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KLEINKUNST Kitsch as Kitsch can

aus DER SPIEGEL 17/1949

Düsseldorfer Honoratioren und Feuilletonisten staunten, als ihnen die Post einen Kalenderzettel brachte. Auf dem Kalenderblatt stand folgender Merkspruch:

»Mancher, der glaubt, das Leben gemeistert zu haben, muß nach seinem Tod feststellen, daß er es bestenfalls gelehrjungt hat. So ist das Leben: einmal langsam, einmal schnelle, immer aber so oder so. Am Ende steht der Tod, dessen schönster das Sterben ist. (Esoposo)«

Darunter stand der Küchenzettel: Sauerkohl mit kandierten Früchten und Strienz-Knödel, in Schmalz gebacken - Bonner Fastenspeise - Korruptes Huhn - Verfassungsbaisers auf Eis gelegt mit überzuckerten Besatzungsstatütchen.

Quer über den Zettel war mit Rotstift geschrieben: Einladung zur Premiere des Kommödchen um 19 Uhr. Das eine »m« war durchgestrichen.

Kay Lorentz, der Hausherr des Düsseldorfer Kabaretts, erhielt einige Anrufe, wer Esoposo sei. Er gab die Auskunft, es handle sich um einen hamitischen Kaiser der Frühzeit. In Wirklichkeit ist Esoposo ein Kind von Lore Lorentz, Ehefrau Kayens und Star des Kommödchen.

Lore Lorentz' Hobby ist es, Kreuzworträtsel zu verfassen. Dabei entstehen merkwürdige Wortgebilde. Eines davon war Esoposo, dem die Autoren des Kommödchen Aussprüche von chinesischer Tiefe in den Mund legen.

Dem Ruf des Kalenderzettels wurde allenthalben Folge geleistet. So allenthalben, daß Ministerpräsident Arnold keinen Platz mehr fand. Für ihn mußte ein Hockerchen eingeschoben werden.

Es war enorm voll in dem kleinen Kommödchen-Saal. Nicht einmal der 240 Pfund schwere Düsseldorfer Künstlerwirt Fatty durfte wie üblich zwei Stühle beanspruchen. Die Filmregisseure Stemmle und Staudte fanden keinen Platz mehr und mußten sich das durch den permanenten Beifall des animierten Publikums ausgewalzte Programm im Uebertragungswagen des Nordwestdeutschen Rundfunks anhören.

Das Kommödchen ist zwei Jahre alt und das letzte der namhaften deutschen Kabaretts. Die Schaubude hat Konkurs gemacht, der Berliner Ulenspiegel ist nicht mehr, und die Hinterbliebenen sind scheintot. Dem Kommödchen prophezeien die Düsseldorfer ein langes Leben.

Kay Lorentz, einen dekorativen roten Bart tragend, und Lore Lorentz, Düsseldorfs Liebling, sind literarische Selbstversorger mit Originalität, die sich bis in ihre Ehe auswirkt. Sie ist unbohemisch, trotz Lores böhmischem Akzent. Die acht Kommödiantchen fühlen sich wie eine Familie und verzichten auf Starallüren, Szenen und Nervenzusammenbrüche. Es geht im Kommödchen-Ensemble heiter und solid zu.

Emil Schuchardt, der kleine, sächselnde Kompo- und Pianist hat eine Vorliebe für wohl einstudierte Chöre. Er war erst Kirchenmusiker, dann bei der Operette, haßt alle Barmusik und mutet seinem Publikum Klänge von Strawinskyscher Herbheit zu.

Werner Vielhaber, eine Zeitlang Operettenbariton, ist ein Feind der Klamotte und führt, von allen Ensemblemitgliedern beraten, eine demokratische Regie.

In diesem Sommer will das Kommödchen das »geballte Fäustchen« drehen, eine Mischung von Film und Kabarett, bei dem sich der Darsteller auf der Leinwand mit dem Darsteller auf der Bühne unterhält. Statt eines Gretchens treten zwei Marthe Schwerdtlein auf, und die Lustige Person wird von der Bühne auf die Leinwand verbannt.

Kommödchenpremieren sind selten, denn Kay Lorentz kann sein Programm vor ausverkauftem Saal mühelos fünf Monate lang spielen. Die Bühne ist nur acht Quadratmeter groß, der Zuschauerraum faßt gutwillig 150 Personen, die auch rauchen und Schnäpschen trinken dürfen. Meist sind es 30 mehr. Wenn das Kommödchen in den Ruhrstädten gastiert, vermag es auch einen Saal mit 800 und mehr Menschen zu füllen.

Das neue Programm hieß »Nicht Treffendes bitte streichen«. An den Wänden hing eine Ausstellung »Kitsch as Kitsch can«. Sie war sorgfältig katalogisiert. Neben der Besatzungsstatute aus der Steinzeit stand Dujardenne, die Göttin des Alkohols, und das Modell für ein Bett des Reichspropagandaministers a. D. in später Galoppgotik.

Unter einem Monstrebild von vier saufenden Studenten stand: »Rembrandt: Die Nachtwache. Original. Das in Amsterdam gezeigte Bild ist eine Fälschung«. Als Leihgabe des Kyffhäuserbundes waren dem Kaiser Barbarossa zugeschriebene, in Holz gebrannte Wandsprüche ausgestellt.

Unter einem anderen Ausstellungsstück war zu lesen: »Zimmernische (Zedernholz, verglast). Zum Aufstellen des künftigen Bundespräsidenten. Die Statuen der jeweiligen Oberhäupter können bei Eintritt von Regierungswechseljahren im Abonnement und in Gips bezogen werden.«

Man sah auch den »Krug, der zu lange zum Brunnen ging. Columbus benutzte den Krug zum Einlegen von Soleiern auf der Fahrt nach Amerika. Das Solei wurde nach neuesten Forschungen nicht von Columbus, sondern von dem Russen Schmoluukoff erfunden«.

Das Kommödchen mit seinem Hang fürs Literarische, für alles Verspielte und Hintergründige erinnert an den alten Münchner Simpl. Es verkörperte sich in einem Sketch selbst in der Figur eines modernen Eulenspiegel mit roter Baskenmütze, der mit dem Machthaber diskutiert und ihm erklärt, Narrheit sei eine intellektuelle Form des Mutes.

Der Volksnarr müsse die Regierenden angreifen, statt sie zu glorifizieren. Es gelüste ihn, auf hohe Tiere, die Schonzeit hätten, zu schießen, weil es so schön gefährlich sei. Justizminister Sträter im Publikum nickte zustimmend.

Stefan Stips fehlt als Autor in keinem Kommödchenprogramm. Die Kommödchenstammgäste rätselten, wer sich unter dem Pseudonym verberge. Diesmal brachte Stips einen Sketch in Fortsetzungen.

Lore Lorentz als Wüstenkönigin reinigt mit Vim ihre Waffen. (Obwohl die Spitzen der Henkelwerke in der vierten Reihe saßen, nahm sie Vim und nicht Ata.) Die Königin versetzt ihren Nachbarn in den Kriegszustand, weil sein König einen roten Bart trägt. Dies dürfe sich höchstens ihr Mann erlauben.

Sie befiehlt ihrer Luftflotte, die Devisen über der UNO zum Aufbewahren und sämtliche Bomben über der feindlichen Hauptstadt abzuwerfen. Die beiden Flugzeuge verwechseln die Marschbefehle. Die feindliche Hauptstadt quittiert dankend und revanchiert sich durch Abwerfen des eigenen Staatsschatzes.

Von der UNO kommt keine Nachricht. So lange nicht, daß die Pointe vertagt werden muß.

Aus Anlaß des Goethejahres parodiert man inzwischen ein Widerstandsdrama von Schiller. Will Tell, Frantiszek Wallenstein, Ingrid von Orleans und Karlchen Moor, seine Schuldigkeit getan habend, verschworen sich in fünffüßigen Jamben auf dem Rütli zum Widerstand.

16 Minuten lang rollte dann der Prozeß gegen Veit Bestseller ab, der beschuldigt war, den Zismus und Mismus in Wort und Film unterstützt zu haben. Zwei Fassungen seines Films »Der Schneuz des Führers« (1942) und »Die Matratze des Präsidenten« (1948) wurden vorgeführt. Veit Bestseller plant im Fall der Verurteilung ein Drehbuch »Die Matratze des Generalissimus« für die Esedefa.

In den Pausen wurde der Wüstensketch weitergespielt. Es kam eine Nachricht von der UNO. Bis Lore Lorentz die Pointe brachte: »Nu, kann es uns nicht schnuppe sein, was aus der UNO geworden ist?«

Als letzte Nummer brachte das Programm »Entfesseltes Theater«. Das deutsche Theater liegt im Sterben. Der Star, das Mariandl, Charleys Tante, machen vergebliche Rettungsversuche. Bis der Arzt im weißen Kittel sein Chanson von den zehn sterbenden Intendanten singt und am Schluß als Retter des Theaters in der Uniform des Zuckmayerschen Teufelsgenerals (hier »Des Teufels Generalreißer« genannt) Harras dasteht. Da waren es wieder zehn.

Bühnenmeister Gehne pflegt bei Premieren nicht die Vorhänge zu zählen, sondern den Beifall mit der Uhr zu messen. Diesmal waren es sieben Minuten.

Als das Publikum nach dem Autor Stefan Stips rief, zogen die Akteure Fatty aus der ersten Reihe. In brauner Manchesterjacke und seidenem Halstuch stand er eingeengt auf der kleinen Bühne und stieß die Fieberkurve des deutschen Theaters um, die dem Komponisten Schuchardt auf die Nase fiel.

Einmütig klatschten der seriöse Vertreter der KPD-Presse und der englische Kontrolloffizier. Dieser erklärte, er hätte zwei Stunden lang das Gefühl gehabt, nicht in Deutschland zu sein.

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