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Briefe

Kinder zweiter Klasse
aus DER SPIEGEL 15/1980

Kinder zweiter Klasse

(Nr. 13/1980, Report über Sonderschulen)

Als Schuleternsprecher an einer Sonderschule L jahrelang tätig, kann ich bestätigen, daß lernbehinderte Kinder für die verantwortlichen Kultusministerien der Länder Kinder zweiter Klasse sind. Es ist unverantwortlich, wie man sich an diesen Kindern versündigt.

Bendorf (Rheinld.-Pfalz) GÜNTER BRÜGGEMANN Mitglied des Landeselternbeirates Rheinland-Pfalz

Als Eltern eines »lernbehinderten« Kindes können wir den Tenor Ihres Berichtes und viele der darin enthaltenen Einzelheiten leider nur bestätigen. Welcher Stellenwert den Problemen dieser Kinder von hohen Politikern zugemessen wird, erhellt die Reaktion von Ministerpräsident Lothar Späth auf Störungen durch den SDAJ anläßlich des Vertriebenen-Kongresses seiner Partei: »Das ist einer der Gründe, warum wir das Sonderschulwesen in Baden-Württemberg besonders intensiv ausbauen«, und fügte hinzu, »rhythmisches Klatschen und Kehlkopfbewegungen« seien Konzepte dieser Schule für die Schwachen.

Reutlingen DR. JOCHEN BÖCKEM

»Lernbehinderung« wird vor allem durch soziale, das heißt gesellschaftliche Benachteiligung verursacht. Es genügt also nicht, lediglich die schlechten Familienverhältnisse anzuprangern, sondern die gesellschaftlichen Faktoren, die diese Verhältnisse bedingen, müssen mitberücksichtigt werden. Die derzeitigen Zustände in der Grundschule (große Klassen, überfüllte Lehrpläne und der damit verbundene Unterrichtsstil) verstärken diese soziale Benachteiligung, was dann bei den Schülern zu Leistungsversagen und Verhaltensauffälligkeiten führen kann. In diesem Zusammenhang erfüllen die sogenannten Intelligenztests die Funktion, die Aussonderung zu legitimieren. Wenn man die Situation etwa der Körperbehinderten betrachtet, wird deutlich, daß Aussonderung oft schon im Kleinkindalter beginnt.

Reutlingen KLAUS HAIDLE JUDITH KOHLMANN Studenten der Sonderpädagogik

Das Scheitern so vieler staatlicher Stellen (Förderlehrgänge, Berufseingliederungsmaßnahmen, eigene Beratungsabteilungen bei den Arbeitsämtern) resultiert fast immer aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit jener Gescheiterten, sich helfen zu lassen.

Nürnberg BERND URLAUB Fachgruppe Sonderschule, Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband

Wieso unterscheidet der SPIEGEL zwischen Normalschulen und Schulen für »Lernbehinderte«? Sind Schulen für »Lernbehinderte« keine normalen Schulen? Ich halte es für verfehlt, uns S.14 als Lernbehinderte zu bezeichnen. Nur weil wir nicht so gut lernen können und einer besonderen Förderung bedürfen, müssen wir doch nicht gleich behindert sein.

Rastede (Nieders.) PETER THOMAS Landesschülerratsmitglied für Sonderschüler und Landesvorstandsmitglied der Schüler Union Niedersachsen

Selbstverständlich wäre es heller Wahnsinn, die Entscheidung, ob sich für ein Kind die Sonderschuleinweisung vermeiden läßt, davon abhängig zu machen, ob es weiß, welche Farbe ein Rubin hat oder weshalb man Geld lieber an Wohltätigkeitsorganisationen als an Bettler geben sollte (sollte man?). Zweifellos sind auch manche Fragen überaltert. Man könnte auch ganz auf Tests verzichten und die Zuweisung noch subjektiver gestalten.

Der HAWIK ist nicht zuletzt deswegen so unbeliebt, weil seine Durchführung für den Testleiter unbequem ist. Dieser muß sich etwa eine Stunde, oft auch länger, mit dem einzelnen Kind befassen. Kein anderer Test enthält derart zahlreiche »praktische« Aufgaben. Sind denn »moderne« Tests wirklich so viel fairer? Natürlich ist es bequemer, 20 oder mehr Kinder in einen Raum zu stecken, sich mit der Stoppuhr in der Hand davorzustellen und »Achtung -- fertig -los« zu schreien. Wer in die Sonderschule darf, bestimmt dann der Computer.

Ihr ansonsten dankenswerter Artikel verharmlost leider noch die Probleme. In Niedersachsen wird übrigens die sonderpädagogische Lehrerausbildung weitgehend abgeschafft. Nicht jedoch die Sonderschule. Schließlich sind Lehrer ohne diese Zusatzqualifikation billiger.

Liebenau (Nieders.) PROF. DR. UWE TEWES Abteilung für Medizinische Psychologie der Medizinischen Hochschule Hannover

Der Begriff »Lernbehinderung« ist relativ. Er steht in Relation zur Fähigkeit der Regelschule, Schüler angemessen zu fördern. Je starrer und frontaler dort gearbeitet wird, desto mehr »Lernbehinderte« müssen ausgesondert werden.

Cham (Bayern) ENGELBERT RUCKER Leiter der Sonderschule (L) Cham

Mir schwante schon Übles, als ich auf dem Anreißer-Plakat die Zahl 400 000 lesen mußte. Die von Ihnen veröffentlichte Zahl bezieht sich also wahrscheinlich -- schließlich ist sie ja viel runder und dadurch reißerischer -- auf alle Kategorien der Behinderten. Den Begriff Sonderschule verwenden Sie, vom Titel angefangen, fast durchgängig für die Sonderschule für Lernbehinderte.

Bevor ich aber anfange, Ihren Artikel auseinanderzunehmen, lassen Sie mich doch das mich Erheiterndste an den Anfang stellen. Man könnte Tränen über lhre naive Wiedergabe der Aussage des Chef-Ausbilders der Hoechst-AG lachen, wenn die Sache S.15 nicht so ernst wäre] Ich glaube ihm seine Bemerkung bezüglich der Arbeitstugenden der ehemaligen Lernbehinderten aufs Wort. Den armen Kindern bleibt doch nichts anderes übrig, als besonders angepaßt und keinesfalls aufmüpfig zu sein, wird ihnen doch in ihrem beruflichen Alltag häufig unter die Nase gerieben, wie glücklich sie sich in der heutigen Arbeitsmarktlage schätzen dürfen, einen Arbeitsplatz erhalten zu haben.

Zustimmen möchte ich Ihnen übrigens in der Kritik des neuen Ausbildungsmodells. Ich halte es fast für unverantwortlich, total unerfahrene Leute nach ihrer Ausbildung auf behinderte Kinder loszulassen. Diesen Aspekt hätten Sie viel mehr anprangern sollen. Wer als typisches Mittelschichtsprodukt (und das sind die meisten Sonderschullehrer) plötzlich vor einer Gruppe Unterschichtkinder steht, dürfte nach meinen langjährigen Beobachtungen nämlich mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Gersthofen (Bayern) ILSE HOFFMANN Sonderschullehrerin

Dem Verfasser kann bescheinigt werden, sich umfassend informiert zu haben. Wir möchten jedoch darauf hinweisen, daß es noch weitere Ansatzpunkte für eine Reform des Sonderschulwesens gibt. In mehreren Schulen Bremens und Bremerhavens sind Sonderschulen und Regelschulen in gemeinsamen Gebäuden zusammengerückt. In der Schule am Ellenerbrokweg wird in diesem Zusammenhang ein Schulversuch zwischen Grund- und Sonderschule durchgeführt, der nicht nur die Verminderung der Sonderschulbedürftigkeit in der Grundschule zum Ziel hat, sondern eine möglichst weitgehende Kooperation/Integration zwischen Schülern und Lehrern vorsieht. Die bisher erreichten Ergebnisse zeigen eindeutig, daß in einem solchen kooperativen Schulverbund eine Vielzahl der von Ihnen genannten Probleme abgebaut werden können oder gar nicht erst entstehen.

Bremen HARALD BLOCH K. PETER SOCHUREK Leitung der Schule am Ellenerbrokweg

Es gäbe eine Möglichkeit, die Zahl der sogenannten »lernbehinderten Sonderschüler« kleiner zu halten: durch eine inhaltlich und materiell verbesserte Grundschule einschließlich besserer Lehreraus- und -fortbildung. Wir Erwachsene sollten die Schule mehr kindgerecht und nicht die Kinder mehr schulgerecht machen wollen]

Braunschweig KARL-HEINZ GROTHE

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