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BEI DER UFA MACHTE MAN DAS SO ... KINO - DAS GROSSE TRAUMGESCHÄFT

aus DER SPIEGEL 41/1950

5. Fortsetzung

Warum die Obrigkeit Bedenken über den Weisen des Zelluloids haben mußte, erklärte ein Biograph schon 1929: »So harmlos die Chaplinaden alle aussehen, in Wirklichkeit sind sie nichts anderes als eine fortgesetzte Unterminierung alles dessen, was heute in Ansehen, Amt und Würden ist - sie sind ein einziger Kampf gegen die Gesellschaftsordnung von heute ... Chaplin lehrt, daß man nichts ernst nehmen soll, nichts als die allereinfachsten menschlichsten Dinge ... Er lehrt die vollkommene, die radikale Respektlosigkeit. Gott segne ihn. Er ist ein Revolutionär«.

Er ist ein stiller Revolutionär und ein so wirksamer, daß Restbestände der Hitlerschen Aera noch 1950 versuchen, Chaplin zu unterdrücken. So in Borkum, wo die Kurverwaltung dem Inselkino bei Androhung von »Folgen« verbot, den Film »Goldrausch« aufzuführen.

Chaplin blieb sich nicht treu. Sein letzter Film sah ihn als den ironischen Massenmörder »Monsieur Verdoux« im Garten an schönen Blumen schnuppern. während aus dem Waschhaus daneben gerade eine dunkle Wolke aufsteigt. Das sind die rauchigen Ueberreste seiner Opfer. verbrannt im Ofen der modernen Zivilisation. In »Verdoux« ist Chaplin der überlegene Zyniker nicht der liebenswerte Melancholiker.

Beim »Diktator«, der im Herbst 1950 in Deutschland anläuft, war das anders. Sein Ghettofriseur schien genau so unheroisch und vom Schicksal getreten wie 20 Jahre früher der »Landstreicher« - ein Film, der heute noch zuweilen in Filmclubs auftaucht. Denn Chaplin-Filme sind für die Zelluloidjünger von heute bester Schulunterricht.

Im »Landstreicher« spielt Chaplin tief in Gedanken versunken auf seiner Geige. Ein einziges Mädchen vor einem Zigeunerkarren hört ihm zu. Als er fertig ist. applaudiert die hübsche Zuhörerin. Nun fühlt sich der mit Lumpen bekleidete Virtuose wie ein großer Solist vor erlesenem Publikum, verneigt sich gespreizt, nach links und nach rechts - lächelt konventionell, geht rückwärts bis hinter die Zigeunerkarre, erscheint wieder, verbeugt sich, lächelt, tritt zurück und kommt noch einmal hervor.

Mit den einfachsten Mitteln erzielte dieser Meister der Mimik die größten Erfolge. 1951 wird wieder ein Film von ihm zu erwarten sein: »Mein nächster Film ist ganz einfach die Geschichte eines Clowns, der das Publikum nicht mehr zum Lachen bringen kann. Als ich in London war, kannte ich einen alten Mann namens Samby, Zirkusclown von Beruf. Er wurde alt und konnte die Leute nicht mehr lachen machen. Sein Leben endete schließlich in der Themse ...«

Der Hansa-Verleih der Ufa brachte seinerzeit gleich 14 Chaplin-Streifen in einer Saison heraus. In Hitler-Deutschland war Chaplin verpönt und verboten. Aus rassischen Gründen und wegen seines »auf Zersetzung und Aufweichung angelegten Nihilismus«.

Nach dem ersten Weltkrieg war es im Kino wie im Leben. Die Menschen, geduckt von düsteren Kriegsjahren, wachten auf zu voller Lebensgier. Sie wollten auch im Film das Entsprechende sehen. Sie sahen es.

Einmal gab es immer noch einige Militärfilme und dann allzuschnell viele Sittenfilme. In München wurde Anfang 1920 der Streifen »Totenkopfreiter« vorgeführt, der gegen Ende des Krieges unter dem Protektorat Mackensens gekurbelt worden war. Der Film war liegen geblieben. Jetzt meinte aber die Mercedes-Film-Gesellschaft, die vaterländisch-wehrhaften Gefühle wieder auffrischen zu können. Sie irrte sich überraschend stark. Damals.

Ueber die »Totenkopf-Reiter« schrieb der »Filmkurier« am 7. 3. 1920: »Ein so niedriges Machwerk ist denn doch bisher in München weder erzeugt noch gezeigt worden. Nicht der leiseste Hauch eines noch so winzigen künstlerischen Strebens war zu spüren. Die plumpe Tendenz des Films, den etwas ramponierten Militarismus dadurch wieder aufzufrischen, kann mit diesen unzulänglichen Versuchen nur als täppisches Manöver angesprochen werden. Als ich die Liste der temperamentlosen Darsteller las, glaubte ich, die Wählerliste des weiland königlich-preußischen Herrenhauses vor mir zu haben, Exzellenzen, Generalmajore, Oberregierungsräte und sonstige Bonzen«.

»Der Totenkopf« war dagegen eine harmlose Gangsterpistole. Diesen Streifen hatten die Cutter aus zwei unbrauchbaren Filmen mit derselben Hauptdarstellerin zusammengeschnitten. Da passierte es, daß die Dame Elga im Mittelakt 100%ig erdolcht wurde und dennoch im Schlußteil des Films als Goldgräberin in Alaska auftauchte. Aber die smarte Vertriebsfirma wußte dieses Kuriosum zu nützen und veranstaltete schnell ein Preisausschreiben. Gesucht wurde die beste Antwort auf die brennende Frage: »Wie kommt Elga lebendig nach Alaska?« Erster Preis 50000 Mk., Inflations-Mark.

Ein besonderes Kapitel in der deutschen Filmgeschichte sind die Sittenfilme aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Ein besonders anrüchiges Kapitel, in dem auch die Ufa eine Rolle spielt. Zu ihrer Ehre: Eine kleine Rolle nur.

Es fing an mit dem, was die Produzenten aller Länder in allen Jahrzehnten mit scheinheiligem Augenaufschlag »Aufklärungsfilme« nennen. Filme, die die Sünder läutern und die Unwissenden warnen sollen. Filme, die selbst bei delikatester Behandlung der Probleme zum Sinnenkitzel werden können.

Die Welt des Lasters war in Zeiten der Polizeizensur tabu für die deutschen Flimmerfabriken. Im Frühjahr 1917 gab es dann die Schule-machende Ausnahme.

Richard Oswald konnte die Militärbehörden davon überzeugen, daß man in Deutschland unbedingt etwas gegen die starke kriegs-bedingte Lockerung der Sitten unternehmen müsse. Der Film sei das beste Mittel, die Gefahren der Unsittlichkeit zu zeigen, und er der richtige Mann für solche volkserzieherischen Filme.

Also drehte Owald, ein cleverer Mann aus Wien mit abstehenden Ohren und Struwelpeterhaaren, seinen Aufklärungsfilm »Es werde Licht«. Darin zeigte er sehr anschaulich die Gefahren der Geschlechtskrankheiten. Mit allem Drum und Dran und mit den damals prominenten Schauspielern Bernd Aldor. Hugo Flink, Leontine Kühnberg.

Es wurde ein Riesenerfolg. Oswald fand, daß in Deutschland noch genug Bedarf an Aufklärung sei. Wieso die Militärzensur die gleiche Ansicht hatte, wird ewig ein - finanzielles - Geheimnis bleiben.

Anfang 1918 erschien »Es werde Licht« II. Teil. Das »interessante« Thema zog ungemein. Als im März 1918 der III. Teil aufgeführt wurde, stand die Premiere unter dem Protektorat der »Aerztlichen Gesellschaft für Sexual-Wissenschaft«, i. A. Sanitätsrat Dr. Koerber. Oswald hatte den dritten Streifen mit Werner Krauss, Else Heims. Heinrich Schroth (Vater von Hannelore und Carl-Heinz Schroth) und Theodor Loos in den leitenden Rollen gedreht. Sein Fachberater war einer der bekanntesten (und umstrittensten) Sexualpsychologen, Dr. Ivan Bloch. Oswald füllte den großen Theatern monatelang die Kassen.

Am 12. November 1918 fällten die Vereinigten Arbeiter- und Soldaten-Räte die moralischen Schranken: »Eine Zensur findet nicht statt. Die Theaterzensur wird aufgehoben«. Damit fielen auch beide Film-Zensuren, die militärische und die der Polizei. Die Folge war eine Springflut von zweideutigen und sogar eindeutigen Filmen. Mit freier Darstellung intimer Szenen servierten die Filmproduzenten ihrem Publikum im dunklen Kinosaal erotische Erregung. Das paßte gut zu den chaotischen Verwirrungen dieser Zeit.

Der seit 1911 bekannte Begriff »Schundfilm« wurde die beliebteste Vokabel im Kampf gegen die Kinos. Schmutz- und Schund-Apostel aus bürgerlichen Kreisen charakterisierten die Kinos als »Lasterhöhlen und Unzuchtfabriken«.

Es schien tatsächlich so zu sein. 1919 wurden 52 Filme gedreht, aus deren Titeln allein schon ihr attraktiver Inhalt zu entnehmen war. Manchmal täuschten die Titel »Genüsse« vor, die gar nicht gezeigt wurden. Aber dann gab es Streifen, die hinter harmlosen Ankündigungen handfeste Unzucht verbargen.

Wenn man die Kinoprogramme der damaligen Zeit sieht, muß man annehmen, daß das Deutschland von 1919 ein einziges trauriges Freudenhaus war. Im Deutschen Institut für Filmkunde in Wiesbaden-Biebrich ist ein großer Kartei-Kasten für »Verbotene Bilder« reserviert. Das sind Schaubilder aus Filmen der zensurlosen Zeit, die dann die ersten, berechtigten Opfer der wiedererstandenen Zensurbehörde wurden. »Verboten - Filmprüfstelle Berlin« hieß der gefürchtete rote Stempel.

Diese Bilder waren - Schaubilder - zum Straßenaushang vorgesehen. Es sind Bilder darunter, über die man heute lächelt. Aber es sind Bilder dabei, die man auch heute bei aller Großzügigkeit nicht zeigen kann.

Ein Foto aus dem Film »Verheimlichte Sünden« zum Beispiel. Die Sünderinnen waren echt, Laienspieler aus der Ackerstraße, Berlins Scheunenviertel.

Da ging es in »Frauen, die nicht lieben dürfen« etwas gesitteter zu. Auf einer runden sektübergossenen Tafel steht ein überdimensionaler Tortenteller. Auf ihm zeigen sich Damen mit spärlichem Textilverbrauch. Eine vollbusige Dame inszeniert zwischen ihnen und den sektgurgelnden Herren (natürlich im Frack) ein neckisches Pfänderspiel. Jeder Herr darf an einem Band ziehen, dessen anderes Ende eine der lustigen Damen in der Hand hält. Mehrere der Kavaliere ziehen gleich an zwei Bändern. Sie ahnen nicht, welche Ueberraschung ihnen blüht. Sie haben offensichtlich Oswalds Aufklärungsfilm »Es werde Licht« noch nicht gesehen. Denn auf einigen Stühlen liegen bereits zerknitterte Reste vom Bandelspiel.

»Das Recht der freien Liebe« hieß ein anderer Streifen. Er ist glücklicherweise verschollen wie fast alle seiner Kollegen dieser Epoche. Aber ein Bild blieb noch zurück: Da sitzt Vater in Hosenträgern auf der Chaiselongue, Kragen auf, natürlich durch Sekt animiert. Zwei Damen der besseren Halbwelt tummeln sich mit ihm auf den bürgerlichen Möbeln. Eine dritte in einer weißen Mischung zwischen Abendkleid und Nachthemd nimmt gerade die Peitsche. Eine Vierte steht pikiert abseits. Vater hat sich entschieden und muß die Peitsche spüren.

Hegewald-Film verriet »Das Geheimnis der Villa Saxenburg«. Da tanzen sechs Mädchen auf dem Abendbrottisch dieses eigenartigen Etablissements. Diener stehen mit Flaschen in den Händen herum. Die Gläser haben sie vorsichtigerweise schon abgeräumt. Man ist ja bereits bei der Nachspeise. Zerbrochene Gläser konnten Hegewalds im Atelier nicht gebrauchen.

»Lotte, das Warenhausmädchen, Abt. Damenwäsche« hieß vielversprechend ein anderer Film. Das Bild im Schaukasten an der Straße verriet der Jugend unzweideutig, welche Vergnügungen die Erwachsenen kannten: Lotte Nr. 1 macht in Spitzenhemdhöschen Brücke. Lotte Nr. 2 liegt auf dem Schoß des Warenhaus-Direktors oder was das sonst für ein unternehmender Herr war. Lotte Nr. 3 schenkt Sekt nach. Ohne Sekt ging es ja nicht im Sittenfilm. Wenn es auch in Wirklichkeit Brauselimonade war, die genau so gut sprudelt. Hinten auf einem Sims steht die Büste Napoleons und wundert sich über die Brücke.

Von ungeheurer Wichtigkeit scheint damals auch die Warnung der heranwachsenden weiblichen Jugend vor dem Mädchenhandel gewesen zu sein. Offenbar waren bei jedem Schwof in jedem Dorf drei passionierte Mädchengroßhändler anwesend, um nach neuer Ware Ausschau zu halten. »Mädchenhandel« wurde ein beliebtes Thema, als die krasse Pornographie zu einigen schweren Kinoschlägereien geführt hatte. So zerriß das Publikum während eines besonders unanständigen Streifens in Düsseldorf die Kinoleinwand in 1000 Fetzen. Ausnahmsweise nicht aus Enttäuschung.

Vom Mädchenhandel handelte »Plüsch und Plümowsky«. Das war ein Sittenfilm der Spätlese, Mitte der Zwanziger Jahre. Der spätere Marika-Rökk-Gatte Georg Jacoby verfilmte ihn nach einem saftigen Schmöker von Norbert Jacques. Der Film stolperte nur schwer durch die Zensur. Der zweite Titel hieß: »Das Frauenhaus von Rio«. Der dritte Titel: »Die Hölle von Rio«. Der Stoff erwies sich damals als so lockend, daß Jacques seinen Stoff 1950 noch einmal verkaufen konnte. Die Standard-Film drehte nach diesem Standard-Schmöker »Export in Blond«.

Aber der Karteikasten »Verbotene Bilder« im Institut für Filmkunde zeigt noch eine andere Gattung Filme als sittengefährdend. Das sind die Filme, die mit sadistischen Sensationen die Zuschauer schockieren sollten. Zum Beispiel diese:

»Chauffeur 6357": Der Kopf des armen Fahrers ist bereits auf das Gleis geschnallt. Hals direkt auf der Schiene. Gleich kommt der Nordexpreß. Die vier Banditen schnallen ihn noch fester. Das wird gefährlich, der Chauffeur schielt schon nach dem Zug.

Oder »30 Sekunden vor dem Tode": Der Häftling sitzt auf dem elektrischen Stuhl, wie ihn sich der kleine Moritz vorstellt. Viele geringelte Drähte führen zum Unglück. Gleich kommt der Stromstoß.

Oder »Tötet nicht mehr!": Ein armes Menschlein mit schmutzigen Füßen und nackter Brust liegt festgeschnallt unter einem gezahnten Hackebeilchen. Der Gefesselte stiert auf die scharfen Zähne, das Beil pendelt immer hin und her und kommt immer näher, herunter, auf seinen Hals zu. Im Hintergrund die Kerkermauern aus Pappe.

Oder »Bricks Sommernachtstraum": Das letzte Stündlein wird dem Delinquenten durch den Pfarrer erleichtert. Beide schnappen nach Luft, der Pfarrer wegen Asthma, der Sünder, weil er mit einem Seil geschmückt ist. In Halshöhe.

Manche der Sittenfilme wurden gleich unter vier, fünf verschiedenen Titeln angekündigt. Ein Titel mußte doch ziehen, wenn es »Edith, die weiße Sklavin« allein nicht schaffte. Ediths Schicksal wurde unter so reißerischen Schlagzeilen wie »Hyänen der Lust«, »Der Weg, der zur Verdammnis führt«, »Verkaufte Seelen« angepriesen. Der Inhalt war halb so schlimm. Das ist er:

»Edith ist das einzige Kind kleinbürgerlicher Eltern. Der Vater trägt einen dichten schwarzen Vollbart und auf dem Hinterkopf eine kleine Glatze. Er ist Beamter in einem französischen Ministerium, und auch seiner Frau sieht man an, daß die Sorgen ums tägliche Brot nicht gerade jünger und schöner machen. Edith hat aber auch einen Bräutigam, einen herzigen jungen Mann, der es gewiß auch einmal bis zum Unterbeamten in einem französischen Ministerium bringen wird. Im übrigen trinken sie alle miteinander gerade Kaffee.

»Vater liest die Zeitung und findet eine Annonce, in der junge gebildete Mädchen gegen hohes Gehalt für Stellungen im Ausland gesucht werden. Edith ist Feuer und Flamme. Der Vater auch. Sie gehen in das Hotel, wo die guten Stellen vergeben werden. Eine sehr schicke Dame engagiert Edith sofort. Das Gesicht der Schicken macht gerade keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Aber das merkt nur das Publikum. Edith ist glücklich.

»Dann wird Abschied genommen am großen Schiff. Küsse, Umarmungen, Tränen, Tücherschwenken, zwischendurch reißt der Film mal, aber da kommt gerade im letzten Augenblick noch die schicke Dame aus dem vorigen Akt in einem eleganten Auto angesaust. Das Schiff streicht durch die Wellen. Fridolin.

»O jeh, die arme Edith hat sich verändert, als wir sie wiedersehen. Statt des bescheidenen Konfektionskleides hat sie ein elegantes Deshabillé an, tief ausgeschnitten und tief unglücklich. Die schicke Dame tritt ein und will was. Aber Edith weigert sich. Da erscheint ein junger Herr im Frack. Er hat gerade Sekt getrunken und will auch was. Die schicke Dame hohnlacht und entfernt sich Edith verbarrikadiert sich hinter einem Tisch. Der junge Herr lacht schallend und verfolgt sie mit Panthersprüngen. Jagd um den Tisch. Er erwischt sie und schleudert sie auf die Chaiselongue. O lala. Die Hälse der Zuschauer recken sich, ihr Atem geht schwer. Edith wehrt sich. Plötzlich bekommt sie den jungen Herrn am Halse zu fassen, würgt ihn und schleudert den Frack samt Inhalt von der Chaise auf den Boden. Edith hinterher. Ihre Technik ist hervorragend. Sie würgt ihn weiter, bis er auf einmal beide Arme wie Windmühlenflügel in die Luft spreizt. Aus ist's mit ihm. Bravo Edith, der tut nichts mehr.

»Im nächsten Akt schreibt Edith einen verzweifelten Brief an die Eltern. Obwohl sie nicht die Hausnummer ihrer lustigen Bleibe weiß. Zu Hause Entsetzen und Verzweiflung. Der Bräutigam wird Edith suchen und befreien. Er findet einen Detektiv der Stuart-Webbs-Klasse als Verbündeten. Das Publikum beginnt aufzuatmen.

»Im Hause der weißen Sklavinnen feiert man eine Orgie. Viel Eleganz. Nur daß die Herren etwas angetrunken sind, die Damen Cancan tanzen und eine sogar einen kleinen Bauchtanz riskiert. Edith steht abseits. Aber die Rettung ist nahe, der Bräutigam kommt.

»Edith hat aus Bettlaken ein ungeheures Seil geknüpft, das sie von der Zimmertür durch Fenster leitet. An dem Seil rutscht sie auf die Straße hinunter, wo ihre Befreier sie auffangen und mit ihr in einem Einspänner davonjagen.

»Aber die Länge des Filmes reichte noch nicht. Darum merken die Sklavenhalter schnell ihren Verlust und jagen hinterher. Wettfahrt auf einer endlosen Chaussee. Schlägerei um die weiße Sklavin, endgültige Befreiung durch die Polizei, Umarmung der noch immer unschuldigen Edith durch ihren Bräutigam. Endlich Ende.«

»Die weiße Sklavin« hatte ihre Schuldigkeit getan. Produzent, Verleiher, Theaterbesitzer zählten das Geld und rieben sich die Hände.

Das lockende Thema »Mädchenhandel« bot viele Möglichkeiten. Hier konnten die Produzenten die schönsten, kinogerechten Kontrastwirkungen zwischen der holden, blütenweißen Unschuld, den verruchten Sklavenhändlern in Frack und Glacéhandschuhen mit den Allüren eleganter Gentlemen und den verworfenen Verführern herausarbeiten.

Aber die »Aufklärungsfilme« stießen oft genug auf Empörung. So ging es auch der unschuldigen »weißen Sklavin« Edith. Eine Zeitung entrüstete sich so: »Bei der Denkweise der meisten jungen Mädchen von heute besteht Gefahr, daß es sie gelüstet, einmal die Rolle dieser durch den Film interessant gemachten Heldin Edith zu spielen, und dabei ist es weniger der Reiz, ihre standhafte Tugend zu beweisen, als mit süßem Schaudern die Sensationen der Sinne zu kosten, was den Antrieb bildet. Das Bedürfnis, sich zu schmücken und zu putzen und äußerlich zu glänzen, ist in der heutigen Jugend und besonders in der weiblichen so unwiderstehlich und groß, die moralischen Hemmungen sind dagegen so gering und schwach, daß es keinen großen Zaubers bedarf, um ihre Festigkeit zu erschüttern. Diese Gattung von Filmen zeigt den kürzesten Weg, auf dem man mühelos zu der im Leben oft bewunderten und beneideten Eleganz gelangen kann.«

Die Moralapostel hatten keine Mühe, das ganze Filmwesen zu verdammen. Sie brauchten nur eine Liste von Filmtiteln aufzuführen, wenn sie zum Kampf gegen das Kino aufriefen. Diese Liste aber würde etwa so ausgesehen haben:

Ich bin die flotte Liese, Gezeichnete Mädchen, Freie Liebe, Nelly will nicht, Käufliche Liebe, Der Verführer, Der Saal der sieben Sünden, In den Krallen der Sünde, Im Rausch der Sinne, Der Kampf der Geschlechter, Die Tochter der Prostituierten, Nicht doch - Männe!, Die nur für Geld lieben, Halbe Unschuld, In der Höhle des Lasters, Opfer der Schande, Sklaven der Sinnlichkeit, Die sich verkaufen, Die nach Liebe dürsten, Die Launen eines Lebemannes, Das einsame Wrack, Der Kelch der Keuschheit, Zwangsliebe im Freistaat (die Sozialisierung der Frauen), Sündiges Blut, Der Schrei nach dem Manne.

Die Ankündigungen zu diesen Filmen strotzten von aufreizenden Vokabeln. So hieß es zu »Das Gift im Weibe": »Leidenschaft, Liebe, Sinnlichkeit und Sinnengier, Leichtlebigkeit und Geldhunger werden durch die scharfe Charakteristik der Darsteller naturgetreu gezeichnet. Das Gift? Extrakt alles Bösen im Weibe. Das Weib? Ein ewig unergründliches Rätsel. Fünf Akte, in denen sich die Ueberraschungen jagen, eine Darstellung, berückend, hinreißend und ergreifend, ein Film, in dem die Leidenschaften wühlen, ein Film, dem nichts Menschliches fremd ist.«

Reinhold Schünzel spielte die Hauptrolle in »Seine Beichte« (Die Bekenntnisse eines Lebemannes). Dazu die Ankündigung: »Wie das sprüht, schwellt und aufflammt vor immer neu aufgepeitschten Süchten, äußersten Reizen! Betäubendes Gift, aussaugende Gier, trunkene Schönheitskultur, und über dem allen die höhnisch thronende Kälte der maßlos gesteigerten Ichsucht. Ein zitternder Gluthauch fegt durch die Schilderung.« Zum Schluß noch eine Spritze Moralin: »Aber freilich auch ein empörter Warnungsruf an jene verzerrte Welt, der die Verfasserin mit virtuoser Kühnheit ein grelles Spiegelbild schuf.«

Der Regisseur dieser »schwellenden Beichte« hieß Richard Oswald. Oswald konnte den Erfolg seiner vier Aufklärungs-Reißer »Es werde Licht« nicht vergessen. Er hatte die richtige Hand für heikle Themen. Er wußte, wieweit er gehen mußte, um sein Publikum heftig zu interessieren. Er wußte, wo die (äußerste) Grenze lag, hinter der man die Zuschauer verärgert. Die Sittenfilme mit den größten Erfolgen kamen von Oswald. Von dem Oswald, der Conrad Veidt, Lya de Putti und Wilhelm Dieterle entdeckte. Der in Deutschland so ausgezeichnete Tonfilme wie »Dreyfuß«, »Der Hauptmann von Köpenick«, »Unheimliche Geschichten« und den erregend guten »Alraune« schaffen sollte.

Richard Oswald mußte Deutschland 1933 verlassen. Nach Zwischenlandungen in Paris und London landete er - wie alle Filmemigranten - in Hollywood. Er kam von dort noch nicht zurück. Nur seinen Sohn Gerd schickte er in die alte Heimat. Als Regieassistent von Anatole Litvak traf Oswald jr. Sommer 1950 in München-Geiselgasteig ein, um »Die Legion der Verdammten« für die Centfox zu drehen. Der größte Erfolg des Sitten-Oswald war ohne Zweifel »Prostitution«, gepriesen als »Der Film der Filme«. Mehr als die Hälfte des Streifens spielte im Bordell. Es war das Schicksal zweier Mädchen aus sozial verschiedenen Schichten, die aus Not und Neugier auf die Straße der Prostitution rutschen. Erst zeigte Oswald ihren Glanz und ihr Wohlleben, dann Absturz und Abgrund.

Der Meister des Dirnen-Films nahm die sexuellen Probleme »rein wissenschaftlich«. Sein Hauptmitarbeiter war der Berliner Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld, der manches detaillierte Brevier für Wißbegierige geschrieben hat.

»Prostitution« hatte in München einen ungeahnten Erfolg: Laut Polizeiakten meldete sich eine Anzahl junger Mädchen bei der Polizei, die gern Registrierungskarten für Straßenwandel haben wollten. Ihre Begründung: Sie hätten »Prostitution« gesehen, das sei so schön, das möchten sie auch mitmachen.

In seinem sendungsbewußten Streben als Aufklärer kam Richard Oswald im Strafgesetzbuch bis zu § 175. Magnus Hirschfeld war begeistert von dem Gedanken, einen Film um das Schicksal der Homosexuellen zu drehen.

Hirschfelds Hauptziel: Abschaffung des § 175. Mit dem Eifer des Spezialisten stürzte Hirschfeld sich auf die filmische Propagierung seiner Lebensarbeit. Oswald witterte das große Geschäft, das mit einem intimen Bericht über die strafbare Liebe zum gleichen Geschlecht zu machen war.

Beide zusammen drehten »Anders als die Andern«, das romanhafte Schicksal eines Homosexuellen. Da lebt ein begabter Violinvirtuose seiner anomalen Veranlagung gemäß. (Conrad Veidt spielte auf der Violine.) Durch seine Neigung fällt er in die Hände eines Erpressers und kommt schließlich vor Gericht. Die Richter sind altmodisch, so daß sich »Conny« vergiftet, um der Strafe zu entgehen. Am Schluß des Films sah man in Großaufnahme das Strafgesetzbuch, in dem ein dicker Pinsel den § 175 durchstreicht.

Richard Oswald hatte sich bestimmt nicht verrechnet. Vier volle Wochen bei unvermindertem Andrang lief »Anders als die Andern« allein im Berliner Prinzeß-Theater. Da Oswald-Filme hier stets Kassenschlager waren und »Prinzeß« sowieso zu reaktionär klang, taufte der Besitzer sein Kino in »Richard-Oswald-Lichtspiele« um.

Proteste der Oeffentlichkeit störten nicht. Presseberichte: »Man kann einen geistigen Brechreiz bekommen angesichts dieser Aufklärung!« - ließen Oswald ebenfalls kait.

Der Reiz der sexuellen Grenzfälle verlockte noch andere Regisseure zum schlüpfrigen Zelluloid. Da hieß ein Film treffend »Aus eines Mannes Mädchenjahren«. Der Verleih pries an: »Erika Glässner verkörpert den Pseudohermaphroditismus in selbstverleugnender Charakterisierungskunst. Sie stellt den/die unselig Behaftete(n) in spannenden Szenen dar, als armes Menschenkind von unbestimmtem Geschlecht, Szenen, die alle Tragik der sexuellen Zwischenstufe festhalten.«

In der Hochzeit der Sittenfilme ging in den Berliner Filmcafés das Sprichtwort um: »Jeder einmal im Lotterbett!« Es gab damals kaum eine Schauspielerin, die nicht im Film ihre dirnischen Qualitäten gezeigt hatte. Kaum einen Darsteller, der sich nicht als Zuhälter oder zahlender Gast des Freudenhauses aufs Zelluloid gebannt sah.

Bei vielen Filmen dieser losen Epoche kam es zu Tumulten. So auch bei »Warum das Weib am Manne leidet und der Mann am Weib« (Untertitel »Das rächende Gift"). Schließlich wurde das doppelte Leiden polizeilich verboten. Aber nicht etwa wegen moralischer Bedenken. Nein, der Urania-Verlag in Oranienburg hatte ein Verbot erwirkt, weil dort einige Jahre zuvor ein Buch von Reinhold Gerling erschienen war, das denselben 41-Buchstaben-Titel trug. Für neue Titel hatte die mickrige Filmfabrik Deitz & Co. kein Geld mehr.

Mehr und mehr Organisationen protestierten gegen die sittenverderbenden Sittenfilme. So auch mit Suffragetten-Umzügen und flammenden Aufrufen der Stadtbund Dresdner Frauen.

Da bekamen die Fabrikanten optischer Ausschweifungen Juni 1919 Hilfe von einer Seite, die ihnen gar nicht sympathisch war: In einer öffentlichen Erwiderung polemisierten die lustwandelnden Mädchen von Dresden gegen die Damen vom Stadtbund. Ihr Schreiben ging als zeittypisches Kuriosum in die deutsche Filmgeschichte der zwanziger Jahre ein:

»Wir gefallenen Mädchen beklagen den sittlichen Tiefstand und die Unmoral der 'Kavaliere', die angenehme Stunden mit uns verbringen und uns behandeln, als ob wir Spielbälle wären und ihre selbstverständlichen Opfer. Unsere außerehelichen Kinder schreien nach Rache. Wollen die Damen der Gesellschaft vielleicht noch länger über dieses grenzenlose Elend Stillschweigen bewahren, wort- und tatenlos zusehen? Was in letzter Zeit in den Kinos vorgeführt wurde, sind rein aus dem Leben gegriffene Tatsachen, an denen nichts zu ändern ist. Es ist die höchste Zeit, daß dieses sittenlose Treiben der Kavaliere einmal an die Oeffentlichkeit kommt und dagegen die schärfsten Maßnahmen getroffen werden. Die Jugend muß gewarnt werden, damit sie sich vor solchen Elementen schützen kann. Bei der nächsten Versammlung des Stadtbundes der Dresdner Frauenvereine werden einige gefallene Mädchen den Damen ihre Erlebnisse und die Verführungskünste der sogenannten Kavaliere schildern.«

Wie dieser illustrative Besuch der verführten Mädchen bei den vereinten Damen verlief, weiß keine Chronik zu melden. Aber der Ruf nach einer neuen Zensur war inzwischen einem vielstimmig schreienden Chor gewichen. Den konnten die in Weimar tragenden Nationalversammler nicht überhören. Und den Filmleuten gellte er gefährlich in den Ohren.

Da war es die Ufa, die die vernünftigen unter den Filmfabrikanten zusammentrommelte. Das Sitten-Schuldkonto der Ufa war kurz »Es werde Licht« 4mal, »Moral und Sinnlichkeit«, »Die Verführten«. Die Ufa und die anderen alteingeführten Firmen wollten nun einen Weg aus dieser filmischen Haltlosigkeit finden.

Am 31. Oktober 1919 beschloß man, eine Branchenvorprüfstelle für Filme zu schaffen. Das sollte eine freiwillige Zensur, eine Art Ehrenzensur, eine Selbstkontrolle sein. Wer die von der Zensur abgelehnten Filme spielte, sollte vom Zentralverband der Filmverleiher gesperrt werden. Die Zensurkarten sollten den Stempel »Prüfungsstelle der deutschen Filmindustrie« tragen. Die Entscheidungen sollten dann von allen deutschen Behörden als bindend anerkannt werden.

Die praktische Arbeit begann gleich. Als erste Maßnahme verlangte die Ufa »Maßnahmen, um die noch auf dem Markt befindlichen Aufklärungsfilme zu unterbinden und einzuziehen.«

Die Zensur stand als drohendes Schreckgespenst über dem deutschen Film. Noch in letzter Stunde wollte man die Gefahr abwenden. Zu spät. Zuviel Boden war verloren durch hemmungslose Filmkamera-Kurbelei.

»Die für eine Selbstkontrolle in Betracht kommenden Personen haben doch wahrhaftig seit der Revolution Zeit genug gehabt zu zeigen, ob sie dazu imstande sind.« Man traute keinem Filmmann mehr Selbstbeschränkung zu.

So kam es, daß Männer, die jahrzehntelang für die Freiheit der Meinungsäußerung gekämpft hatten, in der neuen Reichsverfassung bereits die Scheren für den Film vorsahen. Der Artikel 32 der Weimarer Verfassung hatte in der ersten Lesung folgenden Wortlaut: »Jeder Deutsche hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck oder Bild seine Meinung innerhalb der Schranken der guten Sitten und der allgemeinen Gesetze frei zu äußern.« Und weiter: »Eine Zensur findet nicht statt. Doch können durch Reichsgesetz Bestimmungen über vorgängige Vorführung von Lichtspielstücken unter Hinzuziehung von Sachverständigen auf dem Gebiete der Kunst und der Volkserziehung getroffen und auf Grund derselben Verbote erlassen werden.«

(Fortsetzung folgt)

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