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Am Rande Kinkelpause

aus DER SPIEGEL 39/1999

Mit der FDP geht es rapide bergab, dafür wird Berlin immer schöner und sauberer. Wo ist da der Zusammenhang? Gemach, die Antwort findet sich in Zehlendorf, einem besseren Bezirk im Südwesten der Hauptstadt, der von gut betuchten bis vermögenden Bürgern bewohnt wird. Wie überall in der Stadt hat die Verwaltung auch in Zehlendorf öffentliche Toiletten geschlossen, um die Kosten der Wartung einzusparen. Letzte Woche wurde eine der stillgelegten Bedürfnisanstalten wieder in Betrieb genommen. Allerdings nicht als Pinkelbude, sondern als Parteizentrale. Außen knallgelb angestrichen und innen vollständig entkernt und renoviert, dient das Häuschen der FDP als Bezirksgeschäftsstelle. Von hier aus werden die 270 eingetragenen Zehlendorfer Freidemokraten verwaltet. Sie sind der ganze Schatz der Partei, sozusagen die Raison d'être, denn in der Verordnetenversammlung des Bezirks ist die FDP seit 1994 nicht mehr vertreten. Auch für die Zehlendorfer Liberalen gilt seitdem die Parole: Die Basis ist die Grundlage des Fundaments. Wo die Wähler wegbleiben, müssen wenigstens die Mitglieder bei der Stange gehalten werden. 70 000 Mark hat der Umbau des Toilettenhäuschens gekostet, umgerechnet rund 260 Mark pro Kopf, »mehr als wir uns leisten können«, sagte die Bezirksvorsitzende bei der Eröffnung der sanierten Lokalität. Und wenn es bei den nächsten Wahlen wieder schief geht, kann das neue Parteibüro notfalls wieder als öffentliches WC benutzt werden. Gegen eine kleine Gebühr, sagen wir: eine Mark, damit sich diesen Luxus alle Liberalen in Zehlendorf leisten können.

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