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JODELN Kimm auf d'Nacht

In Bayerns Bergen soll nicht mehr gejodelt werden. Das Münchner Umweltministerium will mit dem Lärmschutz für die Alpen ausgerechnet beim heimischen Brauchtum anfangen. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Der Text ist stets kinderleicht und lautet etwa so: »Hol-la-lä-ui-di-ri, hol-la-lä-i-dui-di, ri-di-dui-hoh.« Oder so: »Jo-i-di, ridl-du-i-du-i, ri-ti-di-o-i, idi-a-ho, ridl-didl-di.«

Aber wer so einen echten bayrischen »Naturjodler« vortragen will, muß zungenbrecherische Stimmakrobatik leisten. Der Sänger preßt das Silbenwerk in großen Intervallsprüngen aus der Kehle, in blitzschnellem Registerwechsel zwischen Brust- und Kopfstimme. Beim sogenannten Jodelschlag knallen die Stimmbänder heftig auseinander und erzeugen ein schrilles vokalisches Stakkato - vergleichbar mit Indianergeheul oder dem Tarzanschrei.

Weil's oft so schaurig gellt, wenn Hobby-Jodler den Urschrei in freier Natur rauslassen, soll nach dem Willen des Münchner Umweltministeriums in Bayerns Bergen künftig nicht mehr gejodelt werden. Minister Alfred Dick (CSU) ermahnte die Bergwanderer zu Beginn der Alpen-Herbstsaison öffentlich: »Schreien Sie Ihr Hochgefühl nicht ins Tal hinunter, auch nicht durch Jodelversuche!«

Es scheint, als wolle der Minister mit dem Lärmschutz für die Alpen ausgerechnet beim heimischen Brauchtum anfangen

- nicht ohne Grund. Der Natur kommt es sicher zugute, wenn der »Andachtsjodler« ("Tjo-tjo-i-ri") oder der »Kuckucksjodler« ("Hol-la-lo-i-ri-diho") Bauernbühnen und Bräuhäusern vorbehalten bleibt.

Denn jedwedes Gejohle im Gebirge engt den Lebensraum der ohnehin bedrängten Alpenfauna ein. Lärm beeinträchtigt vor allem die Überlebenschancen seltener Vogelarten wie Steinadler, Birkhahn oder Rauhfußhuhn.

Indes: Selbst dem bayrischen Bund-Naturschutz-Vorsitzenden Hubert Weinzierl »ist ein Jodler auf der Alm allemal lieber« als ein Mountain-Biker oder ein Gleitschirmpilot. Weinzierl hält Dicks Jodelverbot für überzogen: »Ein Juchzer ist die relativ geringste Art der Umweltbelastung.«

Für Profis wie den oberbayrischen Jodelkaiser Gustl Thoma, Mitverfasser einer »Alpenländischen Jodelschule«, ist ohnehin unvorstellbar, daß der Jodler - österreichisch auch: »Ludler« oder »Dudler«, schweizerisch: »Johezer« oder »Hallezer« - als »Ausdruck der Lebensfreude« aus den Bergen verbannt werden könnte. Thoma vergleicht die Dick-Empfehlung mit einem etwaigen Ansinnen, den Freudentaumel von Fußballspielern nach einem Torschuß zu verbieten: »Ein ausgemachter Schmarrn.«

Die Ursprünge des vokalischen Silbensingsangs gehen vermutlich »auf vorkeltische Zeiten« (Thoma) zurück: Jodelnd oder johlend verständigten sich Hirten und Sammler, Waldarbeiter und Köhler. Wissenschaftler lokalisierten Jodel-Kommunikationsformen bei den afrikanischen Pygmäen wie bei den Eskimos, im Kaukasus und in Melanesien. In den Alpenländern ist daraus im letzten Jahrhundert Volksmusik geworden: Senner und Sennerinnen besangen und besuchten sich fortan - typische Jodler-Botschaft: »I kimm heut' auf d'Nacht.«

Bei den Schweizern gewann die »Lustäußerung«, die »aus den Tiefen der menschlichen Seele hervorquillt« (Jodler Franz Stadelmann), gar »staatsbürgerliche Bedeutung« (Ex-Bundesrat Leon Schlumpf): Da johezern 21 500 Eidgenossen - weit mehr als in der Bundesrepublik, wo die Zahl der Aktiven auf 1000 geschätzt wird.

Ein Züricher hält den Weltrekord im Dauerjodeln mit 29 Stunden und 28 Minuten. Nur aus der renommierten Schweizer Jodelschule konnte auch ein Japaner, Takeo Ishii aus Tokio, als Perfektionist hervorgehen, der das »r« wie ein waschechter Appenzeller rollt.

Aus deutschen Landen stammt dagegen eine Mittelgebirgsvariante des Jodelns, der »Harzer Roller«, der in Lehrgängen an der Musikschule Wernigerode gepflegt wird. Die Deutschen können sich auch berühmen, daß kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe den Kehlkopfschnackler literaturfähig gemacht hat. Der Dichter fand das »beliebte Jodeln«, wie er 1828 schrieb, allerdings »nur im Freyen oder in großen Räumen erträglich«.

Das hört sich heute bei der Vielzahl von Gelegenheitsjodlern, aber auch im Freien schon anders an als zu Goethes Zeit. Amateure jedenfalls trainieren in der Tat umweltfreundlicher im Keller als im Klettersteig. Denn Jodelübungen sind qualvoll und langwierig.

Daraus macht die »Alpenländische Jodelschule« kein Hehl: »Der Mut zur akustischen Häßlichkeit ist eine der wichtigsten Tugenden des Jodelschülers.«

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