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INTEGRATION Kinder in Fesseln

Im größten islamischen Dachverband in Deutschland schwelt ein schwerer Konflikt mit der eigenen Basis. Es geht um ein Stimmrecht für türkische Imame und Einflüsse aus Ankara.
Von Andrea Brandt und Katrin Elger
aus DER SPIEGEL 8/2009

Sie fühlen Wut. Sie fühlen Ohnmacht. Sie wollen nicht fremdbestimmt sein. Sie haben eine Idee von einem muslimischen Leben in Deutschland. Aber wie sollen sie ankommen gegen das, was da aus der Türkei gerade über sie hereinbricht?

Im Januar haben sie sich getroffen, in ihrer Moschee, einem grauen Bau mitten im Gewerbegebiet, links ein türkisches Lebensmittelgeschäft, rechts eine Autowerkstatt. Sechs Männer und eine Frau waren sie, allesamt Vorstandsmitglieder des Türkisch-Islamischen Kulturvereins im niederrheinischen Dormagen, und sie beschlossen, sich aufzulehnen gegen den Einfluss aus ihrer alten Heimat; sie wollten andere Moscheevorstände aufrütteln, eine Revolte von unten anzetteln.

Es sollte eine Revolte sein gegen den Machtzuwachs der türkischen Imame, die in deutschen Moscheen predigen - und für die Selbständigkeit der örtlichen Moscheevereine.

Der Konflikt trifft den größten islamischen Dachverband mitten im Umbruch. In der ganzen Republik baut die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) Regional- und Landesverbände auf. Die Veränderungen sind nötig, damit die Länder die islamischen Organisationen später einmal als Religionsgemeinschaften anerkennen können. Seit Jahren ist die Ditib der bevorzugte Ansprechpartner von Innenministern und Integrationsbeauftragten. Ihre Nähe zum türkischen Staat hat eine Vertrauensbasis geschaffen. Anders als etliche Islam-Verbände wird sie nicht vom Verfassungsschutz beobachtet.

Doch die Gründung einer einheitlichen Struktur nutzt die Kölner Ditib-Zentrale nun, ihre 891 Mitgliedsvereine enger zu führen. Sie hat für ihre Moscheen eine »Mustersatzung« entwickelt, die den Imamen ein besonderes Stimmrecht in den Regionalverbänden sichert. Bis Ende März soll das umstrittene Papier in 16 neuen Organisationen beschlossen sein.

Der Aufstand der sieben Dormagener Muslime blieb ohne Folgen, die Revolte fiel aus. Emissären des Dachverbands gelang es, die Aufmüpfigen um den Moscheevereinsvorsitzenden Dursun Pekdemir, 47, und ihre Verbündeten in etlichen Gemeinden wieder einzufangen. »Wir wollten eine kritische und offene Debatte entfachen«, sagt Pekdemir. Er klingt bitter. Denn es geht ja um mehr als das Stimmrecht eines auswärtigen Staatsbeamten. Es geht um die Entwicklung eines unabhängigen deutschen Islam als Religion; und um die Erkenntnis, dass eigenständige und gut integrierte Moscheevereine von den Zentralen der islamischen Verbände womöglich gar nicht gewünscht sind.

Die Ditib, geführt von einem türkischen Botschaftsrat, steht bei Experten in Verdacht, über die Moscheevereine nationalistische Interessen Ankaras vertreten zu wollen. »Die Ditib-Politik erschwert die Integration deutscher Muslime erheblich«, urteilt der Erfurter Islamwissenschaftler Michael Kiefer - weil sie mit der Trennung von Religion und Politik lax umgehe.

Die jahrelange positive Arbeit vieler örtlicher Ditib-Moscheen könne so »wieder schleichend kaputtgemacht« werden, fürchtet die CDU-Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler. Und Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, will gar prüfen, ob der türkisch-staatliche Einfluss auf die Ditib-Vereine ein »Thema für die deutsch-türkischen Beziehungen« werden müsse.

Unisono rügen die Kritiker insbesondere die Fesseln, die Paragraf 12 der Mustersatzung den Vereinen anlege, als »Schritt in die falsche Richtung« und »klar antidemokratisch« (Islamwissenschaftler Kiefer). Darin heißt es, der hauptamtlich tätige Imam einer Gemeinde solle »geborener Delegierter« sein. So bekämen die ausländischen Prediger je nach Gemeindegröße ein Drittel oder die Hälfte der Stimmrechte ihrer Moscheevereine in den neuen Verbänden - und de facto eine Sperrminorität für alle Satzungsänderungen. »Damit wäre die Mitgliederversammlung quasi fremdbestimmt«, kritisiert Kristina Köhler.

Die Regelung irritiert auch altgediente Moscheevorsitzende wie Yasar Altun, 44. Seit 15 Jahren steht der Industriemechaniker an der Spitze der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Duisburg-Rheinhausen. Er sitzt im Zuwanderungsbeirat. Wohnt in einer Doppelhaushälfte mit deutschen Nachbarn. Und geht jedes Jahr an Heiligabend in die evangelische Erlöserkirche, um den Christen ein frohes Fest zu wünschen.

Muslime, die in Deutschland aufgewachsen seien, könnten die Meinung ihrer Gemeinden viel besser vertreten als zugereiste Prediger, sagt Altun. Imame aus der Türkei, so seine Erfahrung, bräuchten im besten Fall »ein Jahr, um sich selbst in Deutschland zurechtzufinden, ein Jahr, um die Gemeinde kennenzulernen, und ein Jahr, um sich zu verabschieden«.

Mit solchen Argumenten hat Altun heftig gegen den Imam-Passus gestritten. Wieso, fragte er, reicht nicht ein ehrenamtlicher Delegiertenstatus ohne Stimmrecht für die ausländischen Prediger? Der Imam seiner Rheinhausener Gemeinde wird den Verein nun als Delegierter im neuen Regionalverband repräsentieren, der Vorsitzende Altun nicht. Er fiel bei der Wahl durch - »weil ich zu kritisch war«, sagt er.

Bislang schwenkten die meisten internen Ditib-Kritiker wie Altun in letzter Minute auf den Kurs der Zentrale um. Ein Moscheevereinschef aus Nordrhein-Westfalen behauptet, es habe kaum verhüllte Drohungen aus Köln gegeben, aufmüpfige Gemeinden bei der Zuteilung von Imamen zu benachteiligen. In der Ditib-Zentrale heißt es, dies sei »nicht nachvollziehbar«.

Die Ditib folge einer »Doppelstrategie«, die die türkische Religionsbehörde bereits im Jahr 2004 vorgegeben habe, urteilt die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann. Einerseits wolle sie sich durch kooperatives Auftreten als einziger staatlicher Ansprechpartner für Islamfragen in Deutschland und anderen Ländern der Europäischen Union etablieren. Andererseits strebe der Verein die Absicherung und Stärkung türkisch-nationalistischer Einflüsse auf Muslime in den Mitgliedsländern an: »Die Ditib als verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde will ihre Kinder nicht nach Deutschland entlassen.«

Das Kalkül dahinter ist für die Expertin klar: Eine Regierung, die über die Religion ihre abgewanderten Bürger weiter steuere, könne Muslime im Ausland auch leichter für eigene Ziele einspannen - zum Beispiel für den Aufbau türkischer Schulen.

Wie eng Politik und Religion tatsächlich verknüpft werden, lässt sich in der türkischen Buchhandlung im Erdgeschoss der Ditib-Zentrale in Köln-Ehrenfeld begutachten. Zwischen bunten Kopftüchern, Folklore-CDs und orientalischen Armreifen wird für 3,42 Euro in türkischer Sprache die Ditib-Broschüre »Temel Dini Bilgiler« (Religiöse Grundlagen) feilgeboten. Das Büchlein kommt als Islamkunde daher, präsentiert aber bereits im Klappentext die türkische Nationalhymne samt Flagge.

Die Hälfte der Publikation verbreitet türkische Staatsbürgerkunde und nationalistische Lyrik. Gedichte wie »Die Heimat, das Volk und die Fahne gehören uns« oder ein »Gebet« des Lyrikers Arif Nihat Asya rufen zum Einsatz für Volk und Vaterland auf: »Die, die auf ihre Helden warten, lass diese nicht ohne Helden, mein Allah.«

Eine Etage höher sitzt Mehmet Günet, 40, Anwalt des Dachverbands. Nein, keineswegs gebe es türkisch-nationalistische Einflüsse bei der Ditib, sagt Günet. Und der in Deutschland eingetragene Verein sei »unabhängig« vom türkischen Staat.

Der Anwalt wirkt verbindlich, wie alle Ditib-Offiziellen. Er räumt ein, er sehe »das Problem« beim Qua-Amt-Stimmrecht für türkische Prediger: »Aber wir wollten einen vernünftigen Austausch zwischen gewählten Delegierten und den Imamen, die die Bedürfnisse der Gläubigen durch ihre Arbeit kennen, organisieren.« Er vertraue darauf, dass die Imame »nicht im Block, sondern als Individuen« wählten.

In jedem Fall, da ist sich Günet sicher, werde das Vorzugsstimmrecht kein Thema mehr sein, wenn es irgendwann genügend von deutschen Universitäten ausgebildete Imame geben werde, so in 10 oder 15 Jahren. Und im Übrigen könne, setzt er freundlich nach, der deutsche Staat ja dazu beitragen, dass dies schneller gehe.

ANDREA BRANDT, KATRIN ELGER

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