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Markus Feldenkirchen

Der gesunde Menschenverstand Prekäres Parlament

Markus Feldenkirchen
Eine Kolumne von Markus Feldenkirchen
Dass Kevin Kühnert den Juso-Vorsitz abgeben und für den Bundestag kandidieren will, hat nicht alle begeistert.
aus DER SPIEGEL 33/2020
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Carsten Koall/ dpa

Den politischen Gegner, also die AfD, Teile der Union und Sigmar Gabriel, stört vor allem, dass Kühnert keinen Hochschulabschluss vorweisen kann. Ihre Haltung: Wenn der Bengel unbedingt in mein Parlament einziehen muss, soll er wenigstens einen Magister Artium in der Tasche haben.

Das fand ich interessant. Ich habe auch lange an die segnende Kraft des Hochschulabschlusses geglaubt, zumindest an dessen Lightversion, den Bachelor - man ist, Bologna sei Dank, ja genügsam geworden. Aber dann habe ich gelernt, dass man zum Beispiel auch mit Hochschulabschluss eine Pkw-Maut in den Sand setzen kann. Seither bin ich skeptischer.

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Von einem abgeschlossenen Studium kann man womöglich ableiten, dass jemand eine Aufgabe gewissenhaft zu Ende bringen kann. Kühnert aber hat in wenigen Jahren mehr bewegt als 100 diplomierte Betriebswirtschaftler zusammen. Wer seinem Jugendverband ein bislang ungekanntes Maß an Sichtbarkeit und Einfluss beschert hat, muss sich nicht fragen lassen, ob er genügend Engagement, Disziplin und Durchhaltevermögen aufbringt.

Unbestritten kann einem Kühnert auf den Keks gehen: mit seinen Thesen zur Vergesellschaftung großer Konzerne etwa. Oder mit seinem überschwänglichen Einsatz für das Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, ohne den der SPD diese Vorsitzenden erspart geblieben wären. Ein abgebrochenes Studium aber ist kein Grund zur Kritik. Wer den Akademikertitel zum Maßstab für Politiker macht, offenbart nicht nur eine elitäre Arroganz, er verhöhnt auch das Prinzip demokratischer Volksvertretung.

Rund 82 Prozent der Bundestagsabgeordneten, so hat es die "Welt" einmal ausgezählt, haben einen Hochschulabschluss, aber nicht mal 17,6 Prozent der Bürger. Welche Gesellschaft soll das bitte schön abbilden? Und dass gerade die SPD seit Jahren kaum noch Arbeiter unter den eigenen Abgeordneten hat, dürfte zu ihrer Glaubwürdigkeit bei der Kernklientel nicht zwingend beigetragen haben. Es kann jedenfalls nicht schaden, wenn Menschen die Sozialdemokratie repräsentieren, die durch eigene Erfahrungen für soziale Probleme sensibilisiert sind. Für meinen Geschmack gibt es bereits genügend Verwaltungsbeamte, Lehrer oder Rechtsanwälte im Bundestag. Ein Studienabbrecher wie Kühnert, der im Callcenter arbeitete und dort weniger als den heutigen Mindestlohn erhielt, könnte das Parlament um Einblicke in prekäre Arbeitswelten bereichern.

Nun gibt es gute Argumente, Politikern zu raten, sich eine berufliche Existenz aufzubauen, die sie unabhängig von der Politik macht. Aber das macht einen nicht automatisch zu einem besseren Politiker. Wer wie Kühnert früh gelernt hat, Mehrheiten zu organisieren und Kompromisse zu schmieden, wird für seinen Wahlkreis womöglich mehr erreichen als diplomierte Kollegen. Der wahre Charakter eines Politikers zeigt sich eh nicht darin, was er vor seiner Zeit in hohen Ämtern gemacht hat. Er zeigt sich im Verhalten danach.

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