurück; andere, wie der wort- und bildgewaltige Günter Graß oder Hans Werner Richter, suchen eine politische Rolle in einer Opposition zu spielen, die sie zugleich wegen ihrer Ängstlichkeit weidlich verspotten ...

Das Schlimmste für diese Intellektuellen ist, daß sie augenscheinlich zwar sehr wohl wissen, was ihnen an der Bundesrepublik mißfällt (die Bundeswehr etwa, die Untätigkeit gegenüber der Spaltung Deutschlands, die Sattheit und Selbstzufriedenheit), aber daß sie keine Ahnung davon haben, wie man aus einer Misere herauskommen soll, in der sich der gemeine Mann so herausfordernd zufrieden fühlt ...

Diese eigentümliche Beziehungslosigkeit der Intelligenz - und gerade der schöpferischen Intelligenz - zu einem Staat und einer Gesellschaft, die sie nicht als die ihren anerkennen kann, wird noch heilloser dadurch, daß die Sozialkritiker von heute einen Nachholbedarf an Widerstandsgesinnung und Widerstandsgesten zu befriedigen haben, der aus dem Dritten Reich übriggeblieben ist - während doch, genau besehen, so herzlich wenig da ist, was zum Widerstand herausfordert und die Gebärde der Zivilcourage rechtfertigt.

Die »Nonkonformisten« von heute legen ein unstillbares Bedürfnis an den Tag, »Mut« zu beweisen, indem sie die Mächtigen des Tages am Ohrläppchen zupfen; wer etwas scharf Kritisches, bösartig Zugespitztes zu sagen hat, kann sicher sein, von allen möglichen Seiten zu seinem »mutigen« Auftreten und seinem kühnen Freimut beglückwünscht zu werden.

Das Pech ist nur, daß solche Ungeniertheit, mag sie auch noch so erfrischend sein, zugleich schrecklich billig ist. Wer aufbegehrt, läuft nicht allein kein Risiko an Leib und Leben wie einstmals unter den Nazis, sondern er hat sogar die beste Aussicht, mit seinem Mangel an Orthodoxie schönes Geld zu verdienen: Die Illustrierten werden sich darum reißen, ihm ihre Spalten zur Verfügung zu stellen, und Rundfunk und Bildschirm bieten sich ihm gleichermaßen beflissen als Tribüne an. Das gibt der ganzen intellektuellen Opposition, sehr zum Mißvergnügen der rabiateren Geister, einen kuriosen Stich ins verspielt Unernsthafte.

Gehätschelte Rebellen sind immer zugleich ein klein wenig lächerlich: Die neuen Don Quichottes finden nicht einmal Windmühlen, gegen die sie anrennen können; das gesellschaftsfähig gewordene Skandalon macht aus dem Feldzug gegen die sture Rechtgläubigkeit einen bloßen Akt der Selbstbefriedigung. Eine Zeitlang sah es wenigstens so aus, als ob die »Spiegel«-Affäre dank der grotesken Ungeschicklichkeit, mit der der Staat seine schwere Hand auf da, aufmüpfige Nachrichtenmagazin niedersausen ließ, der Unzufriedenheit wenigstens einen handgreiflichen Kristallisationspunkt darbieten könnte. Statt dessen hat die momentweise gefährlich aussehende Angelegenheit jedoch mit dem (sanften) Hinauswurf von Strauß aus der Bundesregierung geendet, und der Landesverrats-Prozeß, der dem »Spiegel« den Garaus machen sollte, zeigt eine fatale Ähnlichkeit mit dem Hornberger Schießen - bis auf die unbestreitbare Tatsache, daß er sich als eine glänzende Reklame für das Blatt Rudolf Augsteins erwiesen hat.

So bleibt der Intellektuelle im heutigen Deutschland ein Ketzer ohne Inquisition, der sich in seinem Außenseitertum genauso komfortabel einrichtet wie der Wirtschaftswunderbürger in seinem Konformismus; ein Protestler, der seinen Protest nicht minder tüchtig kommerzialisiert als der Strumpffabrikant seine Nylons und überhaupt nicht merkt, wie er damit seine eigene Position ad absurdum führt. Er träumt davon, das Gewissen der Nation zu sein, das er zwischen 1933 und 1945 so notorisch zu sein versäumte; statt dessen verschafft er ihr bestenfalls einen wollüstigen kleinen Kitzel. Er sieht sich in der Rolle des geistigen Partisanen; aber der prosaisch-nüchterne, glanzlos-tüchtige, zum Gähnen langweilige und erfolgverwöhnte bundesrepublikanische Staat bietet nun einmal das denkbar ungeeignetste Terrain für solches Partisanentum. So bleibt er draußen am Rande: murrend vielleicht, aber zahm murrend.

Das alles ist natürlich bewußt überspitzt gesagt. Aber es hat einen durchaus ernsten Hintersinn. Die Situation, die hier mit etwas karikierenden Strichern skizziert worden ist, macht zugleich eine Stärke und eine Schwäche Bonns deutlich. Notorisch zu unattraktiv, um die geistige Elite für die Mitarbeit im öffentlichen Wesen gewinnen zu können, gibt sich das bundesdeutsche »establishment« trotz all seinen gelegentlichen Fehlgriffen alles in allem doch viel zu liberal, als daß es zu mehr als zu halbherzig-rhetorischen Angriffen herausfordern könnte.

Das ist ein Zeichen dafür, wie sehr das Bonner Regime ein nachrevolutionäres Zeitalter repräsentiert: Es kann es sich leisten, seine Revoluzzer ungeschoren und wohlhonoriert ihre Kapriolen treiben zu lassen, aber es hat es noch nie verstanden, Reserven an staatsbürgerlicher Verantwortung zu erschließen. So wird zwar der Aufrührer zum Komödianten seiner selbst, aber der Gutwillige versinkt in der Indifferenz.

Allemann

Fritz René Allemann

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