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Japan »KISTE MIT SIEBEN SIEGELN«

Jahrzehntelang hatte die erdbebenerfahrene Nation im Glauben gelebt, Katastrophen beherrschen zu können. Nun wurde der Gigant verwundet: Notfallpläne und Warnsysteme versagten, vermeintlich sichere Bauten kollabierten, die Infrastruktur liegt in Ruinen. Der modernste Industriestaat der Welt bangt vor dem nächsten Erdbeben.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Die Schilderung las sich furchterregend, aber kaum jemand mochte sie richtig ernst nehmen: »Menschenmassen stürzten mit den einknickenden Brücken in den Kamo-Fluß und ertranken, zusammenbrechende Häuser begruben unzählige Opfer unter sich, andere wieder wurden von der panischen Menge totgetrampelt. In einem kurzen Augenblick starben mehr als 4000 Menschen, und 13 000 wurden schwer verletzt. Ganze Stadtteile von Kyoto lagen verwüstet. Die Wirkung auf die Nation war ungeheuer: Die Geißel Erdbeben hatte auf das lange Zeit friedliche Westjapan übergegriffen.«

So stand es in einem Horrorszenario, das der Science-fiction-Autor Sakyo Komatsu vor mehr als 20 Jahren verfaßte. Titel des Gruselbuchs: »Nihon chinbotsu« - Der Untergang Japans.

Komatsu hatte sich einen ungewöhnlichen Auftakt für sein fiktives Mega-Desaster ausgedacht. Denn der japanische Archipel ist zwar die am stärksten von Erdstößen gefährdete Region der Welt. Aber Westjapan, das »Kansai« genannte Gebiet auf der Hauptinsel Honshu um die Millionenstädte Osaka, Kobe und Kyoto, galt als nahezu bebenfreie Zone der Glückseligen. Im Erdbebenkrisenkataster, das Japans Regierung in Tokio führt, ist die Region gar nicht berücksichtigt.

Vergangenen Dienstag holte die Wirklichkeit die Fiktion ein - mit verblüffender Exaktheit. Um 5.46 Uhr brach die Erde ohne jede Vorwarnung auf. Kobe, eine der schönsten Städte Japans, wichtiger Industriestandort und bedeutendster Containerhafen des Landes, sank in Schutt und Asche. Die Zahl der Todesopfer stieg bis Ende der Woche auf mehr als 4500.

Derlei hatte es in Japan seit über 70 Jahren nicht mehr gegeben. »Natürlich wußten wir, daß ein schweres Erdbeben irgendwann in nächster Zeit bevorstehen würde«, meinte ratlos ein Geologe der Hitotsubashi-Universität in Tokio, »aber im Kansai konnten wir es nicht vermuten.«

Zwanzig Sekunden nur dauerte die Erschütterung, doch es reichte aus, über 40 000 Gebäude einstürzen zu lassen und 270 000 Menschen obdachlos zu machen. Betonträger von Hochstraßen knickten auf einer Länge von Hunderten Metern wie Streichhölzer weg, Schienen wurden aus ihrem Bett gerissen und wie Äste der Zirbelkiefer verdreht. Geborstene Gasleitungen ließen noch Tage nach dem Beben immer neue Brände aufflammen; überall waren die Wasserrohre gebrochen, und die städtischen Löschwasserreservoirs hatte die Feuerwehr schnell geleert.

Die Katastrophe traf die Nation am empfindlichsten Knotenpunkt und lähmte schlagartig die Infrastruktur des nach Tokio größten Industriezentrums der Wirtschaftsgroßmacht.

Die Hanshin-Autobahn, die Kobe mit Osaka verbindet, war unterbrochen, die Bahnlinien lagen still. Hätte die Erde nur 20 Minuten später gebebt, wären die vier ersten Shinkansen-Superschnellzüge, je 1300 Fahrgäste an Bord, mit 220 Stundenkilometern ins Verderben gerast. Die Gleistrasse, die in 40 Meter Höhe über Wohngebiete führt und angeblich erdbebensicher gebaut war, hielt nicht stand.

Alle diese Verkehrsverbindungen führen an einem der engsten Küstenstreifen vor den Bergen vorbei. Die langgestreckte, nur auf der Südseite stark besiedelte Hauptinsel Honshu war praktisch in zwei Teile zerrissen.

Im Zwölf-Millionen-Einwohner-Dreieck Kobe-Osaka-Kyoto entstehen zwölf Prozent der japanischen Industriegüter, über zehn Prozent der Exporte des Landes fließen über den Hafen von Kobe ab. Der hochmoderne Containerterminal liegt für mindestens drei Monate still.

Etwa 30 der 500 weltgrößten Industrieunternehmen werden vom Städtekonglomerat in der Mitte Japans aus dirigiert. Obwohl viele von ihnen nur geringe Schäden erlitten, mußte die Fertigung gestoppt werden: Mitarbeiter und Zulieferungen blieben im defekten Verkehrssystem stecken. Mehr noch als der Zusammensturz von Häusern und Fabriken lähmte der Kollaps sämtlicher Transportwege die Wirtschaftskraft des Inselreichs.

Sogar weit vom Erdbeben entfernte Unternehmen wie Toyota, Honda und Mazda in Hiroschima waren vom pünktlichen Materialfluß, Grundlage des gerühmten japanischen Lean-Production-Systems, abgeschnitten. Die vielfach verzahnte, stets aber zu einer zentral gelegenen Endfertigungsstätte führende Logistik ist zerstört. Japan muß improvisieren.

Auf bis zu 100 Milliarden Mark wird der Gesamtschaden veranschlagt, mindestens drei Jahre dauert der Wiederaufbau. Vermutlich wird alles noch weit teurer als gedacht, weil nach den neuen Erfahrungen höhere Sicherheitsstandards eingeführt werden sollen.

Das meiste davon muß der Staat zahlen - oder der kleine Mann. Nur drei Prozent der Hausbesitzer von Kobe hatten eine Erdbebenversicherung abgeschlossen.

Ministerpräsident Tomiichi Murayama flog zwei Tage danach vor Ort, verbeugte sich in Turnhallen und Notunterkünften vor dem Leid der Opfer und murmelte immer wieder: »Sie haben eine schwere Zeit. Dies übertrifft jede Vorstellungskraft.«

Einige der Betroffenen verloren die sprichwörtliche japanische Höflichkeit: »Ich möchte fließendes Wasser sehen, nicht Murayama«, schimpfte ein Mann, der Wasser aus einem Brunnen schöpfen mußte.

Mit einem Schlag fand sich Japan, eines der reichsten und entwickeltsten Länder der Welt, gleichsam in Lebensverhältnisse der Dritten Welt zurückgeworfen. Das Selbstbewußtsein der Nation, die so technikgläubig ist wie keine andere, war schwer getroffen. Verflogen für den Augenblick der Optimismus, mit Wissenschaft und perfekter Organisationskunst alle Widrigkeiten der Natur in den Griff zu kriegen.

Kobes Bürgermeister erklärte im Fernsehen - das wegen Stromausfalls nur wenige empfangen konnten -, die Gemeinde könne kaum mehr als ein Drittel der Obdachlosen mit Trinkwasser und Nahrung versorgen. Zehntausende kampierten bei winterlichen Tagestemperaturen um den Gefrierpunkt auf der Straße - etliche vor nur mäßig beschädigten Häusern, in die sie aber aus Angst vor Nachbeben nicht zurückzukehren wagten. Experten halten ein ähnlich schweres Beben an gleicher Stelle binnen Wochen für wahrscheinlich.

Nicht immer widerstanden Disziplin und Anstand dem Streß. Gouverneur Kazuo Nakagawa von der benachbarten Präfektur Osaka, viel weniger betroffen als Kobe, beschimpfte das Heer der Flüchtlinge: »Sie sollten für sich selbst sorgen, aber sie erwarten, daß andere es für sie tun.«

Doch solche Ausfälle blieben die Ausnahme. Solidarität, Zurückhaltung und Bürgersinn, in Japan seit Jahrhunderten zu höchsten Tugenden entwickelt, erwiesen sich als weitgehend intakt. »Das war ein seltsam ordentliches Desaster«, wunderte sich ein Europäer in Kobe.

Niemand versuchte, vom Elend des anderen zu profitieren. Ladenbesitzer verkniffen sich Preiserhöhungen. Plünderungen gab es so gut wie gar nicht - ein frappierender Unterschied zu den Ausschreitungen, wie sie in Kalifornien regelmäßig in ähnlichen Situationen vorkommen.

Die 30 000 Soldaten, welche die Regierung mit Verspätung nach Kobe entsandte, mußten nicht die öffentliche Ordnung wiederherstellen; sie halfen bei der Brandbekämpfung und dem Wegräumen der Trümmer.

Im Stadtteil Nada steht, festungsgleich und unbeschädigt, das Hauptquartier der Yamaguchi-gumi, Japans größtem Unterweltsyndikat. Die mitfühlenden Gangster verteilten kostenlos Brot, Nudeln, Milchpulver, Wasser und Windeln für Babys. Die Bedürftigen standen zu Hunderten an. »Das Syndikat«, sagte eine Frau, die ihre Ration entgegennahm, »nimmt in dieser Notlage den Platz der Behörden ein.«

Das Fernsehen, allen voran der halbstaatliche Mediengigant NHK, sendete pausenlos Sicherheits- und Notstandsinformationen. Zwangsläufig verbreitete es dabei auch die Bilder des Elends live bis in die abgelegensten Provinzwohnstuben.

Ein ungewohntes Entsetzen schüttelte die japanische Seele: Zerlumpte, frierende Gestalten, die nach einer Handvoll Reis anstanden; Büroangestellte, die aus Straßenpfützen Wasser schöpften und aus Draht Kochstellen bastelten; Greise, die sich vor Kälte zitternd in gespendete Decken wickelten.

Solche Bilder waren nur den ganz Alten aus schrecklicher Nachkriegszeit erinnerlich. Jüngeren Japanern muteten sie an wie Phantomszenen aus vorgeschichtlicher Zeit, da Nippon noch arm und ein weltwirtschaftliches Nichts war.

»Auf den Philippinen oder sonstwo in der Dritten Welt ist so etwas bei Naturkatastrophen normal«, sagte der Soziologe Zenta Nakashima von der Universität Niigata, »aber Japaner fühlen sich jener Welt nicht zugehörig.«

Zwei Tage nach der Erschütterung äußerte sich erstmals der Kaiser zum Unglück der Nation. Er hoffe »aus ganzem Herzen«, daß Japans »Weisheit dazu eingesetzt« werde, sprach Akihito, »unser Land stärker und sicherer gegen Katastrophen zu machen.«

Da gibt es beträchtlichen Nachholbedarf. Immer wieder hatte man den obrigkeitsgläubigen Bürgern versichert, Japans Bautechnologie sei so perfekt, daß sie auf die schlimmste Katastrophe eingerichtet sei. Genau ein Jahr vor Kobe hatte im kalifornischen Los Angeles die Erde gebebt. Japanische Experten sparten damals nicht mit Rat und Kritik. »Die amerikanischen Brückenpfeiler waren recht schlank«, urteilte Yasuhiko Iwasaki vom Straßenbauamt der Regierung in Tokio, »dadurch sind sie zwar flexibel, aber nicht so haltbar.«

Wie Hohn klingt heute seine Expertenfolgerung: »Japan ist ein Erdbebenland, das aus dieser einmaligen Erfahrung heraus besondere Technologien entwickelt hat.«

»Wir haben in einer Illusion gelebt«, sagt Professor Nakashima, »da wir uns sicher fühlten.« Diese schmerzhafte Erkenntnis belastet das japanische Kollektivbewußtsein langfristig schwerer als der akute materielle Schaden, den die zweitmächtigste Industrienation mit den größten Sparreserven der Welt leicht bezahlen kann.

Die Banken versprachen eine großzügige Kreditvergabe. Wie schon in Südkalifornien nach dem Los-Angeles-Erdbeben von 1994 wird auch in Japan das Aufräumen in ein monumentales Konjunkturprogramm ausufern. Tokios Aktien- und Devisenbörsen blieben denn auch weitgehend unbeeindruckt. Eine zwingende Lehre aus der Katastrophe hat Ministerpräsident Murayama bereits verkündet: Japan müsse seine Warnsysteme überprüfen und künftig »Städte mit mehr Sicherheitsvorkehrungen planen«. Strenge staatliche Normen, seit Anfang der siebziger Jahre in Kraft, wurden häufig unterlaufen - auch in Japan ist Pfusch am Bau durchaus üblich.

Zum anderen verhindern enge Räume und horrende Grundstückspreise eine vorausschauende, konsequente Stadtplanung. Freiflächen, die Schutz und Sicherheit im Ernstfall bieten, fehlen in den total zugebauten Städten fast gänzlich. Und was nutzen High-Tech-Standards, wenn - wie in Kobe - fast 90 Prozent aller Wohnhäuser aus dünnwandig vernagelten Holzrahmen bestehen? Sie stürzten unter der Last ihrer Ziegeldächer ein und brannten anschließend lichterloh.

Und der nächste Knall kommt ganz bestimmt. Über Zeitpunkt, Dauer und Stärke wird unter Seismologen noch gestritten. »Wir wissen nicht, was unter unseren Füßen vor sich geht«, sagt Kiyo Mogi, der Vorsitzende des Erdbebenentscheidungskomitees, »die Erde ist eine große Kiste mit sieben Siegeln.«

Nur soviel ist unstrittig: Es wird das verheerendste Erdbeben seit Menschengedenken, es wird bald kommen, und es wird Tokio treffen. Es gibt auf der ganzen Erde keinen unpassenderen Standort für eine Millionenstadt als das Hinterland der Bucht von Tokio.

Denn das Kanto-Gebiet, das Tokio umgibt, liegt an der Stelle, wo sich drei tektonische Platten überlappen (siehe Kasten Seite 118). Nach der statistischen Wahrscheinlichkeit ist der nächste »Big Bang« seit drei Jahren überfällig.

Die japanische Regierung hat Kommissionen zur Vor- und Nachsorge gebildet, die gefährdeten Gebiete mit seismischen Sensoren pflastern lassen und einen »nationalen Überlebenstag« ausgerufen. Einmal im Jahr ziehen die Schulkinder mit Sang und Klang und kaffeewärmerähnlichen Schutzmützen hinaus ins Grüne, um Überleben zu üben.

Doch die Anleitungen für den Ernstfall erinnern an die Aktentasche über dem Kopf, mit der die Bonner Bundesregierung in den sechziger Jahren die Bundesbürger vorm Atomblitz schützen wollte. Regel 1: Kriechen Sie unter den Tisch. Regel 2: Gehen Sie in die Küche und stellen Sie das Gas ab.

Nach dem Katastrophenszenario, das die Forscher für Tokio entworfen haben, könnte das Beben rund 150 000 Menschenleben fordern und etwa dreieinhalb der achteinhalb Millionen Häuser zerstören.

Nach den Erfahrungen in Kobe ist zwar damit zu rechnen, daß die Mehrzahl der auf Rollen gelagerten Wolkenkratzer-Fundamente selbst heftige Erdstöße bis zur Stärke 7,9 auf der Richterskala überstehen. Aber: Auch Tokio ist sich japanisch treu geblieben, noch immer sind weit mehr als die Hälfte aller Behausungen zweigeschossige Holzbauten. Und fast überall wird mit Gas gekocht, hausen die Menschen in qualvoller Enge.

Dazu kommt: Ein Großteil der Stadt steht auf angeschüttetem Terrain, das sich verflüssigt, wenn ein Beben große Wassermengen vom Meer aufs Land spült - sehr gut möglich, daß massenhaft Häuser im Schlamm versinken oder umkippen.

Der amerikanische Feuerwehrchef Frank Blackbury, der nach dem Beben von 1989 die Löscharbeiten in San Francisco leitete, hat für eine Fernsehdokumentation eine Flurbegehung in Tokio unternommen. Sein Urteil ist vernichtend: no chance.

Eine Feuerwalze, die über die Vorstädte hinwegfegen würde, könnte man nicht aufhalten. Die engen Gassen, einst auf Fahrrad- und Rikschaverkehr angelegt, lassen kaum Löschwagen durch. Tokio hat über 100 000 Hydranten. Doch im Ernstfall würden sie nichts nützen, weil sie von elektrischen Pumpen betrieben werden, die nicht funktionieren, wenn die Stromversorgung ausfällt.

Trotz der modernen Glitzerfassaden, in denen Tokio erstrahlt, würde es auch diesmal nicht viel anders sein als 1923 beim großen Kanto-Beben, in dem zwei Drittel der Hauptstadt in Flammen aufgingen und mehr als 140 000 Menschen umkamen. Nur daß die rings um die Bucht von Tokio lebende Bevölkerung sich seitdem auf 30 Millionen verzehnfacht hat und daß es damals den Gürtel von Brennstoff- und Chemiedepots nicht gab, der sich über hundert Kilometer an der Ostküste der Bucht hinzieht.

Das nächste große Beben von Tokio wird viele Schockwellen auslösen - vor allem an den großen Finanzplätzen der Erde. Manche Experten sagen gar eine Weltwirtschaftskrise wie die von 1929 voraus: erst ein großer Börsencrash, dann zehn Jahre Depression.

So würden sich die japanischen Finanzinstitute und Industriekonzerne von ihren Auslandsinvestitionen trennen, um den Wiederaufbau daheim zu finanzieren. Auch würde kein Geld mehr nach den USA fließen, deren Schuldenwirtschaft zum großen Teil von japanischen Krediten getragen wird.

Die Folge, prophezeit Kenneth Courtis, Chefökonom der Deutschen Bank in Tokio, wäre eine weltweite Rezession mit einem Zinsschub von fünf Prozentpunkten.

Gemessen daran, ist es diesmal noch glimpflich abgegangen. »Es ist unvorstellbar«, schaudert der Geologieprofessor Toishiyuki Katada, »was wir jetzt beobachtet haben, war nicht mehr als die Miniaturausgabe dessen, was in einem gigantischen Beben in der Hauptstadt eintreten könnte.« Y

[Grafiktext]

Japan-Karte

Kobe - Schauplatz d. Bebens

Schwere Erdbeben in Japan im 20. Jahrhundert

[GrafiktextEnde]

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