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KINO - DAS GROSSE TRAUMGESCHÄFT

aus DER SPIEGEL 37/1950

(1. Fortsetzung)

Stauß zog an seinen Fäden. Und es klappte. Zunächst beim Herrn Schwiegervater. Die Frau fürs Leben hatte Emil Georg sich richtig ausgesucht: Karin von Müller, Tochter des Admirals Alexander von Müller.

Müller wandelte immer dicht hinter seiner Majestät. Er ward Generaladjutant von Wilhelm II. und Chef des Marinekabinetts. Recht einflußreicher Herr dort oben. Er erreichte auch, daß Tochter Karins Mann sich ab 1918 Emil Georg von Stauß nennen durfte. Wegen seiner bedeutenden patriotischen Verdienste. Allerdings nur mit persönlichem Adel.

Für die Filmpläne des Eidams sondierte Müller das Terrain bei Wilhelm. Er fand es ohne Hindernisse. Seine Majestät waren sogar interessiert.

Die zweite Stauß-Strippe ging zum alten Herrn von Kühlmann. Der war Generaldirektor der Anatolischen Eisenbahn und Stauß zu einigen Gegendiensten verpflichtet. Dessen Sohn Richard von Kühlmann wirkte als deutscher Botschafter in Konstantinopel und bereitete sich darauf vor, Staatssekretär im Auswärtigen Amt zu werden. Seine Beziehungen zur Diplomaten-Zentrale blühten. Dort war man sehr angetan von der Stauß-Idee. Vielleicht konnten doch die Filme der neuen Großfirma im Ausland noch etwas »gut Wetter« für Deutschland machen. Man zählte das Jahr 1917.

Dann war da noch Karl Helfferich. Der Berliner Oekonomieprofessor war erst Direktor der Anatolischen Bahn und verdiente danach sein Geld im Vorstand der Deutschen Bank. 7 Jahre lang. Helfferich saß inzwischen als Staatssekretär im Reichsschatzamt. Er konnte gar nicht undankbar sein gegenüber seinem alten Brotgeber.

Diese und andere Prominenz mauerte am neuen Filmkonzern. Nur zum Kriegsministerium fehlte Stauß der richtige Draht. Und ohne das Wohlwollen der Militärs war in dieser Zeit einfach nichts anzufangen. Also ließ der Direktor der Deutschen Bank nach dem richtigen Vertrauensmann in Uniform suchen. Er fand Major Grau.

Das war der dritte der drei Ufa-Musketiere: Alexander August Eduard Grau. Der war ein waschechter Preuße, Heimat: Rittergut Friederikenthal, Kreis Preußisch-Eylau. Der aktive Major Alexander Grau betrachtete die Kriegslage mit einer für Militärs seltenen Nüchternheit.

Die Betrachtung fiel ihm leicht: Er saß im Kriegsministerium als Pressechef und war außerdem persönlicher Referent des Ersten Generalquartiermeisters Erich Ludendorff für Presse- und Propagandafragen. Grau wußte, wie der Hase lief. Gerade hatten die deutschen Truppen wieder schwere Verluste erlitten. Bei Verdun und an der Somme floß viel Blut.

Grau liebte ein gutes Leben. Er hatte eine »Spiritus-Tochter« aus Königsberg geheiratet: Erna Preuß, Sproß eines Schnapsfabrikanten. Da war der Preuße an der richtigen Quelle.

Nun aber, mitten im kriseligen Weltkrieg, erwog er seine Zukunft. Grau fischte nach einem einträglichen Major a. D.-Posten. Da gingen ihm die Fadenknüpfer des Herrn Stauß ins Netz. Und er ihnen.

Man konnte sich gegenseitig gebrauchen. Es war ein sympathischer Tausch: Grau gab Einfluß, Beziehungen und Ludendorffs Ohr. Strauß lieferte dafür: Die Aussicht auf einen lukrativen Vorstandsposten. Freigehalten zur Besteigung, wenn es bei den deutschen Kriegern mulmig würde. Den Zeitpunkt hielt Major Grau am 1. August 1918 für gekommen.

Von diesem Tage bis zu seinem Tode tummelte sich das westpreußische Neujahrskind (1. 1. 1878) auf der Kommandobrücke des immer schlingernden Schiffes Ufa. Dort überstand Grau alle Stürme und überdauerte jeden Wechsel in der Schiffsführung.

Denn er hatte sich die stillste Ecke der Ufa-Kommandobrücke ausgesucht: Die Theater-Abteilung. Er leitete sie, ohne von Branche-Fachkenntnissen vorbelastet zu sein, mit Disziplin. Was bei dem lahmen Haufen der Filmleute oft sehr nötig erschien. Doch war er andererseits ein rechter Genießer des Lebens: Er ließ auch leben.

Die weiteren Vorarbeiten zur Gründung der neuen Filmgesellschaft liefen mit deutscher Gründlichkeit fast zwei volle Jahre. Grau vermittelte zum Hauptquartier. Schließlich saß Stauß vor Erich Ludendorff. Der war nicht schwerhörig für die Pläne des jungen Herrn von der Deutschen Bank. Besonders, als Stauß die patriotische Fahne hißte und von der Wichtigkeit einer zentral gelenkten deutschen Filmpropaganda sprach.

Ludendorff war souverän: »Das plane ich selbst seit langem!« Darum sei auch vor kurzem das »Bild- und Filmamt« ins Leben gerufen worden. Das »Bufa«.

Der Erste Generalquartiermeister war mit der Bufa nicht zufrieden. Da saßen Militärs drin, die keine filmische Erfahrung besaßen. Und was bisher deutsche Zelluloid-Belichter als sogenannte Propaganda produziert hatten, waren Kolossal-Gemälde von deutscher Macht, deutschem Fleiß und teutscher Treue.

Vor Entsetzen schlugen die Fachleute die Hände vors Gesicht, als sie »die Entdeckung Deutschlands« erlebten. Das war der erste amtliche deutsche Propagandastreifen.

Da kamen - laut Zwischentitel - Marsmenschen auf die Erde herab. Die Herren vom anderen Stern landen just in Deutschland. Und reisen umher, zur Infanterie, zu den Ulanen, zur Feldartillerie, zu den U-Boot-Fahrern, zu den Luftschiff-Kriegern, zu den Rot-Kreuz-Stationen, zu den Fernsprechern und zu den Radfahrern. Und sie finden alles ausgezeichnet und alles großartig. Endlich stellen sie kategorisch fest: »Das deutsche Volk ist das beste Volk der Welt! Die deutschen Soldaten können nicht besiegt werden!« Auf eine vergleichende Besichtigung der anderen Völker hatten die Herren vom Mars großzügig verzichtet.

Den zweiten amtlichen Streifen, hergestellt von der Imperator-Film, ließ die Fantasie im Stich. Er hielt es mit dem Holzhammer. »Die Schuldigen des Weltkrieges.«

Da mußte man folgende Zwischentitel lesen:

1. Die Anstifter des Weltbrandes

2. Wer blies das Feuer an? (Sir Edward Grey am Schreibtisch

3. Wer goß Oel ins Feuer? (Clemenceau, der Fanatiker der Revanche)

4. Wer gab sich her als Spießgeselle? (Sassanow, der Lakai der Entente)

5. Wer war der Mörder von Serajewo? (Cinoci, Kriegsminister und Millionendieb)

6. Die Meute der Mordbrenner

7. Wer verwüstete und besudelte Ostpreußen? (Nikolajewitsch, der Mordkosak)

8. Wer wollte, daß deutsche Kinder keine Milch, deutsche Mütter kein Brot haben? (Asquith, der uns verhungern lassen wollte)

9. Wer verbündete sich mit den wilden Stämmen aller Erdteile? (Der treue Diener Englands, Poincaré, Greys Mitverschwörer)

10. Wer ließ deutsche Aerzte, Schwestern, Offiziere und Soldaten martern, morden, verstümmeln? (Delcassé, der Sklave König Georgs)

11. Wer belügt und betrügt die ganze Welt? (Briand, der Schwätzer der Grande Nation)

12. Wer ist schuldig an Baralong und King Steffen? Wer will den Krieg bis aufs Messer? (Lloyd George, der Satan Englands)

13. Wer ist der größte Heuchler Europas? (Bratianu mit dem Doppelgesicht)

14. Wer brach dem Dreibund die Treue? (Sonnino, der meineidigste der Räuberbande)

15. Wer hält das Strafgericht? (Hindenburg)

Die Wirkung dieses Propagandaschinkens war verblüffend: Man lachte über die rachedürstelnden Titel zu den zahmen Aufnahmen, die aus ausländischen Wochenschauen zusammengeschnitten waren.

Diesen Schmarren hatte Ludendorff selbst am 5. Februar 1917 in Auftrag gegeben. Der Mißerfolg erregte ihn sehr. Aber die von privaten Firmen hergestellten Spielfilme mit Kriegsmilieu waren noch schlimmer.

Ein Film hieß »Weihnachtsglocken«. Auf dem Gut eines Grafen bei Erntearbeiten. Der junge Arbeiter Max arbeitet bienenfleißig. Graf, Bruder des Grafen, und Tochter des Grafen reiten über das Feld. Mit tiefem Katzbuckel grüßt Max die adligen Herrschaften. Da spürt er einen Schlag in der Herzgegend. Die Liebe zu der keuschen Junggräfin hat ihn gepackt. Er steht noch gepackt da, da muß er packen. Die Glocken des Dorfes läuten Sturm. Von Turm zu Turm. Mobilmachung.

Max wird Bursche beim Grafen Erwin, dem Bruder des Gutsbesitzers. Den trifft die Kugel des bösen Feindes. Max tötet gleich drei dieser Sorte hintereinander und schleppt den schwerverwundeten Grafen Erwin aus der Feuerlinie. Dessen Monokel blitzt standesgemäß und unerschüttert vorm hochherrschaftlichen Auge.

Zwischentitel: »Sechs Monate später.«

Wieder auf dem Gutshof. Papierschnippel rieseln zu Boden - es schneit. Die Glocken läuten. Es ist Weihnachten. Im großen Saal des Gutshauses steht traulich vereint die gräfliche Familie. Ehemaliger Arbeiter und Graf Erwin-Träger Max ist zu Tränen gerührt. Denn der Graf führt ihm die verschämt lächelnde Junggräfin in die starken Arme. Sie umarmen und küssen sich. Ende. »Die grünen Billjetter sind abgelaufen. Ausgang links.«

Auch »Das ganze Deutschland soll es sein!« warb für die Versöhnung der feindlichen Klassen. Ein Arbeiter putscht zu einem Streik und spuckt seinem Generaldirektor vor die Füße. Fast wäre der darauf ausgerutscht. Etwas später fällt er wirklich. Vom Pferde. Als Reserve-Offizier bei einem Kavallerie-Angriff. Er liegt bis zum Abend. Dann kommen Franktireurs. Sie wollen ihm den Hals durchschneiden. Aber ganz zufällig ist der spuckende Arbeiter in der Nähe. Er stemmt sein Maschinengewehr in die Schulter und spuckt damit. Franktireurs fallen um. Generaldirektor und Arbeiter umarmen sich. Ende.

Auch mit »Kriegsgetraut« machte man damals Geschäfte. Reicher Sohn liebt armes Mädchen. Harter Vater versagt rechtliche Anerkennung der Liebe. Mädchen bringt schnell ein Kind ans Licht der Welt. Sohn will sie vergessen. Er ist Reserveoffizier und hat ja schließlich Standesrücksichten zu nehmen. Erst die Mobilmachung macht alles weich: Vater, Sohn und Publikum. Trauungsmarsch in Feldgrau. Ende.

Andere Titel sprechen für sich: »Es braust ein Ruf wie Donnerhall«, »Auf dem Felde der Ehre«, »Deutsche Frauen, deutsche Treue«. »Ich kenne keine Parteien mehr«.

Ludendorffs Idee war, ein großes Reichspropagandaamt ins Leben zu rufen. Er nannte es bei sich nur mit knapp militärischer Abkürzung »R. Pr. A.«. Die Entente-Mächte waren den Deutschen weit überlegen an Propaganda. Schon Jahre vor dem Kriege lieferte Frankreich antideutsche Propaganda-Filme in alle Welt. Etwa 90 Prozent des europäischen Filmbedarfs wurden mit französischen Filmen befriedigt. Ehe dann die »Nordisk« ihre große Zeit begann.

Der temperamentvoll krähende gallische Hahn der Firma Pathé heimste Weltruhm ein. Aber mit dem »Großvater« erregte er selbst in Frankreich Unwillen.

»Der Großvater« war ein Film, der nur durch ein Versehen nach Deutschland kam und eine diplomatische Demarche auslöste.

Deswegen: Deutsche Soldaten, anno 70/71, reiten in Kürassieruniformen durch einen Wald, tief in Frankreich. Sie schwingen blutdürstig ihre Säbel. Aus dem Fenster einer ärmlichen, aber sauberen Hütte schauen patriotisch bewußt, aber ängstlich, französischer Großvater mit französischem Enkel.

Beim Enkel wallt das Blut. Er stürzt ans Bett, wickelt Gewehr aus dem Nachthemd und zeigt durch heftiges Gestikulieren den Zuschauern an, daß er jetzt die Kürassiere totschießen möchte. Der Großvater wirft sich dazwischen und schickt ihn ins Bett, betet ein bißchen und schläft ein.

Beim Enkel wallt wieder das Blut. Aber die Zielscheibenkürassiere sind nicht mehr da. Dafür eine armdicke neue Telegrafenleitung. Der Enkel schneidet mit einer Schere die Drähte durch.

Zornig die Fackeln schwenkend, kommen die Kürassiere nachts zurück. Sie finden die durchschnittenen Drähte und produzieren Schaum auf ihre Lippen. Ha, da finden sie den Enkel! Bestialisch knüpfen sie ihn auf. Um den hängenden Knaben vollführen sie einen Freudentanz, greifen zu den Koppelflaschen, betrinken sich, holen die Gewehre und schießen ein paar Salven nach dem Enkel.

Der Großvater wacht davon nicht auf. Aber am anderen Morgen findet er den armen Enkel und schwört Rache. Welche auf dem Fuße folgt. Denn schon sind die Kürassiere wieder da. Hinein in die Hütte: »Wein her, Alter!«

Großvater läßt aus einem großen Faß in einen Krug Wein laufen. Dann holt er, starr guckend, eine kleine Flasche mit Totenkopf-Etikett. Damit auch keiner verpaßt, was jetzt geschieht, zeigt er den Totenkopf den Zuschauern. Das Gift rieselt in den Wein, die deutschen Kürassiere sterben wie Fliegen. Großvater steht in stolzer Trauer.

Der Film kam ein bißchen zu früh raus, 1910. Clemenceau fand ihn »dumm und blöd«. Poincaré war sogar ernstlich böse: »Aber das sollte man doch verbieten! Wenn die Kinematographie so weiter macht, wird sie es sein, die die Völker in den Krieg treibt.«

Trotzdem wanderte »Der Großvater«.

Vier, fünf Jahre später bekam »Der Großvater« zahlreiche Enkel. Da war es dann auch so weit, daß Clemenceau und Poincaré nichts mehr dagegen einzuwenden hatten. In Frankreich und England erkannte man, wie unheimlich der Film die Massen aufpulvern kann. Es wurde bald zur Regel, an jedem Filmende, ob Kriminalfilm oder Liebestragödie, die Landesfarben auf der Leinwand zu zeigen. Und das patriotische Publikum stand auf und sang zu krächzender Schallplatte die Nationalhymne, ehe es das Kino verließ.

Im Weltkrieg Nummer 1 traf ein, was die »Lustigen Blätter« 1898 als Witz zeigten: Man sah einen General, der seinen Truppen zuruft: »Also seid tapfer, Kinder! Bedenkt, die Kinotoskopen der ganzen Welt sind auf Euch gerichtet!«

Als dann Europa brannte, richteten die Kameramänner ihre Kurbelkästen auf die Männer, die sich bemühten, einander totzuschießen. Auf beiden Seiten drehte man Dokumentarfilme von der Front. Es gab einen französischen und einen deutschen Somme-Film. Auf deutscher Seite fielen bei den Aufnahmen vier Operateure. Die ersten PK-Toten.

Filmaufnahmen aus der kämpfenden Linie waren aber äußerst selten. Meist beschränkten sich die Wochenschau-Mixer auf umfrisierte alte Manöver-Streifen, und auf Szenen aus der Etappe. Mit unerwarteter Wirkung: »Die deutsche Kriegswochenschau ist als ein wichtiges Heilmittel für Verwundete anzusehen. Meine Herren melden mir, sie hätten nie so viel tosendes Gelächter gehört, als wenn mittels dieser Einrichtung Bilder aus Schützengräben und Kriegsbilder vorgeführt werden. Lachen ist aber ein wichtiges Heilmittel!«

Das schrieb der Generalstabsarzt der Armee, Professor Dr. von Schjerning. Er schrieb es dem Generalquartiermeister Erich Ludendorff. Der »Feldherr« tobte vor Wut. Er ließ sie an Leutnant Oskar Messter aus. Messter war der erste deutsche Propaganda-Offizier. Er hatte über Zulassung von Filmen und Operateuren zu den Kriegsschauplätzen zu verfügen. Er bevorzugte die »Messter-Film-GmbH.«. Die erkurbelte sich schnell ein Monopol: Die aktuelle Wochenschau.

Der Berliner Ingenieur Carl Froelich war einer der leitenden Männer in Messters Unternehmen. Er stieg, 40jährig, selbst als PK-Mann in Kampfflugzeuge. Der Froelich, der dann 1933 dem neuernannten Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Josef Goebbels, die deutsche Filmwirtschaft ans Herz legte, der dann den schmückenden Beinamen »Altmeister des deutschen Films« bekam, der für seine Verdienste Präsident der »Reichsfilmkammer« wurde, der 1950 mit »Drei Mädchen am Spinnrad« 75jährig ein (bisher) unpolitisches come-back begann.

Die Torpedierung der »Lousitania« und die Erschießung der Spionin Cawell wurden im ersten Weltkrieg kräftig auf dem Zelluloid ausgeschlachtet. Einmal hingen an den amerikanischen Middletown-Kinos folgende Plakate: »Haltet Eure Revolver in der Tasche und schießt nicht in unsere Leinwand, denn am nächsten Freitag spielen wir. 'Das Tier von Berlin'.« - »The beast of Berlin« war Wilhelm II. Der Film, der ihn zum Tier machte, lief, wie die meisten anderen aus der Propaganda-Kiste, auch im »neutralen Ausland«.

In einigen Städten verpflichteten große Gesellschaften zur Aufführung ihrer Propagandafilme eine »Claque«. Die bezahlten Klatscher mußten dann an vorher festgelegten Stellen und am Ende des Streifens ihre Hände zum wohlverdienten Premierenerfolg rühren. Das führte bei alliierten Kriegsfilmen, die nicht gerade nach Objektivität rochen, bisweilen zu diplomatischem Aerger. Deshalb verboten einige vorsichtige Neutrale in ihren Ländern jede Beifallsäußerung im Kino.

Die amtliche französische Filmpropaganda erlebte ihren Höhepunkt mit der Kriegsfilmausstellung 1916 im Pariser Trocadero. Raymond Poincaré eröffnete sie und holte sich dabei den Spitznamen »Der Kinomarschall«. Bevor er Staatspräsident wurde, war er Aufsichtsratmitglied der »Crédit-Lyonnais« gewesen, die erheblich an der Pathé-Gesellschaft beteiligt war.

Doch weder Frankreich noch England waren in der Lage, eine wirkungsvolle Filmpropaganda aufzuziehen. Deshalb biß man schließlich mit tiefem Seufzen in die bittere Frucht: Juni 1917 übertrug Lord Northcliff im Auftrage der beiden Entente-Mächte die filmische Kriegspropaganda Hollywood. Als Gegenleistung für diese erschütternd schwere Aufgabe öffnete man der US-Filmindustrie den europäischen Markt.

Das wurde verhängnisvoll. Hollywood warf seine Filme billig in die Theater des alten Kontinents. Es ruinierte damit Europas Filmfirmen.

Bis dahin waren auf dem alten Kontinent die französische und die italienische Produktion führend gewesen. Die Franzosen hatten es vor 1914 verstanden, sehr geschickt und sehr viel nach Deutschland zu exportieren. Mit Freude buchten sie, daß der Erlös aus den Film-Exporten zu den »boches« höher lag als die Gesamtsumme der französischen Reparationen nach 1870/71.

Da ging es mit dem französischen Film aus eigener Unzulänglichkeit bergab. »Judex« war der Grundtitel eines Films, der zwanzig Fortsetzungen hatte. Das arme Publikum schlief langsam ein. Mit ihm der französische Film. 1912 waren 90 Prozent aller Filme französischer Herkunft. 1928 hatte Amerika den Filmmarkt zu 90 Prozent erobert.

Die Italiener waren durch ihre theatralischen Monumentalfilme berühmt geworden (In hoc signo vinces, Quo vadis?, Cabiria). Sie hatten die Massenaufnahmen als neues Filmelement entdeckt. Wahre Komparsenheere wälzten sich in prächtigen Kostümen durch den römischen Sand und ließen sich von unchristlichen Löwen zerreißen und vom kochenden Vesuv verbrühen.

Das Ende kam mit Schrecken. Plötzlich brach die italienische Produktion unter dramatischen Umständen zusammen. Primär waren die Amerikaner gar nicht schuld daran. Sie nutzten nur mit geschäftstüchtiger Rücksichtslosigkeit die Situation. Die Italiener hatten sich einfach finanziell übernommen.

Jeder neue altrömische Film sollte der »prunkvollste« sein. Die Zahlen der Mitwirkenden stiegen sprunghaft. 20000 Komparsen waren eine Kleinigkeit. Unter einem Dutzend zähnefletschender Raubtiere tat es kein Regisseur. Die Gagen kletterten ins Wahnwitzige. Schließlich hatten Stars, die heute keiner mehr kennt und nennt, Millioneneinkommen. Francesca Bertini 3 Millionen Lire, Pina Menichelli 2,5 Millionen Lire. Davon platzten dann die Produktionen.

Dieser italienische Stil, bei dem die Menschen wie Ameisen auf der Leinwand herumwimmelten, machte Schule. Zuerst griff ihn Amerika auf, später auch Deutschland.

David Wark Griffith, Sohn eines Brigade-Generals und typischer Fall einer USA-Karriere vom Zeitungspacker mit 50 Cents Tageslohn zum Regisseur mit 5000 und mehr Dollars für fünf Arbeitstage, verpflanzte das Massenaufgebot des italienischen Stils in die Hollywooder Traumfabriken.

»Intolerance« (1916) wurde ein Welterfolg. Die Filmgeschichte verbucht den »Großen Griffith« (es gab noch einen Regisseur Griffith, Edward H., der machte »Honeymoon in Bali« und andere Süßigkeiten) als »Erfinder« der Großaufnahme. Tatsache oder nicht - der Ruhm blieb ihm. Auf alle Fälle war Griffith kühner Forscher in unwegsame filmkünstlerische Gebiete. Seinen Pfad benutzten später Pudowkin, Eisenstein, die anderen stummen Russenfilmer. Sie erschlossen damit das kraftvolle Land des dokumentarischen Realismus.

»Intolerance« war bestimmend für den amerikanischen Filmvormarsch in der Kriegszeit. Amerika kam mit unduldsamem Tempo und rigorosem Kaufmannssinn. Frankreich, Italien und Dänemark mußten weichen und schließlich im Kino kapitulieren.

In unbekümmerter Spekulation auf die Sensationslust des Publikums trieften die Kriegsfilme der Vereinigten Staaten von dem Blut der angeblich von deutschen Barbaren abgehackten belgischen Kinderhände. Es gab viele Variationen über das Thema Barbarismus.

Ludendorff und seine Bufa-Mannen dachten nicht etwa edelmütiger. Gern hätten sie mit gleich wirksamen Giftpfeilen auf Zelluloid zurückgeschossen. Sie versuchten es. Aber die Versuche erstarben in Lächerlichkeiten und im Geldmangel.

In die Taschen der Vereinigten Staaten ergoß sich der europäische Goldstrom. Davon plätscherte ein netter Bach in die Filmindustrie weiter. Die Geldbeutel Deutschlands waren leer. Rivalität zwischen Regierung und Armee verhinderte, daß aus Ludendorffs Reichspropagandaamt etwas wurde.

Da kam der Herr Stauß mit seinen privatkapitalistischen Filmplänen im rechten Moment in des Feldherrn Arbeitszimmer. Als Stauß ihm in großen Zügen die »Film-Welt-Lage« gegeben und immer wieder auf den hohen Wert einer von wahren Patrioten gelenkten Filmpropaganda gewiesen hatte, sah Ludendorff den Weg zu seinen »ureigensten Plänen«. Den Umweg natürlich. Der Eroberer von Lüttich war immer bienenemsig bemüht, den in den ersten Kriegstagen eingeheimsten Ruhm zu mehren. Er litt schrecklich darunter, daß er jetzt im Schatten des volks-beliebten Paul von Hindenburg stand.

Der erste Generalquartiermeister ließ von seinem Major Grau, der die neue Verbindung zwischen Kapital und Armee geknüpft hatte, einen Brief entwerfen. Dieser Brief, von Erich Ludendorff am 4. Juli 1917 unterzeichnet, wurde für die deutsche Filmgeschichte später als »Gründungsdokument der Ufa« unter Glas gelegt.

Denn man konnte 16 bis 18 Jahre nach der Gründung der Ufa die Wahrheit nicht mehr gebrauchen, daß aller laute Patriotismus 1917 nur der Vorwand für einen Finanzcoup war. Als dann gar 1942 zum 25jährigen Jubiläum der Ufa, die ohnehin nicht mehr die gute alte Ufa, sondern eine Goebbels-hörige Staatsfirma war, Gedenkartikel geschrieben werden mußten, konnte man lesen, die Ufa sei in schwerer Zeit durch vorbildliche Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatwirtschaft zur Abwehr der lügnerischen Feindpropaganda gegründet worden. Von Erich Ludendorff, gestorben Dezember 1937, war überhaupt kaum noch die Rede. Selbst seine Filmtaten von 1917 erschienen dem Dritten Reich nicht mehr bemerkenswert.

So begann Ludendorff am 4. Juli 1917 aus dem »Gr.Hpt.Qu.« seinen sozusagen offiziellen Hausbrief an das Kriegsministerium:

»Der Krieg hat die überragende Macht des Bildes und Films als Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel gezeigt. Leider haben unsere Feinde den Vorsprung, den sie auf diesem Gebiet hatten, so gründlich ausgenutzt, daß schwerer Schaden für uns entstanden ist. Auch für die fernere Kriegsdauer wird der Film seine gewaltige Bedeutung als politisches und militärisches Beeinflussungsmittel nicht verlieren. Gerade aus diesem Grunde ist es für einen glücklichen Abschluß des Krieges unbedingt erforderlich daß der Film überall da, wo die deutsche Einwirkung noch möglich ist mit dem höchsten Nachdruck wirkt.«

»Gerade aus diesem Grunde« wäre Ludendorff beinahe ein früher Vorkämpfer des diktatorischen Film-Liebhabers Goebbels geworden. Unverblümt forderte der General die »Vereinheitlichung der deutschen Filmindustrie, um nach einheitlichen großen Gesichtspunkten eine planmäßige und nachdrückliche Beeinflussung der großen Massen im staatlichen Interesse zu erzielen«.

Ludendorffs »nachdrückliche Beeinflussung« unterblieb. Das Deutschland Wilhelms II. hielt nichts von Verstaatlichung nach »einheitlichen großen Gesichtspunkten«.

Der Briefschreiber legte sogar eine Liste an, welche der bestehenden Filmfirmen seiner Meinung nach für die neue staatsfinanzierte Firma aufgekauft werden sollten. Darunter an erster Stelle die »Nordisk« in Kopenhagen und ihre deutsche Tochter, die Nordische Film-Compagnie des Herrn David Oliver.

Das waren natürlich die Gedanken des Herrn Stauß, die Alexander Grau seinem Herrn eingeflüstert hatte.

Ludendorff ging weiter: Um ca. 55 Prozent des Gesellschaftskapitals der aufgeführten Firmen aufkaufen zu können, müsse der Staat 28 Millionen Mark aufwenden. Die Höhe der Summe erschreckte ihn nicht: »Wenn man beachtet, welche Summen das Ausland für Filmpropaganda ausgibt, so erscheint die vorstehende Forderung als durchaus gering.«

Ludendorffs Schlußsatz: »Ich füge hinzu, daß es sich um werbende Ausgaben handelt. I. A. Ludendorff.«

Auf die »werbenden Ausgaben« biß das Reich nicht an. Es war auch nur ein Versuchsballon des Ritters von der Deutschen Bank, wie weit sich das Reich finanziell engagieren wolle. Emil Georg Stauß hatte inzwischen längst Verbindung zu David Oliver bekommen, und beide hatten mit Freuden erkannt, daß sie ihre Pläne in einen Topf werfen konnten. Da Stauß ein echter Bankier also ein vorsichtiger Mann war, wollte er sich und seine Bank finanziell nicht hundertprozentig in das doch etwas vage Filmgeschäft stürzen. Da erschloß sich ihm über David Oliver die Möglichkeit, mit halbdänischem Kapital das ganzdeutsche Konzert zu finanzieren.

Fast hätte das Reichsamt des Innern, bemüht um eine Filmautarkie des Deutschen Reiches, den Stauß-Plan in Sachen »Nordisk« noch torpediert. Denn kurz nach Kriegsbeginn hatte der »Verband zur Wahrung gemeinsamer Interessen der Kinematographie« einen Aufruf zur nationalen Selbsthilfe erlassen. Darin wurde gefordert, »keine Films*) von deutschfeindlichen Ländern oder von Firmen, deren Kapital in deutsch-feindlichen Ländern in irgendeiner Form beteiligt ist, vorzuführen«.

Die Direktoren der kleinen und kleinsten deutschen Filmfirmen witterten Morgenluft. Tatsächlich war das Reichsamt des Innern in den nächsten Jahren eifrig bestrebt, die Forderungen der deutschen Kinematographen zu erfüllen. Gleich nach Kriegsbeginn wurden die ausländischen Filme beschlagnahmt und überdies noch ein Einfuhrverbot für Filme aus Feindländern erlassen.

Die deutschen Zweigniederlassungen der französischen Großfirmen Gaumont und Eclair wurden zwangsverwaltet. Die reindeutsche Zwergfirma 'New Century Film Co.« nannte sich konjunkturgemäß schnell in »Bismarck-Film-Gesellschaft« um.

Am 17. 2. 1916 folgte eine Bundesratsverordnung, wonach Einfuhr ausländischer Filme verboten oder bewilligungspflichtig war. Die bewilligten Ausnahmen kamen nur einer Firma zugute: der Nordisk.

Dagegen liefen die deutschen Produzenten Sturm. Ein frühes Filmblatt mutmaßte damals über die Hintergründe: »Dänemark liefert nämlich einen für die deutsche Kriegswirtschaft unentbehrlichen Artikel. Dänemarks Außenminister heißt Scavenius, der wiederum im Aufsichtsrat der 'Nordisk' sitzt. Scavenius nun koppelt Politik mit Geschäft Darum müssen wir dänische Filme importieren, wenn wir den kriegswichtigen Artikel erhalten wollen.«

Welches »der kriegswichtige Artikel« sei, den ausgerechnet nur das kleine Dänemark Deutschland liefern könne, verriet die Filmzeitung nicht.

Damals bildete sich unter Führung des Filmwirtschaftlers Lothar Stark die »Deutsche Film-Trust-Abwehr-Liga«. Diese Vereinigung war zunächst eine der Hauptkämpferinnen gegen die junge Ufa.

*) »Films« war die damals gebräuchliche Pluralform von Film (aus dem Englischen = Häutchen). In der Frage des Filmimports bekam sie überraschend Beistand. Im Reichstag stand ein national-liberaler Abgeordneter auf und verlas eine »Kleine Anfrage«. Er hieß Dr. Gustav Stresemann. Die »Kleine Anfrage« an die Regierung wandte sich in scharfer Form gegen die Vorzugsbehandlung eines ausländischen Filmunternehmens. Stresemann, informiert durch die »Deutsche Film-Trust-Abwehr-Liga«, forderte energisch »Schutz der deutschen Industrie und sofortige Beseitigung der Bevorzugung der ausländischen Industrie«. Die »Anfrage« hatte den üblichen Erfolg von parlamentarischen Anfragen an die Regierung: Keinen.

Stresemann selbst buchte einen gar nicht gewünschten Erfolg: Er wurde kurz darauf zum Geschäftsführer der »Vereinigung Deutscher Filmfabrikanten e. V.« berufen. Er blieb es nur kurze Zeit, die Politik holte ihn ganz. Aber auch als Reichskanzler, Locarno-Politiker und Friedensnobelpreis-Träger fand er später noch Zeit, sich mit Filmfragen zu befassen.

Doch die deutschen Filmfabrikanten gaben keine Ruhe. Schließlich fühlte sich das Reichsamt des Innern gedrängelt, etwas gegen die dänischen Importeure zu unternehmen. Die »Nordisk« war sehr verärgert, Stauß sah schon seine dänischen Millionen durch den Schornstein ziehen. Kräftig zog er an seinen Fäden. Sie waren wirklich gut geknüpft: Im September 1917 bat das Auswärtige Amt offiziell das Reichsamt des Innern, »im Interesse unserer Auslandspropaganda den Kampf gegen die Nordische Filmcompagnie zurückzustellen«.

Das zündete. Die Filmfreundschaft mit Kopenhagen war nicht mehr gefährdet.

Der Name für die neue Filmgesellschaft fehlte noch. Stauß hatte praktischen Nützlichkeitssinn. Alle angedeuteten Vorschläge mit patriotischem Beiklang überhörte er geflissentlich. Er war auch von Anfang an auf eine zugkräftige Abkürzung bedacht. Die Abkürzung erschien ihm wichtiger als der volle Name. So war es bei der »Europäischen Petroleum-Union« gewesen. Da war Stauß zuerst die Abkürzung EPU eingefallen, über deren Schönheit man streiten kann. Danach erst prägte er den öligen Namen.

Auf der Suche nach dem Zelluloid-Namen stieß der Direktor der Deutschen Bank auf die schon vorhandene Kurzform »Bufa«. Das war schlecht. Das klang nach Buhmann, nach Butzemann. Und ein Butzemann für den deutschen Film war das »Bild- und Film-Amt« ja schließlich auch geworden.

Aber Ufa ... Das k-lang. Das sah gut aus, fast symmetrisch. Das »f« konnte man schön lang in die Mitte setzen. Der Name war nun nicht mehr schwer zu finden. F wie Film, A wie Aktiengesellschaft. Blieb U. Stauß entschied sich für »Universum«. So entstand eine Weltmarke.

Großes Geheimnis blieb zunächst die Kapitalherkunft der »Universum«. Erst Frühjahr 1919 erfuhr die Oeffentlichkeit, daß das Deutsche Reich mit 8 Millionen Goldmark an der Ufa beteiligt war. Vorher hatte man nur gemunkelt.

Kräftig stieg auch die Nordisk ins Ufa-Geschäft ein. Außerdem trat sie am 2. Dezember 1917 einige ihrer Töchter ab:

* Die Nordische Film-Gesellschaft in Berlin mit fünf Filialen in Deutschland

* Die Nordisk-Film G. m. b. H. Wien mit Niederlassungen in Prag und Budapest

* Die Nordisk-Film-Compagnie Amsterdam

* Die Nordisk-Film-Co. Zürich

* Die Filmfabrikations-Gesellschaft Oliver-Film G.m.b.H. Berlin

* Theatergruppen in Berlin, Leipzig, Frankfurt/Main, München und neun anderen deutschen Städten mit insgesamt 56 Theatern

* Filmtheater-Gesellschaften in Zürich und Amsterdam.

Ferner erhielt die Ufa das alleinige Vertriebsrecht der Filme der Nordisk und ihrer schwedischen Tochter A.S. Svenska für Deutschland, Oesterreich Ungarn, Schweiz, Niederlande und später auch für Polen und die Balkanländer.

Alles zusammen war schon ein ganz schönes Paket Filmeinfluß in Mitteleuropa. 10 Millionen Mark Abfindung ließ sich Kopenhagens Filmzar Ole Andersen Olsen zahlen. Er machte ein gutes Geschäft. Denn das Gesamtkapital der Nordisk (gegründet 1906) betrug 1917 nur 8 Millionen dänische Kronen.

Um diese Transaktion mit einer neutralen Macht zu verschleiern, schaltete Stauß die deutsch-skandinavische Gesellschaft »Carl Lindström-A.G.« als kaufenden Strohmann dazwischen. Ihr Direktor Max Strauß erbte zunächst den alleinigen Vorstandsstuhl der Ufa. Später tauschte er einen bequemen Sessel im Aufsichtsrat dafür ein.

Man mußte überaus vorsichtig zu Werke gehen. Die Reichsregierung konnte keinen Eklat im Parlament gebrauchen. Niemand durfte erfahren, daß der ohnehin schon fast bankrotte Staat auch noch ganze acht Millionen Mark in die Filmwirtschaft steckte.

Stauß ging das alles viel zu langsam. Voll Aerger beobachtete er das Florieren der DLG, vor allem auf dem Balkan. Er wußte, diese Filmgesellschaft der Schwerindustrie würde ein listenreicher Gegner sein. Eifrig und heimlich warb er Bundesgenossen und Geldgeber. Es gab ja eine ganze Anzahl Leute die hatten brav am Krieg verdient und wollten nun gern ihr Geld entmilitarisieren, ehe es zu spät war.

Mit seinen seriösen Ueberredungskünsten sammelte Stauß sie als Aktionäre ein. So engagierten sich die AEG, so Robert Bosch, so Fürst Guidotto Henckel von Donnersmarck, Schwerindustrieller aus schlesischem Grafengeschlecht. Schließlich auch Hapag und Norddeutscher Lloyd.

Endlich kam dann der Tag der Ufa: Am 18. September? 1947? freuten sich drei Väter über ihr Werk. In heikler Notzeit war es gelungen, durch patriotische Manipulationen und über geschäftliche Hintertreppen den größten Filmkonzern in Europa aufzubauen.

Die drei Ufa-Musketiere freuten sich. Grau: Einen ruhigen Zivilposten zu bekommen. Stauß: Mit staatlichem Geld der DLG den Kampf ansagen zu können. Oliver: Bald noch mehr zu verdienen.

Oliver führte fortan ein gemütliches Rentnerleben. Er baute nebenbei noch ein paar Kinos für die Ufa auf, heiratete eine steinreiche und doch hübsche Engländerin und verschwand schließlich aus der Ufa-Geschichte.

Noch einmal mußte das Große Hauptquartier seinen Segen geben. Paul von Hindenburg schickte - für die Oeffentlichkeit bestimmt - ein Handschreiben an Emil Georg Stauß:

»Wie mir der Leiter der Militärischen Stelle des Auswärtigen Amtes meldet, ist die Bildung der neuen Universum-Film-Gesellschaft nunmehr gesichert. Durch diese Gründung ist ein Unternehmen von großer nationaler, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Bedeutung geschaffen. Ich weiß, mit welcher Hingabe Euer Hochwohlgeboren für die Erreichung dieses Zieles unablässig bemüht gewesen sind und das ganze Gewicht Ihrer reichen Erfahrungen und Ihres Könnens in den Dienst dieser nationalen Aufgabe gestellt haben. Ich möchte daher nicht verfehlen, Euer Hochwohlgeboren für die tatkräftige Förderung dieses großen Unternehmens den Dank der Obersten Heeresleitung auszusprechen.«

Das Schreiben Hindenburgs war die letzte Berührung der Ufa mit den Militärs. Ludendorff hatte sich das ganz anders vorgestellt. Er tobte, als er das erste Produktionsprogramm der Ufa las. Von Propagandafilmen war da überhaupt keine Rede mehr. Statt dessen:

4 Filme mit Pola Negri,

6 Filme mit Ossi Oswalda

2 Filme mit Ernst Lubitsch

2 Filme mit Paul Wegener

8 Filme mit Henny Porten

6 Filme mit Lotte Neumann

6 Filme mit Fern Andra

6 Filme mit Leo Peukert

6 Filme mit Mia May.

Aber Ludendorff konnte 1918 nichts mehr dagegen ausrichten. Als der Krieg sichtbar zum schlechten Ende ging, hatten die Generalstäbler ihren überragenden Einfluß eingebüßt. Stauß und seine Filmleute ließen sich nicht mehr ins Handwerk pfuschen. Für sie war es wichtiger, mit gängigen Filmen gute Kassen zu erzielen.

Aber ehe sie richtig in die Produktion einsteigen konnten, gab es die üblichen Formalitäten. Am 14. Februar 1918 wurde die Ufa ins Handelsregister eingetragen. Das wurde eine dicke Sensation. Denn da stand schwarz auf weiß zu lesen, daß die Universum-Film-Aktiengesellschaft (Betrieb aller Zweige des Filmgewerbes) mit einem Stammkapital von 25 Millionen Mark begann.

(Fortsetzung folgt)

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